Charlie und der Weihnachtsmann (2)

 – Fortsetzung des ersten Teils.

Der Schnee war geschmolzen, als wir durch den Vorgarten ins Dunkel hinaustaumelten. Nichts drang aus den Häusern auf die Straße, kein Mensch, kein Licht, kein Laut. Als hätte der liebe Gott das Ausatmen vergessen. Mir fehlte die Luft, schwindelnd umklammerte ich den Arm des Weihnachtsmanns, die meinen schon ergriffen hatte, und versuchte nachzudenken.

War die Zeit stehen geblieben? Ich konnte es nicht überprüfen, denn die Dunkelheit erstickte alle Reize. „Weihnachtsmann“, krächzte ich in die Nacht, aber der Ruf erreichte kaum meine eigenen Ohren. Keine Reaktion. Kein Laut in der luftleeren Stadt.

Vielleicht stimmte meine Vermutung, vielleicht stand die Zeit. Es fühlte sich so an. Wenn die Zeit steht, kann man dann noch denken? Ich spürte keine Luft auf meiner Haut und keinen Hauch in meinem Ohr, auch mein Atmen spürte ich nicht. War ich tot?

Ich tastete nach meiner Nase. Sie war kalt und hart, wie nach langer Wanderung, aber sie war da, ich fühlte sie, ich war lebendig. Meine Rechte wanderte blind den Arm des Weihnachtsmanns hinauf, der Wärme nach, bis zu ihrem Hals. Still pochend floss Blut in einer Ader auf und ab. Auch sie lebte noch. Wenn es nichts mehr gab, es gab noch ein Wir.

Mit dem warmen Puls unter meiner Fingerkuppe gewann ich Herrschaft über die Zeit zurück und versuchte, mich an das Geschehene zu erinnern. Wie lange wir in dem Haus der alten Hexe verbracht, oder was wir dort erlebt hatten, wusste ich nicht mehr. Dort hatte sich das Jetzt breitgemacht und das Davor und das Danach vertilgt. Vielleicht waren wir nur für ein paar Stunden in dem Haus gewesen, vielleicht eine Woche, die Monate dauerte. Vielleicht Jahre. Die Erinnerung daran lag irgendwo in mir, wohin das Denken nicht vordrang. Süßliche Düfte umnebelten meine Gedanken an das Innere des Hauses und eine Leichtigkeit, als flöge ich. Vielleicht hatten wir getanzt.

Die Hexe dort drinnen hatte uns in Glück getränkt, sie hatte uns aus dem Denken genommen, wir durften sein ohne uns zu erinnern. Aber dann war eine Katastrophe passiert, von der mir nun das sanfte Ein und Aus in der Blutbahn des Weihnachtsmanns der einzige Zeuge war. Ein, aus, ein, aus. Wir waren aus dem Paradies verstoßen worden. Ein, aus, Zeit verstrich wieder, ein, aus, davor, jetzt, danach, ein, aus, und jetzt standen wir hier, eingesetzt, ausgesetzt, bloß, ohne Mittel, wir wankten gemeinsam in das hohle Draußen, ein, aus, Schritt für Schritt.

Der Weihnachtsmann fand als erste sicheren Stand wieder, nahm ihre Hand von meiner Hüfte und schob sie langsam an ihrem Hals hinauf, zwischen meine Finger.

Wir sind frei, hauchte sie mir zu, was für ein Wunder.

Eine Pause trat ein, ich atmete. Dann erneut ihr Flüstern. Glaubst du an Wunder?

Woran denn sonst, Weihnachtsmann, antwortete ich und drückte leicht ihre Hand.

Sehen konnte ich ihr Lächeln natürlich nicht, aber es brauchte nur einen winzigen, in funkelnder Dunkelheit prangenden Moment, da drückte sie seine Wärme behutsam meinen zitternden Lippen auf.

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