NÜLB 5: Michael Walter

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[Die anderen vier Nominierten zum Übersetzerpreis der Leipziger Buchmesse habe ich hier vorgestellt.]

Laurence Sterne: Werkausgabe. Aus dem Englischen von Michael Walter. 3 Bände mit Beiheft, insgesamt 1952 Seiten. Galiani Berlin 2018.

http://www.galiani.de/buecher/specials/werkausgabe-laurence-sterne.html

Das Buch

Laurence Sterne (1713–1768), Pastor, Weiberheld, Lebemann, war ein literarischer Popstar seiner Zeit. So skandalträchtig er auch schrieb, so zotig und verrückt es in seinem seit 1759 erschienenen Großwerk Life and Opinions of Tristram Shandy, Gentleman auch zugeht, das Londoner Publikum lag ihm zu Füßen, bestellte eifrig neue Bücher und ermöglichte es dem stets unter Geldsorgen leidenden Autor damit, sich vom Predigerberuf abzukehren und ganz dem Schreiben zu widmen.

Im Jahr 1762, inzwischen sind sechs Bände des Tristam Shandy und einige Predigten im Druck erschienen, macht sich Sterne auf Anraten seiner Ärzte auf eine Reise nach Frankreich. Dort wird er von Philosophen, Literaten und Halbweltgestalten begeistert empfangen, schreibt, als das Geld zur Neige geht, weitere Tristram-Bände, kehrt kurz nach London zurück, macht sich 1765 erneut nach Frankreich und Italien auf, beendet nach erneuter Rückkehr nach England im Jahr 1767 den Tristam.

Die Auslandsreisen haben ihm eine neue Idee eingepflanzt: seine Erfahrungen will er in einem neuen Buch verarbeiten, das, wie er schreibt, „die Frauen […] im Salon […] und den Tristram im Schlafzimmer“  lesen können (Bd. 3, S. 566), ein Buch also, das dem Eindruck entgegenwirkt, er „sei […] selber shandyanischer, als ich es jemals wirklich gewesen bin“ (Bd. 3, S. 549). Daraus wird seine Sentimental Journey, im Deutschen oft so wirkungsvoll wie irreführend als Empfindsame Reise übersetzt.

Diese zwei Hauptwerke in Michael Walters bereits erschienenen Übersetzungen, einige seiner kürzeren Frühwerke sowie 249 Briefe umfasst diese Ausgabe. Zum „ganzen Sterne“ fehlten jetzt also nur noch seine in vier Bänden erschienenen Predigten, die Sterne selbst allerdings zeitlebens streng von seinem literarischen Schaffen trennte.

Die Jurybegründung

„Walter hat diesen charmanten Klassiker in ein zeitgenössisches Deutsch übersetzt, das die Lebendigkeit und den Witz einer vergangenen Epoche auferstehen lässt und doch die Achtung vor dem historischen Abstand wahrt.“

http://www.preis-der-leipziger-buchmesse.de/de/Nominierungen/Uebersetzung/Michael-Walter-uebersetzte-aus-dem-Englischen-Laurence-Sterne-Werkausgabe-in-3-Baenden/

Der Übersetzer

Michael Walter ist das Schwergewicht unter den Nominierten. Seine Bibliographie strotzt vor Weltliterat_innen, er hat die wichtigsten Übersetzungspreise gewonnen, im Mai wird ihm der Europäische Übersetzerpreis der Stadt Offenburg verliehen. Mit Laurence Sterne beschäftigt er sich seit 35 Jahren. Mit der Übersetzung des Tristram Shandy begann alles – seither ist diese gefeierte und mit Preisen überhäufte Übersetzung fortlaufend überarbeitet worden. 2010 erschien dann Walters Übersetzung der Empfindsamen Reise. Für die Werkausgabe hat er einige bisher fehlende kürzere Texte sowie Sternes umfangreichen Briefkorpus neu übersetzt.

Lieblingssatz

„Zum Geier mit aller Empfindsamkeit!“ (Bd. 3, S. 552)

Die Übersetzung

Zu den aufregenden Nebenfreuden einer so intensiven Beschäftigung mit dem auf fünf Titel eingedampften Mikrokosmos NÜLB, wie ich sie nun hinter mir habe, gehört es, Querverbindungen und Strukturen in der Shortlist zu erkennen.

Zum Beispiel weist diese Liste eine geradezu klassische Symmetrie auf: Zwei Bücher spielen östlich des ehemaligen Eisernen Vorhangs, in Russland bzw. der Ukraine, zwei in der angloamerikanischen Welt, und in der Mitte steht als Scharnier der Doppelroman Oxenberg & Bernstein, der die beiden Welten – hier Rumänien, dort Amerika, überbrückt.

Die zweite übergreifende Gemeinsamkeit der fünf Bücher liegt hier vor uns: es ist Laurence Sterne. Bei Viktor Schklowskij war die Bezugnahme auf die Empfindsame Reise schon im Titel offensichtlich, aber auch Joshua Cohen steht – ob bewusst oder unbewusst – in der Tradition dieses großen Fabulier- und Sprachkünstlers, dessen sich hinüber und herüber rankende Erzählweise Cohen ins 21. Jahrhundert übertragen hat.

Wenn wir nun Sterne als Urvater der NÜLB-Liste 2018 sehen: Wie ist dann Michael Walters Leistung zu bewerten? Machen wir es kurz: Wir haben es hier mit dem Favoriten auf den Preis zu tun. 1900 Seiten eines Autors, darin verschiedenste Textgattungen, Stilebenen und Eskapaden, in einem Guss zu übersetzen, wie Walter es hier geschafft hat, verdient höchste Bewunderung und jeden Preis der Welt. Bekäme er ihn nicht, es wäre kein Affront – angesichts der Konkurrenz auf der Liste und angesichts auch der erzwungenermaßen arbiträren Auswahl – aber doch Anlass zu Nachfragen.

Walters Übersetzungsstil ist in den letzten Jahrzehnten, in denen sich Literatur- und Übersetzungskritiker_innen über sein Werk gebeugt haben, vielfach beschrieben, analysiert und gepriesen worden. Walter hält ihn auch in den neu übersetzten Teilen, also den kürzeren Geschichten im zweiten und vor allem der Briefsammlung im dritten Band, konsequent durch.

Das Besondere an diesem Stil ist der unbedingte Wille zu einer historisierenden Herangehensweise bei gleichzeitiger unbändiger Sprach- und Formulierlust. Wäre Walter nicht 1951, sondern 1751 geboren und hätte seine Tristram-Übersetzung(en) 1783 veröffentlicht, es wäre seiner deutschsprachigen Leserschaft wohl nicht aufgefallen. (Allenfalls wären ihr eine ganze Reihe fehlgeleiteter Übersetzungen, die Walter selbst im Nachwort detailliert auflistet, erspart geblieben.)

Wenn man diese übersetzerische Entscheidung einmal akzeptiert, dann liest sich Walters Sterne erstaunlich modern, gewitzt und kreativ und ist damit gar nicht so weit von Detjes Cohen-Übersetzung entfernt. Sein Deutsch ist jedenfalls auch im Jahr 2018 hervorragend lesbar und ruft geradezu Sehnsucht nach der Probierfreude jener Zeit in uns wach.

Walters Vorgehen, das die Konfrontation der Leserschaft mit „sintemalen“, „itzt“, „glatterdings“ und Konsorten nicht scheut, kann und wird keinen Alleinübersetzungsanspruch erheben können. Sicher haben auch Ansätze, den 250-jährigen Graben zwischen Tristram und uns mehr zu überbrücken, stärker zu aktualisieren, ihre Berechtigung. In seinem Metier allerdings wird ihm so schnell wohl niemand den Rang ablaufen.

Übrigens ist auch die editorische und satztechnische Aufmachung dieser Ausgabe voll auf der Höhe dieser virtuosen Übersetzung. Sterne zahlreiche typographische Eigenheiten werden auch in der deutschen Ausgabe – wenn man Walters Nachwort im ersten Band Glauben schenkt, zum ersten Mal – entsprechend umgesetzt. Und die Vor- bzw. Nachworte in jedem Band sowie gerade bei den Briefen die umfangreichen Anmerkungen ergänzen die um all jene Hintergrundinformationen, die bei einem solchen Autor zum Verständnis notwendig sind.

Weiterführende Links

Leseprobe: https://www.bic-media.com/mobile/mobileWidget-jqm1.4.html?isbn=9783869711706

Die Mammutveranstaltung „Shandy Hall Berlin“ zum 250. Geburtstag: https://www.facebook.com/events/2001026396886262/

Ein ausführliches Gespräch mit Michael Walter im BR: https://www.br.de/radio/bayern2/sendungen/hoerspiel-und-medienkunst/michael-walter-tristram-shandy-100.html

Tristram Shandy als Hörspiel https://www.br.de/radio/bayern2/sendungen/hoerspiel-und-medienkunst/hoerspiel-podcast-sterne-tristram-shandy-gentleman100.html

 

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