Über Übersetzen (I)

Seit meiner Ankunft hier in Indien widme ich mich neben der Arbeit, für die ich gekommen bin, mit Feuereifer einem literarischen Übersetzungsprojekt. Bis zu meiner Rückkehr nach Deutschland im nächsten Jahr, so der (wahrscheinlich zu ambitionierte) Plan, will ich ein Buch vollständig übersetzt haben, das zu meinem Bedauern bisher noch nicht in deutscher Sprache vorliegt. Es geht um The Book of Strange New Things des britischen Autors Michel Faber (Canongate 2014). An dieser Stelle werde ich im Rhythmus der fertig übersetzten Kapitel über mein Übersetzerleben, die Arbeit und Erfahrungen mit ihr berichten; über die Probleme und Freuden des Übersetzens, über das Buch, das mich beim ersten Lesen vor etwa einem Jahr tief beeindruckt hat, und über die Welt da draußen. Wen die Berichte näher interessieren, der oder dem schicke ich auch gerne die fertig übersetzten Kapitel; auch über Anmerk- und -regungen per Mail freue ich mich stets.

1. Kapitel – Für solches Glück lohnt sich jede Übersetzungsmühe

Der Anfang des ersten Kapitels, die Ouvertüre des Romans schleudert uns auf eine nächtliche Autobahn irgendwo vor London, hinein in die beiläufig plätschernde Autofahrt-Unterhaltung eines Ehepaars. Peter, ein christlicher Pastor, so viel wird schnell klar, ist auf dem Weg zum Flughafen, um eine Reise anzutreten, seine Frau Beatrice wird ihn dort verabschieden und zu Hause bleiben. Sie reden über nichts und zugleich alles. Peter erklärt ins Leere hinein, warum künstliche Lichtquellen ein echter Gewinn für die Welt seien, sie unterhalten sich über einen Anhalter, der am Straßenrand wartet, und obwohl hier auch schon inhaltliche Verweise auf viel später im Buch aufgegriffene Themen gelegt werden, vermittelt sich zunächst einzig der Eindruck tiefer Vertrautheit zwischen diesen beiden Figuren, ohne dass man eine Ahnung hätte, worum es gehen wird.

Dann aber nimmt die Handlung rasch Fahrt auf. Zu Peters großer Verwunderung will sich Bea des Anhalters nicht erbarmen, sondern bittet ihn, weiterzufahren; kurz darauf äußert sie den Wunsch, ein letztes Mal mit ihm schlafen zu dürfen („to make love“, wie sie es so verdammt unübersetzbar ausdrückt), nein, nicht in irgendeinem billigen Hotel am Flughafen, jetzt und hier im Wagen, am besten so schnell und schmutzig wie möglich. Das bringt den bedächtigen Peter völlig aus der Fassung und veranlasst ihn zu einem spontanen Ausruf, der ein interessantes – und noch nicht zu meiner eigenen Zufriedenheit gelöstes – Übersetzungsproblem darstellt:

‘Crisis!’ he said, and they both laughed. ‘Crisis’ was the word he’d trained himself to say instead of ‘Christ’, when he’d first become a Christian. The two words were close enough in sound for him to be able to defuse a blasphemy when it was already half out of his mouth.

Was ist damit zu tun? Die ganz wörtliche Übersetzung diskreditiert sich von alleine:

„Krise“, sagte er, und sie mussten lachen. „Krise“ war das Wort, das er sich beigebracht hatte, um nicht „Christus“ zu sagen, als er zum Christentum konvertiert war. Die beiden Wörter klangen ähnlich genug, um eine Blasphemie zu umgehen, wenn sie schon halb aus seinem Mund war.

Das ist auf Deutsch natürlich so lächerlich, dass man es gar nicht in Erwägung ziehen muss: Nicht nur ist „Christus“ kein Fluchwort, das sich ein (deutscher) zum Christentum Konvertierter aktiv abgewöhnen müsste; niemand käme auf den Gedanken, dass „Krise“ und „Christus“ in irgendeiner Hinsicht „ähnlich genug“ klingen könnten.

Was also tun? Ich bin nur auf ein vergleichbar gebräuchliches religiös konnotiertes Fluchwort gekommen, nämlich „Oh Gott“ (wir müssen an dieser Stelle ausblenden, dass das Englische mit „oh my god“ dafür eine andere Entsprechung hätte, für die „Oh Gott“ eigentlich reserviert sein sollte; derartige Bedenken können jemanden, der ein Buch zu übersetzen hat, nicht aufhalten). Nimmt man dies an, müsste die Übersetzung von „Crisis“ in etwa „Oh [mein] Gockel“ oder „Oh du großer Gote“ lauten. Beide Lösungen klingen aber arg konstruiert: Ich zweifle also noch und warte auf die Erleuchtung.

Am Flughafen angekommen, von allen meinen Übersetzungskrisen unbeleckt, haben die beiden trotz der Unterbrechung noch immer Zeit und vertreiben sie sich mit der Beobachtung anderer Fluggäste. Unter anderem treffen sie eine Familie aus zwei ziemlich proletarischen Eltern und zwei zappeligen Kindern auf dem Weg in ihren lang ersehnten Jahresurlaub, deren Flug sich um acht Stunden verzögert hat. Bea begegnet der gestressten Mutter mit liebenswürdiger, zuvorkommender Freundlichkeit, aber diese vermag sie in ihrem Zustand halbverzweifelter Überforderung nur grummelig und kurz angebundenen zu erwidern:

Joanne nodded in greeting but was too bound up in her misfortune to make small talk. ‘It all looks dead cheap on the brochure,’ she remarked bitterly, ‘but you pay for it in grief.’
‘Oh, don’t be like that, Joanne,’ counselled Beatrice. ‘You’ll have a lovely time. Nothing bad has actually happened. […]’
‘These two should be in bed,’ grumbled the woman […].

Joanne nickte ihm [Peter] zu, aber zu Smalltalk war sie nicht aufgelegt, dazu beschäftigte sie ihr eigenes Schicksal zu sehr. „In der Broschüre sieht alles superbillig aus“, sagte sie bitter, „aber du zahlst es echt mit Frust.“
„Ach, reden Sie sich das bloß nicht ein, Joanne“, riet ihr Beatrice. „Sie werden es toll haben. Es ist doch nichts Schlimmes passiert. […]“
„Die beiden sollten längst im Bett sein“, murrte die Frau […].

Der Unterschied zwischen den beiden Frauen, was psychische Situation und Beredtheit betrifft, dürfte schon aus diesem zitierten Ausschnitt deutlich werden, das besondere Problem, das ich hier darstellen will, stellte bei der Übersetzung aber die Anrede dar. Das englische „you“ ist ja bekanntlich blind, das Deutsche ist es nie.

Zunächst ging ich davon aus, dass zwar die Anrede mit Vornamen im Englischen weiter verbreitet sei als im Deutschen, dass aber dennoch alle Fremden zunächst mal „Sie“ seien. Entsprechend übersetzte ich. Die Folge war allerdings eine den hingerotzten Sätzen von Joanne und ihrem Mann völlig unangemessene Förmlichkeit, die nicht vertretbar schien.

Dann transformierte ich die ganze Passage ins Du. Es gefiel mir gut, Joanne klang jetzt schon mal wie ein echter Mensch, aber andererseits gewann Beas Ton dadurch eine Nähe und Intimität, die sie einer ganz fremden Person trotz ihrer Einfühlsamkeit wohl doch nicht entgegengebracht hätte. Es klang plötzlich wie ein Freundinnengespräch überm Bier.

Also ließ ich, zweifelnd und zögernd erst, dann aber immer begeisterter, Joanne weiter duzen und Bea beim respektvoll-vertraulichen Sie bleiben. Das Ergebnis war ein flirrendes Aneinandervorbei, das ein wenig peinlich wirkt, aber womöglich – wie ich mir in einem Anflug von Selbstüberschätzung einredete – der leichten Befremdlichkeit und Unbeholfenheit des Originals noch eine weitere Ebene hinzuzufügen vermag.

Inmitten der frustierenden Kompromissemacherei, die das Übersetzen der Definition nach ist, inmitten der Abstriche, die zu machen und Limitierungen, die hinzunehmen sind, sind genau das die besonderen Freudenmomente, auf die man lauert; für diese zahlt sich alle Mühe aus. Der Moment, in dem man merkt, dass man mit der eigenen Sprache, dem Deutschen, ein klein wenig mehr zu sagen oder zu zeigen in der Lage ist, als der Autor es mit seiner konnte, leuchtet hell und überstrahlt das Dunkel fehlender Worte rundum.

Als abschließendes Beispiel zitiere ich folgenden Gedanken Peters beim Anblick der Menschenströme im Flughafen:

The crowds that queued for snacks and knick-knacks, the constant stream of passengers recorded by the closed-circuit TVs, were wondrous proof of the sheer variety of human specimens, except that they were presumed to be identically faithless inside, duty-free in every sense of that word.

Die Massen, die für Snacks und anderen Schnickschnack anstanden, die videoüberwachten Passagierströme, waren von außen der unglaublichste Beweis für die Vielfalt der menschlichen Rasse, aber zugleich wurde davon ausgegangen, dass sie von innen alle gleich ungläubig waren, in jeder Hinsicht duty-free.

Es geht mir nicht um den unschönen Anglizismus am Ende des Satzes, vor dem ich kapitulieren musste, und den ich als Wortspiel also einfach übernommen habe (man verzeihe mir). Erst als ich diesen Absatz hingeschrieben hatte und ihn ein zweites Mal las, sah ich ungläubig, welch hübsche ergänzende sprachliche Antithese da im Deutschen (völlig ungezwungen und zufällig) in die fabersche Gegenüberstellung geraten war. Für solche unglaublichen Momente, für solches Glück, lohnt sich jede Übersetzungsmühe.

 

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Ein Gedanke zu “Über Übersetzen (I)

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