Der Preis der Leipziger Buchmesse: Ein Resümee

Die Messe ist vorbei, die Stände sind abgebaut, die Aufregung verraucht, die Preise sind vergeben, Sabine Stöhr und Juri Durkot haben den ihren so verdient wie überraschend feiern können. Was bleibt von der Lektüre der fünf aufregendsten, besondersten, ja „besten“ Übersetzungen des Jahres, und natürlich des primus inter pares, dem ausgezeichneten Titel Internat?

Ich will hier nicht an der Juryentscheidung herumdeuteln. Mir wären für (und gegen) jede der fünf nominierten Übersetzungen gute Argumente eingefallen. Letzten Endes ist der Preis also nicht richtig oder falsch vergeben worden; viel interessanter ist die Frage, was die Vergabe über die Kriterien verrät, nach denen hier ein Preis vergeben wurde, sprich: was wir aus der Kombination aus Shortlist und Preisträgern über das Übersetzen im Jahr 2018 lernen können. Hier fünf Thesen.

1. Der Kalte Krieg ist nicht vorbei.

Dass sich die fünf Nominierten der (deutschsprachigen) Sachbuch/Essayistik-Kategorie sich allesamt mit Gesellschaft und Geschichte West- und Osteuropas beschäftigen – geschenkt. Dass sich aber neben den deutschsprachigen auch die fünf Nominierten der Übersetzerkategorie in dieses Muster einsortieren – noch dazu in unglaublich symmetrischer Anmut, wie ich anderswo schon beschrieben habe – das ist bemerkenswert.

Die Nominierung für zwei Übersetzungen aus slawischen Sprachen, zwei aus dem Englischen, dazu das Rumänische zwischen beiden Welten, bei völligem Fehlen Asiens und Afrikas – das belegt nicht nur (negativ), wie begrenzt der kulturelle Hintergrund dieser Buchbranche ist, sondern steht auch für den immensen Einfluss, den jene zwei Großkulturräume nach wie vor (und wohl wieder mehr denn je) auf uns haben.

2. Übersetzen überspannt Raum und Zeit.

Aus der Lektüre der – laut Jurymeinung – fünf besten Übersetzungen des vergangenen Jahres kann man lernen, wie – im besten Sinne – eigenmächtig man mit Texten umgehen und ihnen so zu neuer Wirkung verhelfen kann. Und da Übersetzen eine Kunst für sich ist, lassen sich auch ganz unabhängig von den jeweiligen Vorlagen Querverbindungen zwischen den Texten ziehen.

Der lustvolle, aber akademisch genau begründete und berechnete Archaismus eines Michael Walter beispielsweise hat mit der übermütigen Sprachavantgarde eines Robin Detje konzeptionell wenig gemein, zwischen ihren Vorlagen liegen Jahrhunderte; ihre Texte jedoch lesen sich wie von Geschwistern geschrieben.

Und auch Olga Radetzkajas Leistung muss man in diesem Zusammenhang hervorheben: Schklowskij so modern zu interpretieren, wie sie es in ihrer Übersetzung geschafft hat, die einem das Lesevergnügen wahrlich im Hals stecken bleiben lässt, das ist wahre Kunst.

3. Mannsein hilft beim Übersetztwerden.

Dass die Shortlist der Nachbarkategorie Sachbuch prozentual mehr weiße alte Männer aufweist als Vorstandssitzungen deutscher DAX-Konzerne, ist verschiedentlich schon bemerkt und kritisiert worden. Allerdings sind auch 100 Prozent der übersetzten Bücher im Original von Männern geschrieben.

Genderzählerei auf dem Cover allein wäre nun sicher kein Argument gegen die nominierten Titel, sähe es nicht zwischen den Buchdeckeln kaum besser aus. Eine einzige erwähnenswerte Frauenfigur hat es auf diese Shortlist geschafft (Suzy Bernstein in Mihuleacs Oxenberg & Bernstein). Eine Frau in fünf Romanen auf knapp 4000 Seiten.

4. Die Jury ist stärker als ihre Kritik.

Keine Literaturdebatte ohne Metadebatte: Auch in diesem Jahr stieß das Vergabeverfahren des Preises auf Kritik. Andreas Platthaus schrieb im Nachgang der Verleihung:

„Wer aus der Jury spricht denn [alle; FP] diese Sprachen, könnte also wirklich vergleichend urteilen? So ist diese Rubrik generell mehr Stil- als Kompetenzfrage.“ http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/themen/preis-der-leipziger-buchmesse-15496102.html

In eine ähnliche Kerbe schlug Maria Hummitzsch, die 2. Vorsitzende des VdÜ, in einem Radiointerview, in dem sie unter anderem einen Platz für Übersetzer_innen in der Jury einforderte.

Was die – sowohl von Platthaus als auch von Hummitzsch aufgebrachte – Kriterienfrage betrifft, kann ich nur auf das bereits einmal verlinkte Interview von Burkhard Müller verweisen, in dem die Kriterien der Jury glasklar benannt werden: Es gehe, so Müller 2017, darum, „ob die Differenz von Zeit und Raum so gelöst worden ist, dass man sagen kann, dieses Buch kann man heute lesen“.

Aus dieser – sicherlich nicht unumstrittenen – Perspektive wird auch deutlich, warum eine Neustrukturierung der Jury weder geboten noch notwendig erscheint: Die gefragte Kompetenz ist nicht das Spezialwissen einzelner Expert_innen (das angesichts der unendlichen Sprachenvielfalt der Welt ja ohnehin nie erschöpfend sein könnte), sondern genau jene, die die amtierende Jury aus Kritikerinnen und Kritikern mitbringt: Lesekompetenz. Auf die Idee, die Jury für den Sachbuchpreis mit Professor_innen oder gar die Belletristikjury mit Autor_innen zu besetzen, käme man ja auch nicht, und das mit gutem Grund.

In dieser Hinsicht war der stärkste Beitrag der Jury die Preisvergabe an Sabine Stöhr und Juri Durkot für einen Text, dessen Stil (ist das nicht, müsste man Andreas Platthaus fragen, genau die übersetzerische Kompetenz, die es zu prämieren gilt?) unter den fünf Nominierten der am wenigsten spektakuläre, vielleicht auch am wenigsten mutige, aber (dennoch oder vielleicht gerade auf diese Weise) wohl der dichteste und poetischste war. Die Vergabe zeigt, dass für gute Übersetzerarbeit keine abenteuerliche Vorlage im Hintergrund stehen muss. Und sie zeigt auch, dass man zu diesem Schluss kommen kann, ohne selbst beruflich zu übersetzen.

5. Mutige Entscheidungen zahlen sich aus.

Doch was ist mit den Texten selbst? Kann man irgendeine Art von Fazit aus der Lektüre dieser fünfstelligen Bestenliste ziehen, trotz der extremen Unterschiede zwischen ihnen? Wenn man ein solches Fazit ziehen will, sich also den kleinsten gemeinsamen Nenner dieser teilerfremden Kandidaten auszurechnen versucht, driftet man erzwungenermaßen ins Vage ab, aber vielleicht lohnt es sich ja doch.

Den fünf Nominierten ist die – keineswegs selbstverständlich – Eigenschaft gemein, klare Entscheidungen über den Kurs getroffen zu haben, den ihr Text nehmen soll. Ernest Wichner verlieh Catalin Mihuleac einen eleganten, von Satz zu Satz gleitenden Stil. Olga Radetzkaja verpasste Viktor Schklowskij eine Radikalentschlackung. Robin Detje mutierte selbst zu dem wagemutigen, experimentierfreudigen Kind, als das man sich Joshua Cohen beim Schreiben wohl vorstellen muss. Michael Walter imaginierte sich ein zweihundert Jahre früher geborenes Übersetzer-Ich zusammen und schrieb aus dieser Perspektive ein radikales, aber konsequentes Gesamtwerk des deutschen Laurence Sterne. Und das prämierte Gespann aus Sabine Stöhr und Juri Durkot entschieden sich gegen einen zu umgangssprachlichen Sound in der Wiedergabe ihrer Kriegserzählung und für die Poesie.

Radikales Übersetzen als Zukunftsstrategie, mir persönlich scheint das eine vielversprechende Perspektive für die Zunft zu sein. Seien wir gespannt, was uns im nächsten Jahr erwartet.

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