23:23

So, irgendwer hat hier jetzt gewonnen. Wagner geht ins Reuemotiv über, da drehe ich Youtube hoch und den Fernseher leiser und beweine mein Schicksal.

Abspann Tschüss. Hat mich super happy gemacht, hier dabei zu sein. Ich hab so viel gelernt. Alle haben mich toll supportet. Jetzt wünsche ich allen meinen Fans da draußen noch eine super Zeit, folgt mir auf Instagram, ich hab euch alle lieb, und wenn ich jetzt in mein Bett kotzen gehe, ist der Periscope-Stream zum Glück zu Ende. Loooove y’all!

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23:16

Belanglose Streichermusik, Tonika-Dominantseptakkord-Trugschluss-Subdominante-Dominante-Tonika, im Hintergrund. Ich halte es nicht mehr aus und höre Wagner. Macht das ganze schon melodramatischer als das Gedudel bei denen.

23:10

Bei der Gelegenheit – und weil die Sendung sich mal wieder in Entscheidungshinauszögerung ergeht – ein kurzer Kommentar zum Sexismusthema. Man kann das ja alles mit guten Gründen ablehnen, darauf verweisen, dass die jetzigen Teilnehmerinnen wahrscheinlich seit ihrem 9. Lebensjahr ungesunde Körperbilder konsumieren, das sind auch heftige Probleme unserer Gesellschaft.

Aber andererseits muss man sich nur einmal Thomas und Michael, Heidis zwei schneidige Toy Boys (10), anschauen, um sich zu fragen, ob es hier wirklich ernsthaft die Frauen sind, die schlecht dastehen. Ein naiver Beobachter oder eine naive Beobachterin des Geschehens, ein Außerirdischer vielleicht könnte auch zum Eindruck gelangen, dass hier selbstbewusste, professionell berechnende Frauen minderbemittelten, dümmlich und unreflektiert in die Kamera anglizismenlispelnden Männern gegenüberstehen, dass es also mit der Ungleichberechtigung gar nicht so weit her sei.

Mich interessiert das ganze Thema wahrlich wenig, mich frappiert eher die tiefe, triefige Spießigkeit dieser Sendung, die sich so cool und glamourös gibt, aber dabei – Männern und Frauen – kaum mehr als das enge Regelkorsett dümmlicher Gleichförmigkeit lässt, in der das einzige Gut die Einpassung in das Immergleiche ist, in der auch „Flippigkeit“ oder „Individualität“ nur Labels der totalitären Fashion-Gesellschaft sind und nur so lange geduldet werden können, solange sie nicht zu weit von der knallhart durchdefinierten Norm entfernt liegen.

Das jedoch ist kein Totalitarismus alter Schule, der es nötig hätte, Macht einzusetzen. Der Totalitarismus der GnTm-Welt geht von den Teilnehmerinnen ihren dummen, unerträglich monogamen und spießigen Freunden (boyfriends, würden sie natürlich selber sagen) und den kleinbürgerlichen Dumpfbacken-Familien aus, denen diese Kinder entstammen. Das, nicht die Perfidie eines berechnenden Fernsehsenders, ist das Lehrreiche, Abstoßende und Faszinierende von GnTm.

22:47

Das lächerlichste Fotoshooting aller Zeiten. Elena und Kim posieren – aus irgendeinem unerfindlichen Grund ohne Hose – vor einem roten Vorhang, durch den sie von hinten ein unsichtbar bleibender Tänzer begrapschen darf. Ohne erkennbaren Sinn, ohne ästhetischen Mehrwert, selbst für GnTm außerordentlich schwachsinnig. Ich schlucke den dicken Aufschrei in mir hinunter und tröste mich damit, dass sich Sexismus noch nie von selber so offensichtlich als albern entlarvt hat.

22:33

Heidi, zu Beginn ja erstaunlich zackig unterwegs, entdeckt wieder die Kunst der nichtssagenden Anmoderation, die sie in 11 Staffeln vervollkommnet hat. „Kim, du hast nicht gewonnen, aber vielleicht ja in der nächsten Runde.“ Und da ist auf einmal Fata rausgeflogen, die Hälfte der Zuschauer hat schon wieder ihren Namen vergessen, traurige Musik, aber nur kurz, Fata walkt (8) die Seite dieses gigantischen Bügeleisens zurück, dann geht es weiter. Ein Live Shooting (9). Na gut. Meinetwegen. Kim und Elena sind noch drin.

22:22

Je länger diese Sendung läuft, desto klarer wird: Wir wohnen einem Zombie bei, in ihrer elften Staffel ist auch GnTm als Show das geworden, was seine Teilnehmerinnen schon immer gewesen sind: eine Hülle ohne Inhalt. Wenn sich die gesamte Bedeutung der Acts (4) und Walks (5) und Jobs (6) und Moderationen und Interviews und Talks (7) nicht aus externer Bedeutsamkeit zu speisen vermag, sondern einzig und allein nur aus der Tatsache, dass das hier eben GNTM ist (omg), dann wundert man sich als Fernsehabstinenzler über die normative Kraft, die die Institution Fernsehen offenbar noch immer zu entfalten mag. Die Selbstbezüglichkeit und gähnende Leere der ganzen Veranstaltung ist, so gesehen, natürlich die perfekte Metapher für die postmoderne Welt des 21. Jahrhunderts. Baudrillard hätte es sich nicht besser erträumen können.

22:05

Jetzt die zweite Entscheidung, Heidi überreicht allen mit großem Pomp einen Umschlag, den sie dann aufmachen sollen (epischer Ich-halte-mein-erstes-Referat-in-der-fünften-Klasse-Dialog: „Willst du als erstes?“ – „Soll ich?“ – „Also ich oder du?“ – „Ok, machen wir alle gleichzeitig“), dann hat Jasmin leider kein Foto, schade, „du bist raus“, brüllt Heidi euphorisch in ihr Headset, aber Jasmin widersetzt sich dem „oh, ich bin super sad“-Diktat und brüllt „endlich vorbei!!!“. Ein authentischer Moment in dieser Show? Nein, wer GnTm öfter geguckt hat, weiß: Das versteht man hier unter Ironie.