NÜLB 1: Ernest Wichner

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Cătălin Mihuleac: Oxenberg & Bernstein. Aus dem Rumänischen von Ernest Wichner. Paul Zsolnay Verlag 2018. 366 Seiten. https://www.hanser-literaturverlage.de/buch/oxenberg-und-bernstein/978-3-552-05883-5/

Vorbemerkung

NÜLB – dieses Kürzel sorgt jetzt und in den kommenden Wochen dafür, dass die Titel meiner Blogbeiträge nicht zu lang werden. NÜLB steht für: Die Nominierten zum Übersetzerpreis der Leipziger Buchmesse. (Ganz korrekt müsst es heißen: Die Nominierten zum Preis der Leipziger Buchmesse in der Kategorie Übersetzung, aber NPLBidKÜ wäre wirklich nicht mehr lesbar.) Fünf Bücher sind in dieser Kategorie vor eineinhalb Wochen nominiert worden, eines von ihnen wird am 15. März vor den Augen Literaturdeutschlands prämiert.

Als Handreichung für alle, die keine Zeit oder Lust haben, sich in die fünf NÜLBs einzulesen, die aber dennoch an gelehrsamen Diskussionen vor und nach der Preisverleihung teilnehmen wollen, werde ich diese in den kommenden vier Wochen hier vorstellen. Die Titel sind zum Großteil aus Sprachen übersetzt, derer ich nicht mächtig bin, daher kann die Übersetzungskritik nur hier und da so detailliert ausfallen können, wie ich selbst es mir wünschen würde. Aber gleiches gilt wohl auch für die Jury. Juror Burkhard Müller, der auch in diesem Jahr wieder an der Entscheidung beteiligt sein wird, hat den Grundsatz der Entscheidungsfindung in einem Interview mit dem Deutschlandfunk 2017 beschrieben, und an das, was er damals sagte, will auch ich mich halten, wenn ich an dieser Stelle über die NÜLBs 2018 schreibe.

„Irgendwelche Übersetzungsfehler kriegen wir […] natürlich nicht ins Visier, aber das ist nicht das Entscheidende – sondern, ob die Differenz von Zeit und Raum so gelöst worden ist, dass man sagen kann, dieses Buch kann man heute lesen. Es ist ja ein Preis des Buchhandels, das heißt: Der Leser steht im Blick.“

Das Buch

Oxenberg & Bernstein erschien auf Rumänisch unter dem Titel America de peste pogrom im Jahr 2014. Der Autor, Cătălin Mihuleac, stammt aus der Stadt Iași, die im Zentrum dieses Romans steht. Wie in einem Brennglas, unter dem Zusammenhänge und Vorgänge vergrößert und verlangsamt hervortreten, beleuchtet sein Roman einen barbarischen, aber in Deutschland wenig bekannten Pogrom, der sich unter der Gewaltherrschaft Ionescus im Jahr 1941 dort abspielte und dem entweder direkt vor Ort oder infolge von Deportationen tausende Menschen zum Opfer fielen.

Mittels einer geschickt verklammerten Doppelhandlung – die zwei Namen Oxenberg und Bernstein sind die Namen der zwei Familien, deren Geschichte abwechselnd erzählt wird – zieht Mihuelac seine Leser in die Geschichte hinein. Suzy Bernstein, die Ich-Erzählerin der im 21. Jahrhundert spielenden Bernstein-Handlung, fungiert dabei als Vehikel, das uns immer näher an den historischen Stoff heranführt. Das eigentliche Interesse des Autors – und gegen Ende des Romans auch immer mehr seiner Hauptfigur Suzy – gilt aber der Geschichte, die anhand der Familie Oxenberg erzählt wird, der Geschichte des Progroms von Iași.

Wie diese zwei über weite Strecken getrennt mäandernden Handlungsströme am Ende zusammenfließen, soll hier nicht verraten werden. Mihuelac ist es auf diese Weise jedenfalls gelungen, eine spannende, manchmal unterhaltsame, in den dramatischen Beschreibungen jener brutalen Junitage auch schockierende und in ihrer ganzen Vielfalt und Wirkmacht eindrückliche Darstellung jenes Pogroms zu verfassen, die das Potenzial hat, weite Leserkreise für diesen bis heute offenbar in Rumänien gerne unter den Teppich gekehrten Teil der rumänisch-deutsch-europäischen Geschichte zu interessieren. Man darf davon ausgehen, dass dies das zentrale Anliegen des Buches ist.

Die Jurybegründung

„Die Heldin Suzy haut auch verbal ordentlich auf die Pauke: Sie versteht sich auf fein ziselierte Beobachtungen und kleine Bosheiten in verschlungenen Satzperioden. Ein elegantes, facettenreiches Deutsch, dem man genauso verfällt wie Suzy ihrem Amerikaner.“

http://www.preis-der-leipziger-buchmesse.de/de/Nominierungen/Uebersetzung/Ernest-Wichner-uebersetzte-aus-dem-Rumaenischen-C_t_l_n-Mihuleac-Oxenberg-und-Bernstein/

Der Übersetzer

Ernest Wichner ist ein Schwergewicht im Literatur- und Übersetzungsbetrieb, erfahrener und renommierter Übersetzer aus dem Rumänischen, bis vor Kurzem Leiter des Literaturhauses Berlin, jetzt im produktiven Ruhestand. Zur Buchmesse mit dem Gastland Rumänien – hier ist er auch als Fachberater der Messe tätig – hat er noch drei weitere Übersetzungen aus dem Rumänischen herausgebracht: Zwei Gedichtbände von Iulian Tănase und Daniel Bănulescu sowie einen Erzählungsband von Varujan Vosganian. Er ist zum ersten Mal im illustren NÜLB-Kreis vertreten.

Lieblingssatz

„Jedes karpatho-danubiale Walross legt Wert darauf, dir klarzumachen, dass es Sport getrieben hat.“ (S. 161)

Die Übersetzung

Übersetzungen spielen in Oxenberg & Bernstein  eine große Rolle: Frau Oxenberg ist Übersetzerin, geht mit einer zweitausendseitigen Übersetzung rumänischer Literatur ins Deutsche (!) hausieren, für die sich zunächst niemand interessiert, die dann, mit den Nazis hinterm Horizont, immerhin für einige Zeit zum Schutzschild für sie und die Familie wird, die dann aber – welch unauslöschliches, vor Bitterkeit triefendes Bild – im überfüllt gen KZ rollenden Güterwaggon nur noch als Klopapier zu gebrauchen ist. Mit der im naiven Gutglauben mitgenommen Übersetzungsausgabe zerfleddern am Ende auch die Hoffnungen der malträtierten Juden auf irgendeine Rettung.

Aber nicht nur auf dieser konkreten Ebene, auch implizit handelt der ganze Roman von Übersetzungssituationen. Rumänisch–Englisch–Deutsch–Russisch sind die vier Sprachen, die im Hintergrund der Handlung stehen und immer wieder aufscheinen, wenn Figuren von Washington nach Wien oder Warnemünde jetten und sich in ungewohnten Verhältnissen zurechtfinden müssen. Seine Übersetzung denkt der Roman also von Anfang an mit.

Ernest Wichner hat in einem Interview gesagt, dass er zunächst Zweifel hatte, ob der Roman mit seinem „saloppen“ Stil sprachlich seinem ernsten Gegenstand gerecht würde. Ein Jahr Bedenkzeit habe es gebraucht, bis er das Buch doch empfohlen und dann ins Deutsche übersetzt habe. Wird er als Übersetzer nun dem Gegenstand gerecht? Welchen Stil hat er gefunden? Definieren wir zunächst kurz, was mit diesem Wort gemeint sein könnte.

Wenn wir beim Lesen bewundernd und beim Übersetzen ehrfurchtsvoll von „Stil“ sprechen, dann verwechseln wir, geblendet vom eitlen Gepränge erläuternder Nebensätze, derer wir selbst uns niemals fähig wähnten, und aufgeblasener Einschübe, die doch nur das Verstehen hinauszögern, diesen Begriff oft mit hypotaktischen, fein austarierten und von Partikeln und Adverbien präzise im Gleichgewicht gehaltenen Satzkunstwerken, die zu übersetzen – so raunen wir uns hinter vorgehaltener Hand zu – doch ohnehin aussichtslos sei, oder, wenn man es dann zuwege bringe, die höchste Kunst des Übersetzens.

Falsch. Oder zumindest: Unvollständig. Ernest Wichner beweist, dass kurze Sätze ebenso große Könnerschaft erfordern wie lange. Er zeigt, dass guter Stil nichts mit der Frequenz der Punkte im Text zu tun hat, sondern nur mit der Frequenz jener sprachlichen Knackpunkte, die es beim Übersetzen zum Knacken, zum Prickeln zu bringen gilt.

Die Ich-Erzählerin Suzy Bernstein beschreibt ihren eigenen Sprachstil in ihrem fiktiven metapoetischen Vorwort als „buchhalterisch“ (S. 10). Das stimmt, ist jedoch nur eine Seite der Medaille. Buchhalterisch-parataktisch, man könnte auch sagen, salopp legt sie die Geschehnisse dar. Darin steckt jedoch ein künstlerisches Konzept. Ihr Vorbild ist die Minimal Art. Die minimalistischen Hauptsätze und Ellipsen, in denen Suzy schreibt und spricht, gilt es demgemäß zu Kunst zu machen. Sie zum Schwingen zu bringen.

Wie auch immer Suzy auf Rumänisch spricht und schreibt – dies liegt wie erwähnt außerhalb meines Einschätzungsvermögens – in Wichners deutschem Text gelingt dies auf ganzer Linie. Passgenau manövriert er zwischen den bedrohlichen Klippen einer zu primitiv-saloppen Ausdrucksweise einerseits und einer pseudo-literarischen Verbrämung andererseits hindurch. Seine Übersetzung ist Minimal Art.

So tritt Wichner den Beweis an, dass es eines Künstlers bedarf, um das Einfache einfach zu machen. Hypotaxe kann man ja lernen: den Zusammenhang und -klang der Nebensätze und Einschübe, die Gravitationslehre der Grammatik. Aber Parataxe? Wo ständig ein Punkt den Gedankenstrom unterbrechen will, muss man auf die Wörter selbst lauschen und ihnen die Kraft geben, Satz um Satz, von Punkt zu Punkt hüpfend, in Bewegung zu bleiben.

Auch lexikalisch schöpft er aus dem Vollen: er weiß die Kulturwelt der Dreißigerjahre ebenso treffend zu zeichnen wie das Amerika der 2000er, er lässt die einfachen Angestellten im Hause Oxenberg ebenso glaubwürdig sprechen wie die Ärzte und Intellektuellen, die US-Amerikaner auf der anderen Seite des Atlantiks ebenso wie die Rumänen, er scheut auch vor krassen Vulgarismen nicht zurück und macht uns die verschiedenen Zeitebenen seines Textes so plastisch und unmittelbar zugänglich. Der rund achtzig Jahre vor unserer Zeit spielenden Handlung verleiht er mit einem „wiewohl“ hier und ein bisschen Konjunktiv I dort Patina, ohne dass es je antiquiert klänge.

Kurz: Wichner hat Oxenberg & Bernstein mit Herz und Verstand übersetzt, möglicherweise sogar eine Nuance weg vom Unterhaltungs- oder historischen Aufklärungsroman hin zum literarischen Kunstwerk bewegt, ohne sich dabei als neuer Autor zu gerieren. Wer sich für das Übersetzen als Prozess interessiert, der einen Textkorpus ernst nimmt und ihm – im Dienste des Inhalts – einen neuen Anzug maßschneidert, der lese also und lerne.

Links zum Weiterlesen

Eine Kritik der „Presse“: https://diepresse.com/home/kultur/literatur/5361566/Traeume-enden-mit-dem-Erwachen

Leseproben: http://buchhandel.hanser.de/index.asp?isbn=978-3-552-05883-5&nav_id=763475834&nav_page=2

Ein RBB-Interview mit Ernest Wichner: http://mediathek.rbb-online.de/radio/Kulturradio-am-Nachmittag/Ernest-Wichner-Literaturhausleiter-Sch/kulturradio/Audio?bcastId=9839134&documentId=48415714

Ein Interview mit Ernest Wichner über die Leipziger Buchmesse und seine neuen Übersetzungen: http://www.leipziger-buchmesse.de/Buecherleben/Rumaenien-erlesen.html

 

 

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Rezension: The Translator/Die Übersetzerin

Was unterscheidet eine gelungene Übersetzung von einer missratenen? Gibt es profundere Kriterien zur Analyse und Würdigung eines in unsere Sprache überführten Textes als kleinliche Bedeutungsklauberei einerseits und großtuerische Stilkritik andererseits? Stellt womöglich der Text einer Vorlage, wenn man ihn als im Wortsinne auto-nomes Gebilde auffassen kann, als Kunstwerk also, das seine eigenen Gelingens- und Scheiternsbedingungen definiert, auch der Übersetzung solche Bedingungen? Und schließlich: Kann auch eine Übersetzung selbst sich – in Autonomie gegen die Heteronomie der Vorlage – derartige Kriterien geben?

Auf derlei Grundfragen des Übersetzens und der Übersetzungskritik wirft der vorliegende Roman, dessen sich 15 Jahre nach Erscheinen in den USA nun der Golkonda-Verlag und sein Übersetzer André Taggeselle angenommen haben, neues Licht.

Der Autor John Crowley, 1942 geboren, hat sich im Genre der anspruchsvoll-verschrobenen Science-Fiction und Fantasy einen Namen gemacht – seine ersten drei Romane sind schon ins Deutsche übersetzt –, weshalb die Handlung des Romans zunächst überrascht. Statt in mittelalterliche oder weit in der Zukunft liegende Welten versetzt er uns gleich mit dem ersten Satz in die jüngere Vergangenheit, die Zeit des kalten Krieges.

The first time that Christa Malone heard the name of Innokenti Isayevich Falin, it was spoken by the President of the United States, John F. Kennedy.

Zum ersten Mal hörte Christa Malone den Namen Innokenti Issajewitsch Falin aus dem Mund des US-Präsidenten John F. Kennedy.

Das Personaldreieck im Hintergrund der sich nun entwickelnden Handlung ist damit vorgezeichnet. Christa Malone, genannt Kit, Highschool-Absolventin und angehende Lyrikerin, beginnt ihr Studium am College. Schnell entwickelt sie eine Faszination für ihren Poetikdozenten Falin, einen russischen Dichter, der unter mysteriösen Umständen aus der UdSSR verbannt worden ist und im Amerika der Kennedy-Zeit Exil gefunden hat..

Falin erwidert diese Faszination bald, und als Kit in einem Ferienkurs Russisch lernt, bittet er sie, ihr bei der Übersetzung seiner Gedichte ins Englische behilflich zu sein. Aus dem intensiven Arbeitsverhältnis – ein ganzes Kapitel im zweiten Teil gleicht einer protokollierten Lektoratssitzung – wird schnell eine Liebesbeziehung, aber bevor daraus mehr werden kann, brechen die Zeitläufte über das heimliche Paar herein. Die Kuba-Krise eskaliert und Falin, der als exilierter Russe in Amerika immerfort unter Spionageverdacht steht, verschwindet auf so geheimnisvolle Weise, wie er gekommen ist.

Dies ist das Handlungsskelett eines Romans, der mit Nebensträngen, Zeitebenen und philosophischen Abschweifungen nicht geizt, der Coming-of-Age-Geschichte, geschichtsphilosophisches Traktat, College-Roman und metapoetische Reflexion in einem sein möchte und uns über Motivation, Fortgang und Ziel dieser Geschichte oft genug im Unklaren lässt.

Was in den verschiedenen Dialogen zwischen Falin und Kit jedoch klar wird, ist die eigentümliche, zunächst pessimistisch wirkende Übersetzungsphilosophie des Dichters. Kit, die ihm erzählen will, dass sie ein Gedicht von ihm gelesen habe, muss sich Folgendes anhören:

My poem,” he said, “was a poem in Russian. The poem in the book was a poem – perhaps a poem – in English. This I believe you read.”
Was it a bad translation?”
I can’t say”, he said.

„Mein Gedicht“, erklärte er, „war ein Gedicht in russischer Sprache. Das Gedicht in diesem Buch ist ein Gedicht – vielleicht ein Gedicht – auf Englisch. Ich glaube, das ist es, was Sie gelesen haben.“
„War die Übersetzung nicht gut?“
„Das kann ich nicht sagen“, erwiderte er.

Diese Übersetzungsskepsis gemahnt – ins Praktische gewendet – zu äußerster Bescheidenheit; gerade beim Übersetzen von Gedichten hält Falin nichts von gekünstelten Versuchen, Reimschemata zu erhalten, wenn sie sich nicht zufällig ohnehin ergeben. Und die Rohübersetzungen, die Crowley im Buch immer wieder zitiert, sind dann auch genau das: schlichte, reim- und geradezu kunstlose, prosaartige Werke, hinter denen man als des Russischen unkundiger Leser die ihnen zugeschriebene immense Wirkung nur vermuten kann.

Doch Falins Programm ist doppelgesichtig: Es hebt die Übersetzung andererseits auch auf eine Stufe mit dem Original, sofern sie sich der Hoffnungslosigkeit ihres Unterfangens bewusst wird.

[…] You cannot translate. You can only make other poems.”
[…] “Then what’s the original?”
I don’t know. Perhaps there is not one. Perhaps there are many translations but no original.”

„[…] Man kann sie [die Gedichte, FP] nicht übersetzen. Man kann nur neue Gedichte daraus machen.“
[…] „Aber welches ist dann das Original?“
„Ich weiß es nicht“, sagte er. „Vielleicht gibt es nicht bloß eines. Vielleicht gibt es viele Übersetzungen, aber kein Original.“

Und so verschwindet auch Crowley als Autor hinter den „übersetzten“ Schichten seines Romantextes. Mit der Hoffnung, die „echten“, russischen Gedichte Falins zu Gesicht zu bekommen – es gibt sie nicht –, muss der Leser auch die Hoffnung begraben, tieferen Sinn in dieser gegen Ende ins epenhafte Mysterienspiel abgleitenden Handlung zu erkennen. Translations without Original ist der Titel von Kits erster Veröffentlichung als Lyrikerin, und eigentlich wäre das auch ein guter Titel für diesen Fass-ohne-Boden-Roman gewesen: Übersetzungen ohne Original.

Denn in dieser paradoxen Erkenntnis steckt der Kern des Buches, das um Sprach-, Übersetzungs- und interkulturelle Anpassungsprobleme kreist wie die Übersetzerin um ihren Autor, wie Kit um Falin, wie Kennedy und Chruschtschow umeinander und um diese ihre Berater: Überall Missverständnisse, überall Einsamkeit, überall – als verlorene kleine Sisyphoswichtel, letzte Hoffnung, vergebliche Hoffnung – Übersetzer.

Der Übersetzer, mit dem wir es als Leser der deutschsprachigen Fassung zu tun haben, André Taggeselle, weiß um die Vertracktheit seiner Aufgabe. Er weiß, dass er gemäß Falins/Crowleys eigener Philosophie dem Buch ein zweiter Autor werden muss, dass ein ambitionsloses Vorgehen einem solchen Text nicht gerecht würde.

Taggeselle weiß auch um die Probleme seiner Vorlage: Slang-Unterhaltungen unter den Studierenden, tiefsinnige Konversationen zwischen Falin und Kit, philosophische Spekulationen des Erzählers und nüchterne Politberichte stehen oft unvermittelt nebeneinander, ohne dass sich der Eindruck einer souverän alles verklammernden Erzähleridee aufdrängt.

Der deutsche Text liest sich im Vergleich ebenmäßiger, als hätte der Übersetzer durch die wilden Klüfte, die Crowley vor ihm aufbaute, eine fahrbare Straße gelegt. Die stilistischen Extreme im englischen Text nähert er im Deutschen aneinander an: die deutsche Erzählstimme versteigt sich nicht so tief in ihre Grübeleien; Kit, ihre Zimmergenossin Fran und ihre kommunistischen College-Freunde sprechen etwas förmlicher und Falins russischer Akzent wird eher angedeutet als konsequent durchgeführt.

Gerade Falin, die unverkennbare Hauptfigur des Romans, ist im Original als schwankender Charakter gezeichnet; manchmal sympathisch, meistens eher unheimlich, mindestens unnahbar, stark charakterisiert durch seinen telegrammartigen Hauptsatzstil (man erinnere sich an die oben zitierten Dialogbeispiele), aber durch seine nebulöse Vorgeschichte auch unfasslich und seltsam unpersönlich, engelsgleich. Dass Kit einem solchen Menschen Hals über Kopf verfallen kann, erschließt sich jedenfalls aus dem englischen Roman nicht.

Taggeselles Falin, der weicher, zugänglicher, nuancenreicher spricht, ist kein von irgendjemandem eingesetzter dunkler Engel, sondern eine nahbare Figur, in die man sich mit Kit gemeinsam verlieben kann und über deren Verschwinden man mit ihr trauert.

Insgesamt entsteht auf diese Weise ein gestraffter, unambitionierter, geradezu frugaler Text, der zwar ein aufmerksameres Lektorat verdient gehabt hätte (das Fehlen sämtlicher Kursivierungen im Fließtext macht die Lektüre stellenweise holprig und auch einige flüchtige falsche Freunde sind ärgerlicherweise geblieben), der sich aber flüssig liest und aus dem die Konstruktionsschwächen des englischen Texts weniger eklatant hervortreten.

Darüber hinaus entsteht im Deutschen auch ein überraschender Moment von großer Poesie, die im Englischen verborgen bleiben musste: Taggeselle setzt den Moment, in dem Falin und Kit vom „Sie“ zwischen Lehrer und Schülerin zum „Du“ eines Liebespaars übergehen – ein sprachlich unvermeidbarer, aber übersetzungstechnisch heikler Eingriff –, just kurz vor eine Reflexion von Kit über den Unterschied der alten englischen Anreden „you“ and „thou“. So verweben sich auf fast magische Weise Leben und Dichten der Protagonistin.

Man hält also mit der Übersetzung einen Text in Händen, der sich – und das ist keine Selbstverständlichkeit – formal auf der Höhe seines eigenen Inhalts bewegt. Ja, die deutsche „Übersetzerin“ ist eine gewagte Interpretation der (oder des, im Englischen bleibt das geschlechtlich unbestimmt) „Translator“, und wer gewagte Übersetzungen scheut, der greife wohl besser zu John Crowleys englischer Version der Geschichte.

Wer aber Falins Lektion beherzigt und der Übersetzung gleichen Rang mit dem „Original“ einräumt (sofern man nach der Lektüre mit diesem Begriff überhaupt noch arbeiten kann), dem bietet Taggeselles „Übersetzerin“ auch ohne Kenntnis der Vorlage ein Mehr gegenüber Crowleys Text, ein Lektüre-Wagnis, ein Puzzlespiel der tiefengestaffelten Übersetzungen, und ein spannendes Lesevergnügen obendrein.

Wenn Falin und Crowley ihre Forderung nach Selbst-Aufgabe und Wagemut im Lesen, Übersetzt-Werden und Übersetzen ernst gemeint haben, dann werden sie uns Taggeselles deutsche Version ihrer Geschichte genauso ans Herz legen wie die englische.

 

John Crowley: The Translator. New York City: William Morrow 2002.

John Crowley: Die Übersetzerin. Deutsch von André Taggeselle. München: Golkonda Verlag 2017.