Über Übersetzen (III)

3. Kapitel – Als Übersetzer, dünkt mir, ist man wohl nie fertig

Ungewohnte Töne wecken Peter aus dem Schlummer, in den ihn zum Ende des zweiten Kapitels die USIC-Krankenschwester gejagt hat:

‘Man, man, man.’ A deep, rueful, voice from the formless void. ‘That shit is one bad, bad motherfucker.’
‘Mind your language, BG. We got a religious person here with us.’
‘Well, ain’t that a lick on the dick. Gimme a hand outta this coffin, man.’

Die rauhen Gesellen, die ihn da aus der Umnachtung reißen, bestätigen seinen verwirrten, nach und nach erwachenden Sinnen (und Lesern), dass es geschafft ist: Er hat die Reise überlebt. Im Verlauf des Kapitels erfahren wir endlich, worauf er sich da eingelassen hat: Er war für einen ganzen Monat bewusstlos und wurde in der Zwischenzeit mittels hypermoderner Raumfahrttechnologie in einen weit entfernten Winkel des Universums katapultiert, in der Tat so weit, dass sie ihn mit Treibstoff und althergebrachter Navigationstechnik nie hätten erreichen können.

The ship had not yet begun the piloted phase of its journey; it had merely been catapulted through time and space by the physics-defying technology of the Jump. Now they were spinning aimlessly, somewhere in the general vicinity of where they needed to be, a ship in the shape of a swollen tick: big belly of fuel, tiny head.

Das Raumschiff war noch nicht in die gesteuerte Flugphase eingetreten; die Technik des Großen Sprungs hatte sie, allen Gesetzen der Physik trotzend, einfach durch Raum und Zeit katapultiert. Jetzt trudelten sie ziellos irgendwo in der ungefähren Zielgegend herum, ein Schiff wie eine geschwollene Zecke: großer Bauch voll Treibstoff, winziger Kopf.

Im Buch heißt diese Technik, wie gesehen „the Jump“, stets mit Großbuchstaben, was im Englischen ja schon ausreicht, um einen Fachterminus zu kennzeichnen. Für mich war dieser Begriff Anlass, eine gesonderte Datei anzulegen, in der ich seitdem zentrale Begriffe des Romans notiere, wenn ich nicht sicher bin, welche Übersetzung in Anbetracht aller ihrer Vorkommen die geeignetste sein wird.

Im Moment steht dort als Arbeitsübersetzung für „the Jump“: „der Große Sprung“. „Der Sprung“ schied für mich aus, da ja auch im Deutschen ersichtlich werden sollte, dass es nicht um irgendeinen Sprung, sondern um diese eine ganz besondere Zukunftstechnologie gehen soll. Zurzeit stehen in meiner Tabelle auch folgende weitere Möglichkeiten: „der Weite Sprung“, „der Hops“, „der HOPS“.

Ein anderes Beispiel in meiner Datei ist das Ziel, das Peter und seine drei Mitreisenden in ihrem Raumschiff ansteuern und das wir im dritten Kapitel endlich ein bisschen näher kennen lernen: Der Planet, den sie erreichen wollen, heißt „Oasis“ und USIC hat dort eine Art Raumstation aufgebaut. Peters Job, bisher so dunkel, weil es der personale Erzähler es nicht für nötig erachtete, uns mitzuteilen, was eigentlich los war, wird darin bestehen, die Außerirdischen, die auf diesem Planeten leben, zu missionieren. Deshalb die langatmige Verabschiedungsszene im ersten Kapitel, deshalb die aufwendigen, im zweiten Kapitel geschilderten Auswahlgespräche.

„Oasis“ also. Ein weiterer Name, ein weiteres Problem. Im Englischen ist „Oasis“ ja ganz einfach das Wort für „Oase“. Eine direkte Übersetzung auf rein deskriptiver Ebene wäre also sogar möglich. Mehrere Gründe sprechen allerdings gegen eine solche oberflächliche Lösung. Man nehme nur mal den folgenden Satz:

Once he got to Oasis, there would be facilities for sending a message to Beatrice.

Wie sollte eine sinnvolle Übersetzung dafür mit „Oase“ lauten? Etwa so:

Wenn er erstmal in Oase war, würde es möglich sein, Beatrice eine Nachricht zu schicken.

Oder gar so:

Wenn er erstmal in der Oase war, würde es möglich sein, Beatrice eine Nachricht zu schicken.

Beides klingt – anders als das englische Original – arg gekünstelt. Eine Alternative wäre also, das Wort als Namen „Oasis“ ganz unverändert zu lassen. Eine Freundin, die die ersten Kapitel lektorierte, favorisierte diese Version mit dem sehr validen Argument, in „Oasis“ klinge ja – doch sicher vom Autor intendiert!? – das mythische „Atlantis“ an.

Meine Arbeitsübersetzung war lange Zeit dennoch eine andere Variante, die zugegebenermaßen auf argumentativ wackligerer Grundlage errichtet war. In Anlehnung an unsere Benennung von Kontinenten machte ich aus dem englischen „Oasis“ zu Deutsch „Oasia“. Mir schien die Endung „-ia“ unserer Sprache zugänglicher – cave genitivum! – und weniger holprig als „-is“, zugleich aber auch phantastischer als das schnöde „-ien“. („Oasien“ klang mir dann doch zu sehr nach einem Land als nach einem Planeten bzw. einer Raumstation.)

Da meine zweite Lektorin „Oasia“ favorisiert (mit dem ebenfalls validen Argument, „Oasis“ klinge eben viel zu sehr nach einer Stadt und nicht nach einem Planeten), bin ich in dem Moment, in dem ich dies schreibe, hin- und hergerissen. Welche dieser Formulierung am Ende das Rennen macht, wird ohnehin erst zu entscheiden sein, wenn ich alle Vorkommen des Begriffs übersetzt habe. Denn wie immer ist hier der Kontext entscheidend, und bei derart vertrackten Entscheidungen empfiehlt es sich, möglichst viel Kontext aufzubauen, bevor man sich festlegt.

Das eigentliche Übersetzungsproblem bilden im dritten Kapitel ohnehin nicht die Namen und Orte, sondern die neuen Figuren der Geschichte, Peters testosterongetränkte Mitreisende. Was machen wir aus den eingangs zitierten Ausbrüchen des Afroamerikaners BG?

Flüche sind äußerst schwierig zu übersetzen, wie jeder weiß, der sich schon einmal gewundert hat, warum in synchronisierten Serien und Filmen aus Amerika immer plötzlich alles „verfickt“ ist. Das liegt wohl daran (ich erinnere an mein kleines sprachphilosophisches Modell aus der letzten Episode), dass sie gar nicht auf der deskriptiven Ebene funktionieren (das deutsche „Scheiße“ bezeichnet ja nur äußerst selten Exkremente), nur wenig auf expressiver Ebene, und dafür umso mehr auf der performativen Ebene. Wer flucht, sagt eigentlich nichts, sondern tut etwas.

Was folgt aus dieser Analyse für unsere Übersetzung der Eingangspassage? Es kann nicht darum gehen, die Sätze BGs Wort für Wort zu übersetzen, sonst käme folgende Lächerlichkeit dabei heraus:

„Mann, Mann, Mann.“ Eine tiefe, klägliche Stimme aus dem ungeformten Nichts. „Diese Scheiße ist ein schlimmer, schlimmer Mutterficker.“
„Pass auf, was du sagst, BG. Wir haben einen Prediger dabei.“
„Gut, ist das kein Gelutsche am Schwanz. Reich mir eine Hand aus diesem Sarg, Mann.“

Wer es besser machen will, also weniger lächerlich, kommt um einen kleinen Umweg nicht herum. Es geht darum, einen Deutsch sprechenden BG mit eigener Ausdrucksweise zu erfinden. Der deutsche BG muss nicht immer – deskriptiv – genau das gleiche sagen wie der englische, aber es muss – expressiv und vor allem performativ – genauso klingen, genau das gleiche tun.

Woher also käme ein deutschsprachiger BG? Diese Frage habe ich mir vor, während und nach dem Übersetzen immer wieder gestellt und glaube, ihm in der deutschen Rapszene näher gekommen zu sein. Das „expelling bravado“ („Schaumschlägerei“?) von Peters Mitreisenden kommt dem, was man zum Beispiel hier beobachten kann, recht nahe, denke ich:

Der (auch nur ausschnittsweise) Konsum derartiger Videos – dem Wortschatz übrigens bemerkenswert und überraschend zuträglich! – liefert keine direkten Antworten darauf, ob ein „Bro“ zu Deutsch jetzt ein „Bruder“, ein „Kumpel“ oder einfach ein „Bro“ ist, oder wie genau BGs antirassistisches Plädoyer („White pussy, black pussy, it’s all good.“) authentisch ins Deutsche zu bringen ist, aber Alter, wenn man sich genug solcher Videos reinzieht, adaptet man irgendwann einfach – dies, das – an den Slang und beginnt langsam, sich einen deutschen BG vorstellen zu können.

Nach intensivem linguistischem Selbststudium ist mein Vorschlag (Stand heute) also der Folgende:

„Mann, Mann, Mann.“ Eine tiefe, klägliche Stimme aus dem ungeformten Nichts. „Was für ein fetter, ab-ge-fuck-ter Scheißdreck.“
„Pass auf, was du sagst, BG. Wir haben einen Prediger dabei.“
„Alter, leck mich am Arsch. Hol mich aus dem Sarg hier raus, Mann.“

Kein Kapitel werde ich wohl noch so oft wieder und wieder lesen müssen wie das dritte, nach und nach von den Stelzen meines Übersetzungsbaumhäuschens herunter und auf die dreckige Straße der Realität bringen müssen. Es wird vielleicht – kleiner Spoiler: BG und Co. verschluckt nach der Landung in Oasis/Oasia nicht das Weltall, sie tauchen auch noch in weiteren Kapiteln auf – noch einige Stunden des Konsums von Hiphop.de bedürfen, bis sich auch alle Figuren des Romans wie echte Menschen anhören und nicht wie Wiedergänger aus einer anderen Sprache. Schon am heutigen Tag habe ich keines der bisher übersetzten Kapitel öfter redigiert als dieses und trotzdem steht es – BG sei Dank – auf der Liste der Kapitel, die ich „aber unbedingt nochmal anschauen muss, denn so kann man es ja wirklich noch nicht vorzeigen“ ganz oben.

Die Große Erkenntnis des dritten Kapitels war für mich, wie viel Arbeit die Übersetzung noch machen wird, wenn dereinst die letzte Seite niedergeschrieben ist. Sollten eines fernen Tages wirklich 600 übersetzte Seiten vor mir liegen, werden ebenso wie die Fachbegriffe des Buches auch die Figurenreden (und ebenso die Erzählerrede) vereinheitlicht und auf einen Stand gebracht werden müssen, der auch in meiner Version des Book of Strange New Things klar identifizierbare, glaubwürdige Figuren herausbildet. Der Lesedurchgang, der dann ansteht, könnte gut und gerne noch einmal genauso viel Zeit beanspruchen wie die Rohübersetzung selbst. Als Übersetzer, dünkt mir, ist man wohl nie fertig.

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Ein Gedanke zu “Über Übersetzen (III)

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