Charlie träumt

Heute träumte mir, ich sei ein Gefühl. Ich fand mich in einem Haus am Strand wieder, und als ich mich in meinem Traum orientiert hatte, sah ich, dass das Land zur Linken das Land des Lächelns war, das Meer zur Rechten aber das Meer der Tränen.  Da wusste ich, ich war die Rührung.

Schnell, noch vor Aufgang der Sonne, stieg ich zum Meer hinunter, um einen kleinen Eimer zu füllen, als Vorrat für den Tag. Dann machte ich mich auf den Weg.

Zuerst begegnete ich einer Mutter mit ihrem kleinen Kind. Ihr schenkte ich ein wenig aus meinem Eimerchen, und da lachte sie laut und dankte mir heftig. Bleib doch bei mir, bat sie, du tust mir gut. Aber ich schüttelte nur den Kopf. Ich kann nicht bleiben, sagte ich, hier ist es zu fröhlich für mich.

Danach kam ich zu einem Trauernden, der leerte fast meinen Eimer und hörte kaum auf das, was ich sagte. Als er sich ein wenig gefasst hatte, dankte er mir unter heftigem Schluchzen. Bleib doch bei mir, bat auch er, du tust mir gut. Und wieder schüttelte ich den Kopf. Ich kann nicht bleiben, sagte ich, hier ist es zu traurig für mich.

Bald traf ich ein Pärchen auf dem Weg, die hielten einander umschlungen und beachteten mich erst nicht. Ich träufelte ein wenig aus meinem Eimer über ihre Gesichter und wollte mich schon wieder leise zurückziehen, da bemerkten sie mich und sagten: Ach, bleib doch bei uns, du tust uns gut. Ich aber schüttelte den Kopf. Ich kann nicht bleiben, sagte ich, hier ist es zu zweit.

Am Abend kehrte ich wieder in meinem Haus ein, schenkte dem Meer die übrigen Tränen aus meinem Eimer zurück, setzte mich nieder und ließ das Glutlicht der Abendsonne in mich einsinken. Von oben, aus dem sich stetig verfärbenden Himmel, stieg eine leise Melodie herab und ertränkte mich in Schlaf.

Als ich erwachte, war die himmlische Melodie noch immer da, viel wirklicher als der Eindruck meines Zimmers, der sich erst nach und nach meinem Bewusstsein zusammensetzte. Irgendwann wurde sie noch leiser und schließlich, lange bevor es meinem Geist möglich war, festzustellen, ob sie von außen hereinkam oder in mir aus dem Traum herüberreichte, verklang sie.

Ich war erwacht. Seither aber wirkt die Melodie in mir weiter; und so zweifle ich, ob ich in meinem Traum wirklich die Rührung gewesen bin, wie ich damals gedacht hatte. Inzwischen glaube ich vielmehr, ich war die Musik.

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Charlie in der Bäckerei

Von allen Geschäften sind mir Bäckereien die liebsten. Knackiges, duftendes Brot, warme Brötchen, leckere Kuchen, all das macht mir jeden Gang zum Bäcker zu einem inneren Fest.

Heute war ich in der Stadt, und zum ersten Mal in einem dieser Back-Shops. Bei uns gibt es dieses neumodische SB-Prinzip ja nicht, wir haben mehr Zeit und müssen nicht irgendwo rein- und rausschlüpfen, so schnell wir können. Ich verkehre auch lieber mit einer echten Bedienung, einem wahren Experten über einen echten Tresen hinweg. Heute aber war ich nun einmal in der Stadt und hatte auch noch einiges zu besorgen, und so schlüpfte ich schnellentschlossen durch den engen Spalt, den mir die schwere Glastür ließ, in den warmen Schoß der Backstube.

Drinnen empfing mich das typische, unentflechtbare Wirrwarr dieser modernen Dienstleistungszentren: enge Knäuel aus Kundinnen und Kunden schoben sich an mir vorbei, ohne einander oder mich dabei auch nur gelegentlicher Blicke zu würdigen. Nachdem ich einen peinlichen Moment lang einsam und allein herumgestanden war, machte ich schließlich hinten eine Schlange aus, die sich in so etwas wie einen Eingang hineinschob. Schnell hastete ich dort hinüber und stellte mich an ihrem Ende auf.

Von hier, als letztes Glied der Schlange, langsam nach und nach aufrückend, konnte ich das Treiben genauer beobachten: Überall schoben sich Menschen hin und her. Es war laut, alle ächzten und stöhnten unter irgendeiner nicht erkennbaren Last oder röhrten schamlos in ihre Handys hinein. Vor mir warteten sie ungeduldig darauf, endlich weiterzukommen und drangenommen zu werden, und drüben, auf der anderen Seite, suchten jene, deren Taschen sich schon gefüllt und deren Säckel sich entleert hatten, hastig ihre Sachen zusammen und verließen den Laden.

Dass plötzlich ich selber an die Reihe kam, riss mich aus derlei Beobachtungen und überforderte meine Tatkraft. Mir wurde heiß vor Aufregung. Es war ja, wie gesagt, mein erstes Mal in diesem Geschäft und aus diesem Grunde war ich noch gar nicht bereit, als ich mich plötzlich vor der enormen Auswahl wiederfand. Zu Hause ist das anders, da gibt es adrette Bäckereiangestellte, die mir freundlich Zeit lassen, mich bei ihnen zu orientieren, und dann meine wohlüberlegten Wünsche befriedigen; jetzt aber sah ich mich einer Menge Löcher gegenüber, aus denen, wenn man sie anfasste, ein weißliches Etwas quoll, das nur beim allerbesten Willen als Nahrungsmittel zu bezeichnen war. Ich schauderte.

Am liebsten hätte ich mich wieder unverrichteter Dinge zurückgezogen, doch der lange Menschenschwanz, der sich inzwischen hinter mir aufgebaut hatte, hätte mir wohl kein Entkommen gelassen. Ich ergab mich also meinem Schicksal und warf einen Blick auf das, was sich vor meiner Nase feilbot. Mein Herz hämmerte. Was auch immer ich hatte besorgen wollen, ich wusste es vor lauter Aufregung längst nicht mehr. Ich überlegte eine Zeit lang, drehte erst gedankenverloren an einem großen Brezelständer herum, entschied mich dann aber doch für eine süße Schnecke aus einem Fach weiter unten, auf der appetiterregend ein paar Rosinen prangte.

Das hätte ja schon gereicht, um die peinliche Blöße abzuwenden, die es bedeutet hätte, mit leeren Händen vor die Kassiererin zu treten, aber kurz bevor ich drankommen sollte, bekam ich noch Lust auf eine der goldbraunen Laugenstangen, die ich schon vor Längerem auf dem obersten Regalbrett erspäht hatte. Kurzentschlossen – die Blicke der in der Schlange Wartenden durchbohrten mich schon von hinten – holte ich mir eine runter und drapierte sie auf meinem Tablett.

Dann war ich auch schon ganz vorne angekommen. Mit der Kassiererin klappte alles reibungslos. Sie fummelte nur kurz gelangweilt an ihrem Apparat herum, dann klimperte schon das Geld in ihrer Hand und ich hatte bekommen, worauf man mich so lange hatte warten lassen. Von meinem Herz, das sich längst in meiner Hose befand, löste sich ein Stein und plumpste hinab.

Schnell stopfte ich die Laugenstange erst zum Schutz in eine Plastiktüte, dann in meine Handtasche, nahm die Rosinenschnecke zur Hand – sie hatte ich mir für den Heimweg vorgenommen – und verließ den Laden.

Meine Eile war verflogen, mein Herz schlug ganz ruhig in meiner Brust. Es war ein warmer, weiter Tag unter weißgesprenkeltem Himmel, die Rotkehlchen sangen wie aus einem Käfig befreit, in der Frühlingsluft lag Gelächter, und so vermochte meine Euphorie noch nicht einmal der wirklich fade Geschmack der Schnecke aus der Bäckerei zu trüben. Als ich sie zur Hälfte vernascht hatte, teilte ich sie säuberlich in Stücke, ging beschwingt meines Wegs und ließ die Reste im Park Vögeln.

Charlie und der Weihnachtsmann (2)

 – Fortsetzung des ersten Teils.

Der Schnee war geschmolzen, als wir durch den Vorgarten ins Dunkel hinaustaumelten. Nichts drang aus den Häusern auf die Straße, kein Mensch, kein Licht, kein Laut. Als hätte der liebe Gott das Ausatmen vergessen. Mir fehlte die Luft, schwindelnd umklammerte ich den Arm des Weihnachtsmanns, die meinen schon ergriffen hatte, und versuchte nachzudenken.

War die Zeit stehen geblieben? Ich konnte es nicht überprüfen, denn die Dunkelheit erstickte alle Reize. „Weihnachtsmann“, krächzte ich in die Nacht, aber der Ruf erreichte kaum meine eigenen Ohren. Keine Reaktion. Kein Laut in der luftleeren Stadt.

Vielleicht stimmte meine Vermutung, vielleicht stand die Zeit. Es fühlte sich so an. Wenn die Zeit steht, kann man dann noch denken? Ich spürte keine Luft auf meiner Haut und keinen Hauch in meinem Ohr, auch mein Atmen spürte ich nicht. War ich tot?

Ich tastete nach meiner Nase. Sie war kalt und hart, wie nach langer Wanderung, aber sie war da, ich fühlte sie, ich war lebendig. Meine Rechte wanderte blind den Arm des Weihnachtsmanns hinauf, der Wärme nach, bis zu ihrem Hals. Still pochend floss Blut in einer Ader auf und ab. Auch sie lebte noch. Wenn es nichts mehr gab, es gab noch ein Wir.

Mit dem warmen Puls unter meiner Fingerkuppe gewann ich Herrschaft über die Zeit zurück und versuchte, mich an das Geschehene zu erinnern. Wie lange wir in dem Haus der alten Hexe verbracht, oder was wir dort erlebt hatten, wusste ich nicht mehr. Dort hatte sich das Jetzt breitgemacht und das Davor und das Danach vertilgt. Vielleicht waren wir nur für ein paar Stunden in dem Haus gewesen, vielleicht eine Woche, die Monate dauerte. Vielleicht Jahre. Die Erinnerung daran lag irgendwo in mir, wohin das Denken nicht vordrang. Süßliche Düfte umnebelten meine Gedanken an das Innere des Hauses und eine Leichtigkeit, als flöge ich. Vielleicht hatten wir getanzt.

Die Hexe dort drinnen hatte uns in Glück getränkt, sie hatte uns aus dem Denken genommen, wir durften sein ohne uns zu erinnern. Aber dann war eine Katastrophe passiert, von der mir nun das sanfte Ein und Aus in der Blutbahn des Weihnachtsmanns der einzige Zeuge war. Ein, aus, ein, aus. Wir waren aus dem Paradies verstoßen worden. Ein, aus, Zeit verstrich wieder, ein, aus, davor, jetzt, danach, ein, aus, und jetzt standen wir hier, eingesetzt, ausgesetzt, bloß, ohne Mittel, wir wankten gemeinsam in das hohle Draußen, ein, aus, Schritt für Schritt.

Der Weihnachtsmann fand als erste sicheren Stand wieder, nahm ihre Hand von meiner Hüfte und schob sie langsam an ihrem Hals hinauf, zwischen meine Finger.

Wir sind frei, hauchte sie mir zu, was für ein Wunder.

Eine Pause trat ein, ich atmete. Dann erneut ihr Flüstern. Glaubst du an Wunder?

Woran denn sonst, Weihnachtsmann, antwortete ich und drückte leicht ihre Hand.

Sehen konnte ich ihr Lächeln natürlich nicht, aber es brauchte nur einen winzigen, in funkelnder Dunkelheit prangenden Moment, da drückte sie seine Wärme behutsam meinen zitternden Lippen auf.