Charlie und der Weihnachtsmann (1)

Bald kommt wieder der Weihnachtsmann, darauf freue ich mich schon. Mit dem Weihnachtsmann habe ich immer viel Spaß, der kommt jedes Jahr um die Weihnachtszeit mal hier vorbei und wir verstehen uns super.

Der Weihnachtsmann war zum ersten Mal vor ein paar Jahren hier. Damals klopfte es an meiner Zimmertür, und als ich aufmachte, stand da ein kleines Mädchen mit einer grünen Schirmmütze. Ich hatte sie noch nie zuvor gesehen.

Wie kommst du hier rein, sagte ich, und da antwortete sie: Ich bin der Weihnachtsmann.

Ich musste erst einmal lachen. Der Weihnachtsmann?, sagte ich. Dass ich nicht lache. Du bist doch nicht der Weihnachtsmann.

Doch, sagte sie. Warum soll ich nicht der Weihnachtsmann sein?

Der Weihnachtsmann ist ein Mann, sagte ich, und er ist viel älter als du. Und er steht hier nicht einfach so in meinem Zimmer herum.

Doch, sagte sie. Ich stehe hier herum. Einfach so. Du glaubst doch nicht wirklich, dass der Weihnachtsmann so aussieht wie in der Werbung. Ich hätte doch keine ruhige Minute mehr, wenn ich so eine Mütze und einen Mantel tragen müsste. Oder einen langen Bart. Dann könnte ich doch vor lauter Interviews und Autogrammen meine Geschenke gar nicht verteilen.

Ich dachte nach. Sie hatte schon recht, mit all dem, was sie sagte, aber so richtig glauben konnte ich es noch immer nicht. Den Weihnachtsmann musste es doch schon seit immer gegeben haben, aber sie war höchstens zehn oder so.

Natürlich werde ich nicht älter, sagte sie da, als hätte sie meine Gedanken gelesen. Das ginge ja gar nicht. In hundert Jahren und in tausend Jahren muss ich den Leuten ja immer noch Geschenke bringen, da kann ich es mir nicht leisten, immer älter zu werden. Wer älter wird, stirbt auch irgendwann, und das geht einfach nicht, wenn du der Weihnachtsmann bist, verstehst du?

Ich nickte. Aber andererseits wollte ich es noch immer nicht so recht glauben und sagte also: Wenn du also der Weihnachtsmann bist, dann musst du ja wissen, was ich letztes Jahr geschenkt bekommen hab, oder?

Nein, sagte sie, der Weihnachtsmann hat kein Gedächtnis. Das liegt daran, dass ich nach Weihnachten, wenn die ganze Arbeit vorbei ist, ein halbes Jahr lang schlafe. Hast du schonmal ein halbes Jahr lang nur geschlafen? Danach weißt du gar nichts mehr.

Hm. Ich dachte nach. Sie hatte wirklich recht. Wenn du also der Weihnachtsmann bist, sagte ich dann schließlich, was machst du dann hier in meinem Zimmer?

Ich habe dich beobachtet, sagte das Mädchen. Willst du nicht mit mir kommen und mir helfen, Geschenke verteilen?

Das wiederum ließ ich mir natürlich nicht zweimal sagen, zog meine Jacke an, so schnell ich irgend konnte und war eine Minute später mit dem Weihnachtsmann draußen auf der Straße. Er zog seine ganzen Geschenke in einem großen Bollerwagen hinter sich her, ich ging nebendrein.

Die Hauserstraße war ganz leer und still, ganz anders als sonst, ein bisschen wie verzaubert. Natürlich sah ich sofort zu Herrn West hinauf, aber ausnahmsweise stand er an diesem Abend mal nicht an seinem Fenster, um zu filmen. Wenn er wüsste, was ihm damals entgangen ist. Er hätte den Weihnachtsmann filmen können.

Der Weihnachtsmann klingelte an einer Tür weiter unten in der Straße. Familie Geyer stand auf dem Klingelschild und es öffnete eine ältere Frau, wahrscheinlich Frau Geyer, dachte ich.

Frohe Weihnacht, sagte der Weihnachtsmann, ich bin der Weihnachtsmann. Frau Geyer spähte in die Dunkelheit hinaus.

Was, sagte sie, der Weihnachtsmann? Ha. Kinderchen, es ist Heiligabend, da läuft man nicht durch die Straßen und spielt Streiche, schnell ab nach Hause mit euch! Und warf die Haustür wieder zu. Wir zwei blieben draußen stehen.

Und jetzt?, fragte ich.

Jetzt gehen wir weiter.

Kriegen die jetzt gar keine Geschenke?

Doch, sagte der Weihnachtsmann, die haben sich schon selbst welche gekauft. Die Zeiten, in denen ich das alles selber schleppen musste, sind zum Glück vorbei.

Aber warum sind wir dann überhaupt hingegangen?

Mensch, sagte der Weihnachtsmann, es ist doch Weihnachten! Als Weihnachtsmann muss ich doch herumgehen und frohe Weihnachten wünschen!

Ach so, sagte ich. Hm. Passiert so etwas denn oft?

Immer, sagte der Weihnachtsmann.

Immer?, fragte ich überrascht. Wie, immer?

Immer. Jedes Mal. Ich bin das gewöhnt. Es ist eben Weihnachten, und die Leute wollen ihre Ruhe haben.

Ich glaube das nicht. Du bist doch der Weihnachtsmann!

Ich bin der Weihnachtsmann, und die Leute wollen ihre Ruhe haben, sagte der Weihnachtsmann traurig. So ist es nun einmal. Sie haben so viel zu tun mit ihren Geschenken und den Plätzchen und den besinnlichen Liedern, da können sie nicht auch noch den Weihnachtsmann einlassen. Ich kann es nicht ändern. Er griff nach der Stange an seinem Bollerwagen und rieb mit seinem Ärmel den Schnee von ihr ab. Dann stapfte er wieder los.

Hey, rief ich und lief hinter ihr her, warte auf mich, ich komme mit dir. Du kannst doch nicht die ganze Zeit alleine sein.

Und so stapften wir beide von Haus zu Haus und versuchten weiter unser Glück. Aber der Weihnachtsmann hatte Recht, es gab keine andere Antwort als die, die wir schon bei Frau Geyer gehört hatten. Niemand wollte den Weihnachtsmann einlassen, alle hatten sich schon ihre Geschenke gekauft oder von irgendwoher bestellt, niemand erkannte ihn.

Ich habe mir deine Arbeit nicht so mühsam vorgestellt, sagte ich zum Weihnachtsmann. Ich dachte immer, Weihnachtsmann sein ist toll, den Weihnachtsmann mag doch jeder.

Ja, sagte der Weihnachtsmann und schloss das Gartentor, durch das wir gerade hinausgeschickt worden waren, den Weihnachtsmann, den sie sich vorstellen, den mögen sie. So ist das nun einmal. Dann griff er nach der Klinke des benachbarten Gartentores. Aber ich freue mich, sagte er und sah mir direkt in die Augen, dass du dabei bist, als mein Helfer. Ich nickte und drückte auf die Klingel. Klar helfe ich dir, sagte ich, ich hab dich gern, auch wenn all das vergebens ist, was wir hier machen.

Dann öffnete sich die Tür und eine alte Dame trat heraus.

Frohe Weihnachten, sagte der Weihnachtsmann.

Die Dame lächelte. Sie trug ein Tablett mit drei dampfenden Tassen Tee in der Hand und nickte uns freundlich zu. Wie schön, sagte sie, der Weihnachtsmann und sein kleiner Helfer. Kommt herein, ich habe euch erwartet.

Der Weihnachtsmann blickte entgeistert auf das Tablett und dann auf die Frau, die sich schon wieder umdrehte und in die Stube zurücktrat. Offenbar verstand er ebensowenig wie ich, was hier vor sich ging.

Aber der Duft des Tees hatte meinen Willen schon betäubt. An eine Flucht war nicht zu denken. Ich setzte meinen Fuß über die Schwelle.

Fortsetzung folgt.

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Ein Gedanke zu “Charlie und der Weihnachtsmann (1)

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