Charlie kommt heim

Mein Großvater ist gestorben. Mein Großvater ist gestorben.

Diesmal ist es wirklich. Mein Großvater ist gestorben. Das hat er ja schon mal gemacht, vor zwei Jahren war das, aber damals war es nicht echt. Er hat dann doch noch gelebt. Jetzt lebt er aber echt nicht mehr. Opa ist nicht mehr da.

Ich muss das vielleicht ein bisschen mehr erklären. Ganz früher war ja noch Oma da, bei Mama hängen viele Fotos von ihr über dem Schreibtisch, auf manchen bin ich auch drauf. Damals war Mama noch ein Mädchen und ich war noch nicht Charlie und zu Opa gab es noch Oma dazu. Ziemlich lange ist das her. Das war auch das, was Mama immer gesagt hat, seitdem ich denken kann, das ist lange her.

Aber dann, vorletztes Jahr, zu Weihnachten, fing alles damit an, dass so ein Brief kam mit einem schicken schwarzen Rand drumherum. Als Mama den aufgemacht hat, saß sie keuchend am Küchentisch, mit weit aufgerissenen Augen. Als ich das zweite Mal schaute, lag sie in Tränen über die Stuhllehne gebeugt. Beim dritten Mal hatte Papa sie in den Arm genommen und wischte ihr ab und zu über das Gesicht. Als er mich bemerkte, versuchte er zu lächeln.

Ich setzte mich vorsichtig an den Tisch. Warum weint Mama, fragte ich. Was steht in dem Brief? Dein Großvater ist gestorben, sagte Papa.

Dieser Satz wanderte durch meine Ohren in meinen Kopf hinein und dröhnt dort bis heute nach. Dein Großvater ist gestorben. Dabei waren die Worte für mich ja damals ohne Bedeutung. Ich hatte keinen Großvater, ich hatte den kleinen alten Mann mit den weißen Haaren auf Mamas Schreibtisch, den ich nicht kannte, und ich hatte Willi von Erna und Willi, also Papas Papa, aber das war eben Willi, nicht Großvater. Und was sterben heißen soll, wusste ich erst recht nicht, ich war ja noch ganz und gar damit beschäftigt, leben zu lernen.

Aber ohne eigentlich zu verstehen, merkte ich sofort, dass diese Worte Macht hatten. Die Macht, Mama ohne Vorwarnung in etwas zu verwandeln, das mit ihr nur noch die braunen Haare gemeinsam hatte. Die Macht, mir einen tiefen Schrecken einzujagen.

Gleich am nächsten Morgen, Mama war immer noch ganz durcheinander, sind wir dann ins Auto gestiegen und ganz, ganz lange über die Autobahn gefahren, so lange wie noch nie vorher. Als wir schließlich gehalten haben und vor einem großen Eingangstor ausgestiegen sind, waren da schon ganz viele andere. Die sind gleich zu Mama hingelaufen, als wir aus dem Auto stiegen und haben sie umarmt, und da hat Mama schon wieder weinen müssen und die ganzen anderen auch.

Papa haben sie dann verlegen die Hand geschüttelt, der stand dabei, und mich haben sie so mitleidig angeschaut, wie Erwachsene mich immer anschauen, wie ich es hasse. Sie waren aber sehr ernst und sehr traurig, deshalb taten sie mir auch leid und fast hätte ich mitgeweint, auch wenn ich diesen Großvater ja gar nicht kannte.

Zum Glück kam es dazu dann aber nicht mehr. Drinnen in dem Haus stellte sich nämlich heraus, dass das gar nicht stimmte mit dem Dein Großvater ist gestorben. Er war ganz lebendig, ich habe ihn sofort erkannt, er sah genau so aus wie der alte Mann auf Mamas Schreibtisch. Mama und die anderen haben sich ganz verwirrt angesehen, so als stimme irgendwas nicht, aber dann sind ihre Augen ganz groß und weit geworden, noch ein Stück weiter als am Tag zuvor, und sie sind losgerannt und haben den alten Mann umarmt. Fast haben sie ihn erdrückt.

Es hat sich herausgestellt, dass er den Brief mit dem schicken schwarzen Rand als Einladung gemeint hat, damit wir alle zu ihm kommen. Nun, das hat ja auch geklappt. Und dann waren alle fröhlich und der alte Mann hat uns alle begrüßt und mir hat er ganz fest die Hand geschüttelt und gesagt, du musst die Lotte sein, und da mochte ich ihn sofort, obwohl er das gesagt hat, was alle immer sagen, dass ich ja schon ein großes Mädchen sei und so. Na ja. Ich habe ihm das verziehen.

Beim Essen später hat er dann ganz viel lustige Geschichten erzählt, und alle haben gelacht und waren fröhlich und auf der Rückfahrt hat Papa zu Mama gesagt, Mensch, so aufregende Weihnachten hatten wir ja lange nicht mehr, und da hat sie geseufzt und gar nichts gesagt. Und als er gesagt hat, Mensch, ist doch auch schön, dass wir deine Brüder mal wiedergesehen haben, da hat sie auch nichts gesagt, höchstens vielleicht gelächelt. Erst als ich gefragt habe, ob wir Opa bald wieder besuchen, da hat sie gesagt, ja bestimmt, mein Schatz. Bald.

Das war vor zwei Jahren. Danach sind wir noch zwei Mal den langen Weg zu seinem Haus gefahren, einmal im Sommer und einmal zu Weihnachten, letztes Jahr. Das erste Mal war es super, ich durfte draußen im Garten auf die Bäume klettern und es gab ganz viel zu essen und Opa war wieder genau so lustig wie zuvor.

Beim zweiten Mal war es Weihnachten und die ganzen anderen waren auch wieder da. Die haben wieder Mama umarmt, aber nicht mehr so lange wie das Jahr davor. Und Papa haben sie schnell die Hand gegeben, mich haben die meisten gar nicht angeschaut. Dann sind wir reingegangen und haben uns zum Essen hingesetzt und Opa hat wieder lustige Geschichten erzählt, aber diesmal war es nicht mehr so fröhlich wie vorher. Wenn er schwieg, war es unheimlich ruhig, deshalb war ich froh, wenn er wieder anfing, ins Leere zu erzählen, auch wenn ich vieles schon wusste, von dem, was er sagte. Mama und Papa guckten sich immer mit diesem Blick an, den ich von zu Hause kenne, wenn es irgendwas Wichtiges gibt, das ich nicht hören darf.

Es war dann auch schnell vorbei, wir sind am nächsten Morgen nach Hause gefahren. Kommt bald wieder, hat Opa uns hinterhergerufen, aber ich glaube, das hat Mama nicht mehr gehört.

Letzte Woche ist wieder ein Brief mit einem schwarzen Rand gekommen. Ich dachte ja erst, das ist wieder so eine Einladung, und Mama hat auch gleich den Telefonhörer in die Hand genommen, um anzurufen. Es gab lange keine Antwort, irgendwann ließ sie die Hand mit dem tutenden Hörer darin sinken und hat in die Ferne gestarrt. Dann hat sie wieder geweint, und Papa hat sie wieder in den Arm genommen, aber sie war dann irgendwie schnell fertig mit Weinen. Komm mal zu mir, mein Schatz, hat sie zu mir gesagt.

Dein Großvater ist gestorben. Da habe ich diesen Satz zum zweiten Mal gehört, aber wieder war ich gar nicht so erschüttert wie ich eigentlich sein sollte. Eigentlich war für mich ja mein Großvater schon die ganze Zeit gestorben, er stand da starr und stumm auf Mamas Schreibtisch. Dann hat er so getan, als ob er gestorben sei, und dadurch ist er für mich lebendig geworden. Irgendwie kompliziert. Jedenfalls hat dieser Satz jetzt plötzlich nicht mehr das gleiche bedeutet wie vorher, das habe ich sofort gespürt. Er hatte nicht mehr so viel Macht über Mama, und über mich auch nicht. Ist das nicht schön, dachte ich, vielleicht sollte man alle Sätze öfter sagen, dann nehmen wir ihnen die Bedeutung weg. Wäre das nicht besser?

Na ja, wir sind dann wieder den langen Weg gefahren, und die ganzen anderen waren wieder da, mit ihren Anzügen und Koffern. Sie haben wieder Mama umarmt, das hatten wir ja alles schon mal gehabt, sie haben Papa die Hand geschüttelt. Es war alles leer, niemand sagte irgendetwas. Niemand weinte. Niemand lachte. Als die Beerdigung vorbei war, sind alle wieder zu ihren Autos gegangen und sind nach Hause gefahren. Wir auch.

Erst abends, als wir heimkamen, ist Mama plötzlich zusammengebrochen. Sie hat die Tür aufgeschlossen, hat den Koffer in das leere Wohnzimmer gestellt, und dann lag sie plötzlich auf dem großen Teppich und hat geheult, wie ich noch nie irgendjemanden habe heulen sehen. Sie schrie geradezu. Sie wand sich da hinten auf dem Teppich wie ein großes Insekt, sie brüllte, sie wimmerte, sie schluchzte. Das machte mir Angst, richtig Angst, ich blieb erschrocken vorne im dunklen Flur, Papa nahm mich in den Arm. Vati, schrie Mama, immer wieder, nur dieses eine Wort, Vati, Vati!

Ich riss mich aus Papas Arm, rannte in mein Zimmer hinauf und presste mir mein Kissen gegen den Tränenstrom ins Gesicht. Es half nichts, das Kissen war bald durchnässt.

Mein Großvater ist gestorben.

 

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