Über Übersetzen (II)

2. Kapitel – Werde ich Texte und Wörter je wieder so sehen wie zuvor?

Mit dem zweiten Kapitel betreten wir schon amerikanischen Boden. Peter ist trotz einiger Turbulenzen über dem Atlantik unbeschadet angekommen und will sich als guter Ehemann umgehend bei seiner Frau melden, seinen eigenen blendenden Zustand durchgeben und sich nach dem ihren und dem des Katers Joshua erkundigen. Der Fahrer, den Peters Auftraggeber USIC hat kommen lassen, muss ihn rechtzeitig an seinem Ziel abliefern und wird schon ungeduldig – Peter jedoch greift unbeirrt zum Handy und ruft zu Hause an. Erst funktioniert es gar nicht, dann doch, aber dann ist der Empfang schlecht und es dringt nur Klangbrei aus dem Lautsprecher.

‘I’m in Florida,’ he said.
‘ … middle … night,’ she answered.
‘I’m sorry. Did I wake you?’
‘ … love you … how are … know what … ?’
‘I’m safe and sound,’ he said. […] ‘How’s Joshua?’
‘ … first few … he just … o … ink … side … ’
‘I’m sorry, you’re breaking up. And this guy wants me to stop talking. I have to go. I love you. I wish … I love you.’
‘ … you too … ’
And she was gone.

„Ich bin in Florida“, sagte er.
„ … mitten … Nacht“, antwortete sie.
„Entschuldige. Hab ich dich geweckt?“
„ … liebe dich … wie geht‘s … weißt du …?“
„Ich bin gesund und munter“, sagte er. […] „Was macht Joshua?“
„ … ersten paar … er nur … o … enke … Seite …“
„Sorry, ich kann dich nicht mehr hören. Und dieser Typ will, dass ich Schluss mache. Ich muss gehen. Ich liebe dich. Ich wünschte… Ich liebe dich.“
„ … dich auch …“
Und dann war sie fort.

Es gibt abgesehen von Nonsense-Texten  – einer ganz eigenen Disziplin – keine kniffligere Übersetzungsaufgabe als unvollständige Wortfetzen. Wenn der rudimentäre Sinn, den der Autor transportieren will, sich sowohl bei Peter als auch bei uns Lesern nur extrapolierend im Kopf einstellt, dann ist dies auch der erste Anspruch an die Übersetzung: Nicht unbedingt auf dem Papier, aber immerhin in den Köpfen der Leserschaft die gleichen Assoziationen hervorzurufen.

Interessant wird dies vor allem bei Beas dritter Äußerung. Was könnte sie über ihr Haustier Joshua gesagt haben? Vielleicht: „The first few hours he just slept but then he dropped my inkpot and now one side of the bed is stained blue.“ Oder: „He welcomed me with his first few mice this year, he just carried them to the door, I think I’ll have to put this room upside down to find the others!“ Und so weiter. Wir wissen nicht, was Bea gesagt hat, die englische Leserschaft des Buches weiß es nicht, Peter weiß es nicht, und wahrscheinlich hat noch nicht einmal der Autor eine klare Vorstellung davon, was „o“ und „ink“ und „side“ hier bedeuten sollen.

Bei meiner alltäglichen Übersetzungsarbeit habe ich festgestellt, dass jeder niedergeschriebene Satz und jedes Wort im Original wie in der Übersetzung drei Funktionen hat: eine deskriptive, eine expressive und eine performative. Die deskriptive Funktion bezeichnet Gegenstände und Sachverhalte (und funktioniert mittels der Denotation des Wortes), die expressive transportiert (mittels der Konnotation) Gefühle und Stimmungen und die performative funktioniert über die Äußerung selbst, erzeugt gewissermaßen eine Sprech-Situation im Kopf dessen, der sie liest.

Normalerweise kommt der deskriptiven Funktion die höchste Bedeutung zu: Vor allem im Erzähltext geht es zumeist darum, Inhalt zu transportieren. Gegenstände, Personen, Handlungen, Erinnerungen und so fort werden beschrieben und bei der Übersetzung gilt es, die Beschreibungen möglichst akkurat treffend in die eigene Sprache hinüberzuretten. Dies stelle ich bei der Arbeit in einer ersten Rohübersetzung des Textes sicher.

Die expressive Funktion schwingt allerdings auch jederzeit mit: Welche Stimmung beschwören die benutzten Adjektive herauf, was sagen die benutzten Verben über die Situation aus? Bestenfalls sollte natürlich der Eindruck, der sich beim Lesen der Übersetzung einstellt, dem entsprechen, den das Original seinen Leserinnen und Lesern vermittelt. In einem zweiten Korrekturgang ersetze ich oft einzelne Wörter oder manchmal ganze Halbsätze und Sätze, um auf dieser impliziten Ebene der Vorlage noch näher zu kommen.

Die performative Funktion steht demgegenüber oft im Hintergrund und kommt, wenn überhaupt, im dritten Korrekturlauf zum Tragen. Die Frage, wie flapsig oder ausführlich, in welchem Tonfall oder mit welcher Betonung etwas formuliert ist, welchen Sound die Erzählstimme hat, ist dem dritten Korrekturlauf vorbehalten, und zudem meistens die am schwierigsten zu beantwortende und ins Deutsche zu übertragende. Oft muss man hier auch Abstriche machen, Kompromisse eingehen und die bittere Einsicht ertragen, dass nicht alles, was dem Anglophonen ganz locker von den Lippen geht, im Deutschen so locker zu sagen ist.

Der Grund, warum ich hier dieses Modell so ausführlich vorstelle, ist, dass Beas Wortfetzen aus dem Telefonhörer einen ausgezeichneten Sonderfall darstellen. Hier ist das Verhältnis der drei Wortfunktionen nämlich umgekehrt. Es geht dem Autor – meiner Ansicht nach –  vor allem darum, eine Aussage auf der performativen Ebene zu machen: Beas unverständliches Gespotze steht in erster Linie für sich und für die abreißende Verbindung zwischen den beiden Eheleuten. Erst in zweiter Linie geht es um Konnotation und fast gar nicht um Denotation ihrer Wortfetzen.

Für die Übersetzung hat diese Interpretation der Passage zur Folge, dass es an dieser Stelle nicht so sehr um die Rekonstruktion irgendeines verborgenen Sinns geht, sondern eher um die Reproduktion der Sinnlosigkeit des Klangbreis. Viel eher als eine wörtliche („ink“ = „Tinte“???) geht es um eine performative Wiedergabe ihrer Äußerung.

Bei einem anderen Übersetzungsproblem erweist sich das soeben eingeführte kleine sprachphilosophische Hilfsmodell erneut als nützlich: An der Tankstelle, von der aus Peter mit seinem Anruf daheim scheitert, hat sich sein Chauffeur ein Getränk gekauft, genauer eine Flasche Tang

The USIC chauffeur emerged from the gas station with a bottle of Tang and a spotless, supernaturally yellow banana.

Tang, mir zuvor völlig unbekannt, war ausweislich des Internets ein Kultgetränk, vor allem in den 1960er Jahren, das vor allem dadurch Berühmtheit erlangte, dass es die NASA auf ihre bemannten Raumflüge mitnahm. Es ging sogar die Legende, dass es eigens für die Raumfahrt erfunden worden sei. Im deutschsprachigen Raum hat Tang meines Wissens als Produkt nie Fuß gefasst.

Als Übersetzer stehe ich mit diesem – zu meinem Glück für die Handlung nicht zentralen – Getränk also vor dem geradezu klassischen Problem: Wie bringe ich Marken- und Eigennamen, die im Sprachraum des Originals weithin bekannt sind (und möglicherweise, wie in diesem Fall, auch Konnotationen tragen: Raumfahrt-Nostalgie, spartanische Astronautennahrung usw.), in die Zielsprache hinüber, der diese womöglich ganz unbekannt sind? Was zählt hier mehr, Denotation oder Konnotation, Deskription oder Expression?

Eine direkte Lösung wäre, die Problematik zu ignorieren und den Markennamen einfach zu übernehmen. Damit überlasse ich das Verwirrtsein der Leserin und erzeuge (bzw. behaupte) maximale Nähe zum Original:

Der Fahrer von USIC trat aus dem Tankstellenshop, eine Flasche Tang und eine makellose, übernatürlich gelbe Banane in der Hand.

Die Problematik dieser Strategie wird hier wohl geradezu mustergültig deutlich: Man stolpert. „Eine Flasche Tang“ ist nicht nur ein Dorn im deutschen Auge, es werden auch allerlei ungewollte Assoziationen eines aus Sümpfen oder Meeresbrandungen emporsteigenden Chauffeurs hervorgerufen, die absolut nicht gewollt sind und große, den Lesefluss aufhaltende Verwirrung stiften, während die Originaltreue nur von mitgoogelnden Leserinnen wertgeschätzt werden würde.

Was also ist die Alternative? Man wird die Bilanz nur umkehren können, also Verwirrung um den Preis der Originaltreue vermeiden. Das sieht dann so aus:

Der Fahrer von USIC trat aus dem Tankstellenshop, eine Flasche Tang-Limonade und eine makellose, übernatürlich gelbe Banane in der Hand.

Oder gar:

Der Fahrer von USIC trat aus dem Tankstellenshop, eine Flasche Limonade und eine makellose, übernatürlich gelbe Banane in der Hand.

Aus dem zauberhaften, geheimnisvollen Tang eine schnöde Limonade zu machen, raubt der Situation (dies ist der Eröffnungssatz des Kapitels) selbstverständlich viel Appeal. Und dennoch, der Lesbarkeit und der zentralen Information – es ist heiß, der Fahrer kauft sich auf einer Pause ein Erfrischungsgetränk – zuliebe habe ich mich für die letztere Version entschieden, Widerspruch und spätere Revisionsläufe in Kauf nehmend.

Später, mit seinem Fahrer in ein Gespräch über die Vorgeschichte seines großen Abenteuers befragt, erinnert sich Peter an die Auswahlgespräche, in denen er sich dafür vor einem Auswahlgremium beweisen musste. Eine Frage der Interviewerin lautete:

‘What smell reminds you most of your childhood?’
‘I don’t know. Maybe custard.’
‘Do you like custard?’
‘It’s OK. These days I mainly have it on Christmas pudding.’

Die nächsten kulinarischen Fachbegriffe, das nächste Problem. Custard, eine englische Vanillesauce bzw. -creme, und Christmas Pudding dürften der deutschsprachigen Leserschaft möglicherweise näher sein als Tang. Und Peter ist nun mal ein Brite und kein Deutscher und isst zu Weihnachten statt ordentlichem Christstollen lieber einen ungestaltes, in einem Sack zubereitetes Etwas. Können wir das leugnen? Nein.

Diese Erkenntnis vermag aber nichts daran zu ändern, dass eine Beschränkung auf die deskriptive Ebene (engl. „custard“ = dt. „Custard“?) nicht alle Funktionen des Originals zu erfüllen vermag, nämlich den Vanillegeruch dieser dicken Sauce – und damit die kindliche Vorfreude auf den bevorstehenden Nachtisch am elterlichen Esstisch – hervorzurufen. Ich habe mich daher in dieser Szene für die „Vanillesauce“ als beste Alternative entschieden, den „Christmas Pudding“ aber als englisches Artefakt stehen lassen:

„Welcher Geruch erinnert Sie am meisten an Ihre Kindheit?“
„Ich weiß nicht. Vanillesauce vielleicht.“
„Mögen Sie Vanillesauce?“
„Gelegentlich. Ich esse sie eigentlich nur noch zu Christmas Pudding.“

Wie unser diesmal sehr lang geratener Blogeintrag geht auch Peters Fahrt mit seinem Chauffeur zu Ende, und ehe er sich versieht, noch halb in Gedanken an Custard und Pudding, liegt er in der Zentrale von USIC ausgezogen und aufgebahrt, vor ihm eine Frau im weißen Kittel mit einer Spritze. (Noch nicht einmal sein Chauffeur hat ihm erklären können, was diese vier Buchstaben bedeuten sollen, also habe ich sie einfach mal ins Deutsche übernommen, als kleines nicht zu lösendes Rätsel.) Die Spritze kommt, und Peter schwinden die Sinne, doch bevor wir ihn in seine Ohnmacht entlassen, müssen wir noch auf eine Besonderheit dieses Buches zu sprechen kommen.

Aufmerksamen Leserinnen oder Lesern meines ersten Beitrages über das Übersetzen ist wahrscheinlich aufgefallen, dass dessen Titel exakt dem letzten Satz meines Textes entspricht. Diese Masche ist eine kleine Hommage an das Buch, mit dem ich jetzt so viel Zeit verbringe, denn ebenso ist das Prinzip seiner Kapitel: der letze (Halb-)Satz bildet die Überschrift, und da man diese also von Anfang an kennt, legt sich über die Lektüre eine gewisse Spannung, so als habe man schon ein bisschen vorgeblättert und ahne im Voraus, wo das ganze ende.

Der Titel des zweiten Kapitels ist „He would never see other humans the same way again.“ Das ist natürlich ein großer Knaller: Was wird da nur mit unserem Peter passieren?, denkt man sich, und: Wie soll nur der Rest des Buches aussehen, wenn schon in Kapitel Zwei derartige Persönlichkeitsveränderungen an ihm zu beobachten sind? Große Aufregung. Liest man allerdings den letzten Satz, sieht man schnell Fabers Trick:

His greatest fear, as he dissolved into the dark, was that he would never see other humans the same way again.

Durchatmen. Er befürchtet die Wahrnehmungsstörungen nur, sie sind nur temporär infolge der Spritze eingetreten. Alles halb so schlimm.

Ermöglicht wird dieser Sprachtrick durch die grammatikalische Struktur des Englischen, in der ein Nebensatz wie ein Hauptsatz gebildet wird und somit das, was im Text nur eine vage Befürchtung im Konsekutivmodus ist, im Kapiteltitel plötzlich faktisch und indikativ daherkommen kann.

Leider ist das Deutsche etwas komplizierter. Die wörtliche Übersetzung verunmöglicht den Trick des Originals:

Seine größte Angst, als er ins Dunkel zerstob, war, dass er andere Menschen nie wieder so sehen würde wie zuvor.

Aus diesem Schlusssatz lässt sich beim besten Willen keine aussagekräftige Überschrift formulieren. Unmöglich ist andererseits auch, die Überschrift wörtlich zu nehmen und einen Schlusssatz um sie herumzuschrauben.

Er würde andere Menschen nie wieder so sehen wie zuvor.

Der Indikativ schließt im Deutschen jede Form der Einschränkung durch Voranstellungen wie „Seine Angst war“ oder „Ihn begleitete eine Furcht“ aus. (Bemerken Sie, liebe Leser_innen, dass wir hier erneut ausschließlich auf der performativen Sprachebene herumoperieren? Über Denotation und Konnotation herrscht Einigkeit, es ist ein rein formales Problem.) Nach längerer Überlegung fiel mir folgende – keineswegs perfekte, aber meiner Ansicht nach unter den Umständen akzeptabelste – Lösung ein:

Angst begleitete ihn, als er schließlich ins Dunkel zerstob, eine große Angst: Würde er andere Menschen je wieder so sehen wie zuvor?

Mich begleitet nach all diesem Sprachgebrüte und dieser Bedeutungshuberei auch eine Angst, eine große Angst: Werde ich Texte und Wörter je wieder so sehen wie zuvor?

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