NÜLB 1: Ernest Wichner

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Cătălin Mihuleac: Oxenberg & Bernstein. Aus dem Rumänischen von Ernest Wichner. Paul Zsolnay Verlag 2018. 366 Seiten. https://www.hanser-literaturverlage.de/buch/oxenberg-und-bernstein/978-3-552-05883-5/

Vorbemerkung

NÜLB – dieses Kürzel sorgt jetzt und in den kommenden Wochen dafür, dass die Titel meiner Blogbeiträge nicht zu lang werden. NÜLB steht für: Die Nominierten zum Übersetzerpreis der Leipziger Buchmesse. (Ganz korrekt müsst es heißen: Die Nominierten zum Preis der Leipziger Buchmesse in der Kategorie Übersetzung, aber NPLBidKÜ wäre wirklich nicht mehr lesbar.) Fünf Bücher sind in dieser Kategorie vor eineinhalb Wochen nominiert worden, eines von ihnen wird am 15. März vor den Augen Literaturdeutschlands prämiert.

Als Handreichung für alle, die keine Zeit oder Lust haben, sich in die fünf NÜLBs einzulesen, die aber dennoch an gelehrsamen Diskussionen vor und nach der Preisverleihung teilnehmen wollen, werde ich diese in den kommenden vier Wochen hier vorstellen. Die Titel sind zum Großteil aus Sprachen übersetzt, derer ich nicht mächtig bin, daher kann die Übersetzungskritik nur hier und da so detailliert ausfallen können, wie ich selbst es mir wünschen würde. Aber gleiches gilt wohl auch für die Jury. Juror Burkhard Müller, der auch in diesem Jahr wieder an der Entscheidung beteiligt sein wird, hat den Grundsatz der Entscheidungsfindung in einem Interview mit dem Deutschlandfunk 2017 beschrieben, und an das, was er damals sagte, will auch ich mich halten, wenn ich an dieser Stelle über die NÜLBs 2018 schreibe.

„Irgendwelche Übersetzungsfehler kriegen wir […] natürlich nicht ins Visier, aber das ist nicht das Entscheidende – sondern, ob die Differenz von Zeit und Raum so gelöst worden ist, dass man sagen kann, dieses Buch kann man heute lesen. Es ist ja ein Preis des Buchhandels, das heißt: Der Leser steht im Blick.“

Das Buch

Oxenberg & Bernstein erschien auf Rumänisch unter dem Titel America de peste pogrom im Jahr 2014. Der Autor, Cătălin Mihuleac, stammt aus der Stadt Iași, die im Zentrum dieses Romans steht. Wie in einem Brennglas, unter dem Zusammenhänge und Vorgänge vergrößert und verlangsamt hervortreten, beleuchtet sein Roman einen barbarischen, aber in Deutschland wenig bekannten Pogrom, der sich unter der Gewaltherrschaft Ionescus im Jahr 1941 dort abspielte und dem entweder direkt vor Ort oder infolge von Deportationen tausende Menschen zum Opfer fielen.

Mittels einer geschickt verklammerten Doppelhandlung – die zwei Namen Oxenberg und Bernstein sind die Namen der zwei Familien, deren Geschichte abwechselnd erzählt wird – zieht Mihuelac seine Leser in die Geschichte hinein. Suzy Bernstein, die Ich-Erzählerin der im 21. Jahrhundert spielenden Bernstein-Handlung, fungiert dabei als Vehikel, das uns immer näher an den historischen Stoff heranführt. Das eigentliche Interesse des Autors – und gegen Ende des Romans auch immer mehr seiner Hauptfigur Suzy – gilt aber der Geschichte, die anhand der Familie Oxenberg erzählt wird, der Geschichte des Progroms von Iași.

Wie diese zwei über weite Strecken getrennt mäandernden Handlungsströme am Ende zusammenfließen, soll hier nicht verraten werden. Mihuelac ist es auf diese Weise jedenfalls gelungen, eine spannende, manchmal unterhaltsame, in den dramatischen Beschreibungen jener brutalen Junitage auch schockierende und in ihrer ganzen Vielfalt und Wirkmacht eindrückliche Darstellung jenes Pogroms zu verfassen, die das Potenzial hat, weite Leserkreise für diesen bis heute offenbar in Rumänien gerne unter den Teppich gekehrten Teil der rumänisch-deutsch-europäischen Geschichte zu interessieren. Man darf davon ausgehen, dass dies das zentrale Anliegen des Buches ist.

Die Jurybegründung

„Die Heldin Suzy haut auch verbal ordentlich auf die Pauke: Sie versteht sich auf fein ziselierte Beobachtungen und kleine Bosheiten in verschlungenen Satzperioden. Ein elegantes, facettenreiches Deutsch, dem man genauso verfällt wie Suzy ihrem Amerikaner.“

http://www.preis-der-leipziger-buchmesse.de/de/Nominierungen/Uebersetzung/Ernest-Wichner-uebersetzte-aus-dem-Rumaenischen-C_t_l_n-Mihuleac-Oxenberg-und-Bernstein/

Der Übersetzer

Ernest Wichner ist ein Schwergewicht im Literatur- und Übersetzungsbetrieb, erfahrener und renommierter Übersetzer aus dem Rumänischen, bis vor Kurzem Leiter des Literaturhauses Berlin, jetzt im produktiven Ruhestand. Zur Buchmesse mit dem Gastland Rumänien – hier ist er auch als Fachberater der Messe tätig – hat er noch drei weitere Übersetzungen aus dem Rumänischen herausgebracht: Zwei Gedichtbände von Iulian Tănase und Daniel Bănulescu sowie einen Erzählungsband von Varujan Vosganian. Er ist zum ersten Mal im illustren NÜLB-Kreis vertreten.

Lieblingssatz

„Jedes karpatho-danubiale Walross legt Wert darauf, dir klarzumachen, dass es Sport getrieben hat.“ (S. 161)

Die Übersetzung

Übersetzungen spielen in Oxenberg & Bernstein  eine große Rolle: Frau Oxenberg ist Übersetzerin, geht mit einer zweitausendseitigen Übersetzung rumänischer Literatur ins Deutsche (!) hausieren, für die sich zunächst niemand interessiert, die dann, mit den Nazis hinterm Horizont, immerhin für einige Zeit zum Schutzschild für sie und die Familie wird, die dann aber – welch unauslöschliches, vor Bitterkeit triefendes Bild – im überfüllt gen KZ rollenden Güterwaggon nur noch als Klopapier zu gebrauchen ist. Mit der im naiven Gutglauben mitgenommen Übersetzungsausgabe zerfleddern am Ende auch die Hoffnungen der malträtierten Juden auf irgendeine Rettung.

Aber nicht nur auf dieser konkreten Ebene, auch implizit handelt der ganze Roman von Übersetzungssituationen. Rumänisch–Englisch–Deutsch–Russisch sind die vier Sprachen, die im Hintergrund der Handlung stehen und immer wieder aufscheinen, wenn Figuren von Washington nach Wien oder Warnemünde jetten und sich in ungewohnten Verhältnissen zurechtfinden müssen. Seine Übersetzung denkt der Roman also von Anfang an mit.

Ernest Wichner hat in einem Interview gesagt, dass er zunächst Zweifel hatte, ob der Roman mit seinem „saloppen“ Stil sprachlich seinem ernsten Gegenstand gerecht würde. Ein Jahr Bedenkzeit habe es gebraucht, bis er das Buch doch empfohlen und dann ins Deutsche übersetzt habe. Wird er als Übersetzer nun dem Gegenstand gerecht? Welchen Stil hat er gefunden? Definieren wir zunächst kurz, was mit diesem Wort gemeint sein könnte.

Wenn wir beim Lesen bewundernd und beim Übersetzen ehrfurchtsvoll von „Stil“ sprechen, dann verwechseln wir, geblendet vom eitlen Gepränge erläuternder Nebensätze, derer wir selbst uns niemals fähig wähnten, und aufgeblasener Einschübe, die doch nur das Verstehen hinauszögern, diesen Begriff oft mit hypotaktischen, fein austarierten und von Partikeln und Adverbien präzise im Gleichgewicht gehaltenen Satzkunstwerken, die zu übersetzen – so raunen wir uns hinter vorgehaltener Hand zu – doch ohnehin aussichtslos sei, oder, wenn man es dann zuwege bringe, die höchste Kunst des Übersetzens.

Falsch. Oder zumindest: Unvollständig. Ernest Wichner beweist, dass kurze Sätze ebenso große Könnerschaft erfordern wie lange. Er zeigt, dass guter Stil nichts mit der Frequenz der Punkte im Text zu tun hat, sondern nur mit der Frequenz jener sprachlichen Knackpunkte, die es beim Übersetzen zum Knacken, zum Prickeln zu bringen gilt.

Die Ich-Erzählerin Suzy Bernstein beschreibt ihren eigenen Sprachstil in ihrem fiktiven metapoetischen Vorwort als „buchhalterisch“ (S. 10). Das stimmt, ist jedoch nur eine Seite der Medaille. Buchhalterisch-parataktisch, man könnte auch sagen, salopp legt sie die Geschehnisse dar. Darin steckt jedoch ein künstlerisches Konzept. Ihr Vorbild ist die Minimal Art. Die minimalistischen Hauptsätze und Ellipsen, in denen Suzy schreibt und spricht, gilt es demgemäß zu Kunst zu machen. Sie zum Schwingen zu bringen.

Wie auch immer Suzy auf Rumänisch spricht und schreibt – dies liegt wie erwähnt außerhalb meines Einschätzungsvermögens – in Wichners deutschem Text gelingt dies auf ganzer Linie. Passgenau manövriert er zwischen den bedrohlichen Klippen einer zu primitiv-saloppen Ausdrucksweise einerseits und einer pseudo-literarischen Verbrämung andererseits hindurch. Seine Übersetzung ist Minimal Art.

So tritt Wichner den Beweis an, dass es eines Künstlers bedarf, um das Einfache einfach zu machen. Hypotaxe kann man ja lernen: den Zusammenhang und -klang der Nebensätze und Einschübe, die Gravitationslehre der Grammatik. Aber Parataxe? Wo ständig ein Punkt den Gedankenstrom unterbrechen will, muss man auf die Wörter selbst lauschen und ihnen die Kraft geben, Satz um Satz, von Punkt zu Punkt hüpfend, in Bewegung zu bleiben.

Auch lexikalisch schöpft er aus dem Vollen: er weiß die Kulturwelt der Dreißigerjahre ebenso treffend zu zeichnen wie das Amerika der 2000er, er lässt die einfachen Angestellten im Hause Oxenberg ebenso glaubwürdig sprechen wie die Ärzte und Intellektuellen, die US-Amerikaner auf der anderen Seite des Atlantiks ebenso wie die Rumänen, er scheut auch vor krassen Vulgarismen nicht zurück und macht uns die verschiedenen Zeitebenen seines Textes so plastisch und unmittelbar zugänglich. Der rund achtzig Jahre vor unserer Zeit spielenden Handlung verleiht er mit einem „wiewohl“ hier und ein bisschen Konjunktiv I dort Patina, ohne dass es je antiquiert klänge.

Kurz: Wichner hat Oxenberg & Bernstein mit Herz und Verstand übersetzt, möglicherweise sogar eine Nuance weg vom Unterhaltungs- oder historischen Aufklärungsroman hin zum literarischen Kunstwerk bewegt, ohne sich dabei als neuer Autor zu gerieren. Wer sich für das Übersetzen als Prozess interessiert, der einen Textkorpus ernst nimmt und ihm – im Dienste des Inhalts – einen neuen Anzug maßschneidert, der lese also und lerne.

Links zum Weiterlesen

Eine Kritik der „Presse“: https://diepresse.com/home/kultur/literatur/5361566/Traeume-enden-mit-dem-Erwachen

Leseproben: http://buchhandel.hanser.de/index.asp?isbn=978-3-552-05883-5&nav_id=763475834&nav_page=2

Ein RBB-Interview mit Ernest Wichner: http://mediathek.rbb-online.de/radio/Kulturradio-am-Nachmittag/Ernest-Wichner-Literaturhausleiter-Sch/kulturradio/Audio?bcastId=9839134&documentId=48415714

Ein Interview mit Ernest Wichner über die Leipziger Buchmesse und seine neuen Übersetzungen: http://www.leipziger-buchmesse.de/Buecherleben/Rumaenien-erlesen.html

 

 

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Rezension: The Translator/Die Übersetzerin

Was unterscheidet eine gelungene Übersetzung von einer missratenen? Gibt es profundere Kriterien zur Analyse und Würdigung eines in unsere Sprache überführten Textes als kleinliche Bedeutungsklauberei einerseits und großtuerische Stilkritik andererseits? Stellt womöglich der Text einer Vorlage, wenn man ihn als im Wortsinne auto-nomes Gebilde auffassen kann, als Kunstwerk also, das seine eigenen Gelingens- und Scheiternsbedingungen definiert, auch der Übersetzung solche Bedingungen? Und schließlich: Kann auch eine Übersetzung selbst sich – in Autonomie gegen die Heteronomie der Vorlage – derartige Kriterien geben?

Auf derlei Grundfragen des Übersetzens und der Übersetzungskritik wirft der vorliegende Roman, dessen sich 15 Jahre nach Erscheinen in den USA nun der Golkonda-Verlag und sein Übersetzer André Taggeselle angenommen haben, neues Licht.

Der Autor John Crowley, 1942 geboren, hat sich im Genre der anspruchsvoll-verschrobenen Science-Fiction und Fantasy einen Namen gemacht – seine ersten drei Romane sind schon ins Deutsche übersetzt –, weshalb die Handlung des Romans zunächst überrascht. Statt in mittelalterliche oder weit in der Zukunft liegende Welten versetzt er uns gleich mit dem ersten Satz in die jüngere Vergangenheit, die Zeit des kalten Krieges.

The first time that Christa Malone heard the name of Innokenti Isayevich Falin, it was spoken by the President of the United States, John F. Kennedy.

Zum ersten Mal hörte Christa Malone den Namen Innokenti Issajewitsch Falin aus dem Mund des US-Präsidenten John F. Kennedy.

Das Personaldreieck im Hintergrund der sich nun entwickelnden Handlung ist damit vorgezeichnet. Christa Malone, genannt Kit, Highschool-Absolventin und angehende Lyrikerin, beginnt ihr Studium am College. Schnell entwickelt sie eine Faszination für ihren Poetikdozenten Falin, einen russischen Dichter, der unter mysteriösen Umständen aus der UdSSR verbannt worden ist und im Amerika der Kennedy-Zeit Exil gefunden hat..

Falin erwidert diese Faszination bald, und als Kit in einem Ferienkurs Russisch lernt, bittet er sie, ihr bei der Übersetzung seiner Gedichte ins Englische behilflich zu sein. Aus dem intensiven Arbeitsverhältnis – ein ganzes Kapitel im zweiten Teil gleicht einer protokollierten Lektoratssitzung – wird schnell eine Liebesbeziehung, aber bevor daraus mehr werden kann, brechen die Zeitläufte über das heimliche Paar herein. Die Kuba-Krise eskaliert und Falin, der als exilierter Russe in Amerika immerfort unter Spionageverdacht steht, verschwindet auf so geheimnisvolle Weise, wie er gekommen ist.

Dies ist das Handlungsskelett eines Romans, der mit Nebensträngen, Zeitebenen und philosophischen Abschweifungen nicht geizt, der Coming-of-Age-Geschichte, geschichtsphilosophisches Traktat, College-Roman und metapoetische Reflexion in einem sein möchte und uns über Motivation, Fortgang und Ziel dieser Geschichte oft genug im Unklaren lässt.

Was in den verschiedenen Dialogen zwischen Falin und Kit jedoch klar wird, ist die eigentümliche, zunächst pessimistisch wirkende Übersetzungsphilosophie des Dichters. Kit, die ihm erzählen will, dass sie ein Gedicht von ihm gelesen habe, muss sich Folgendes anhören:

My poem,” he said, “was a poem in Russian. The poem in the book was a poem – perhaps a poem – in English. This I believe you read.”
Was it a bad translation?”
I can’t say”, he said.

„Mein Gedicht“, erklärte er, „war ein Gedicht in russischer Sprache. Das Gedicht in diesem Buch ist ein Gedicht – vielleicht ein Gedicht – auf Englisch. Ich glaube, das ist es, was Sie gelesen haben.“
„War die Übersetzung nicht gut?“
„Das kann ich nicht sagen“, erwiderte er.

Diese Übersetzungsskepsis gemahnt – ins Praktische gewendet – zu äußerster Bescheidenheit; gerade beim Übersetzen von Gedichten hält Falin nichts von gekünstelten Versuchen, Reimschemata zu erhalten, wenn sie sich nicht zufällig ohnehin ergeben. Und die Rohübersetzungen, die Crowley im Buch immer wieder zitiert, sind dann auch genau das: schlichte, reim- und geradezu kunstlose, prosaartige Werke, hinter denen man als des Russischen unkundiger Leser die ihnen zugeschriebene immense Wirkung nur vermuten kann.

Doch Falins Programm ist doppelgesichtig: Es hebt die Übersetzung andererseits auch auf eine Stufe mit dem Original, sofern sie sich der Hoffnungslosigkeit ihres Unterfangens bewusst wird.

[…] You cannot translate. You can only make other poems.”
[…] “Then what’s the original?”
I don’t know. Perhaps there is not one. Perhaps there are many translations but no original.”

„[…] Man kann sie [die Gedichte, FP] nicht übersetzen. Man kann nur neue Gedichte daraus machen.“
[…] „Aber welches ist dann das Original?“
„Ich weiß es nicht“, sagte er. „Vielleicht gibt es nicht bloß eines. Vielleicht gibt es viele Übersetzungen, aber kein Original.“

Und so verschwindet auch Crowley als Autor hinter den „übersetzten“ Schichten seines Romantextes. Mit der Hoffnung, die „echten“, russischen Gedichte Falins zu Gesicht zu bekommen – es gibt sie nicht –, muss der Leser auch die Hoffnung begraben, tieferen Sinn in dieser gegen Ende ins epenhafte Mysterienspiel abgleitenden Handlung zu erkennen. Translations without Original ist der Titel von Kits erster Veröffentlichung als Lyrikerin, und eigentlich wäre das auch ein guter Titel für diesen Fass-ohne-Boden-Roman gewesen: Übersetzungen ohne Original.

Denn in dieser paradoxen Erkenntnis steckt der Kern des Buches, das um Sprach-, Übersetzungs- und interkulturelle Anpassungsprobleme kreist wie die Übersetzerin um ihren Autor, wie Kit um Falin, wie Kennedy und Chruschtschow umeinander und um diese ihre Berater: Überall Missverständnisse, überall Einsamkeit, überall – als verlorene kleine Sisyphoswichtel, letzte Hoffnung, vergebliche Hoffnung – Übersetzer.

Der Übersetzer, mit dem wir es als Leser der deutschsprachigen Fassung zu tun haben, André Taggeselle, weiß um die Vertracktheit seiner Aufgabe. Er weiß, dass er gemäß Falins/Crowleys eigener Philosophie dem Buch ein zweiter Autor werden muss, dass ein ambitionsloses Vorgehen einem solchen Text nicht gerecht würde.

Taggeselle weiß auch um die Probleme seiner Vorlage: Slang-Unterhaltungen unter den Studierenden, tiefsinnige Konversationen zwischen Falin und Kit, philosophische Spekulationen des Erzählers und nüchterne Politberichte stehen oft unvermittelt nebeneinander, ohne dass sich der Eindruck einer souverän alles verklammernden Erzähleridee aufdrängt.

Der deutsche Text liest sich im Vergleich ebenmäßiger, als hätte der Übersetzer durch die wilden Klüfte, die Crowley vor ihm aufbaute, eine fahrbare Straße gelegt. Die stilistischen Extreme im englischen Text nähert er im Deutschen aneinander an: die deutsche Erzählstimme versteigt sich nicht so tief in ihre Grübeleien; Kit, ihre Zimmergenossin Fran und ihre kommunistischen College-Freunde sprechen etwas förmlicher und Falins russischer Akzent wird eher angedeutet als konsequent durchgeführt.

Gerade Falin, die unverkennbare Hauptfigur des Romans, ist im Original als schwankender Charakter gezeichnet; manchmal sympathisch, meistens eher unheimlich, mindestens unnahbar, stark charakterisiert durch seinen telegrammartigen Hauptsatzstil (man erinnere sich an die oben zitierten Dialogbeispiele), aber durch seine nebulöse Vorgeschichte auch unfasslich und seltsam unpersönlich, engelsgleich. Dass Kit einem solchen Menschen Hals über Kopf verfallen kann, erschließt sich jedenfalls aus dem englischen Roman nicht.

Taggeselles Falin, der weicher, zugänglicher, nuancenreicher spricht, ist kein von irgendjemandem eingesetzter dunkler Engel, sondern eine nahbare Figur, in die man sich mit Kit gemeinsam verlieben kann und über deren Verschwinden man mit ihr trauert.

Insgesamt entsteht auf diese Weise ein gestraffter, unambitionierter, geradezu frugaler Text, der zwar ein aufmerksameres Lektorat verdient gehabt hätte (das Fehlen sämtlicher Kursivierungen im Fließtext macht die Lektüre stellenweise holprig und auch einige flüchtige falsche Freunde sind ärgerlicherweise geblieben), der sich aber flüssig liest und aus dem die Konstruktionsschwächen des englischen Texts weniger eklatant hervortreten.

Darüber hinaus entsteht im Deutschen auch ein überraschender Moment von großer Poesie, die im Englischen verborgen bleiben musste: Taggeselle setzt den Moment, in dem Falin und Kit vom „Sie“ zwischen Lehrer und Schülerin zum „Du“ eines Liebespaars übergehen – ein sprachlich unvermeidbarer, aber übersetzungstechnisch heikler Eingriff –, just kurz vor eine Reflexion von Kit über den Unterschied der alten englischen Anreden „you“ and „thou“. So verweben sich auf fast magische Weise Leben und Dichten der Protagonistin.

Man hält also mit der Übersetzung einen Text in Händen, der sich – und das ist keine Selbstverständlichkeit – formal auf der Höhe seines eigenen Inhalts bewegt. Ja, die deutsche „Übersetzerin“ ist eine gewagte Interpretation der (oder des, im Englischen bleibt das geschlechtlich unbestimmt) „Translator“, und wer gewagte Übersetzungen scheut, der greife wohl besser zu John Crowleys englischer Version der Geschichte.

Wer aber Falins Lektion beherzigt und der Übersetzung gleichen Rang mit dem „Original“ einräumt (sofern man nach der Lektüre mit diesem Begriff überhaupt noch arbeiten kann), dem bietet Taggeselles „Übersetzerin“ auch ohne Kenntnis der Vorlage ein Mehr gegenüber Crowleys Text, ein Lektüre-Wagnis, ein Puzzlespiel der tiefengestaffelten Übersetzungen, und ein spannendes Lesevergnügen obendrein.

Wenn Falin und Crowley ihre Forderung nach Selbst-Aufgabe und Wagemut im Lesen, Übersetzt-Werden und Übersetzen ernst gemeint haben, dann werden sie uns Taggeselles deutsche Version ihrer Geschichte genauso ans Herz legen wie die englische.

 

John Crowley: The Translator. New York City: William Morrow 2002.

John Crowley: Die Übersetzerin. Deutsch von André Taggeselle. München: Golkonda Verlag 2017.

Weihnacht

Emilia Pardo Bazán 1896, Ü Felix Pütter 2017

Dies ist eine Geschichte aus dem 16. Jahrhundert, aus einer jener italienischen Städte, die von einem Tyrannen beherrscht wurden. Nennen wir sie, wenn ihr einen Namen verlangt, Montenero, und den Tyrannen Orso Amadei.

Orso war ein Mann seiner Zeit: wild, herzlos, verlogen im Groll, unerbittlich in der Rache. Als mutiger Kämpfer, unübertroffener Gönner und feinsinniger Kunstfreund richtete er, ähnlich den Medicis, zu Ehren von Malern und Dichtern Palastfeste aus und empfing in seinem Privatgemach die zwielichtigen Alchemisten jener Zeit, die sich – versuchten sie nicht gerade, Gold herzustellen – vortrefflich auf die Destillation wirksamer Gifte verstanden.

Geriet ein Edelmann in Orsos Weg, dann ließ er ihn zu sich bringen, schwor ihm Freundschaft, teilte beim Abendmahl – ein schrecklicher Frevel! – seine Hostie mit ihm, ließ ihn an seinem Tisch sitzen … und noch während des Banketts erhob sich der Gast mit verdrehten Augen und Schaum vor dem Mund, nur um wieder und wieder vor Schmerzen zurück in den Stuhl zu fallen … und der Gastgeber ergriff mit geheuchelter Hilfsbereitschaft seine Hand, um sicherzugehen, dass ihm das Eis des Todes schon durch die Adern rann.

Einfache Leute kamen nicht in den Genuss derartiger Zeremonien: sie ließ er pfählen oder im Kerker verschmachten.

Orso war zweifacher Witwer: seine erste Frau hatte er erdolcht, aus Eifersucht; die zweite – die einzige, die er liebte – wurde von Landolfo dei Fiori, dem Bruder der ersten, aus Rache ermordet. Jene hatte keine Nachkommen hinterlassen, diese hingegen schon, ein Mädchen und zwei Jungen. Die Jungen kamen in einem nie aufgeklärten Scharmützel ums Leben, einem Hinterhalt, den womöglich ebenjener Landolfo gelegt hatte, und so war es an der kleinen Lucia, die verfluchte Familie der Amadei fortzuführen.

Der Vater war schon auf der Suche nach einer guten Partie für Lucia, als sie entschied, dass sie ins Kloster gehen wolle. Das brachte Orso zum Verzweifeln, denn auf seine eigentümliche Weise war er vernarrt in diesen letzten Spross seines Geschlechts; allein, es half nichts; der Wille Lucias setzte sich durch und das Mädchen trat in ein Dominikanerkloster ein, in dem schon jene Katharina, genannt Eufrosina, aufgeblüht war, der alle Welt heute als Heilige Katharina von Siena huldigt.

Das zarte Alter, die liebliche Schönheit und die erlauchte Abstammung der Tyrannentochter trugen ihr Übriges zum allgemeinen Erstaunen über ihre Sühne bei. In einer Zeit, die sich schon von der Kirche abwandte, kehrte sie zu den harten Sühnebräuchen frommerer Zeiten zurück.

Sie ernährte sich von einer Handvoll gekochter Kräuter; sie schlief auf zwei Säcken ohne Stroh; sie trug einen groben zilizianischen Überwurf, der die zarte Haut reizte; und wenn sie in einer Januarnacht zum Gebet aufstand, nach einer Stunde Ruhe auf feuchten Steinen, die ihr alle Knochen brachen, konnte sie vor Schwäche kaum stehen und verwechselte die Gebetsworte im Munde.

Denn Lucia, die nun einmal von den Amadeis abstammte, war nicht zu Buße und Leid geboren, sondern dazu, die Freuden des Lebens auszukosten, sich am lieblichen Klang der Mandoline zu erfreuen, am wohlklingenden Rhythmus der Stanzen der Dichter, am Zauber der Farben, an der geheimnisvoll-süßen Ruhe der Gärten, wo griechische Statuen in ewiger Schönheit erstrahlten. Nur die Schwere fremder Schuld und der Wunsch, dafür zu büßen, hatten sie, vor Angst und Schrecken zitternd, zu Füßen der Altäre gezerrt, wo ihr die Erinnerungen an die Welt und ihre Freuden unentwegt im Gedächtnis herumgingen.

Wie schon Katharina von Siena wurde sie mehr als einmal von unzüchtigen Versuchungen und höhnischen Trugbildern heimgesucht; aber fest ans Kreuz geklammert, widerstand sie heldenhaft; sie heulte, sie zerkratzte sich das Fleisch und endlich senkte sich siegreich Friede über ihren Geist­. Auf die Ohnmacht folgte unerklärliche Entzückung und Süße, und Lucia fühlte sich getröstet.

Bald war Weihnachten, der Jahrestag ihres Gelübdes. Der Heilige Abend kam, und mit ihm ein Schneegestöber; aber je schwerer das weiße Leichentuch auf dem Klostergarten lastete, desto wärmer wurde es Lucia in ihrer Einzelzelle; dank einer wunderbaren Illusion war es ihr, ­als rieselten draußen vor den Bleifenstern nicht Schneeflocken auf die Zweige der Bäume und den harten Erdboden, sondern Abertausende reine Lilienblüten, fein wie Federn aus Engelsflügeln.

Alles war mit Lilien bedeckt, und die Helligkeit, die der weiße Garten verströmte, erleuchtete die Zelle mit Mondenstrahlen, greller und strahlender noch als Silber. Plötzlich erblickte Lucia ein entzückendes Kind, eingehüllt in Wellen sanften Lichts; ein lächelndes Wesen mit ausgestreckten Ärmchen, die die Nonne in Entzückung versetzten, als sie es in Empfang nahm.

„Heute Nacht“, sagte das Kind mit liebevoller Stimme, „will ich dir eine Gunst erweisen, Lucia, und nicht in der Krippe, sondern in dieser Zelle zur Welt zu kommen, in der du mich so oft angerufen hast.“

Lucia blieb für ein paar Augenblicke ungläubig stehen; diese Gunst war außergewöhnlich, und in ihrer Bescheidenheit wähnte sie sich einer solchen nicht würdig. Als sie wieder zu sich gekommen war, faltete sie sogleich die Hände und warf sich flehend vor dem Christkind zu Boden.

„Willst du deine Dienerin glücklich machen, Kind, mein Herzenskind … so gewähre mir, was ich von dir erbitten werde. Ach! Es ist eine große und schwierige Sache, aber wenn du das Unmögliche nicht vollbringen kannst, wer dann? Gedenke all meiner Kämpfe, gedenke meiner Leiden … erbarme dich meiner und komme nicht hier auf die Welt, sondern an einem anderen dunklen, schrecklichen, verlassenen Ort … im Herzen meines Vaters, Orso Amadei.“

Das Christkind streichelte der Büßerin mit seinen kleinen Händchen übers Gesicht und sah sie voll Traurigkeit an.

„Weißt du, worum du da bittest, Lucia? Weißt du, dass dieses Herz, in dem ich nach deinem Willen das Licht der Welt erblicken soll, noch härter ist als Stein, noch blutiger als ein Schafott, noch übler als ein Grab? Weißt du, dass ich, um dort einzudringen, mit meinem nackten Körper Dornen, Kletten und giftige Pflanzen durchqueren muss, während sich Schlangen um meinen Hals winden und mir eisige Reptilien die Beine hochklettern? Ja, verloren habe ich mein Leben auf niederträchtigste Weise; aber für meine Geburt suchte ich einen warmen, weichen, liebevollen Ort; ins Leben kam ich unter einfachen Hirten, nicht unter blutrünstigen Wölfen! Doch ich will nicht viele Worte machen, Lucia, und dir, die du deinen Kampf für mich schon ausgefochten hast, deinen Wunsch nicht versagen … Heute Nacht wird mir das Herz jener Bestie, deines Vaters, zum Stall zu Bethlehem werden!“

Als Lucia das Versprechen des Kindes hörte, überwältigte sie ein plötzlicher Wonneschauer. Sie fiel reglos auf den Steinboden. Das Licht, die Erscheinung, der Lilienduft, alles verschwand, und vor den Bleifenstern sah man nur noch den Garten in seinem Totenhemd aus Schnee.

Zu derselben Stunde feierte Orso Amadei in seinem Palast ein Fest; nein, nicht „Fest“ sollte man sagen, sondern „Orgie“. Dies war keines jener Festmähler, bei denen Aphorismen und Anekdoten die Stunden verfliegen ließen, keines, bei dem die Anwesenheit von Damen zur Galanterie anhielt und die Rohheit der Männer im Zaum hielt. Solcher Festmähler hatte Orso viele gegeben; ihm sagten jedoch auch jene anderen, zügellosen Gelage zu, an denen nur seine zwielichtigen Hauptmänner, Strolche und Handlanger teilnahmen, unverschämtes und perverses Volk.

Wenn sich unter ihnen doch eine Frau fand, dann war es die arme Gauklerin, die sie auf dem Marktplatz überrascht hatten und die am nächsten Tag, nachdem sie sich von den Abendgästen hatte erniedrigen lassen müssen, in irgendeiner Gosse wieder auftauchte, am ganzen Körper blau, halb tot. In jener Nacht hatte Ridolfi, einer der Hauptmänner Orsos, eine noch bessere Beute angekündigt: ihm war soeben ein wunderschönes junges Mädchen in die Hände gefallen – wer so spät noch draußen herumstreunte, der dürfe sich nicht wundern! Diese Verlautbarung sorgte für einige Unruhe in der Gemeinde der Säufer; Orso befahl mit schallendem Gelächter, das Mädchen hereinzubringen. Gestoßen von den Soldaten kam sie herein, sie zitterte, ihr blondes Haar war zerzaust, und die Männer waren außer sich, als sie vor sie trat, denn sie war in der Tat von anmutigster Schönheit.

Orsos schamloser Blick durchbohrte sie; er streckte die Hand aus, strich ihr durch die goldenen Locken … und erstaunt fuhr er zurück; in diesem schutzlosen Mädchen, das ihm da gegenüberstand, wehrlos allen Misshandlungen ausgeliefert, erkannte er das Gesicht seiner Tochter Lucia, die gleichen Züge, die Wangen, die Stirn vor Scham errötet.

„Lasst diese Frau frei“, rief Orso. „Man gebe ihr Ehrengeleit bis zu ihrem Haus. Niemand füge ihr Schaden zu … Wehe dem, der ihr auch nur ein Haar krümmt! Man behandle sie wie mich selbst …“

Die Trunkenbolde, ganz verdutzt, gehorchten verständnislos. Das Fest wurde fortgesetzt; aber Orso rührte seinen Kelch nicht mehr an. Ridolfi wollte ihn aufheitern und gab ein Zeichen, das unverzüglich verstanden wurde und auf das hin man wenige Minuten später einen dem Verhungern nahen Gefangenen in den Festsaal brachte. Es war Brauch und Belustigung unter Orsos Mannen, einen solchen, dem man schon Tage zuvor die Nahrung versagt hatte, aus dem Kerker zu holen, ihn an den Tisch zu setzen, ihm feinste Speisen vorzusetzen und ihm diese dann, wenn er ansetzte, sie unter zufriedenem Heulen und Schluchzen hinunterzuschlingen, vor dem Mund wegzuziehen und dort stattdessen das brennend heiße Wachs jener Kerzen hineinzugießen, die die Orgie erleuchteten.

Der heutige Gefangene war jung, und Orso hielt ihm höhnisch eine dampfende Bratenplatte und ein Glas Lacrima entgegen; als er ihn aber von Nahem sah, stieß er eine Verwünschung aus. Die Augen im ausgemergelten Märtyrergesicht des Jünglings, die sich mit schmerzlichem Flehen an ihn hefteten, der Mund, der ihm dankte, waren der Mund und die Augen Lucias, ihr eigentümlicher Blick, den der Vater nicht verleugnen konnte, ein Blick von zärtlichem Glanz, Licht der Seele, auf der Suche nach seinesgleichen.

„Bindet ihn los“, befahl Orso. „Aber gebt ihm vorher zu essen, so viel er verlangt. Und schenkt ihm zwei Krüge voll Gold, und Wein, so viel er will … Man behandle ihn wie mich selbst … hört ihr? Wie mich selbst!“

Ridolfi, zähneknirschend, führte den Befehl aus. Fast genau zu dem Zeitpunkt, da der Gefangene den Festsaal verließ, erschien eine alte Frau mit einem Kindchen im Arm. „Hab Erbarmen, großer Herr“, rief sie aus, „hab Erbarmen mit dem Geschöpf vor deinen Augen. Dieser Kleine ist der Sohn deines Schwagers Landolfo dei Fiori, den du verabscheust, und einige Soldaten wollen ihn – angeblich auf deinen Befehl hin – an der Wand zerschmettern. Unmöglich warst du es, der solch grausamen Befehl gab, also stelle ich den Jungen unter deinen Schutz.“ Bei der Erwähnung des verhassten Landolfo erzitterte Orso vor Zorn, zückte seinen Dolch und schickte sich an, dem Kleinen die Kehle durchzuschneiden … aber dieser lächelte ihn ungerührt an, und sein Lächeln war das zauberhafte, unvergessliche Lächeln Lucias, aus jenen Kindertagen, wenn ihr Vater sie liebkoste. So übermannt, fiel Orso auf die Knie und begann unter Schlägen auf die Brust mit lauter Stimme seine Sünden zu bekennen; denn soeben hatte Jesus sein Versprechen eingelöst und war in jenem Herz, düsterer noch als der Höllenschlund, auf die Welt gekommen …

Am nächsten Morgen erreichte Orso die Nachricht, dass seine Tochter genau zur Mitternacht verschieden war.

Der Tyrann band sich einen Strick um den Hals und lief barfuß durch die Straßen der Stadt, um die Bewohner um Vergebung zu bitten, bis er, auf seinen Stock gestützt, langsam entschwand. Man hat nie wieder von ihm gehört. Selig sind die, in deren Herz der Heiland einkehrt!

  

Mit Dank an Susana Mogollón für wertvolle Hinweise.

Original: http://www.cervantesvirtual.com/obra-visor/cuentos-de-navidad-y-reyes–0/html/fee35e90-82b1-11df-acc7-002185ce6064_2.html#I_6_

Die Fliege

William Blake 1794, Ü Felix Pütter 2017

Fliegelein
Im Sommerwind
Ich wischt’ dich fort,
Wie war ich blind.

Gleich ich nicht
Dir, Fliegentier?
Und gleichst du nicht
Genauso mir?

Auch ich tanz’,
Sing’, trink’ beschwingt
Bis blinde Hand
Hinfort mich zwingt.

Wer denkt, der lebt,
Hat Kraft und Luft
Wer nicht mehr denkt,
Liegt in der Gruft;

So bin ich
Fliege, froh, gesund
Zur Lebens- wie
Zur Todesstund.

 

Original: https://www.poets.org/poetsorg/poem/fly

Hausrundgang

Mensch, jetzt wohne ich schon so lange hier in Ramaniyam Samarpann und komme erst jetzt dazu, Ihnen mein Haus zu zeigen. Entschuldigen Sie vielmals. Ich habe Sie nicht vergessen, es war nur … ach, reden wir nicht drüber. Ich freue mich, dass Sie es geschafft haben, hatten Sie eine gute Fahrt? Schön, das freut mich zu hören. Kommen Sie, ich zeige Ihnen alles.

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Ich zeige meinen Gästen immer zuerst unsere Dachterrasse. Der Ausblick von hier oben ist phänomenal, finden Sie nicht? Man sieht die Türme der Tempel, die großen Hotels und die kleinen Häuser, das Gewimmel der Straßen – aber von hier oben im Wäscheflattern so überzuckert, so ruhig, wie im Bilderbuch. Sobald ich hier hochkomme, fallen die Sorgen und Zwänge des Tages von mir ab. Oh, und sehen Sie dort unten das Eingangstor? Da passen die Wächter Tag und Nacht auf uns auf. Dank ihnen ist hier alles sicher, sie sind unsere guten Geister.

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Aber kommen Sie, wir gehen hinunter. Passen Sie auf, die Schwelle. Die schönsten Wohnungen sind natürlich ganz oben, im vierten Stock, da ist die Luft am besten, der Lärm und der Gestank weit weg, und man hat eine Terrasse unter freiem Himmel. Haben Sie sie von oben gesehen? Sie sind herrlich, nicht wahr? Ich wohne im dritten Stock, meine Wohnung ist auch schön. So geschmackvoll eingerichtet, im traditionellen indischen Stil, aber natürlich mit Klimaanlage, mit Fernseher, mit Internet. Ich nenne es meinen Kokon. Und einmal die Woche kommen unsere Putzfrauen und bringen alles auf Hochglanz. Sie sind hier wirklich die guten Geister.

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Gefällt es Ihnen? Ein Traum, nicht? Aber Sie haben ja noch gar nicht alles gesehen! Ja, es ist unglaublich! Ich zeige es Ihnen sofort. Ach kommen Sie, wir nehmen den Aufzug. Mir ist schon warm genug, diese Hitze hier macht einen doch wirklich verrückt. Na, wo bleibt denn dieser Fahrstuhl? Letztes Jahr gab es hier einen Zyklon, da hatten wir tagelang Stromausfall, können Sie sich das vorstellen? Kein Aufzug. Keine Klimaanlage. Kein Handyempfang. Kein Internet. Eine Extremsituation, wirklich krass. Aber irgendwann haben die Techniker dann doch alles in den Griff bekommen. Haha, was wäre unsereins nur ohne seine guten Geister?

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So, da sind wir, das ist die Eingangshalle. Hier sind Sie ja vorhin schon vorbeigekommen. Alles blitzt und leuchtet. Ein wahrhaft königlicher Empfang für jeden, der das Haus betritt. Aber das Beste haben Sie ja immer noch nicht gesehen, kommen Sie! Sehen Sie, dort? Ja, das ist ein Swimmingpool! Mitten in unserem Haus! Unter freiem Himmel! Ein paradiesischer Ort. Nichts entspannt mich so sehr wie hier am Abend meine Bahnen zu ziehen und zum Sternenhimmel aufzuschauen. Was? Ja, das sind Vögel. Süß, nicht? Ja, dreckig wird der Pool wirklich manchmal. Muss eine Heidenarbeit sein, den jedes Mal wieder in Schuss zu bringen. Was? Ja, unsere guten Geister.

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Ich sehe, Sie sind beeindruckt von unserem Domizil? Ja, wirklich … Was? Was darunter liegt? Ach … das … das wollen Sie gar nicht sehen, da gibt es nichts zu sehen. Doch? Na gut, kommen Sie, hier geht es runter. Sehen Sie? Eine Tiefgarage. Der Hintereingang. Grau und trist. Gehen wir wieder ins Helle. Was, nein? Na gut, ich komme mit. Achtung, stoßen Sie sich nicht den Kopf! Ach, kommen Sie, das erdrückt mich hier. Was? Das da? Was das ist?

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Das … ähm … das weiß ich gar nicht genau, das … ich glaube … ach, das sind … ich glaube … da wohnt auch jemand. Weiß ich nicht genau.

Kommen Sie, wir gehen wieder an die Luft.

Über Übersetzen (IV)

4. Kapitel – Die alle Vorstellungen sprengende Kraft der Literatur

Das Wort „übersetzen“ ist schön. Es ist im Grunde genommen eine Metapher, lädt zu allerlei Analogien ein und ruft vor dem inneren Auge Vorstellungen eines idyllischen, symmetrischen Flusses hervor, an dessen Ufer der Übersetzer seine Ladung aufnimmt, einen Kahn besteigt und gen Heimat übersetzt. Der Autor winkt noch hinterher, sieht den Übersetzer mehr oder weniger geschickt mit dem Gewicht, das er ihm mit auf den Weg gegeben hat, die Stromschnellen und Untiefen des – mehr oder weniger breiten – Flusses umfahren, und wenn der Kahn erfolgreich drüben ankommt, kann die hüben verpackte Ladung auf der neuen Seite des Flusses verteilt werden.

Eine solche Vorstellung hatte ich vor Beginn meiner Arbeit am Book of Strange New Things ebenfalls, aber das änderte sich mit dem vierten Kapitel. Der Übersetzer, so meine Lektion, ist kein Kahnführer. Eigentlich verlässt er sein Heimatufer überhaupt nicht, denn der Strom ist viel zu reißend, als dass man ihn überqueren könnte, aber wenn er dem anderen Ufer doch nahe kommt, dann nur um zu erkennen, dass es von schroffen Klippen gesäumt ist, die das Anlegen unmöglich machen. Also kehrt er wieder um und verlässt sich auf ungefähre Eindrücke, ferne Beobachtungen, vage Vermutungen.

Der Autor hat auf seiner Seite des Flusses ein Haus errichtet, vielleicht eine Holzhütte, vielleicht einen Palast, vielleicht ein Zelt, vielleicht ein Baumhaus. Und wir aus der Ferne sehen nun einzig das bezugsfertige Ergebnis, stehen aber vor der teuflischen Aufgabe, dieses Haus auf unserer Seite des Flusses nachzubauen. Irgendwelche Instruktionen des Baumeisters entgegenzunehmen ist unmöglich, dazu treiben wir zu weit vor dem Ufer. Wir wissen nichts über die Konstruktionsweise, wir sehen kein Fundament, uns ist nicht klar, wie sich die Materialien verhalten, die der Autor benutzt hat. (Vergleichbar vielleicht mit den Bemühungen jener, die eine mittelalterliche Ritterburg wieder aufbauen wollen, ohne über die Baupläne oder Materialien von früher en detail Bescheid zu wissen.)

Vielleicht hat der Autor – wie die alten Ägypter bei den Pyramiden – eine Hilfskonstruktion benutzt, die längst nicht mehr steht, die wir aber zuerst rekonstruieren müssen, weil es ohne sie statisch nicht geht. Vielleicht hat das Holz hier auf unserer Seite ganz andere Eigenschaften, und beim Versuch, das zweite Stockwerk aufzusetzen, bricht alles zusammen, obwohl wir glauben, alles so ähnlich bewerkstelligt zu haben wie auf den verwackelten Spionagephotos, die wir von unserem umtosten Kahn aus geschossen haben. Vielleicht herrscht drüben sogar ein anderes Klima oder eine andere Gravitation, und es ist ganz und gar nicht möglich, das Haus hier auf unserer Seite auf die gleiche Weise zu errichten wie dort.

Dann müssen wir eigene Wege finden, selber kreativ werden, uns von der Idee des exakten Abbilds verabschieden, abwägen, was wichtiger ist (Funktionalität oder äußere Erscheinung? Standfestigkeit oder Kosteneffizienz?) und uns – hoffentlich mit guten und gefestigten Gründen – gegen die Nörgler zur Wehr setzen, die sich sogleich um unseren Bauzaun scharen, aufgeregt zur anderen Flussseite hinüberweisen und hier das Fehlen eines Erkerchens, da die veränderte Form eines Fensters bekritteln. Vielleicht kommt sogar ein anderer daher, der bei anderem Wetter oder aus einem anderen Winkel das Gebäude drüben begutachtet hat, und beginnt ein Konkurrenzprojekt, das sich ganz anders anlässt als das unsere. Kurz, unsere Rolle ist von der des bloßen Handlungsreisenden weit entfernt.

Irgendwann steht dann das Haus, und wenn wir die eigenen Hilfskonstruktionen abbauen und die Detailpläne beiseite legen, stellen wir erstaunt fest, dass es sich vom Vorbild extrem weit entfernt hat. Dann belassen wir es vielleicht so, wie es ist (weil es uns trotzdem gefällt und wir uns vom Vorbild längst emanzipiert haben), oder wir nehmen noch ein paar kosmetische Änderungen vor, setzen hier einen Schornstein auf, arbeiten dort am Verputz. Idealerweise erkennen wir das Vorbild, an das wir uns noch dunkel erinnern, aber es ist doch eindeutig und unverkennbar unser Hände Werk. Stolz übergeben wir dem Auftraggeber die Schlüssel, stehen der Lokalpresse für ein Photo zur Verfügung und hoffen inständig, dass niemand jemals das Vorbild mit unser Fälschung vergleicht und unsere vielen Schludereien aufdeckt.

Verlassen wir die Welt der Metapher, bevor wir uns von ihr verschleppen lassen. Auf Folgendes will ich hinaus: Der Übersetzer ist in großem Maße selbst ein Autor, der seine eigenen Mittel so kunstvoll beherrschen muss wie der Autor, oder vielleicht besser gesagt wie ein Plagiator. Inzwischen käme mir der Gedanke, zur Übung einmal ein deutsches Buch ins Deutsche zu übersetzen, überhaupt nicht mehr so lächerlich vor, wie er vielleicht klingen mag. Die verschiedenen Sprachen sind nur eines – und oft nicht das größte – der Hindernisse, mit denen man beim Übersetzen zu tun hat.

Klar geworden ist mir all dies, als Peter – inzwischen heil und sicher auf Oasis/Oasia gelandet – nach einem Nickerchen und ein bisschen Selbstfindung in seiner Unterkunft die erste der existenziellen Fremdheitserfahrungen macht, die fortan die Handlung vorantreiben und das Buch im Inneren zusammenhalten. Es ist gewissermaßen ein Spiel mit dem künstlerischen Topos der Fremdheit und Sehnsucht, eine Hommage an die Kulturgeschichte: ein Blick aus dem Fenster, mit dem Rücken zu uns. Es regnet.

„The rain wasn’t falling in straight lines, it was … dancing! Could one say that about rainfall? Water had no intelligence. And yet, this rainfall swept from side to side, hundreds of thousands of silvery lines all describing the same elegant arcs. […] The air here seemed calm, and the rain’s motion was graceful, a leisurely sweeping from one side of the sky to the other.“

„Der Regen fiel nicht gerade herunter, er … tanzte! Konnte man das über Regen überhaupt sagen? Wasser hatte keine Intelligenz. Und doch waberte dieser Regen hin und her, in hunderttausenden silbrigen Linien, die alle zusammen elegante Bögen beschrieben. […] Die Luft schien ruhig zu sein, und die Bewegung des Regens war anmutig, ein gemächliches Wogen von einer Himmelsseite zur anderen.“

Vielleicht, liebe Leserinnen und Leser, erscheint Ihnen diese Passage gar nicht so vertrackt wie anderes, was wir an dieser Stelle schon auseinandergenommen und wieder zusammengesetzt haben. Der buchstäblich himmelweite Unterschied besteht aber für mich darin, dass wir – ebenso wie Peter („Could one say that about rainfall?“) – den Bereich der Erfahrung und im gewissen Sinne auch unserer vertrauten Sprache verlassen haben.

Bisher konnte ich, wenn ich mir eines Ausdrucks oder Begriffs nicht sicher war, googeln, nachrecherchieren und mir selber ein Bild machen. Dies ist durchaus wörtlich zu nehmen: Neben den üblichen Wörterbüchern und dem zuweilen sehr hilfreichen www.linguee.de ist die Google-Bildersuche mein liebstes Hilfsmittel. Wenn Peter zum Beispiel kurz darauf in einer Nachricht an seine Frau den soeben beschriebenen Regen mit „bead curtains“ vergleicht, dann kann ich bei Google flugs einige Bilder ansehen –

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– und weiß mit viel größerer Gewissheit als aus jedem Wörterbuch, dass er so etwas wie einen Faden- oder Schnurvorhang meint. Dann kann ich mich selbst auf die Suche nach einem deutschen Ausdruck dafür begeben.

Oder, wenn eine Figur wie BG, die im Mittelpunkt des letzten Beitrags stand, einen individuellen Slang spricht, dann kann ich ihn zwar vielleicht nicht direkt ins Deutsche übersetzen, aber mir doch mittels ein paar Interviews einen vergleichbaren Sound aneignen und dem deutschen BG verleihen.

Ein (für Peter) kleiner Schritt hinaus in die oasische Luft und Landschaft verändert jedoch alles. Nun befinden wir uns – ebenso wie alle Leser, ebenso wie Peter selber – ganz und gar im Kopf des Autors und können einzig und allein mit dem arbeiten, was er uns an Anhaltspunkten zur Verfügung stellt.

„The rain had stopped now, but the atmosphere still seemed substantially composed of water. If he closed his eyes, he could almost imagine he’d waded into a warm swimming pool. The air lapped against his cheeks, tickled his ears, flowed over his lips and hands. It penetrated his clothing, breathing into the collar of his shirt and down his backbone, making his shoulderblades and chest dewy, making his shirtcuffs adhere to his wrists. The warmth – it was extreme warmth rather than heat – caused his skin to prickle with sweat, making him intimately aware of his armpit hair, the clefts of his groin, the shapes of his toes inside their humid footwear.“

An dieser Stelle versagen nun alle unsere Hilfsmittel, wir sind so überfordert, wie ein Baumeister, der bisher Baumhäuser konstruierte und nun ein steinernes Denkmal errichten soll. „Schlug“ die Luft gegen seine Wangen, „umschmeichelte“ sie es, „brandete“ sie dagegen? Wir haben nur das englische Wort „to lap“, das all dies bedeuten könnte, und anders als in anderen Fällen haben wir keine Enzyklopädien, die uns das Verhalten dieser oasischen Luft beschreiben könnten, wir können nicht eben hinfahren, und es gibt auch keine Erfahrungsberichte auf Youtube, die uns ein genaueres Bild davon machen könnten. Wir haben nur die Sprache des Autors.

Was soll die Formulierung „[the air was] breathing into his collar“? „To breathe“ heißt „atmen“, aber Luft kann doch nicht „in einen Kragen hineinatmen“, oder etwa doch? Und so weiter. Hier ist mein Übersetzungsvorschlag:

„Der Regen hatte jetzt aufgehört, aber die Atmosphäre schien noch immer zum Großteil aus Wasser zu bestehen. Wenn er seine Augen schloss, kam es ihm fast vor, als wate er durch ein warmes Schwimmbecken. Die Luft schlug gegen seine Wangen, kitzelte seine Ohren, umspülte seine Lippen und Hände. Sie drang in seine Kleidung ein, suppte in seinen Hemdkragen ein und lief ihm den Rücken hinunter, sodass seine Schulterblätter und Brust feucht wurden und seine Hemdsärmel an den Handgelenken klebten. Die Wärme – es war extreme Wärme, keine Hitze – trieb ihm kribbelnd den Schweiß aus den Poren, was ihn seine Achselbehaarung, seinen Intimbereich, die Form seiner Zehen in den durchnässten Schuhen deutlich spüren ließ.“

Grundsätzlich habe ich auf die zu einhundert Prozent exakte Wiedergabe jedes Wortes verzichtet und vielmehr deutsche Vokabeln gesucht, die das – Achtung, absolut blödsinniger Angeberneologismus – Biaggregate (halb gasförmig, halb flüssig, mit anderen Worten schwül, diesig, triefend) dieser Atmosphäre zum Ausdruck bringen. Daher zum Beispiel „einsuppen“, was sicher nicht genau das trifft, was mit „to breathe“ an der gleichen Stelle gemeint ist, mir aber dennoch nah genug am beschriebenen Verhalten der Atmosphäre zu liegen schien und außerdem ein wunderbares deutsches Wort ist, das man meiner Ansicht nach verwenden sollte, wenn sich eine Gelegenheit wie diese schon bietet.

Die Science Fiction hat, ebenso wie die Science, der sie nacheifert, viele Töchter. Nach dem kurzen Intermezzo der Medicine Fiction (Betäubungsmittelinjektion) im zweiten und der recht klassischen und leicht übersetzbaren Teilen der Physics Fiction (Raketen, Antriebstechnik, Astronomie) im dritten Kapitel erweist sich nun im vierten Kapitel die Übersetzung der Meteorology Fiction (Regen, Atmosphäre) als ein deutlich schlüpfrigeres Unterfangen.

Einen seltsames Medikament hat sich wohl jeder schon vorgestellt, man hat ja sowieso keine Ahnung – und will sie wohl auch nicht genau haben – was einem die Ärztin bei der Grippeimpfung da so einspritzt. Und Raumschiffe voller Menschen oder Aliens sind unserer Vorstellung auch nicht fremd. Aber wer hat wirklich schon einmal darüber nachgedacht, ob der Regen auf einem fremden Planeten vielleicht ganz anders fallen könnte als bei uns? Dort, wo die Übersetzung an ihre Grenzen stößt, vielleicht zeigt sich genau dort die alle Vorstellungen sprengende Kraft der Literatur.