Charlie und der Terrorist

Hab ich schon erwähnt, dass ich Fußball liebe? Nein? Also, ich liebe Fußball. Das liegt wahrscheinlich an meiner Mutter; seitdem ich ganz klein war, hat sie mich zu Spielen ins Stadion mitgenommen. Das sind immer Höhepunkte, diese Tage. Den ganzen Monat freue ich mich darauf, auf die Fahrt in der U-Bahn inmitten all der anderen Fans, auf die Menschenströme in die großen Tore hinein, in denen man nicht nachdenken muss, sondern nur mitfließen, auf die Bratwurst, die nirgends, scheint mir, so gut schmeckt wie dort, auf Sonnenstrahlen, Nebelschwaden oder Regenschleier, die man zwischen den steilen Tribünen so gut beobachten kann wie nirgendwo sonst. Auf den Lärm, den die Fanmassen machen können, wenn es drauf ankommt. Auf die Stille, die sie auch manchmal machen, und die stiller ist als alle anderen Stillen, ganz ruhig und tief.

Am Dienstag wollten wir mal wieder zum Stadion gehen; die ganze letzte Woche lang habe ich mich schon darauf gefreut, tapfer den Tag überstanden, den irgendjemand vor den Abend des Spiels geschraubt hatte, um mein Warten noch unerträglicher zu machen, tapfer den ganzen Nachmittag über den Uhrzeiger beobachtet.

Dann ging es los. Wir fuhren mit der Straßenbahn, wir gingen den altbekannten Weg, den wir immer gehen: durch den Park, über die Brücke, an dem großen Zaun vorbei, hinter dem man manchmal Menschen im Gras liegen sieht.

Doch als ich dann endlich mit Mama vor dem großen Stadiontor stand, erwarteten uns nicht Massen von aufgeregten Fans wie sonst, sondern Massen von Polizisten. Sie sahen aus wie dicke Walrösser vor lauter Sicherheitspanzern, die sie um den Bauch trugen und ungefähr so bewegten sie sich auch auf uns zu, als wir verwirrt stehen blieben und sie anschauten.

Das Spiel fällt aus, sagten sie. Was, sagte Mama, wieso das denn? Terroristen, sagten sie. Bleiben Sie bitte ruhig. Mama schluckte neben mir und fasste meine Hand. Was sind das, fragte ich, Terroristen. Gefährliche Männer, antwortete sie, komm, wir gehen nach Hause.

Pah, sagte ich. Gefährliche Männer? Ich habe keine Angst. Und da hatte ich mich schon losgerissen, war unter den Walross-Polizisten durchgeschlüpft und hatte mich durch den Zaun gezwängt, hinein ins Stadion. Wirklich, wer mir ein Fußballspiel wegnehmen will, auf das ich mich gefreut habe, seitdem endlich die 11 auf dem Kalender steht, dem erzähle ich aber was. Und vor Männern habe ich generell keine Angst. Ich muss oft lachen, wenn ich sie sehe.

Stille empfing mich in den Gängen hinter dem großen Stadiontor. Stille und Leere. Ich habe diesen Ort nie so menschenleer gesehen, denn sonst war es ja immer laut und voll gewesen, und ich hatte Mama an der Hand halten müssen wie ein Baby. Damit ich nicht verloren gehe, hatte sie gesagt, und mir war es immer nutzlos und peinlich erschienen. Jetzt aber wünschte ich mir Mamas Hand herbei, um nicht verloren zu gehen. Ich streckte die Hand neben mich, aber da war erst nur hohle Luft und dann die Betonwand. Die Wand war grau und kalt und erwiderte meine Berührung nicht, ich hielt sie trotzdem fest. Die andere schob ich in die Hosentasche, da war noch ein Bonbon, eine Notration, wie Mama das immer nannte. Das hielt ich auch fest.

Dann ging ich los, nach und nach, mit langsamen, tastenden Schritten, die lange in meinen Ohren nachhallten. Am Ende des Ganges erreichte ich einen Quergang: Links öffnete sich ein Durchgang ins Innere des Stadions, rechts stand plötzlich ein Mann und kam mit schnellen Schritten auf mich zu.

Hey, sagte ich, wer bist du?

Ich bin ein Terrorist, sagte der Mann.

Aha, dachte ich, das sind also Terroristen. Terroristen tragen blaue Masken, weite Umhänge wie sie Soldaten haben und weiße Turnschuhe. Terroristen haben lange Haare, kauen Kaugummi und riechen nach Zigaretten. Und sie tragen ein Gewehr auf dem Rücken.

Was macht ein Terrorist, fragte ich.

Ich mache Angst, sagte der Terrorist.

Ach. Ich sah mich erstaunt um. Hinter mir lag nur der leere, graue Gang, der in das noch leerere Stadion mündete. Irgendwo hatte jemand einen Fernseher eingeschaltet; bunte Lichtstreifen flackerten über die Wände weiter hinten. Sonst war alles still.

Hier ist doch niemand, sagte ich. Wem machst du denn Angst?

Dir, sagte der Terrorist, euch allen.

Uns allen, was soll das heißen, sagte ich. Also ich bin nicht wir. Ich bin ich. Und ich habe keine Angst.

So, sagte der Terrorist und sah zu Boden.

Also wem machst du Angst, fragte ich nochmal. Und warum muss deshalb das Spiel abgesagt werden.

Hör mal, sagte der Terrorist und blickte mir direkt in die Augen, ich habe ein Gewehr auf dem Rücken.

Hör mal, gab ich zurück, ich habe ein Bonbon in der Tasche, als Notration.

Ich könnte dich erschießen, dann bist du tot, sagte der Terrorist.

Oh, sagte ich und wendete das Bonbon in meiner Hosentasche hin und her. Ich wartete.

Hast du noch immer keine Angst, fragte der Terrorist.

Ich sah ihn an, jetzt fiel mir auf, dass er einen Ohrring trug, klein, aus Gold. Ich überlegte. Angst. Ich habe Angst vor der Dunkelheit, wenn man nicht mehr sieht, was draußen passiert. Ich habe Angst vor Hexen. Ich habe Angst vor Meerschweinchen. Vor dem Tod? Ich war noch nie tot.

Nein, sagte ich. Ich habe keine Angst.

Du bist ein Kind, sagte er, du verstehst das nicht. Die Erwachsenen haben Angst vor mir.

Ach, dachte ich, sonst, wenn ich Angst habe und weine, abends im Bett, dann kommt Mama oder Papa und sagt, es sei alles nicht so schlimm, meine Angst komme daher, dass ich die Dinge noch nicht verstehe. Und jetzt ist es andersrum? Vielleicht sollte ich rausgehen und Mama trösten? Ihr sagen, das ist alles nicht so schlimm, ihre Angst kommt nur daher, dass sie die Dinge versteht.

Aber warum bist du dann nicht bei den Erwachsenen, fragte ich, wenn du denen Angst machen willst, sondern redest hier mit mir?

Die Erwachsenen haben Angst, sagte der Terrorist, weil ich nicht da bin. Weil sie mich nicht sehen. Weil sie nicht wissen, was ich hier mache.

Also das ist doch verrückt, sagte ich. Erst sagst du, sie haben Angst, weil sie das besser verstehen als ich, jetzt sagst du, sie haben Angst, weil sie es nicht wissen.

So ist das, sagte der Terrorist. Es trat eine Pause ein, ich versuchte nachzudenken.

Warum tötest du, fragte ich. Die Toten haben doch keine Angst.

Nein, sagte er langsam, die nicht. Es kommt auf die anderen an, auf das Publikum. Angst hat man vor dem, das man nicht kennt, und niemand kennt den Tod. Deshalb haben sie Angst.

Ich musste an diese Gruppe Untoter denken, damals an Halloween, wie ihr Anführer verschwunden war und wie sie ihn sofort vergessen hatten. Sie hatten keine Angst, sie hatten einfach vergessen. War er also nicht gestorben? Hatte ich ihm noch mehr zugefügt, als nur den Tod, das Vergessen? War das nicht noch schlimmer? Oder vielleicht sogar besser?

Ich glaube, sagte ich nach langem Schweigen, ich verstehe.

Du kannst zu uns kommen, und auch ein Terrorist werden, sagte er, und streckte seine Hand aus.

Ich sah auf die Hand vor mir, sie war hart und faltig, unter den Nägeln saß dicker brauner Dreck. Um den Arm trug er ein schwarzes Armband. Meine Hand lag noch immer um das Bonbon in der Hosentasche, das nach und nach wärmer wurde.

Ich glaube, sagte ich, und musste plötzlich husten, ich möchte lieber keine Angst verbreiten.

Dann nahm ich die Hand aus der Tasche, sie zitterte leicht, und legte das Bonbon in seine große Hand, die noch immer vor mir in der Luft schwebte. Er blickte erstaunt auf und runzelte die Stirn.

In dem Moment, als das Bonbon seine Haut berührte, als er es verwirrt anblickte, da drehte ich mich um und rannte den Gang hinunter, so schnell es irgend ging.

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