Aus meinem Reisetagebuch (XVI)

Es müssen diese Momente in der Schwebe sein, weswegen man reist. Diese Momente ohne Zukunft oder Vergangenheit, ohne Plan, in denen die Erinnerung ganz dicht an die Vorahnung heranrückt, und zu so etwas wie Bewusstsein verschmilzt. So wie jetzt.

Jetzt sitze in im Rasthaus Fulda-Nord, auf einer Bank in der Ecke, vor mir einen Teller Salat und mein Handy, auf dem die Information, auf die ich seit einer Stunde warte, nämlich: wann ich hier abgeholt werde, mitgenommen nach Italien, nicht aufpoppt und mich in Ungewissheit darüber lässt, wann es mich aus diesem Moment herausreißen wird, wie viel Zeit mir überhaupt noch zum Schreiben bleibt. Neben mir das Fenster, aus dem ich zwischen zwei Bissen zuweilen sehnsüchtige Blicke werfe, als beschleunigte das die Ankunft des Busses. Hinten, vom Tresen her, an dem ein paar Trucker ihr Feierabendbier trinken (Bier ist es jedenfalls, ich hoffe, es ist auch ihr Feierabend), säuselt das Dudelradio seine Playlist herunter, deren einfältige Harmonik einiges zur Elegie der Situation beiträgt.

Außer mir sitzt niemand in der Gaststube, obwohl es Freitagabend ist, also beste Reisezeit, und halb neun Uhr abends, also beste Essenszeit. Beste Reise-Essenszeit, eigentlich. Ich frage mich, wovon die Betreiber dieses Rasthauses leben. Es wirkt, als habe man dem knorrig-verrucht-verrauchten Charme vergangener Tage bewusst abschwören wollen, habe es aber ein wenig zu bewusst getan. Genauso implantiert wie die riesige Obstschale vor dem Zapfhahn wirken die Vegetarierseiten voll „leichter Kost“ in der Speisekarte, inmitten der ganzen „gutbürgerlichen Küche“. Immerhin die voll ausstaffierte Bedienung unternimmt keinerlei Anstrengungen, sich irgendwie zu verstellen und nimmt meine Hipster-Bestellung (gemischter Salat – Tomatensuppe – Bionade) stoisch entgeistert entgegen, nicht anders wahrscheinlich als sie die Bestellung eines soeben vom Pluto eingeflogenen Aliens entgegennehmen würde; heimlich, aber nur heimlich wünschend, er kehre zurück, woher er gekommen ist und überlasse das Lokal wieder denen, für die es gemacht ist.

Erneut blicke ich aus dem Fenster. Draußen setzt sich die Einsamkeit perspektivisch fort. Im Hintergrund, wo meinem offenbar verwirrten Orientierungssinn zufolge eigentlich die Stadt Fulda liegen müsste, erhebt sich ein bewaldeter Hügel, davor wehen ein paar löchrige Pappeln hin und her. Davor Straße, davor Feld, davor Straße. Auf dem Parkplatz unter meinem Fenster parkt seit einer halben Stunde ein weißes Auto mit der Aufschrift „Eiliger Medikamententransport – Kurzparker“. Draußen geht ein Mann in hellbrauner Weste auf und ab, jetzt rauchend, beim nächsten Blick aus dem Fenster verträumt an der Heckklappe lehnend.

Auf dem Beifahrersitz des Autos sitzt eine ältere Dame im beigen Mantel und schaut. Wann immer ich aus dem Fenster gucke, sitzt sie da und starrt ins Leere. Die fragenden, faszinierten Blicke, die ich ihr zwischen Vorhang und Zimmerpälmchen aus meinem Fenster zuwerfe, spiegelt sie ungerührt aus ihrem Fenster hinaus, in die Ferne ihrer unbeweglichen Pupillen. Ganz reglos sitzt sie da – ich sehe sie oft an, da sehe ich, wie reglos sie sitzt – in ihrem „eiligen Medikamententransport – Kurzparker“. Ganz sicher wartet sie nicht, dazu sitzt sie zu still. Sie ist einfach.

Was sie wohl heute noch tut, frage ich mich, ob sie wohl Fußball schaut, ob der Mann da draußen ihr Ehemann ist, ob sie Freunde hat, Kinder vielleicht, aber das hastige Wissenwollen all dieser neugierigen Fragen zerbricht, kaum sind sie gedacht, an der Weisheit ihres ausdruckslosen Gesichts, das aus dem Autofenster ins Nichts blickt.

Ich beobachte sie lange, diese Frau, nur unterbrochen von den gelegentlichen Bissen, zu denen ich mich hier im Restaurant verpflichtet fühle, und habe das Gefühl, ihr immer ähnlicher zu werden. Die Zeit erstarrt. Starre ich nicht aus meinem Fenster ganz genau so, wie sie aus ihrem in die Leere? Besteht da nicht eine Gemeinsamkeit zwischen uns, ein inneres Band, das die Glasscheiben nicht zu brechen vermögen? Immerhin, wir beide starren, beide regungslos, beide t

Fulda, 17. Juni 2016

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