Charlie in der Bäckerei

Von allen Geschäften sind mir Bäckereien die liebsten. Knackiges, duftendes Brot, warme Brötchen, leckere Kuchen, all das macht mir jeden Gang zum Bäcker zu einem inneren Fest.

Heute war ich in der Stadt, und zum ersten Mal in einem dieser Back-Shops. Bei uns gibt es dieses neumodische SB-Prinzip ja nicht, wir haben mehr Zeit und müssen nicht irgendwo rein- und rausschlüpfen, so schnell wir können. Ich verkehre auch lieber mit einer echten Bedienung, einem wahren Experten über einen echten Tresen hinweg. Heute aber war ich nun einmal in der Stadt und hatte auch noch einiges zu besorgen, und so schlüpfte ich schnellentschlossen durch den engen Spalt, den mir die schwere Glastür ließ, in den warmen Schoß der Backstube.

Drinnen empfing mich das typische, unentflechtbare Wirrwarr dieser modernen Dienstleistungszentren: enge Knäuel aus Kundinnen und Kunden schoben sich an mir vorbei, ohne einander oder mich dabei auch nur gelegentlicher Blicke zu würdigen. Nachdem ich einen peinlichen Moment lang einsam und allein herumgestanden war, machte ich schließlich hinten eine Schlange aus, die sich in so etwas wie einen Eingang hineinschob. Schnell hastete ich dort hinüber und stellte mich an ihrem Ende auf.

Von hier, als letztes Glied der Schlange, langsam nach und nach aufrückend, konnte ich das Treiben genauer beobachten: Überall schoben sich Menschen hin und her. Es war laut, alle ächzten und stöhnten unter irgendeiner nicht erkennbaren Last oder röhrten schamlos in ihre Handys hinein. Vor mir warteten sie ungeduldig darauf, endlich weiterzukommen und drangenommen zu werden, und drüben, auf der anderen Seite, suchten jene, deren Taschen sich schon gefüllt und deren Säckel sich entleert hatten, hastig ihre Sachen zusammen und verließen den Laden.

Dass plötzlich ich selber an die Reihe kam, riss mich aus derlei Beobachtungen und überforderte meine Tatkraft. Mir wurde heiß vor Aufregung. Es war ja, wie gesagt, mein erstes Mal in diesem Geschäft und aus diesem Grunde war ich noch gar nicht bereit, als ich mich plötzlich vor der enormen Auswahl wiederfand. Zu Hause ist das anders, da gibt es adrette Bäckereiangestellte, die mir freundlich Zeit lassen, mich bei ihnen zu orientieren, und dann meine wohlüberlegten Wünsche befriedigen; jetzt aber sah ich mich einer Menge Löcher gegenüber, aus denen, wenn man sie anfasste, ein weißliches Etwas quoll, das nur beim allerbesten Willen als Nahrungsmittel zu bezeichnen war. Ich schauderte.

Am liebsten hätte ich mich wieder unverrichteter Dinge zurückgezogen, doch der lange Menschenschwanz, der sich inzwischen hinter mir aufgebaut hatte, hätte mir wohl kein Entkommen gelassen. Ich ergab mich also meinem Schicksal und warf einen Blick auf das, was sich vor meiner Nase feilbot. Mein Herz hämmerte. Was auch immer ich hatte besorgen wollen, ich wusste es vor lauter Aufregung längst nicht mehr. Ich überlegte eine Zeit lang, drehte erst gedankenverloren an einem großen Brezelständer herum, entschied mich dann aber doch für eine süße Schnecke aus einem Fach weiter unten, auf der appetiterregend ein paar Rosinen prangte.

Das hätte ja schon gereicht, um die peinliche Blöße abzuwenden, die es bedeutet hätte, mit leeren Händen vor die Kassiererin zu treten, aber kurz bevor ich drankommen sollte, bekam ich noch Lust auf eine der goldbraunen Laugenstangen, die ich schon vor Längerem auf dem obersten Regalbrett erspäht hatte. Kurzentschlossen – die Blicke der in der Schlange Wartenden durchbohrten mich schon von hinten – holte ich mir eine runter und drapierte sie auf meinem Tablett.

Dann war ich auch schon ganz vorne angekommen. Mit der Kassiererin klappte alles reibungslos. Sie fummelte nur kurz gelangweilt an ihrem Apparat herum, dann klimperte schon das Geld in ihrer Hand und ich hatte bekommen, worauf man mich so lange hatte warten lassen. Von meinem Herz, das sich längst in meiner Hose befand, löste sich ein Stein und plumpste hinab.

Schnell stopfte ich die Laugenstange erst zum Schutz in eine Plastiktüte, dann in meine Handtasche, nahm die Rosinenschnecke zur Hand – sie hatte ich mir für den Heimweg vorgenommen – und verließ den Laden.

Meine Eile war verflogen, mein Herz schlug ganz ruhig in meiner Brust. Es war ein warmer, weiter Tag unter weißgesprenkeltem Himmel, die Rotkehlchen sangen wie aus einem Käfig befreit, in der Frühlingsluft lag Gelächter, und so vermochte meine Euphorie noch nicht einmal der wirklich fade Geschmack der Schnecke aus der Bäckerei zu trüben. Als ich sie zur Hälfte vernascht hatte, teilte ich sie säuberlich in Stücke, ging beschwingt meines Wegs und ließ die Reste im Park Vögeln.

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