Proust über Musik

„Das Andante hatte eben mit einem von Süße überströmenden Thema geendet, einer Süße, der ich mich ganz und gar überlassen hatte; dann folgte vor dem nächsten Satz eine Pause, in der die Ausführenden ihre Instrumente ablegten und die Zuhörer einige Eindrücke austauschten. Um zu zeigen, dass er etwas davon verstand, erklärte ein anwesender Herzog: ‚Das ist sehr schwer richtig zu spielen!‘ Angenehmere Leute unterhielten sich einen Augenblick mit mir. Doch was bedeuteten ihre Worte, die wie jede nur am Äußerlichen haftende menschliche Rede mich so gleichgültig ließen, verglichen mit dem himmlischen musikalischen Thema, mit dem ich mich zuvor unterhalten hatte? Ich fühlte mich wahrlich wie ein aus dem Rausch des Paradieses gefallener Engel, der in der trivialsten Wirklichkeit landet. Und ich fragte mich, ob nicht die Musik, ebenso wie gewisse Wesen die letzten Zeugen einer Lebensform sind, die die Natur aufgegeben hat, das einzige Beispiel dessen ist, was – hätte es keine Erfindung der Sprache, Bildung von Wörtern, Analyse der Ideen gegeben – die Verständigung der Seelen hätte sein können…“

– Marcel Proust, Die Gefangene (Ü Eva Rechel-Mertens)

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