Anybody Who Wasn’t Me

Liebe Leser_innen, heute empfehle ich Ihnen ein Buch. Ich empfehle es sogar nicht nur, ich lege es Ihnen ans Herz, so warm, so heiß, dass es Ihnen den Schweiß aus den Poren, Ihren Geldbeutel in die Hand und Ihren Hintern aus dem Sessel in die nächste Buchhandlung treiben wird. Ich verspreche es; vorab jedoch ein Eigentlich.

Eigentlich sollte man nämlich nicht. Eigentlich ist es tabu. Eigentlich sind Bücher, die ihre Verlage – wie dieses – als »Plädoyer für mehr Achtsamkeit« feilbieten, gar keine Literatur. Bücher, fiktionale noch dazu, die schon als »Plädoyer« daherkommen, überstülpen das fette, plumpe Megafon in ihrer Hand oft nur allzu notdürftig mit fadenscheinigem Handlungsgewebe. Getöse herrscht dann zu oft, wo lauschige Stille angebracht wäre. Nein, gute (um nicht zu sagen: große) Literatur hat ganz sicher kein Plädoyer zu sein; sie hat nicht irgendetwas zu fordern, dafür gibt es Flugschriften und Leitartikel. Ganz besondere Abscheu scheint geboten, wird ein Roman auch noch als »Plädoyer für mehr Achtsamkeit« gepriesen, als bräuchte es in Zeiten allgegenwärtigen Buddha-Feelgood-Mummenschanzes noch mehr »achtsamen« Ratgeber-Selbstbetrug. Nein, ein »Plädoyer für mehr Achtsamkeit« gehört definitiv nicht zu den Aufgaben guter Literatur. »Ein Plädoyer gegen Plädoyers«, das vielleicht. »Forderung nach dem Ende der Forderungen«. »Regelwerk zum Verbot der Regeln«.

So weit zu meinem privaten Regelkatalog.

Sehen wir jedoch, wie angekündigt, einmal von all dem ab, wenden wir einmal die letztere Regel auf sich selbst an und widmen uns einem Buch, das sich seinem deutschen Verlag zufolge als „Plädoyer für mehr Achtsamkeit“ verkaufen möchte, nämlich „Close Your Pretty Eyes“ von der britischen Schriftstellerin Sally Nicholls (dt. „Wünsche sind für Versager“, übersetzt von Beate Schäfer).

Die Handlung dieses Buches ist schnell zusammengefasst, ohne irgendetwas vorwegzunehmen: Olivia, elf Jahre alt, seit ihrem sechsten Lebensjahr in Pflegefamilien unterwegs, heimatlos, bindungslos, weltlos, ein Bündel Ich, das einsam über die Wasser der Welt treibt, strandet mal wieder im Schilf, wird aufgelesen, zieht bei Familie Ivey ein. Der sechzehnte Versuch für sie, das sechzehnte Pflegeheim, die letzte Chance. Hier soll sie endlich die Geborgenheit im Kreis einer Familie finden, die ihr das Schicksal seit jeher verwehrt. Da die Iveys jedoch ausgerechnet in einem Haus leben, in dem vor Jahrhunderten eine Kindsmörderin ihr Unwesen trieb, geschieht bald Schauerliches.

Die Figur der Olivia ist ein moderner Karl Moor, ein »Monster«, ein »Superheld«, eine radikale Egoistin, ein nietzscheanischer Übermensch, die sich alles und jeden untertan zu machen versucht. (Immer und immer wieder, geradezu obsessiv geht es im Roman um »Macht«/»power«, die zwischen Olivia und den diversen Erziehungspersonen um sie her ausgehandelt wird.) Sie stellt sich weit außerhalb aller gesellschaftlichen Konventionen (wie sollte sie sie auch kennen, wer sollte sie ihr auch anerzogen haben), empfindet Lust daran, andere zu beleidigen, zu schlagen, perfide zu quälen, um an der Stärke oder Schwäche der Gegenwehr ihrer Opfer ihre eigene Weltwirksamkeit, ihre eigene Realität zu messen. Sie hat keine Freunde, weil ihr Weltbild nur Über- und Unterordnung zulässt, aber keinen machtfreien Raum.

Olivia ist aber kein dummes Kind, sie kennt sich selbst und alle Menschen um sich sehr genau. Sie weiß um die Angst vor ihrer Gewalttätigkeit, und badet sich in ihr. Sie weiß, dass sie unfähig ist zu lieben und sich lieben zu lassen, obwohl sie sich zugleich nichts sehnlicher wünscht als genau das: geliebt zu werden.

Es sind zwei Gründe, warum Close Your Pretty Eyes zum Großartigsten zählt, was ich je lesen durfte: Erstens kommt mir Olivia wie eine Schlüsselfigur der modernen, radikal entgrenzten Welt vor. Jede Sicherheit erscheint ihr angesichts der allgegenwärtig lauernden Gefahr als Illusion, jede Unsicherheit andererseits als existenzielle Bedrohung. Dazwischen liegt nichts.

Der vollständige Liebes- und Geborgenheitsentzug, dem sie von Geburt an ausgesetzt war, hat bei ihr um achtzehn Jahre vorweggenommen, was jeder andere Mensch später erlebt, wenn er erwachsen wird. Bei all ihrer erschreckenden und zuweilen einschüchternden Jähzornigkeit und Irrationalität ist Olivia ein beeindruckend reifes, geradezu erwachsenes Kind, das die Lage der Dinge zuweilen besser durchschaut als alle anderen Beteiligten und das sich den

Ihre Urerfahrung – die wohl eigentlich die Urerfahrung des Erwachsenenwerdens ist – ist die Zufälligkeit der eigenen Existenz. Sie weiß intuitiv das, sie hat von klein auf gelernt, was andere erst schmerzvoll erfahren müssen: Dass ihr Dasein in der Welt weder von irgendjemandem gewollt noch für das Funktionieren der Dinge notwendig ist. Sie ist überzählig, sie steht außerhalb von allem und damit in der Position ultimativer innerer und äußerer Freiheit. In dieser Position entfalten selbstverständlich die zwei Grundkräfte der menschlichen Individualität (die vielleicht ein und dieselbe sind, wer weiß das schon?) maximale Wirkung: Die Zentripetalkraft, der Drang, so zu sein wie alle anderen, einerseits, und die Zentrifugalkraft, der Drang hinaus, gegen die Anpassung, in die Individualität.
Man kann Close Your Pretty Eyes als gesellschaftsphilosophisches Experiment lesen, das Möglichkeiten und Grenzen der Individuation im sozialen Zusammenhang austestet. Eine Frage, die ich mir nie zuvor zu stellen gewagt hatte, packte mich bei der Lektüre mit ungeheurer Wucht: Ist es nicht zutiefst tragisch, dass der oder die, die (wie Olivia) Lust am Verletzen anderer Menschen empfindet (und womöglich nur daran), diese Lust niemals ausleben kann? Sind die sozialen Regeln und Gesetze, die ihr dies verunmöglichen, überhaupt rechtfertigbar angesichts der Persönlichkeitskastration dieser armen Kreatur?

Man kann diese Fragen auch nicht mit dem Hinweis auf die allgemeine Sinnhaftigkeit von Regeln abtun, die Mord und Totschlag verhindern, man kann Hobbes oder Rousseau zitieren, ja, ja. Doch für das Individuum, für das die Regeln nichts als externe, willkürliche Beschränkungen sind, deren Logik nicht die seine ist, bleiben sie eine tiefe Kränkung, ein brutaler Machteingriff in die persönliche Freiheit; beengend, dramatisch, katastrophal.

Es ist dies nun wahrlich kein neuen literarischer Spielraum, das ist klar, und der Parallelen und Anspielungen auf die Sturm-und-Drang-Literatur gäbe es noch einige aufzuzählen, aber so kompromisslos und zugleich kristallklar habe ich selten einen Individuationsroman gelesen.

Zweitens handelt es sich hier – wieder eine Parallele zum Sturm und Drang – um einen großen Roman über die Möglichkeit von Sprache und Sprechen. Aus der Perspektive von Olivia, die uns als Ich-Erzählerin so eloquent ihr Innerstes darlegt, kann Sprache (als immer schon soziales Phänomen) kein Ausdrucksmittel sein, sondern nur Kaschierungsinstrument in den Händen der Normierungsinstanzen, die sich der Entfaltung ihrer Freiheit widersetzen. Ob es die Therapeutin ist, die sie zu ihren »Gefühlen« befragt (als ließen »Gefühle« sich benennen oder gar kom-munizieren!) und ihr alberne Selbstkontrolltechniken empfiehlt, ob es die Pflegeeltern sind, die ihr Tag für Tag sagen, wie »lieb« sie sie hätten, bis sie sie eines Tages ganz »lieb« vor die Tür und in die nächste »liebe« Pflegefamilie abschieben, ob es andere Kinder sind, die sie mit ihrem unausstehlichen Charakter konfrontieren: die Sprache der anderen steht in radikalem Widerspruch zum Innenleben der Protagonistin, und dazwischen verläuft keine Brücke. »I wanted to explain it properly«, sagt sie an einer Stelle, »so he’d understand and maybe not hate me. But I wasn’t sure it made sense to anybody who wasn’t me.«

Auf jegliche Diagnose, die die Gesellschaft von außen an sie heranträgt, stehen Olivia als radikaler Individualistin nur zwei Reaktionen zur Verfügung: Entweder Hohn, wenn die Diagnose ihre Selbstwahrnehmung nicht trifft. Oder, wenn sie trifft, verzweifelte Umdefinitionen des Selbst, um es dem Zugriff der mal aggressiven, mal fürsorglichen Außenwelt wieder zu entziehen.

Dahinter steht nichts als die verzweifelte Sehnsucht, geliebt zu werden, von innen her, sprach-los, bekenntnislos, bedingungslos, problemlos, wahrhaftig: letztendlich die Überwindung der Sprache. Natürlich ist dieser Wunsch zum Scheitern verdammt, natürlich wird Olivia in unserer Welt nicht geliebt werden können, natürlich steht ihr radikaler Freiheits-Gewalt-Trieb im Widerspruch zu allem, was einen Menschen in Gesellschaft liebens-würdig machen, und diese Erkenntnis kann einem als Leser_in die Seele zerreißen. Man verliebt sich in Olivia, man verfällt ihr, man hasst sie, man verspürt den Drang, sie – und mit ihr die ganze Welt und alles, was darinnen ist – zugleich zu umarmen und zu verprügeln. Was, wenn nicht in dem, der sich darauf einlässt, derlei Reaktionen hervorzurufen, sollte das Ziel hoher Literatur sein?

– Close Your Pretty Eyes, Marion Lloyd Books, 240 Seiten
– Wünsche sind für Versager, übersetzt von Beate Schäfer, Hanser, 224 Seiten

 

P.S.: Im englischsprachigen Original wartet das Buch im letzten Satz mit dem verzweifeltsten, hohnlachendsten, niederschmetterndsten, rührendsten Happy End auf, das ich je gelesen habe. Dies noch als Apettitanreger – sicher kein Spoiler – für alle, die sich nun in das Leseabenteuer stürzen.

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