NÜLB 3: Robin Detje

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[Die ersten Beiträge dieser Reihe über die Nominierten zum Übersetzerpreis der Leipziger Buchmesse: Ernest Wichner und Olga Radetzkaja.]

Joshua Cohen: Buch der Zahlen. Aus dem Englischen von Robin Detje. Schöffling & Co. 2018. 752 Seiten. https://www.schoeffling.de/buecher/joshua-cohen/buch-der-zahlen

Das Buch

Das World Wide Web im 202. Jahrzehnt n. Chr. – was hat es mit dem menschlichen Dasein gemacht? Wo landen wir, wenn der flüchtige Traum eines Inter-Nets gleichberechtigt und demokratisch miteinander verwobener kommunizierender Knoten ausgeträumt ist und stattdessen Macht diesen Raum infiltriert, also die gleichen ungerechten, kapitalistischen, kolonialistischen und sexistischen Mechanismen wie im Real Life?

Joshua Cohen, geboren 1980, war im Jahr 2015 nicht der erste, der sich in Romanform an dieses Thema wagte. So durchgeknallt, so sprachmächtig, so intellektuell, so experimentell und so anspruchsvoll wie sein in jenem Jahr erschienenes Book of Numbers (im Englischen auch der Titel des Buchs Numeri, des 4. Buchs Mose und der Thora) hat sich aber noch kein Werk dem allgegenwärtigen Online genähert. Nicht weniger als 40 Jahre Internetgeschichte wollte Cohen mit seinem Werk aufarbeiten, von den Anfängen der vernetzten Systeme bis hin zu dem allgegenwärtigen Überwachungssystem, zu dem sich die einstige Kommunikutopie heute entwickelt hat.

Cohen erzählt dies in einer wuchernden Formensprache, in Erzähltext, Transkripten, Mails, Blogeinträgen, wirren Manuskriptvorstufen. Er jagt seine Typographie – die deutsche Ausgabe wurde von Fotosatz Amann hervorragend lesbar umgesetzt – und Lesende durch einen Wald von rechts- und linksbündigem Flattersatz, Groß- und Kleinschreibung, Durchstreichungen und waghalsigen Sonderzeichen, er jagt sein Korrektorat durch Neologismen und absichtlich eingebaute Rechtschreibfehler und erzeugt so beim Lesen ein Geflirr wie nach 12 Stunden Facebook-Konsum.

Die Handlung geht da bisweilen etwas unter, steht aber sicherlich auch nicht im Mittelpunkt von Cohens Interesse. Sie ist, um es kurz zu machen, reichlich konstruiert und hätte unter den Händen eines weniger talentierten Schriftstellers zu wenig mehr als einem hanebüchenen Thriller getaugt.

Ein gescheiterter Schriftsteller namens Joshua Cohen, der sich mit Ghostwriterjobs über Wasser hält und nach journalistischen Aufträgen lechzt, bekommt den Auftrag, die Memoiren von Joshua Cohen, Gründer und „Principal“ („Großer Vorsitzender“) eines Mega-Internetkonzerns namens „Tetration“ zu schreiben. Er schreibt sie und gerät – mehr gibt es zur Handlung an dieser Stelle gar nicht zu sagen – auf diese Weise in die ihm völlig fremde Welt der Programmierer [sic!], Hacker und Start-ups.

Figuren werden nach Belieben hin- und hergeschoben, bleiben oftmals vor lauter sprachlichem Make-up erstaunlich blass und tauchen nach hunderten Seiten plötzlich wieder auf; es wird besinnungslos durch die Welt gejettet, und aus heiterem Himmel, fast als habe eine gelangweilte Lektorin darum gebeten, ergibt sich im letzten Teil noch eine wilder, aber letztlich unmotivierter Showdown.

Das mag man alles verzeihen, denn die Lektüre von Cohen-Detjen ist so mesmerisierend/halluzinogen, dass man ohnehin meistens der Handlung nicht folgen kann. Wirklich ärgerlich ist jedoch, dass Cohen nicht fähig scheint, irgendeine auch nur halbwegs interessante weibliche Figur zu Papier zu bringen. Genau zwei Dinge dürfen Frauen zur Handlung des Buchs der Zahlen beitragen: Sex und Sexverweigerung. Die weitestgehend durchgeknallten Männer, in deren Köpfen man die 750 Seiten verbringen muss, legen dieses Binärsystem über das gesamte weibliche Personal dieses Buches, während sie selbst das Wichtige besorgen, das Business, die Handlung, das Buch.

Und selbst das ließe man sich noch als triste, aber realitätsnahe Beschreibung jener Tech-Welt verstehen, in der sich die Handlung des Romans nun einmal größtenteils bewegt, legte der Autor seinem Ich-Erzähler nicht widerlichste Bezeichnungen für Frauen in die Feder, über die man so schnell nicht hinweg kommt und sich fragen muss, ob da ein Autor (dessen sonstiges Werk in dieser Hinsicht kaum einen Deut besser ist) einen Roman für das nächste oder das vorvergangenen Jahrhundert geschrieben hat.

Den neuen amerikanischen Großautor, der die kommenden Jahrzehnte literarisch definiert, als den so manche meiner Mitrezensenten [sic!] Cohen schon ausrufen, kann ich ihn also nicht sehen. Sprachlust, Recherchierfreude und überbordende Kreativität machen desungeachtet jedoch ein Roman-Meisterwerk, nach dessen Lektüre man nur noch auf eines wartet: Warum nicht als nächstes mal ein Meisterinnenwerk, Mr. Cohen?

Die Jurybegründung

„Es funkelt und glitzert und knallt und zischt – Cohens Sprach-Furor kennt keine Grenzen, und Detje steht ihm in nichts nach. Lustvoll bildet er die wild voran preschenden Sätze nach, erfindet Wörter und inszeniert einen verbalen Höhenrausch.“

http://www.preis-der-leipziger-buchmesse.de/de/Nominierungen/Uebersetzung/Robin-Detje-uebersetzte-aus-dem-Englischen-Joshua-Cohen-Buch-der-Zahlen/

Der Übersetzer

Robin Detje, Jahrgang 1960, ist ein Tausendsassa: Schauspieler, Autor, Kritiker, Übersetzer, vielfach ausgezeichnet, vielfach aktiv, schauspielert/performt, twittert, instagramt. Den Übersetzerpreis der Leipziger Buchmesse hat er im Jahr 2014 schon einmal gewonnen, damals für seine Übersetzung von William T. Vollmans Europe Central.

Lieblingssatz

„Es gibt keine Worte dafür, es lässt sich nicht in Worte fassen, wenn man seinen eigenen Übersetzer übersetzt.“ (S. 646)

Die Übersetzung

Robin Detjes Buch der Zahlen beginnt mit einem übersetzerischen Paukenschlag, mit dem allein er sich den Preis, für den er nominiert ist, sowohl verdient als auch verspielt haben könnte.

Cohen hat seinem Buch, in dem das Übersetzen (von einer Sprache in die andere, von Menschen- in Computersprache, von einer Kultur in die andere) eine zentrale Rolle spielt, zwei verschiedene, exemplarisch für die zwei Protagonisten stehende Fassungen eines Bibel- bzw. Thorazitats (Num 14, 32–34) in englischer Sprache vorangestellt (hier der Kürze halber nur ein Beispielsatz):

„For the children of you shall be evil in the wilderness, four hundred years, and shall carry your zenith, till thy glory, in the wilderness.“

„And your children will be of shepherds in the desert 40 years and will support your prostitution/adultery until the perfection/destruction of your corpses in the desert.“

Das erste Zitat stammt aus der King-James-Übersetzung, das zweite stellte eine fiktive automatische Übersetzung mit Doppelvarianten jenes Übersetzungsprogramms dar, das zum Tetration-Imperium gehört (die Quellenangabe lautet tetrans.tetration.com/#hebrew/english).

In der deutschen Übersetzung wird zunächst die lyrische Thora-Übersetzung von Martin Buber und Franz Rosenzweig zitiert (schon das ein übersetzerisches Statement), die untere Fassung allerdings macht allerdings etwas fassungslos:

„Eure Söhne werden vierzig Jahre in der Wüste weidern müssen, sie tragen eure Hurerei, bis eure Leichen in der Wüste dahin sind.“

„Legg und Bnicm Ihio Raim Wildnis, Arbaim jahrein und Nsao, At-Znoticm – bis-Tm Fgricm, Wildnis.“

Die Quellenangabe lautet: „tetrans.tetration.com/#hebrew/englisch/deutsch“.

Für den Mut, diesem großen Rätselroman ein noch größeres übersetzerisches Rätsel voranzustellen, für die Chuzpe, den vom Autor intendierten Hinweis auf die Rolle von Übersetzung im Zeitalter ihrer technischen Reproduzierbarkeit aufzugreifen und in der Übersetzung der Übersetzungen auf eine noch andere Ebene zu katapultieren, kann man den Übersetzer, vielleicht dem Autor, sicher dem Verlag nur gratulieren.

Dass der Text solch eine Entscheidung rechtfertigt, dass man hier mit kleingeistig verstandener „Originaltreue“ nicht weit kommt, und dass das Herumkritteln an übersetzerischen Einzelentscheidungen bei der Rezeption zu wenig führen wird, muss jedem klar werden, der auch nur zwei Seiten dieses Romans gelesen hat. Einem derartig sprachwuchtigen Wucherwerk kommt man nicht mit der Heckenschere bei, man muss schon selbst mitwuchern, um diesen Text in ein lesbares Deutsch zu überführen.

Hier sind auch jene Kriterien schlechterdings fehl am Platze, die wir bei unseren letzten zwei Übersetzungskritiken angelegt haben, nämlich Stringenz und Geradlinigkeit auf dem einmal eingeschlagenen Übersetzerweg, das also, was man einen präzise berechneten Stil nennen könnte. Cohens Sprachschöpfungseifer gibt zu einer solchen Entscheidung keinen Raum, zu sehr wälzt er selbst sich durch immer neue Experimente und Konstruktionen, die der Übersetzer nachahmen, aber nicht wie Olga Radetzkaja gewissermaßen am Reißbrett übersetzen kann.

Detje gelingt das Kunststück, den harten, rotzigen, neologismenfetten Sound des englischen Erzählers ins Deutsche zu überführen, ohne die Sätze über alle Maßen aufzublähen. Er umschifft die zwei gefährlichen Klippen beim Übersetzen aus dem Englischen – zu umständliche Sätze einerseits und zu parallele und damit „übersetzt“ klingende Formulierungen andererseits – bravourös und nimmt auch Cohens zahlreiche Neu- oder Umschöpfungen mit, wenn Leute in andere Etagen „liften“ (S. 645), aus „Simulakrügen“ trinken (S. 207), und so weiter (endlos so weiter). Auch der sicher naheliegenden Versuchung, einen Nerdroman voller Tech-Anglizismen zu schreiben, hat Detje widerstanden, ohne andererseits der Gefahr eines deutschtümelnden Neusprechs à la „Klapprechner“ zu verfallen, der man sich mit diesem Verfahren zwangsläufig aussetzt.

Dass beim Bemühen, den Text dem deutschen Publikum nicht nur einfach auf Deutsch vorzulegen, sondern wirklich erfahrbar zu machen, nicht alles ganz stimmig gelingt, liegt in der Natur der Sache. An manchen Stellen schleichen sich in den hypermodernen Sound unnötige Archaismen ein (wenn etwa Joints „in Brand gesetzt“ oder „Linnen“ ausgebreitet werden), und anderswo geht wohl der Übersetzer-Übereifer mit Detje durch.

In diese Kategorie sortiere ich auch die Entscheidung, den im Original kapital „Principal“ gerufenen Internetmogul als „Großen Vorsitzenden“ einzudeutschen. Diese Wahl greift die leise Ironie des Originals ebenso auf wie die fernöstliche Attitüde, mit der sich der wohlstandserweckte Pseudo-Buddhist gerne schmückt. Aber hätte man wirklich so weit gehen müssen, Macchiavellismus durch Maoismus zu überblenden? Hätte es ein „Boss“, ein „Chef“, etwas gewagter vielleicht ein „CEO“ oder gar ein „Anführer“ nicht auch getan? Mir scheint jedenfalls schwer vorstellbar, dass sich der Vorsitzende eines westlichen Riesenkonzerns mit Sitz im Silicon Valley ernsthaft „Großer Vorsitzender“ rufen lässt.

Derartige Irritationen werden allerdings durch jene anderen glorreichen Stellen mehr als ausgeglichen, an denen Detje selbst Wortspiele und neue Querverbindungen in den Text hineinschreibt. Man findet Bandnamen, man findet Goethezitate, man findet Wortneuschöpfungen wie das „Kummerspektrum“, das sich in die Wangen einer Frau eingegraben hat (S. 657), und über jene einzelne dieser Fundstellen möchte man laut aufjauchzen und dem Übersetzer um den Hals fallen.

Die Handlung des Buchs der Zahlen dreht am Ende noch eine wirre Pirouette: Die Autor-Romanfigur namens Joshua Cohen reist nach Deutschland und liest sich selbst in Übersetzung (später trifft sie sogar ihren eigenen deutschen Übersetzer, einen verbitterten Waschlappen, in dem sicherlich/hoffentlich kein Porträt von Cohens bisherigen deutschen Übersetzern Blumenbach und Detje steckt). Das Fazit seiner Lektüre, dem ich hier nichts mehr hinzufügen will, lautet (S. 610):

„Ich verstand kein einziges Wort – zum Glück. Das hieß, die Übersetzung war gut.“

Weiterführende Links

Eine Videoaufzeichnung der Buchpräsentation im Jüdischen Museum Berlin: https://www.youtube.com/watch?v=qIQQeq40oiE

Joshua Cohen über das Übersetzen: http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/themen/joshua-cohen-on-the-transit-of-toledo-15438691.html?printPagedArticle=true

Eine Reportage der New York Times: https://www.nytimes.com/2015/06/13/books/nothing-to-hide-and-nowhere-to-hide-it-in-joshua-cohens-internet-novel.html?action=click&contentCollection=Sunday%20Book%20Review&module=RelatedCoverage&region=Marginalia&pgtype=article

Die Rezension der Süddeutschen Zeitung, die sich auch ausführlich mit der Übersetzung beschäftigt: http://www.sueddeutsche.de/kultur/amerikanische-literatur-digitaler-weltinnenraum-1.3867161

Leseprobe: https://www.schoeffling.de/book2look/847

 

[Offenlegung: Ich war drei Monate lang Praktikant bei Schöffling & Co.]

 

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