NÜLB 2: Olga Radetzkaja

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[Zum ersten Beitrag über die Nominierten zum Übersetzerpreis der Leipziger Buchmesse (NÜLB) geht es hier.]

Viktor Schklowskij: Sentimentale Reise. Aus dem Russischen von Olga Radetzkaja. Die Andere Bibliothek 2017. 492 Seiten. https://www.die-andere-bibliothek.de/Originalausgaben/Sentimentale-Reise::719.html

Das Buch

Die diesjährige Shortlist wartet mit einer Besonderheit auf: Zwei der nominierten Romane haben nicht nur den gleichen (wenn auch unterschiedlich übersetzten) Titel, sie beziehen sich auch direkt aufeinander. Viktor Schklowskij (1893–1984), der Autor dieser „Sentimentalen Reise“ (Sentimentalnoje Puteschestwije, 1924), war ein glühender Verehrer von Laurence Sterne, dessen „Sentimentale Reise“ (die im Deutschen traditionell als „Empfindsame Reise“ veröffentlicht wurde) in der Übersetzung von Michael Walter ebenfalls für den Preis nominiert ist.

So sehr Schklowskij Sterne jedoch literarisch verehrte, so weit entfernte er sich von seinem historischen Vorbild. Der Lebemann Yorick in Sternes Journey lustwandelt heiter durchs benachbarte Frankreich und erzählt davon in verspielter, überbordender Sprache, Schklowskijs Puteschestwije hingegen führt durch das Russland der Jahre 1917 bis 1922, also das Russland der Revolution, des Ersten Weltkriegs, des Bürgerkriegs. Seine Absätze sind kurz und frostig; die Ironie und die Abschweifungslust, die er mit Sterne durchaus gemein hat, wirken nicht verspielt, sondern drastisch und schockierend. Dieses Verfahren legt eine brutale, unsentimentale – oder empfindungslose – Wirklichkeit bloß. Den Titel kann man also nur als höhnische Parodie verstehen.

Schklowskij hält sich in seiner Beschreibung an seine eigenen Erlebnisse; das Buch ist also in der Fünferriege der Nominierten das einzige eindeutig nichtfiktionale Werk. Was Schklowskij da alles erlebt hat in jenen 5 chaotischen Jahren zwischen Zaren- und Bolschewikentum, übertrifft allerdings vieles, was sich sonst (nur) zwischen zwei Buchdeckeln abspielt: Zwischen Revolution und Konterrrevolution, zwischen Krieg und Frieden, Gefecht und Desertion, Euphorie und Trübsal, Leben und Tod klafft bei Schklowskij oft nur ein Absatz.

Seinen Weg kreuz und quer durchs vor- und nachrevolutionäre Russland, durch Persien, die Ukraine, Finnland und Deutschland nachzuzeichnen wäre an dieser Stelle müßig. Dass Schklowskij wenig Wert auf chronologisches Berichten legt, sondern seine Erzählung mit Einschüben, Ausschmückungen und Abschweifungen garniert, trägt ohnehin nicht gerade zur Zusammenfassbarkeit seines Textes bei.

Was aber am Ende bleibt ist ein eindrückliches, weder geschöntes noch verbittertes Porträt eines Landes im grundstürzenden Umbruch, das sich vielleicht noch der Vergangenheit, aber weder der Gegenwart noch der Zukunft gewiss war. In dem Tod und Leid so alltäglich geworden waren, dass man, wie es an einer Stelle heißt, „Methoden entwickelt [hat], wie man eine Frau vom Tod ihres Mannes informiert“ (S. 353), und in dem daher irgendetwas Neues kommen musste, allein weil es so nicht für immer weitergehen konnte.

Die Jurybegründung

„Die Wirren der Revolution im Stil der russischen Moderne: Viktor Schklowskij erzählt von Russland zwischen Welt- und Bürgerkrieg. Olga Radetzkaja hat seinen literarischen Augenzeugenbericht erstmals vollständig übersetzt: lakonisch, gleißend, radikal anarchisch, rasiermesserscharf.“

http://www.preis-der-leipziger-buchmesse.de/de/Nominierungen/Uebersetzung/Olga-Radetzkaja-uebersetzte-aus-dem-Russischen-Viktor-Schklowskij-Sentimentale-Reise/

Die Übersetzerin

Olga Radetzkaja, Jahrgang 1965, ist eine rührige und gestandene Übersetzerin aus dem Russischen. Sie hat zeitgenössische Literatur ebenso wie Klassiker übersetzt und Aufsätze zu übersetzungstheoretischen und kulturhistorischen Themen veröffentlicht. Im Jahr 2003 wirkte sie als Ko-Autorin an der Dokumentation „Spurwechsel“ mit (https://www.youtube.com/watch?v=elfxV-UyLH4). Sie ist zum ersten Mal für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert.

Lieblingssatz

„Und das Merkwürdigste an diesem merkwürdigen Alltag, der so robust war wie eine Bolzenkette und so endlos wie eine Warteschlange, das Merkwürdigste daran war, dass eine Semmel so wichtig schien wie das ganze Leben – alle Gefühle, die man noch hatte, wogen gleich viel, alles war gleich.“ (S. 233)

Die Übersetzung

Es ist Fluch und Segen für eine Übersetzung, wenn die Autorin oder der Autor, den man vor der Nase hat, sich an anderer Stelle – oder gar im zu übersetzenden Werk selbst! – auch zur Theorie seines eigenen Tuns oder – noch schlimmbesser – zur Theorie der Übersetzung geäußert hat. In der Liste der fünf NÜLBs im Jahr 2018 trifft dies neben Robin Detjes Übersetzung von Joshua Cohen vor allem auf Olga Radetzkaja zu.

Natürlich fällt in einem solchen Fall das Anlegen eines interpretatorischen Winkels an den Originaltext einfacher, weil man weiß, welche der vielfältigen möglichen Sinnrichtungen gewollt und welche womöglich Artefakte sind. Doch andererseits muss sich die Übersetzungsleistung hinterher ganz selbstverständlich jenen Kriterien unterziehen, die die Autorin oder der Autor selbst aufgestellt haben. Literaturkritiker bekommen das Gerüst ihrer Rezension gewissermaßen mitgeliefert.

Nun, so stellen wir es auf.

Viktor Schklowskij war nicht nur wie Joshua Cohen nebenbei, sondern hauptberuflich und in erster Linie Literaturtheoretiker. Er war Teil des Petersburger OPOJAS-Kreises, der sich an vorderster Front für den literarischen Modernismus in Russland stark machte und eine radikal neue Herangehensweise an Kunst im Allgemeinen und Literatur im Besonderen ausprobierte und einforderte.

Es ist nun hier nicht der Ort, dem Wirken dieses literarischen und literaturwissenschaftlichen Kreises (der sich auch sehr um das literarische Übersetzen ins Russische verdient machte) auf den Grund zu gehen. Einen guten Einstieg dazu bieten das exzellente Nachwort sowie der umfangreiche Anmerkungsapparat von Anselm Bühling in der hier rezensierten Ausgabe.

Was an Schklowskijs Stilvorstellungen für Olga Radetzkaja relevant war, hat sie glücklicherweise in einer vorzüglichen übersetzerischen Nachbemerkung selbst dargelegt. Sie betont die wichtige Rolle, die die Sprache in Schklowskijs Schreiben spielt, auch und vor allem, weil Schklowskij als Hauptfigur sich auf seinen Reisen ein ums andere Mal selbst verliert, wie er selbst schreibt (S. 220). Die Sprache und der Stil treten somit an die Stelle, die in einer Auto-Biographie eigentlich dem Ich des Erzählers zukäme, nämlich den Text von innen und außen zusammenzuhalten.

Im Fall der „Sentimentalen Reise“ äußert sich dies jedoch nicht in gestelzten oder gar gesuchten Phrasen. Schklowskij missfiel im Gegenteil derartiges „künstliches“ Stilgepränge. Sein Verfahren läuft darauf hinaus, durch größtmögliche Knappheit in der Syntax und Lakonie in der Lexik einen Kontrast zu den übermächtigen Themen seiner Erzählung zu schaffen und somit die Leerstellen rund um diese vereinzelten (Ab-)Sätze umso deutlicher hervortreten zu lassen.

Den daraus resultierenden Anspruch, spröde, bröckelnd, fast schon ungelenk zu schreiben, löst Olga Radetzkaja sehr kunstfertig ein, so kunstfertig, dass der entstehende Text immerzu stockt. Ein Lektürerausch, ein Pageturner-Sog entwickelt sich so nicht (zumal wenn man in der russischen Geschichte so unkundig ist wie ich und zum Auspolstern des eigenen Unwissens immerfort zwischen dem Text und den – glücklicherweise dicht gesäten – Anmerkungen hin- und herspringen muss).

Dies ist auch der hauptsächliche Unterschied zwischen der bisher vorliegenden, 1974 im Insel Verlag erschienen Übersetzung der Reise von Ruth-Elisabeth Riedt und Gisela Drohla. (Neben einigen – allerdings eher kurzen – Passagen, die in der damaligen Ausgabe gestrichen waren und nun den Verlag zu dem richtigen, aber etwas vollmundigen Werbeclaim veranlassten, nun liege die „erste vollständige Neuübersetzung“ vor.)

Riedt und Drohla übersetzten Schklowskijs Memoir in ein historisches Plauderbüchlein. Sie gaben ihrem deutschen Schklowskij  mehr sinnerklärende Partikeln, mehr Lesefluss, mehr stilistisches Raffinement und dadurch weniger ironische Selbstdistanz. An einem wahllos herausgegriffenen Absatz wird das deutlich:

Riedt/Drohla, S. 210: „20. Mai 1922. Ich schreibe weiter. Ich hab schon lange nicht mehr so viel geschrieben, es ist, als bereite ich mich darauf vor, zu sterben. Sehnsucht und eine rote Sonne. Abend.“

Radetzkaja, S. 216: „20. Mai 1922. Ich schreibe weiter. Ich habe lange nicht so viel geschrieben, es ist, als hätte ich vor zu sterben. Mein Herz ist schwer, die Sonne ist rot. Es wird Abend.“

Wirkungen mögen verschieden sein, aber mir zumindest kommt es vor, als habe den oberen Satz ein sechzigjähriger Dichter geschrieben, den unteren ein zwanzigjähriger Student. Schklowskij war 1922 neunundzwanzig.

Olga Radetzkaja stand mit ihrem Text vor ganz ähnlichen Herausforderungen wie der im letzten Beitrag besprochene Ernest Wichner: Der lakonischen Darstellung schrecklicher Grausamkeiten in kurzen, kalten Hauptsätzen. Das Aufregende an ihrem Verfahren ist, dass sie zu einem völlig entgegengesetzten Resultat gelangt. Während es Wichner gerade darum ging, die Parataxe zum Schweben zu bringen und sprachlich zu veredeln, hat Radetzkaja jegliche Veredelung aus ihrem Schklowskij-Text abgeräumt. Das Stocken und Stolpern ist bei ihr literarisches Programm.

Wenn man sich auf dieses fordernde Leseerlebnis einlassen kann – und dazu lese man die Nachworte in der wunderschön produzierten Ausgabe der Anderen Bibliothek auf jeden Fall vorweg – dann hebt einen Radetzkajas wirkmächtiger Schklowskij aus dem gepolsterten Lesesessel und lässt einen auf dem harten Holzschemel der Realität nieder. Unwirtlicher ist es dort. Aber zugleich wirklicher.

Weiterführende Links

Ein zweiteiliges Radiofeature des Deutschlandfunks, in dem Schklowskij in Radetzkajas Übersetzung ausführlich zu Wort kommt: http://www.deutschlandfunkkultur.de/krieg-und-frieden-1918-1-2-die-friedensverhandlungen-von.976.de.html?dram:article_id=411910

Die Literaturkritik hat Frau Radetzkajas Leistung schändlicherweise ignoriert, daher anstatt irgendwelcher Rezensionslinks hier ein Text von Schklowskijs französischem Übersetzer Vladimir Pozner: http://www.pozner.fr/vladimirpozner-chkolvski.html

Und hier Walter Benjamins sinnreiche Kritik von Pozners französischer Übersetzung: http://gutenberg.spiegel.de/buch/kritiken-und-rezensionen-1912-1931-2981/47

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Ein Gedanke zu “NÜLB 2: Olga Radetzkaja

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