Charlies Freund

Ich erinnere mich noch, wie ich mal einen Freund hatte, kurz. Tristan hieß er. Es war schrecklich. Ich weiß es alles noch ganz genau.

Lange Zeit habe ich Tristan bewundert. Heimlich, natürlich. Ich wusste damals nicht, wie er hieß, aber ich sah ihn in jeder Pause auf dem Schulhof. Er stand dort neben einem Baum, oder er saß irgendwo auf dem Boden, oder er ging umher. Alleine, immer. Das war es, was ich bewunderte, niemand konnte so alleine sein wie er. Er brauchte nicht (wie ich) ein Buch vor der Nase als Schutzwall gegen die anderen, als Eintrittskarte zur Einsamkeit. Er trug die Einsamkeit nicht wie andere in einer schwarzen Tasche, die sie hinter dem Rücken verstecken, er trug sie wie einen kostbaren Schal, der ihn einhüllte, ihn mit süßlichem Duft umwaberte.

Wenn er auf seiner Bahn über den Schulhof mit den anderen  zusammenstieß (was so gut wie nie geschah), dann prallten die immer weit von ihm ab und verschwanden in ihren Grüppchen. Er aber sah sich nicht einmal um, rückte kurz seinen Schal zurecht, reparierte den Riss in seiner Aura und schritt weiter, unverändert. Meistens jedoch war seine Bahn ungestört. Ob er den anderen auswich oder sie ihm, war nie zu erkennen; es war vielmehr, als durchschritten sie unterschiedliche Dimensionen des Raumes, deren Wege sich gar nicht kreuzen können.

Wochen und Monate verbrachte ich damit, wie ein Astronom seine Bahn zu beobachten, meine Schlüsse zu ziehen und mir einzubilden, auf diese Weise selbst zum Gestirn zu werden, das auch auf ihn Einfluss ausübte, auch wenn ich in Wirklichkeit unsichtbar war. Je mehr ich vom Glanz seiner Erscheinung abbekam, der den anderen so ganz und gar verborgen zu sein schien, desto mehr wähnte ich mich schon selbst als leuchtende Gestalt, und so kam es, dass ich es eines Tages wagte, von meiner dunklen Warte aufzustehen und eine Kollision einzuleiten; ich stellte ihm meinen Körper in den Weg.

Es war fatal. Es war grausam. Alles war kaputt. Die Aura war zerstört, sein Einsamkeitsschal saß unverrückbar schief, sein Gesichtsausdruck war entsetzt. Ein betretener Rückzug in meine eigene Sphäre wäre der einzige gangbare Weg gewesen. Ich aber, damals, in maßloser Überschätzung meiner selbst, blieb stehen.

Hallo, sagte ich. Hallo, sagte er. Alles, alles war vorbei.

Wie heißt du, fragte ich. Tristan, sagte er, und du?

Lotte, sagte ich.

Er sah mich an. Ich sah zu Boden. Dann sagte ich: Ich habe dich lange beobachtet.

Oh, sagte er. Wirklich?

Ja.

Ich bin doch gar nicht interessant.

Darauf sagte ich nichts. Ich wollte das nicht, ich wollte nicht mit ihm reden, ich wollte, dass er mich in seine Einsamkeit hineinumarmte, dass es wieder so war wie vorher, als ich ihn nur mit den Augen bewunderte und er, der helle Stern, dort drüben leuchtete. Jetzt stand ich hier, und er auch, wir waren zu zweit, und die Aura war kaputt.

Wollen wir Freunde sein, sagte ich dann leise.

Einverstanden, sagte Tristan, und eigentlich hätte er lächeln sollen.

Seit diesem Erlebnis waren wir Freunde, aber es war nie wieder wie zuvor. Man kann eben nicht alleine sein, wenn man befreundet ist, man kann einander nicht bewundern, man kann einander nicht hassen, es ist alles unecht. Wir sagten, wir sind Freunde, aber natürlich waren wir es nicht. Vor ein paar Monaten war Tristan plötzlich fort.

Ich vermisse ihn nicht, da ist nur ein schales, leeres Gefühl geblieben. Aber ich werde ihn trotzdem nicht vergessen, niemals für den Rest meines Lebens. Denn von Tristan habe ich gelernt, wie man glücklich ist.

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