Über Übersetzen (IV)

4. Kapitel – Die alle Vorstellungen sprengende Kraft der Literatur

Das Wort „übersetzen“ ist schön. Es ist im Grunde genommen eine Metapher, lädt zu allerlei Analogien ein und ruft vor dem inneren Auge Vorstellungen eines idyllischen, symmetrischen Flusses hervor, an dessen Ufer der Übersetzer seine Ladung aufnimmt, einen Kahn besteigt und gen Heimat übersetzt. Der Autor winkt noch hinterher, sieht den Übersetzer mehr oder weniger geschickt mit dem Gewicht, das er ihm mit auf den Weg gegeben hat, die Stromschnellen und Untiefen des – mehr oder weniger breiten – Flusses umfahren, und wenn der Kahn erfolgreich drüben ankommt, kann die hüben verpackte Ladung auf der neuen Seite des Flusses verteilt werden.

Eine solche Vorstellung hatte ich vor Beginn meiner Arbeit am Book of Strange New Things ebenfalls, aber das änderte sich mit dem vierten Kapitel. Der Übersetzer, so meine Lektion, ist kein Kahnführer. Eigentlich verlässt er sein Heimatufer überhaupt nicht, denn der Strom ist viel zu reißend, als dass man ihn überqueren könnte, aber wenn er dem anderen Ufer doch nahe kommt, dann nur um zu erkennen, dass es von schroffen Klippen gesäumt ist, die das Anlegen unmöglich machen. Also kehrt er wieder um und verlässt sich auf ungefähre Eindrücke, ferne Beobachtungen, vage Vermutungen.

Der Autor hat auf seiner Seite des Flusses ein Haus errichtet, vielleicht eine Holzhütte, vielleicht einen Palast, vielleicht ein Zelt, vielleicht ein Baumhaus. Und wir aus der Ferne sehen nun einzig das bezugsfertige Ergebnis, stehen aber vor der teuflischen Aufgabe, dieses Haus auf unserer Seite des Flusses nachzubauen. Irgendwelche Instruktionen des Baumeisters entgegenzunehmen ist unmöglich, dazu treiben wir zu weit vor dem Ufer. Wir wissen nichts über die Konstruktionsweise, wir sehen kein Fundament, uns ist nicht klar, wie sich die Materialien verhalten, die der Autor benutzt hat. (Vergleichbar vielleicht mit den Bemühungen jener, die eine mittelalterliche Ritterburg wieder aufbauen wollen, ohne über die Baupläne oder Materialien von früher en detail Bescheid zu wissen.)

Vielleicht hat der Autor – wie die alten Ägypter bei den Pyramiden – eine Hilfskonstruktion benutzt, die längst nicht mehr steht, die wir aber zuerst rekonstruieren müssen, weil es ohne sie statisch nicht geht. Vielleicht hat das Holz hier auf unserer Seite ganz andere Eigenschaften, und beim Versuch, das zweite Stockwerk aufzusetzen, bricht alles zusammen, obwohl wir glauben, alles so ähnlich bewerkstelligt zu haben wie auf den verwackelten Spionagephotos, die wir von unserem umtosten Kahn aus geschossen haben. Vielleicht herrscht drüben sogar ein anderes Klima oder eine andere Gravitation, und es ist ganz und gar nicht möglich, das Haus hier auf unserer Seite auf die gleiche Weise zu errichten wie dort.

Dann müssen wir eigene Wege finden, selber kreativ werden, uns von der Idee des exakten Abbilds verabschieden, abwägen, was wichtiger ist (Funktionalität oder äußere Erscheinung? Standfestigkeit oder Kosteneffizienz?) und uns – hoffentlich mit guten und gefestigten Gründen – gegen die Nörgler zur Wehr setzen, die sich sogleich um unseren Bauzaun scharen, aufgeregt zur anderen Flussseite hinüberweisen und hier das Fehlen eines Erkerchens, da die veränderte Form eines Fensters bekritteln. Vielleicht kommt sogar ein anderer daher, der bei anderem Wetter oder aus einem anderen Winkel das Gebäude drüben begutachtet hat, und beginnt ein Konkurrenzprojekt, das sich ganz anders anlässt als das unsere. Kurz, unsere Rolle ist von der des bloßen Handlungsreisenden weit entfernt.

Irgendwann steht dann das Haus, und wenn wir die eigenen Hilfskonstruktionen abbauen und die Detailpläne beiseite legen, stellen wir erstaunt fest, dass es sich vom Vorbild extrem weit entfernt hat. Dann belassen wir es vielleicht so, wie es ist (weil es uns trotzdem gefällt und wir uns vom Vorbild längst emanzipiert haben), oder wir nehmen noch ein paar kosmetische Änderungen vor, setzen hier einen Schornstein auf, arbeiten dort am Verputz. Idealerweise erkennen wir das Vorbild, an das wir uns noch dunkel erinnern, aber es ist doch eindeutig und unverkennbar unser Hände Werk. Stolz übergeben wir dem Auftraggeber die Schlüssel, stehen der Lokalpresse für ein Photo zur Verfügung und hoffen inständig, dass niemand jemals das Vorbild mit unser Fälschung vergleicht und unsere vielen Schludereien aufdeckt.

Verlassen wir die Welt der Metapher, bevor wir uns von ihr verschleppen lassen. Auf Folgendes will ich hinaus: Der Übersetzer ist in großem Maße selbst ein Autor, der seine eigenen Mittel so kunstvoll beherrschen muss wie der Autor, oder vielleicht besser gesagt wie ein Plagiator. Inzwischen käme mir der Gedanke, zur Übung einmal ein deutsches Buch ins Deutsche zu übersetzen, überhaupt nicht mehr so lächerlich vor, wie er vielleicht klingen mag. Die verschiedenen Sprachen sind nur eines – und oft nicht das größte – der Hindernisse, mit denen man beim Übersetzen zu tun hat.

Klar geworden ist mir all dies, als Peter – inzwischen heil und sicher auf Oasis/Oasia gelandet – nach einem Nickerchen und ein bisschen Selbstfindung in seiner Unterkunft die erste der existenziellen Fremdheitserfahrungen macht, die fortan die Handlung vorantreiben und das Buch im Inneren zusammenhalten. Es ist gewissermaßen ein Spiel mit dem künstlerischen Topos der Fremdheit und Sehnsucht, eine Hommage an die Kulturgeschichte: ein Blick aus dem Fenster, mit dem Rücken zu uns. Es regnet.

„The rain wasn’t falling in straight lines, it was … dancing! Could one say that about rainfall? Water had no intelligence. And yet, this rainfall swept from side to side, hundreds of thousands of silvery lines all describing the same elegant arcs. […] The air here seemed calm, and the rain’s motion was graceful, a leisurely sweeping from one side of the sky to the other.“

„Der Regen fiel nicht gerade herunter, er … tanzte! Konnte man das über Regen überhaupt sagen? Wasser hatte keine Intelligenz. Und doch waberte dieser Regen hin und her, in hunderttausenden silbrigen Linien, die alle zusammen elegante Bögen beschrieben. […] Die Luft schien ruhig zu sein, und die Bewegung des Regens war anmutig, ein gemächliches Wogen von einer Himmelsseite zur anderen.“

Vielleicht, liebe Leserinnen und Leser, erscheint Ihnen diese Passage gar nicht so vertrackt wie anderes, was wir an dieser Stelle schon auseinandergenommen und wieder zusammengesetzt haben. Der buchstäblich himmelweite Unterschied besteht aber für mich darin, dass wir – ebenso wie Peter („Could one say that about rainfall?“) – den Bereich der Erfahrung und im gewissen Sinne auch unserer vertrauten Sprache verlassen haben.

Bisher konnte ich, wenn ich mir eines Ausdrucks oder Begriffs nicht sicher war, googeln, nachrecherchieren und mir selber ein Bild machen. Dies ist durchaus wörtlich zu nehmen: Neben den üblichen Wörterbüchern und dem zuweilen sehr hilfreichen www.linguee.de ist die Google-Bildersuche mein liebstes Hilfsmittel. Wenn Peter zum Beispiel kurz darauf in einer Nachricht an seine Frau den soeben beschriebenen Regen mit „bead curtains“ vergleicht, dann kann ich bei Google flugs einige Bilder ansehen –

beadcurtains

– und weiß mit viel größerer Gewissheit als aus jedem Wörterbuch, dass er so etwas wie einen Faden- oder Schnurvorhang meint. Dann kann ich mich selbst auf die Suche nach einem deutschen Ausdruck dafür begeben.

Oder, wenn eine Figur wie BG, die im Mittelpunkt des letzten Beitrags stand, einen individuellen Slang spricht, dann kann ich ihn zwar vielleicht nicht direkt ins Deutsche übersetzen, aber mir doch mittels ein paar Interviews einen vergleichbaren Sound aneignen und dem deutschen BG verleihen.

Ein (für Peter) kleiner Schritt hinaus in die oasische Luft und Landschaft verändert jedoch alles. Nun befinden wir uns – ebenso wie alle Leser, ebenso wie Peter selber – ganz und gar im Kopf des Autors und können einzig und allein mit dem arbeiten, was er uns an Anhaltspunkten zur Verfügung stellt.

„The rain had stopped now, but the atmosphere still seemed substantially composed of water. If he closed his eyes, he could almost imagine he’d waded into a warm swimming pool. The air lapped against his cheeks, tickled his ears, flowed over his lips and hands. It penetrated his clothing, breathing into the collar of his shirt and down his backbone, making his shoulderblades and chest dewy, making his shirtcuffs adhere to his wrists. The warmth – it was extreme warmth rather than heat – caused his skin to prickle with sweat, making him intimately aware of his armpit hair, the clefts of his groin, the shapes of his toes inside their humid footwear.“

An dieser Stelle versagen nun alle unsere Hilfsmittel, wir sind so überfordert, wie ein Baumeister, der bisher Baumhäuser konstruierte und nun ein steinernes Denkmal errichten soll. „Schlug“ die Luft gegen seine Wangen, „umschmeichelte“ sie es, „brandete“ sie dagegen? Wir haben nur das englische Wort „to lap“, das all dies bedeuten könnte, und anders als in anderen Fällen haben wir keine Enzyklopädien, die uns das Verhalten dieser oasischen Luft beschreiben könnten, wir können nicht eben hinfahren, und es gibt auch keine Erfahrungsberichte auf Youtube, die uns ein genaueres Bild davon machen könnten. Wir haben nur die Sprache des Autors.

Was soll die Formulierung „[the air was] breathing into his collar“? „To breathe“ heißt „atmen“, aber Luft kann doch nicht „in einen Kragen hineinatmen“, oder etwa doch? Und so weiter. Hier ist mein Übersetzungsvorschlag:

„Der Regen hatte jetzt aufgehört, aber die Atmosphäre schien noch immer zum Großteil aus Wasser zu bestehen. Wenn er seine Augen schloss, kam es ihm fast vor, als wate er durch ein warmes Schwimmbecken. Die Luft schlug gegen seine Wangen, kitzelte seine Ohren, umspülte seine Lippen und Hände. Sie drang in seine Kleidung ein, suppte in seinen Hemdkragen ein und lief ihm den Rücken hinunter, sodass seine Schulterblätter und Brust feucht wurden und seine Hemdsärmel an den Handgelenken klebten. Die Wärme – es war extreme Wärme, keine Hitze – trieb ihm kribbelnd den Schweiß aus den Poren, was ihn seine Achselbehaarung, seinen Intimbereich, die Form seiner Zehen in den durchnässten Schuhen deutlich spüren ließ.“

Grundsätzlich habe ich auf die zu einhundert Prozent exakte Wiedergabe jedes Wortes verzichtet und vielmehr deutsche Vokabeln gesucht, die das – Achtung, absolut blödsinniger Angeberneologismus – Biaggregate (halb gasförmig, halb flüssig, mit anderen Worten schwül, diesig, triefend) dieser Atmosphäre zum Ausdruck bringen. Daher zum Beispiel „einsuppen“, was sicher nicht genau das trifft, was mit „to breathe“ an der gleichen Stelle gemeint ist, mir aber dennoch nah genug am beschriebenen Verhalten der Atmosphäre zu liegen schien und außerdem ein wunderbares deutsches Wort ist, das man meiner Ansicht nach verwenden sollte, wenn sich eine Gelegenheit wie diese schon bietet.

Die Science Fiction hat, ebenso wie die Science, der sie nacheifert, viele Töchter. Nach dem kurzen Intermezzo der Medicine Fiction (Betäubungsmittelinjektion) im zweiten und der recht klassischen und leicht übersetzbaren Teilen der Physics Fiction (Raketen, Antriebstechnik, Astronomie) im dritten Kapitel erweist sich nun im vierten Kapitel die Übersetzung der Meteorology Fiction (Regen, Atmosphäre) als ein deutlich schlüpfrigeres Unterfangen.

Einen seltsames Medikament hat sich wohl jeder schon vorgestellt, man hat ja sowieso keine Ahnung – und will sie wohl auch nicht genau haben – was einem die Ärztin bei der Grippeimpfung da so einspritzt. Und Raumschiffe voller Menschen oder Aliens sind unserer Vorstellung auch nicht fremd. Aber wer hat wirklich schon einmal darüber nachgedacht, ob der Regen auf einem fremden Planeten vielleicht ganz anders fallen könnte als bei uns? Dort, wo die Übersetzung an ihre Grenzen stößt, vielleicht zeigt sich genau dort die alle Vorstellungen sprengende Kraft der Literatur.

Über Übersetzen (III)

3. Kapitel – Als Übersetzer, dünkt mir, ist man wohl nie fertig

Ungewohnte Töne wecken Peter aus dem Schlummer, in den ihn zum Ende des zweiten Kapitels die USIC-Krankenschwester gejagt hat:

‘Man, man, man.’ A deep, rueful, voice from the formless void. ‘That shit is one bad, bad motherfucker.’
‘Mind your language, BG. We got a religious person here with us.’
‘Well, ain’t that a lick on the dick. Gimme a hand outta this coffin, man.’

Die rauhen Gesellen, die ihn da aus der Umnachtung reißen, bestätigen seinen verwirrten, nach und nach erwachenden Sinnen (und Lesern), dass es geschafft ist: Er hat die Reise überlebt. Im Verlauf des Kapitels erfahren wir endlich, worauf er sich da eingelassen hat: Er war für einen ganzen Monat bewusstlos und wurde in der Zwischenzeit mittels hypermoderner Raumfahrttechnologie in einen weit entfernten Winkel des Universums katapultiert, in der Tat so weit, dass sie ihn mit Treibstoff und althergebrachter Navigationstechnik nie hätten erreichen können.

The ship had not yet begun the piloted phase of its journey; it had merely been catapulted through time and space by the physics-defying technology of the Jump. Now they were spinning aimlessly, somewhere in the general vicinity of where they needed to be, a ship in the shape of a swollen tick: big belly of fuel, tiny head.

Das Raumschiff war noch nicht in die gesteuerte Flugphase eingetreten; die Technik des Großen Sprungs hatte sie, allen Gesetzen der Physik trotzend, einfach durch Raum und Zeit katapultiert. Jetzt trudelten sie ziellos irgendwo in der ungefähren Zielgegend herum, ein Schiff wie eine geschwollene Zecke: großer Bauch voll Treibstoff, winziger Kopf.

Im Buch heißt diese Technik, wie gesehen „the Jump“, stets mit Großbuchstaben, was im Englischen ja schon ausreicht, um einen Fachterminus zu kennzeichnen. Für mich war dieser Begriff Anlass, eine gesonderte Datei anzulegen, in der ich seitdem zentrale Begriffe des Romans notiere, wenn ich nicht sicher bin, welche Übersetzung in Anbetracht aller ihrer Vorkommen die geeignetste sein wird.

Im Moment steht dort als Arbeitsübersetzung für „the Jump“: „der Große Sprung“. „Der Sprung“ schied für mich aus, da ja auch im Deutschen ersichtlich werden sollte, dass es nicht um irgendeinen Sprung, sondern um diese eine ganz besondere Zukunftstechnologie gehen soll. Zurzeit stehen in meiner Tabelle auch folgende weitere Möglichkeiten: „der Weite Sprung“, „der Hops“, „der HOPS“.

Ein anderes Beispiel in meiner Datei ist das Ziel, das Peter und seine drei Mitreisenden in ihrem Raumschiff ansteuern und das wir im dritten Kapitel endlich ein bisschen näher kennen lernen: Der Planet, den sie erreichen wollen, heißt „Oasis“ und USIC hat dort eine Art Raumstation aufgebaut. Peters Job, bisher so dunkel, weil es der personale Erzähler es nicht für nötig erachtete, uns mitzuteilen, was eigentlich los war, wird darin bestehen, die Außerirdischen, die auf diesem Planeten leben, zu missionieren. Deshalb die langatmige Verabschiedungsszene im ersten Kapitel, deshalb die aufwendigen, im zweiten Kapitel geschilderten Auswahlgespräche.

„Oasis“ also. Ein weiterer Name, ein weiteres Problem. Im Englischen ist „Oasis“ ja ganz einfach das Wort für „Oase“. Eine direkte Übersetzung auf rein deskriptiver Ebene wäre also sogar möglich. Mehrere Gründe sprechen allerdings gegen eine solche oberflächliche Lösung. Man nehme nur mal den folgenden Satz:

Once he got to Oasis, there would be facilities for sending a message to Beatrice.

Wie sollte eine sinnvolle Übersetzung dafür mit „Oase“ lauten? Etwa so:

Wenn er erstmal in Oase war, würde es möglich sein, Beatrice eine Nachricht zu schicken.

Oder gar so:

Wenn er erstmal in der Oase war, würde es möglich sein, Beatrice eine Nachricht zu schicken.

Beides klingt – anders als das englische Original – arg gekünstelt. Eine Alternative wäre also, das Wort als Namen „Oasis“ ganz unverändert zu lassen. Eine Freundin, die die ersten Kapitel lektorierte, favorisierte diese Version mit dem sehr validen Argument, in „Oasis“ klinge ja – doch sicher vom Autor intendiert!? – das mythische „Atlantis“ an.

Meine Arbeitsübersetzung war lange Zeit dennoch eine andere Variante, die zugegebenermaßen auf argumentativ wackligerer Grundlage errichtet war. In Anlehnung an unsere Benennung von Kontinenten machte ich aus dem englischen „Oasis“ zu Deutsch „Oasia“. Mir schien die Endung „-ia“ unserer Sprache zugänglicher – cave genitivum! – und weniger holprig als „-is“, zugleich aber auch phantastischer als das schnöde „-ien“. („Oasien“ klang mir dann doch zu sehr nach einem Land als nach einem Planeten bzw. einer Raumstation.)

Da meine zweite Lektorin „Oasia“ favorisiert (mit dem ebenfalls validen Argument, „Oasis“ klinge eben viel zu sehr nach einer Stadt und nicht nach einem Planeten), bin ich in dem Moment, in dem ich dies schreibe, hin- und hergerissen. Welche dieser Formulierung am Ende das Rennen macht, wird ohnehin erst zu entscheiden sein, wenn ich alle Vorkommen des Begriffs übersetzt habe. Denn wie immer ist hier der Kontext entscheidend, und bei derart vertrackten Entscheidungen empfiehlt es sich, möglichst viel Kontext aufzubauen, bevor man sich festlegt.

Das eigentliche Übersetzungsproblem bilden im dritten Kapitel ohnehin nicht die Namen und Orte, sondern die neuen Figuren der Geschichte, Peters testosterongetränkte Mitreisende. Was machen wir aus den eingangs zitierten Ausbrüchen des Afroamerikaners BG?

Flüche sind äußerst schwierig zu übersetzen, wie jeder weiß, der sich schon einmal gewundert hat, warum in synchronisierten Serien und Filmen aus Amerika immer plötzlich alles „verfickt“ ist. Das liegt wohl daran (ich erinnere an mein kleines sprachphilosophisches Modell aus der letzten Episode), dass sie gar nicht auf der deskriptiven Ebene funktionieren (das deutsche „Scheiße“ bezeichnet ja nur äußerst selten Exkremente), nur wenig auf expressiver Ebene, und dafür umso mehr auf der performativen Ebene. Wer flucht, sagt eigentlich nichts, sondern tut etwas.

Was folgt aus dieser Analyse für unsere Übersetzung der Eingangspassage? Es kann nicht darum gehen, die Sätze BGs Wort für Wort zu übersetzen, sonst käme folgende Lächerlichkeit dabei heraus:

„Mann, Mann, Mann.“ Eine tiefe, klägliche Stimme aus dem ungeformten Nichts. „Diese Scheiße ist ein schlimmer, schlimmer Mutterficker.“
„Pass auf, was du sagst, BG. Wir haben einen Prediger dabei.“
„Gut, ist das kein Gelutsche am Schwanz. Reich mir eine Hand aus diesem Sarg, Mann.“

Wer es besser machen will, also weniger lächerlich, kommt um einen kleinen Umweg nicht herum. Es geht darum, einen Deutsch sprechenden BG mit eigener Ausdrucksweise zu erfinden. Der deutsche BG muss nicht immer – deskriptiv – genau das gleiche sagen wie der englische, aber es muss – expressiv und vor allem performativ – genauso klingen, genau das gleiche tun.

Woher also käme ein deutschsprachiger BG? Diese Frage habe ich mir vor, während und nach dem Übersetzen immer wieder gestellt und glaube, ihm in der deutschen Rapszene näher gekommen zu sein. Das „expelling bravado“ („Schaumschlägerei“?) von Peters Mitreisenden kommt dem, was man zum Beispiel hier beobachten kann, recht nahe, denke ich:

Der (auch nur ausschnittsweise) Konsum derartiger Videos – dem Wortschatz übrigens bemerkenswert und überraschend zuträglich! – liefert keine direkten Antworten darauf, ob ein „Bro“ zu Deutsch jetzt ein „Bruder“, ein „Kumpel“ oder einfach ein „Bro“ ist, oder wie genau BGs antirassistisches Plädoyer („White pussy, black pussy, it’s all good.“) authentisch ins Deutsche zu bringen ist, aber Alter, wenn man sich genug solcher Videos reinzieht, adaptet man irgendwann einfach – dies, das – an den Slang und beginnt langsam, sich einen deutschen BG vorstellen zu können.

Nach intensivem linguistischem Selbststudium ist mein Vorschlag (Stand heute) also der Folgende:

„Mann, Mann, Mann.“ Eine tiefe, klägliche Stimme aus dem ungeformten Nichts. „Was für ein fetter, ab-ge-fuck-ter Scheißdreck.“
„Pass auf, was du sagst, BG. Wir haben einen Prediger dabei.“
„Alter, leck mich am Arsch. Hol mich aus dem Sarg hier raus, Mann.“

Kein Kapitel werde ich wohl noch so oft wieder und wieder lesen müssen wie das dritte, nach und nach von den Stelzen meines Übersetzungsbaumhäuschens herunter und auf die dreckige Straße der Realität bringen müssen. Es wird vielleicht – kleiner Spoiler: BG und Co. verschluckt nach der Landung in Oasis/Oasia nicht das Weltall, sie tauchen auch noch in weiteren Kapiteln auf – noch einige Stunden des Konsums von Hiphop.de bedürfen, bis sich auch alle Figuren des Romans wie echte Menschen anhören und nicht wie Wiedergänger aus einer anderen Sprache. Schon am heutigen Tag habe ich keines der bisher übersetzten Kapitel öfter redigiert als dieses und trotzdem steht es – BG sei Dank – auf der Liste der Kapitel, die ich „aber unbedingt nochmal anschauen muss, denn so kann man es ja wirklich noch nicht vorzeigen“ ganz oben.

Die Große Erkenntnis des dritten Kapitels war für mich, wie viel Arbeit die Übersetzung noch machen wird, wenn dereinst die letzte Seite niedergeschrieben ist. Sollten eines fernen Tages wirklich 600 übersetzte Seiten vor mir liegen, werden ebenso wie die Fachbegriffe des Buches auch die Figurenreden (und ebenso die Erzählerrede) vereinheitlicht und auf einen Stand gebracht werden müssen, der auch in meiner Version des Book of Strange New Things klar identifizierbare, glaubwürdige Figuren herausbildet. Der Lesedurchgang, der dann ansteht, könnte gut und gerne noch einmal genauso viel Zeit beanspruchen wie die Rohübersetzung selbst. Als Übersetzer, dünkt mir, ist man wohl nie fertig.