Aus meinem Reisetagebuch (XV)

Eine Bildungsreise

Tag Sieben

Zwei Anmerkungen zum Yasuní, die ich noch nicht aufgeschrieben habe:

Erstens. Im Urwald ist es erstaunlich hell, heller auf jeden Fall als ich zuvor dachte. Da man allerdings die Sonne nicht direkt sieht (über sich sieht man ja allermeistens nur Blätter), herrscht ein ganz allgemeines, schattenloses Licht, von dem jeder Innenarchitekt träumen würde, das aber auf Dauer sicherlich recht orientierungslos machen kann. Es ist dabei aber nicht unangenehm, wie mir überhaupt der Wald nicht bedrohlich vorkam (was auch an der hypertouristischen Situation gelegen haben könnte, in der ich mich befand) – hauptsächlich war er grün. Ich hatte darüber zuvor nicht nachgedacht, aber irgendwann am zweiten Tag, als wir im Motorboot zwischen den Baumreihen hindurchfuhren, wunderte ich mich, dass bei all der Nischensuche zumindest die Flora im Grunde einfarbig geblieben ist, abgesehen von einigen Blüten, die man dann auch gleich durch die Bäume hindurch wahrnimmt. Ich versäumte es leider, nachzufragen, ob es dafür eine leicht verständliche Erklärung gibt, vielleicht kann man es im Internet herausfinden.

Zweitens. Ein Grund, warum ich mich im Wald so merkwürdig zu Hause fühlte, war vielleicht, dass alle Gedanken, man dürfe dieses „unberührte“ Ökosystem „möglichst nicht stören“, um es so zu erhalten, wie es ist und immer war, sich sofort beim Eintreten als geradezu lächerlich herausstellen. Der Wald schafft ja aus der Permanenz von Störungen seine Ordnung; nicht die Erhaltung eines Zustandes, sondern das permanente Verarbeiten und Ausbalancieren systeminterner Störungen ist ja die Lebensweise des Ganzen. Das heißt: Die Ordnung, die wir mit dem Terminus „Ökosystem“ so bewundern, wäre eigentlich eine Art „Meta-Ordnung“, die in nichts anderem besteht als in der Koexistenz momentaner Ordnungen mit lokalen Störungen, die sich jeweils und in stetiger Interaktion reproduzieren.

Man könnte vielleicht den Begriff des Chaos verwenden, der ja im mathematischen Sinn auch nicht einfach Regellosigkeit meint, sondern vielmehr Strukturen von einer Komplexität, die theoretisch beschreibbar ist, aber die menschliche Verstehensfähigkeit letztlich übersteigt. Und so könnte man sagen: Wo das Chaos im Regenwald überhaupt erst die diesem eigene Ordnung schafft, da würde nur die künstliche Einführung von „Ordnung“ – wirkliches Chaos verursachen.

Aus meinem Reisetagebuch (XIV)

Eine Bildungsreise

Tag Sechs

Den ganzen Tag habe ich im Bus verbracht; jetzt sitze ich bei Lehrer Bolívar in Santo Domingo, denn als ich um viertel nach acht hier ankam, gab es keine Busse in Richtung Los Bancos mehr. Gestern und auch heute muss es ein großes Chaos gegeben haben auf den Strecken von Quito nach Santo Domingo; es hat offenbar stark geregnet in den letzten Tagen, und es gab diverse Erdrutsche, sodass die Straße Calacalí-La Independencia ganz gesperrt war und die Straße Aloag-Santo Domingo zeitweise auch. Davon wiederum merkte ich nichts, aber auch so ist es doch sehr weit vom Oriente bis hierher, das steht fest.