NÜLB 4: Juri Durkot und Sabine Stöhr

42805

[Zu den ersten drei Nominierten zum Übersetzerpreis der Leipziger Buchmesse geht es hier.]

Serhij Zhadan: Internat. Aus dem Ukrainischen von Juri Durkot und Sabine Stöhr. Suhrkamp 2018. 301 Seiten. http://www.suhrkamp.de/buecher/internat-serhij_zhadan_42805.html

Das Buch

Internat ist bereits das neunte Buch des Ukrainers Serhij Zhadan, das auf Deutsch erscheint, und wie seine Vorgänger bietet es einen aufregenden und zugleich einfühlsamen Einblick in die Seele seines krieggeschundenen Heimatlandes. Es spielt in der Ostukraine, jenem Landstrich zwischen Ost und West, der jenen offenen Kämpfen und verdeckten Scharmützeln zum Opfer fiel und bis heute die Diplomatie in Atem hält.

Die Stärke seiner extrem verdichteten, personal erzählten Geschichte liegt aber darin, dass man sie gar nicht so konkret auf die Ukraine beziehen muss. Bis auf wenige Ausnahmen (die er, wäre es ihm darauf angekommen, ohne Verlust hätte tilgen können) vermeidet Zhadan nämlich jeglichen Kontext, jegliche historische oder politische Einordnung. Internat liest sich über weite Strecken wie eine zeit- und ortsenthobene Parabel auf den Krieg und darauf, was er aus den Menschen macht.

Zhadan konzentriert sich ganz und gar auf das Schicksal seines Protagonisten Pascha, eines Schullehrers, der ledig in seinem Elternhaus lebt und sich wenig bis gar nicht für die großen Zusammenhänge um ihn herum interessiert. Pascha muss seinen (wie viele andere Personen des Romans auch) namenlos bleibenden Neffen aus dem Internat abholen, gerät aber auf dem Weg zwischen die Fronten des inzwischen heraufgezogenen Krieges. Zwischen Schnee, Blut, Metall und Erde erlebt er – später mit dem Jungen im Schlepptau, noch später im Schlepptau des Jungen – ein nervenaufreibendes Abenteuer nach dem anderen.

Zhadan, Jahrgang 1974 und nebenbei Rocksänger, schafft in diesem Roman eine Atmosphäre wie in einem Egoshooter, allerdings mit pazifistischem Protagonisten. Das Episoden- oder Promenadenhafte der Handlung, die menschenverlassenen Scheunen und Landschaften, die ständig im Ungefähren lauernde Bedrohung – all das erinnert unheimlich an entsprechende Computerspiele. Noch unheimlicher ist dann nur die Vorstellung, dass die Realität nicht weit von dem entfernt sein dürfte, was Zhadan hier – teils aus eigener Anschauung – schildert.

Die Jurybegründung

„Die Umgebung verroht, aber der Wahrnehmungsapparat des Helden gewinnt an Schärfe und Genauigkeit. Keine billige Drastik, sondern dichte Beschreibungen, die auf Deutsch eine enorme Kraft entfalten. Die Sprache ist Schutzraum und Erkenntnisinstrument in einem.“

http://www.preis-der-leipziger-buchmesse.de/de/Nominierungen/Uebersetzung/Sabine-Stoehr-und-Juri-Durkot-uebersetzten-aus-dem-Ukrainischen-Serhij-Zhadan-Internat/

Das Übersetzungsteam

Sabine Stöhr und Juri Durkot haben gemeinsam schon 5 Bücher von Serhij Zhadan ins Deutsche gebracht. Für seinen letzten Roman „Mesopotamien“ wurden sie gemeinsam mit dem Brücke Berlin Literatur- und Übersetzerpreis ausgezeichnet. Auf der Shortlist zum Preis der Leipziger Buchmesse stehen sie aber zum ersten Mal.

Lieblingssatz

„Die Feldküche kühlt ab wie ein Herz nach der großen Liebe.“ (S. 218)

Die Übersetzung

Anders als die drei bisher vorgestellten Originaltexte bot Zhadans Internat keine offensichtlichen formalen Herausforderungen, also keine exzessive Parataxe, keine Sprachkunststückchen, keine artifiziell sprachlich vermittelte Kälte. In seiner in der dritten Person erzählten, aber sich fast über die gesamte Strecke auf die Gedankenwelt des Protagonisten Pascha beschränkenden Geschichte kam es vielmehr darauf an, den Erzähler als die leicht naive, aber sprachmächtige Figur zu charakterisieren, als die Zhadan ihn angelegt hat.

Sabine Stöhr selbst hat über die Übersetzung von Zhadans Sprache einmal gesagt, es komme darauf an, „durch präzisen Ausdruck das Bild in […] unaufdringlicher Weise nachzuzeichnen“. Diese Aufgabe, die Sprache zugleich fließen und klingen zu lassen, sie nicht mit bedeutungsschwangerem Blabla zu überfrachten, aber ihre eindrückliche Kraft zu erhalten, gelingt Stöhr und Durkot vorzüglich.

Die nicht abreißenden Beschreibungen überfrorener Felder, verhärmter Gesichter, schlaglochdurchzogener Straßen geraten ihnen nie alttümelnd oder albern, auch nicht redundant oder gar langweilig, sondern präzise, klar und poetisch. Das ist bei einem derart eisigen Roman kein selbstverständliches Lob.

Das zweite Alleinstellungsmerkmal dieses Buches im Kreise der Nominierten ist erstaunlicherweise der umfangreiche Gebrauch direkter Rede; kein anderer Text der Shortlist bedient sich dessen so sehr. Und auch damit sind Stöhr und Durkot gut zurecht gekommen. Sie bewegen sich in den direkten Redebeiträgen fast immer trittsicher auf dem schmalen Grat zwischen (zu) umgangssprachlicher Anbiederei und (zu) literarischer Hochsprache; auch hier erinnert vieles an die ganz ähnliche Sprache von Computerspielen.

Ein Fremdkörper bleiben lediglich die häufigen Schimpfwörter. Das häufigste ist das englische „fuck“, das entweder holprig mit Komma an einen Satz angeschlossen wird („Spinnst du, fuck?“, „Halt ihn, fuck!“ etc.) oder auch im denglischen Adjektiv „verfuckt“ auftritt, einem Wort, das zumindest mit dem Duden und mir bis dato unbekannt war. Sowohl das englische „fucking“ als auch das deutsche „verfickt“ wären hier geläufigere und gangbare Alternativen gewesen.

Die Übersetzungsleistung von Stöhr und Durkot, die diese Vulgärkritik nicht schmälern soll, ist ob der hohen atmosphärischen Dichte, die ihr deutscher Text erreicht, nicht gering zu schätzen. In der Shortlist für Leipzig werden sie es meiner Ansicht nach aber schwer haben, gegen die teilweise spektakulären Mitnominierten anzukommen. Die Vergabe des Preises an sie wäre daher ein klares Bekenntnis dazu, sich beim Bewerten der Leistung von Übersetzerinnen und Übersetzer nicht von ihrer jeweiligen Vorlage blenden zu lassen, sondern einzig das Übersetzerische zu beurteilen, das heißt das Sicheinlassen auf deren Geist. Das nämlich ist hier vorzüglich gelungen.

Weiterführende Links

Leseprobe: http://www.suhrkamp.de/download/Blickinsbuch/9783518428054.pdf

Eine Buchvorstellung im Literaturhaus Salzburg: https://www.youtube.com/watch?v=X0ydIFQlrR8

Ein Interview mit Serhij Zhadan in der Welthttps://www.welt.de/kultur/literarischewelt/article174515025/Krieg-in-der-Ukraine-Serhij-Zhadan-im-Interview.html

Die Dokumentation der Dankreden zum Brücke-Berlin-Preis von Zhadan, Durkot und Stöhr in der Zeitschrift Übersetzen (Ausgabe 01/15): http://zsue.de/wp-content/uploads/2016/09/UE-01_2015_gesamt.pdf

Sabine Stöhrs Dankrede zum Johann-Heinrich-Voß-Preis 2014: https://www.deutscheakademie.de/de/auszeichnungen/johann-heinrich-voss-preis/sabine-stoehr/dankrede

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