Weihnacht

Emilia Pardo Bazán 1896, Ü Felix Pütter 2017

Dies ist eine Geschichte aus dem 16. Jahrhundert, aus einer jener italienischen Städte, die von einem Tyrannen beherrscht wurden. Nennen wir sie, wenn ihr einen Namen verlangt, Montenero, und den Tyrannen Orso Amadei.

Orso war ein Mann seiner Zeit: wild, herzlos, verlogen im Groll, unerbittlich in der Rache. Als mutiger Kämpfer, unübertroffener Gönner und feinsinniger Kunstfreund richtete er, ähnlich den Medicis, zu Ehren von Malern und Dichtern Palastfeste aus und empfing in seinem Privatgemach die zwielichtigen Alchemisten jener Zeit, die sich – versuchten sie nicht gerade, Gold herzustellen – vortrefflich auf die Destillation wirksamer Gifte verstanden.

Geriet ein Edelmann in Orsos Weg, dann ließ er ihn zu sich bringen, schwor ihm Freundschaft, teilte beim Abendmahl – ein schrecklicher Frevel! – seine Hostie mit ihm, ließ ihn an seinem Tisch sitzen … und noch während des Banketts erhob sich der Gast mit verdrehten Augen und Schaum vor dem Mund, nur um wieder und wieder vor Schmerzen zurück in den Stuhl zu fallen … und der Gastgeber ergriff mit geheuchelter Hilfsbereitschaft seine Hand, um sicherzugehen, dass ihm das Eis des Todes schon durch die Adern rann.

Einfache Leute kamen nicht in den Genuss derartiger Zeremonien: sie ließ er pfählen oder im Kerker verschmachten.

Orso war zweifacher Witwer: seine erste Frau hatte er erdolcht, aus Eifersucht; die zweite – die einzige, die er liebte – wurde von Landolfo dei Fiori, dem Bruder der ersten, aus Rache ermordet. Jene hatte keine Nachkommen hinterlassen, diese hingegen schon, ein Mädchen und zwei Jungen. Die Jungen kamen in einem nie aufgeklärten Scharmützel ums Leben, einem Hinterhalt, den womöglich ebenjener Landolfo gelegt hatte, und so war es an der kleinen Lucia, die verfluchte Familie der Amadei fortzuführen.

Der Vater war schon auf der Suche nach einer guten Partie für Lucia, als sie entschied, dass sie ins Kloster gehen wolle. Das brachte Orso zum Verzweifeln, denn auf seine eigentümliche Weise war er vernarrt in diesen letzten Spross seines Geschlechts; allein, es half nichts; der Wille Lucias setzte sich durch und das Mädchen trat in ein Dominikanerkloster ein, in dem schon jene Katharina, genannt Eufrosina, aufgeblüht war, der alle Welt heute als Heilige Katharina von Siena huldigt.

Das zarte Alter, die liebliche Schönheit und die erlauchte Abstammung der Tyrannentochter trugen ihr Übriges zum allgemeinen Erstaunen über ihre Sühne bei. In einer Zeit, die sich schon von der Kirche abwandte, kehrte sie zu den harten Sühnebräuchen frommerer Zeiten zurück.

Sie ernährte sich von einer Handvoll gekochter Kräuter; sie schlief auf zwei Säcken ohne Stroh; sie trug einen groben zilizianischen Überwurf, der die zarte Haut reizte; und wenn sie in einer Januarnacht zum Gebet aufstand, nach einer Stunde Ruhe auf feuchten Steinen, die ihr alle Knochen brachen, konnte sie vor Schwäche kaum stehen und verwechselte die Gebetsworte im Munde.

Denn Lucia, die nun einmal von den Amadeis abstammte, war nicht zu Buße und Leid geboren, sondern dazu, die Freuden des Lebens auszukosten, sich am lieblichen Klang der Mandoline zu erfreuen, am wohlklingenden Rhythmus der Stanzen der Dichter, am Zauber der Farben, an der geheimnisvoll-süßen Ruhe der Gärten, wo griechische Statuen in ewiger Schönheit erstrahlten. Nur die Schwere fremder Schuld und der Wunsch, dafür zu büßen, hatten sie, vor Angst und Schrecken zitternd, zu Füßen der Altäre gezerrt, wo ihr die Erinnerungen an die Welt und ihre Freuden unentwegt im Gedächtnis herumgingen.

Wie schon Katharina von Siena wurde sie mehr als einmal von unzüchtigen Versuchungen und höhnischen Trugbildern heimgesucht; aber fest ans Kreuz geklammert, widerstand sie heldenhaft; sie heulte, sie zerkratzte sich das Fleisch und endlich senkte sich siegreich Friede über ihren Geist­. Auf die Ohnmacht folgte unerklärliche Entzückung und Süße, und Lucia fühlte sich getröstet.

Bald war Weihnachten, der Jahrestag ihres Gelübdes. Der Heilige Abend kam, und mit ihm ein Schneegestöber; aber je schwerer das weiße Leichentuch auf dem Klostergarten lastete, desto wärmer wurde es Lucia in ihrer Einzelzelle; dank einer wunderbaren Illusion war es ihr, ­als rieselten draußen vor den Bleifenstern nicht Schneeflocken auf die Zweige der Bäume und den harten Erdboden, sondern Abertausende reine Lilienblüten, fein wie Federn aus Engelsflügeln.

Alles war mit Lilien bedeckt, und die Helligkeit, die der weiße Garten verströmte, erleuchtete die Zelle mit Mondenstrahlen, greller und strahlender noch als Silber. Plötzlich erblickte Lucia ein entzückendes Kind, eingehüllt in Wellen sanften Lichts; ein lächelndes Wesen mit ausgestreckten Ärmchen, die die Nonne in Entzückung versetzten, als sie es in Empfang nahm.

„Heute Nacht“, sagte das Kind mit liebevoller Stimme, „will ich dir eine Gunst erweisen, Lucia, und nicht in der Krippe, sondern in dieser Zelle zur Welt zu kommen, in der du mich so oft angerufen hast.“

Lucia blieb für ein paar Augenblicke ungläubig stehen; diese Gunst war außergewöhnlich, und in ihrer Bescheidenheit wähnte sie sich einer solchen nicht würdig. Als sie wieder zu sich gekommen war, faltete sie sogleich die Hände und warf sich flehend vor dem Christkind zu Boden.

„Willst du deine Dienerin glücklich machen, Kind, mein Herzenskind … so gewähre mir, was ich von dir erbitten werde. Ach! Es ist eine große und schwierige Sache, aber wenn du das Unmögliche nicht vollbringen kannst, wer dann? Gedenke all meiner Kämpfe, gedenke meiner Leiden … erbarme dich meiner und komme nicht hier auf die Welt, sondern an einem anderen dunklen, schrecklichen, verlassenen Ort … im Herzen meines Vaters, Orso Amadei.“

Das Christkind streichelte der Büßerin mit seinen kleinen Händchen übers Gesicht und sah sie voll Traurigkeit an.

„Weißt du, worum du da bittest, Lucia? Weißt du, dass dieses Herz, in dem ich nach deinem Willen das Licht der Welt erblicken soll, noch härter ist als Stein, noch blutiger als ein Schafott, noch übler als ein Grab? Weißt du, dass ich, um dort einzudringen, mit meinem nackten Körper Dornen, Kletten und giftige Pflanzen durchqueren muss, während sich Schlangen um meinen Hals winden und mir eisige Reptilien die Beine hochklettern? Ja, verloren habe ich mein Leben auf niederträchtigste Weise; aber für meine Geburt suchte ich einen warmen, weichen, liebevollen Ort; ins Leben kam ich unter einfachen Hirten, nicht unter blutrünstigen Wölfen! Doch ich will nicht viele Worte machen, Lucia, und dir, die du deinen Kampf für mich schon ausgefochten hast, deinen Wunsch nicht versagen … Heute Nacht wird mir das Herz jener Bestie, deines Vaters, zum Stall zu Bethlehem werden!“

Als Lucia das Versprechen des Kindes hörte, überwältigte sie ein plötzlicher Wonneschauer. Sie fiel reglos auf den Steinboden. Das Licht, die Erscheinung, der Lilienduft, alles verschwand, und vor den Bleifenstern sah man nur noch den Garten in seinem Totenhemd aus Schnee.

Zu derselben Stunde feierte Orso Amadei in seinem Palast ein Fest; nein, nicht „Fest“ sollte man sagen, sondern „Orgie“. Dies war keines jener Festmähler, bei denen Aphorismen und Anekdoten die Stunden verfliegen ließen, keines, bei dem die Anwesenheit von Damen zur Galanterie anhielt und die Rohheit der Männer im Zaum hielt. Solcher Festmähler hatte Orso viele gegeben; ihm sagten jedoch auch jene anderen, zügellosen Gelage zu, an denen nur seine zwielichtigen Hauptmänner, Strolche und Handlanger teilnahmen, unverschämtes und perverses Volk.

Wenn sich unter ihnen doch eine Frau fand, dann war es die arme Gauklerin, die sie auf dem Marktplatz überrascht hatten und die am nächsten Tag, nachdem sie sich von den Abendgästen hatte erniedrigen lassen müssen, in irgendeiner Gosse wieder auftauchte, am ganzen Körper blau, halb tot. In jener Nacht hatte Ridolfi, einer der Hauptmänner Orsos, eine noch bessere Beute angekündigt: ihm war soeben ein wunderschönes junges Mädchen in die Hände gefallen – wer so spät noch draußen herumstreunte, der dürfe sich nicht wundern! Diese Verlautbarung sorgte für einige Unruhe in der Gemeinde der Säufer; Orso befahl mit schallendem Gelächter, das Mädchen hereinzubringen. Gestoßen von den Soldaten kam sie herein, sie zitterte, ihr blondes Haar war zerzaust, und die Männer waren außer sich, als sie vor sie trat, denn sie war in der Tat von anmutigster Schönheit.

Orsos schamloser Blick durchbohrte sie; er streckte die Hand aus, strich ihr durch die goldenen Locken … und erstaunt fuhr er zurück; in diesem schutzlosen Mädchen, das ihm da gegenüberstand, wehrlos allen Misshandlungen ausgeliefert, erkannte er das Gesicht seiner Tochter Lucia, die gleichen Züge, die Wangen, die Stirn vor Scham errötet.

„Lasst diese Frau frei“, rief Orso. „Man gebe ihr Ehrengeleit bis zu ihrem Haus. Niemand füge ihr Schaden zu … Wehe dem, der ihr auch nur ein Haar krümmt! Man behandle sie wie mich selbst …“

Die Trunkenbolde, ganz verdutzt, gehorchten verständnislos. Das Fest wurde fortgesetzt; aber Orso rührte seinen Kelch nicht mehr an. Ridolfi wollte ihn aufheitern und gab ein Zeichen, das unverzüglich verstanden wurde und auf das hin man wenige Minuten später einen dem Verhungern nahen Gefangenen in den Festsaal brachte. Es war Brauch und Belustigung unter Orsos Mannen, einen solchen, dem man schon Tage zuvor die Nahrung versagt hatte, aus dem Kerker zu holen, ihn an den Tisch zu setzen, ihm feinste Speisen vorzusetzen und ihm diese dann, wenn er ansetzte, sie unter zufriedenem Heulen und Schluchzen hinunterzuschlingen, vor dem Mund wegzuziehen und dort stattdessen das brennend heiße Wachs jener Kerzen hineinzugießen, die die Orgie erleuchteten.

Der heutige Gefangene war jung, und Orso hielt ihm höhnisch eine dampfende Bratenplatte und ein Glas Lacrima entgegen; als er ihn aber von Nahem sah, stieß er eine Verwünschung aus. Die Augen im ausgemergelten Märtyrergesicht des Jünglings, die sich mit schmerzlichem Flehen an ihn hefteten, der Mund, der ihm dankte, waren der Mund und die Augen Lucias, ihr eigentümlicher Blick, den der Vater nicht verleugnen konnte, ein Blick von zärtlichem Glanz, Licht der Seele, auf der Suche nach seinesgleichen.

„Bindet ihn los“, befahl Orso. „Aber gebt ihm vorher zu essen, so viel er verlangt. Und schenkt ihm zwei Krüge voll Gold, und Wein, so viel er will … Man behandle ihn wie mich selbst … hört ihr? Wie mich selbst!“

Ridolfi, zähneknirschend, führte den Befehl aus. Fast genau zu dem Zeitpunkt, da der Gefangene den Festsaal verließ, erschien eine alte Frau mit einem Kindchen im Arm. „Hab Erbarmen, großer Herr“, rief sie aus, „hab Erbarmen mit dem Geschöpf vor deinen Augen. Dieser Kleine ist der Sohn deines Schwagers Landolfo dei Fiori, den du verabscheust, und einige Soldaten wollen ihn – angeblich auf deinen Befehl hin – an der Wand zerschmettern. Unmöglich warst du es, der solch grausamen Befehl gab, also stelle ich den Jungen unter deinen Schutz.“ Bei der Erwähnung des verhassten Landolfo erzitterte Orso vor Zorn, zückte seinen Dolch und schickte sich an, dem Kleinen die Kehle durchzuschneiden … aber dieser lächelte ihn ungerührt an, und sein Lächeln war das zauberhafte, unvergessliche Lächeln Lucias, aus jenen Kindertagen, wenn ihr Vater sie liebkoste. So übermannt, fiel Orso auf die Knie und begann unter Schlägen auf die Brust mit lauter Stimme seine Sünden zu bekennen; denn soeben hatte Jesus sein Versprechen eingelöst und war in jenem Herz, düsterer noch als der Höllenschlund, auf die Welt gekommen …

Am nächsten Morgen erreichte Orso die Nachricht, dass seine Tochter genau zur Mitternacht verschieden war.

Der Tyrann band sich einen Strick um den Hals und lief barfuß durch die Straßen der Stadt, um die Bewohner um Vergebung zu bitten, bis er, auf seinen Stock gestützt, langsam entschwand. Man hat nie wieder von ihm gehört. Selig sind die, in deren Herz der Heiland einkehrt!

  

Mit Dank an Susana Mogollón für wertvolle Hinweise.

Original: http://www.cervantesvirtual.com/obra-visor/cuentos-de-navidad-y-reyes–0/html/fee35e90-82b1-11df-acc7-002185ce6064_2.html#I_6_

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