Käfer im Kosmos

Nun also Indien. Nur zehn überraschend kurze Flugstunden liegen zwischen der beklemmenden Fremdheit im eigenen Land und der behaglichen, befreienden Fremdheit der Fremde. Zehn Stunden in der Luft, und während sich unter einem die Welt umdreht, wird man wieder man selbst, alleine man selbst.

Also ein neues Land, ein neuer Kontinent, ein neues undurchschaubares Rätsel. Die Dinge sind aufs Neue ihrer Bedeutung bar, ich weiß nichts, hier drinnen sitze ich schreibend und draußen vor dem Fenster liegt nackt und hilflos die Wirklichkeit.

Es sind aber gar nicht die offensichtlich fremden Dinge – die tamilischen Zeichen, die unbekannten Gerichte, die Früchte auf dem Markt, die Düfte in der Luft, die Kleider auf der Straße –, die den Zusammenbruch der Bedeutung anzeigen, vielmehr sind es die Dinge, die man zu kennen glaubt und die sich einem dann mit einem Mal noch mehr entfremden.

Selten ist man ja seiner selbst mitsamt der menschlichen Verlorenheit so gewahr wie in jenen schmerzlich goldenen Momenten, da alles zusammenbricht, da plötzlich ein Vorhang fällt und die Trugspiegel der Erfahrung mit sich fortreißt. Was eben noch Bedeutung trug – eine Aufforderung, ein Affront, ein Zuneigungsbeweis, eine Einladung – steht dann unvermittelt vor Augen, ungeschützt – nichts als ein Lächeln, eine Geste, ein Geräusch, ein Wort.

In der Zeitung stehen Berichte über Familien, die täglich um ihren Hungerlohn von hundert Rupien kämpfen und deren Kinder von heilbaren Krankheiten hinweggerafft werden, neben Anzeigen für klimatisierte Luxusautos, und das lese ich so beim Frühstück zwischen Toast und Orangensaft und blättere um, aber dann trete ich hinaus und zwischen genau diesen Autos betteln mich genau diese Familien an, und es ist so herzzerreißend normal, so unverständlich selbstverständlich, dass ich als dumpfer, realitätsentwöhnter Europäer, der ich gelernt habe, mich über Ampelschaltungen und Mindestlöhne zu empören, vor Scham in tausend Teile zerspringen möchte.

Dann hasse ich alle, die dumm zu Hause in Europa sitzen und glauben, sie wüssten irgendetwas, und dann hasse ich alle, die dumm in Indien sitzen und glauben, sie wüssten irgendetwas, und dann hasse ich mich selber, am meisten von allen. Es ist gesunder Hass, ehrlicher, verdienter Hass. Nein, möchte ich hinausschreien, komm mir nicht mit Gewissheiten, nein, es ist nicht „schon gut“, hört auf zu reden, redet euch nichts ein, seht auf diese Menschen, seht auf diese Welt, sie ist nicht „gut“, sie ist nicht „schlecht“, nichts habt ihr begriffen, gar nichts, was können denn die dafür, die betteln, und was können die dafür, die einfach nur ein Auto kaufen wollen, und was können die dafür, die ihr Geld verdienen möchten, und was können die dafür, die die Zeitung lesen, was können sie alle dafür, nichts! Gar nichts! Ihr seid alle, wir sind alle nur kleine Käfer, kleine lächerliche Käfer im Kosmos.

Und abends, wenn der kleine Käfer heimkrabbelt, mit stierem Blick, mit entleerter Seele, hebt er das Glas zum Himmel, aus dem die tropische Nacht herabsinkt und diese Einsamkeit um ihn legt, die nur die Tropen bringen, und blickt vom Balkon auf die zerfallende Welt ringsum. Trügen nur seine Flügel, dann flöge er und schwebte über der Stadt. Nichts kann ich und muss doch alles tun. Es ist gut, es ist richtig, endlich in Asien angekommen zu sein.

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