Bis zum Absturz

„Und, was hörst du so für Musik?“ Er war herübergekommen und stand ihr nun gegenüber, locker mit den Schultern vor- und zurückwippend.

„Barock“, antwortete sie.

„Ah“, sagte er. „die Rolling Stones find ich ja okay. Aber sonst ist das nichts für mich. Ich mags gern härter, verstehst du?“

„Nein, nein“, sagte sie schnell. „Nicht Rock. Barock.“

„Oh.“ Er schwieg eine Weile.

Dann fragte er: „Und wenn du mal richtig abtanzen willst, bis du nicht mehr kannst, bis zur Erschöpfung, bis zum Absturz, weißt du, bis dir dein Leben und das alles hier scheißegal wird?“

„Dann“, sagte sie und lächelte, „dann erst recht.“

Charlie in der Bäckerei

Von allen Geschäften sind mir Bäckereien die liebsten. Knackiges, duftendes Brot, warme Brötchen, leckere Kuchen, all das macht mir jeden Gang zum Bäcker zu einem inneren Fest.

Heute war ich in der Stadt, und zum ersten Mal in einem dieser Back-Shops. Bei uns gibt es dieses neumodische SB-Prinzip ja nicht, wir haben mehr Zeit und müssen nicht irgendwo rein- und rausschlüpfen, so schnell wir können. Ich verkehre auch lieber mit einer echten Bedienung, einem wahren Experten über einen echten Tresen hinweg. Heute aber war ich nun einmal in der Stadt und hatte auch noch einiges zu besorgen, und so schlüpfte ich schnellentschlossen durch den engen Spalt, den mir die schwere Glastür ließ, in den warmen Schoß der Backstube.

Drinnen empfing mich das typische, unentflechtbare Wirrwarr dieser modernen Dienstleistungszentren: enge Knäuel aus Kundinnen und Kunden schoben sich an mir vorbei, ohne einander oder mich dabei auch nur gelegentlicher Blicke zu würdigen. Nachdem ich einen peinlichen Moment lang einsam und allein herumgestanden war, machte ich schließlich hinten eine Schlange aus, die sich in so etwas wie einen Eingang hineinschob. Schnell hastete ich dort hinüber und stellte mich an ihrem Ende auf.

Von hier, als letztes Glied der Schlange, langsam nach und nach aufrückend, konnte ich das Treiben genauer beobachten: Überall schoben sich Menschen hin und her. Es war laut, alle ächzten und stöhnten unter irgendeiner nicht erkennbaren Last oder röhrten schamlos in ihre Handys hinein. Vor mir warteten sie ungeduldig darauf, endlich weiterzukommen und drangenommen zu werden, und drüben, auf der anderen Seite, suchten jene, deren Taschen sich schon gefüllt und deren Säckel sich entleert hatten, hastig ihre Sachen zusammen und verließen den Laden.

Dass plötzlich ich selber an die Reihe kam, riss mich aus derlei Beobachtungen und überforderte meine Tatkraft. Mir wurde heiß vor Aufregung. Es war ja, wie gesagt, mein erstes Mal in diesem Geschäft und aus diesem Grunde war ich noch gar nicht bereit, als ich mich plötzlich vor der enormen Auswahl wiederfand. Zu Hause ist das anders, da gibt es adrette Bäckereiangestellte, die mir freundlich Zeit lassen, mich bei ihnen zu orientieren, und dann meine wohlüberlegten Wünsche befriedigen; jetzt aber sah ich mich einer Menge Löcher gegenüber, aus denen, wenn man sie anfasste, ein weißliches Etwas quoll, das nur beim allerbesten Willen als Nahrungsmittel zu bezeichnen war. Ich schauderte.

Am liebsten hätte ich mich wieder unverrichteter Dinge zurückgezogen, doch der lange Menschenschwanz, der sich inzwischen hinter mir aufgebaut hatte, hätte mir wohl kein Entkommen gelassen. Ich ergab mich also meinem Schicksal und warf einen Blick auf das, was sich vor meiner Nase feilbot. Mein Herz hämmerte. Was auch immer ich hatte besorgen wollen, ich wusste es vor lauter Aufregung längst nicht mehr. Ich überlegte eine Zeit lang, drehte erst gedankenverloren an einem großen Brezelständer herum, entschied mich dann aber doch für eine süße Schnecke aus einem Fach weiter unten, auf der appetiterregend ein paar Rosinen prangte.

Das hätte ja schon gereicht, um die peinliche Blöße abzuwenden, die es bedeutet hätte, mit leeren Händen vor die Kassiererin zu treten, aber kurz bevor ich drankommen sollte, bekam ich noch Lust auf eine der goldbraunen Laugenstangen, die ich schon vor Längerem auf dem obersten Regalbrett erspäht hatte. Kurzentschlossen – die Blicke der in der Schlange Wartenden durchbohrten mich schon von hinten – holte ich mir eine runter und drapierte sie auf meinem Tablett.

Dann war ich auch schon ganz vorne angekommen. Mit der Kassiererin klappte alles reibungslos. Sie fummelte nur kurz gelangweilt an ihrem Apparat herum, dann klimperte schon das Geld in ihrer Hand und ich hatte bekommen, worauf man mich so lange hatte warten lassen. Von meinem Herz, das sich längst in meiner Hose befand, löste sich ein Stein und plumpste hinab.

Schnell stopfte ich die Laugenstange erst zum Schutz in eine Plastiktüte, dann in meine Handtasche, nahm die Rosinenschnecke zur Hand – sie hatte ich mir für den Heimweg vorgenommen – und verließ den Laden.

Meine Eile war verflogen, mein Herz schlug ganz ruhig in meiner Brust. Es war ein warmer, weiter Tag unter weißgesprenkeltem Himmel, die Rotkehlchen sangen wie aus einem Käfig befreit, in der Frühlingsluft lag Gelächter, und so vermochte meine Euphorie noch nicht einmal der wirklich fade Geschmack der Schnecke aus der Bäckerei zu trüben. Als ich sie zur Hälfte vernascht hatte, teilte ich sie säuberlich in Stücke, ging beschwingt meines Wegs und ließ die Reste im Park Vögeln.

Charlie und der Weihnachtsmann (2)

 – Fortsetzung des ersten Teils.

Der Schnee war geschmolzen, als wir durch den Vorgarten ins Dunkel hinaustaumelten. Nichts drang aus den Häusern auf die Straße, kein Mensch, kein Licht, kein Laut. Als hätte der liebe Gott das Ausatmen vergessen. Mir fehlte die Luft, schwindelnd umklammerte ich den Arm des Weihnachtsmanns, die meinen schon ergriffen hatte, und versuchte nachzudenken.

War die Zeit stehen geblieben? Ich konnte es nicht überprüfen, denn die Dunkelheit erstickte alle Reize. „Weihnachtsmann“, krächzte ich in die Nacht, aber der Ruf erreichte kaum meine eigenen Ohren. Keine Reaktion. Kein Laut in der luftleeren Stadt.

Vielleicht stimmte meine Vermutung, vielleicht stand die Zeit. Es fühlte sich so an. Wenn die Zeit steht, kann man dann noch denken? Ich spürte keine Luft auf meiner Haut und keinen Hauch in meinem Ohr, auch mein Atmen spürte ich nicht. War ich tot?

Ich tastete nach meiner Nase. Sie war kalt und hart, wie nach langer Wanderung, aber sie war da, ich fühlte sie, ich war lebendig. Meine Rechte wanderte blind den Arm des Weihnachtsmanns hinauf, der Wärme nach, bis zu ihrem Hals. Still pochend floss Blut in einer Ader auf und ab. Auch sie lebte noch. Wenn es nichts mehr gab, es gab noch ein Wir.

Mit dem warmen Puls unter meiner Fingerkuppe gewann ich Herrschaft über die Zeit zurück und versuchte, mich an das Geschehene zu erinnern. Wie lange wir in dem Haus der alten Hexe verbracht, oder was wir dort erlebt hatten, wusste ich nicht mehr. Dort hatte sich das Jetzt breitgemacht und das Davor und das Danach vertilgt. Vielleicht waren wir nur für ein paar Stunden in dem Haus gewesen, vielleicht eine Woche, die Monate dauerte. Vielleicht Jahre. Die Erinnerung daran lag irgendwo in mir, wohin das Denken nicht vordrang. Süßliche Düfte umnebelten meine Gedanken an das Innere des Hauses und eine Leichtigkeit, als flöge ich. Vielleicht hatten wir getanzt.

Die Hexe dort drinnen hatte uns in Glück getränkt, sie hatte uns aus dem Denken genommen, wir durften sein ohne uns zu erinnern. Aber dann war eine Katastrophe passiert, von der mir nun das sanfte Ein und Aus in der Blutbahn des Weihnachtsmanns der einzige Zeuge war. Ein, aus, ein, aus. Wir waren aus dem Paradies verstoßen worden. Ein, aus, Zeit verstrich wieder, ein, aus, davor, jetzt, danach, ein, aus, und jetzt standen wir hier, eingesetzt, ausgesetzt, bloß, ohne Mittel, wir wankten gemeinsam in das hohle Draußen, ein, aus, Schritt für Schritt.

Der Weihnachtsmann fand als erste sicheren Stand wieder, nahm ihre Hand von meiner Hüfte und schob sie langsam an ihrem Hals hinauf, zwischen meine Finger.

Wir sind frei, hauchte sie mir zu, was für ein Wunder.

Eine Pause trat ein, ich atmete. Dann erneut ihr Flüstern. Glaubst du an Wunder?

Woran denn sonst, Weihnachtsmann, antwortete ich und drückte leicht ihre Hand.

Sehen konnte ich ihr Lächeln natürlich nicht, aber es brauchte nur einen winzigen, in funkelnder Dunkelheit prangenden Moment, da drückte sie seine Wärme behutsam meinen zitternden Lippen auf.

Charlie und der Weihnachtsmann (1)

Bald kommt wieder der Weihnachtsmann, darauf freue ich mich schon. Mit dem Weihnachtsmann habe ich immer viel Spaß, der kommt jedes Jahr um die Weihnachtszeit mal hier vorbei und wir verstehen uns super.

Der Weihnachtsmann war zum ersten Mal vor ein paar Jahren hier. Damals klopfte es an meiner Zimmertür, und als ich aufmachte, stand da ein kleines Mädchen mit einer grünen Schirmmütze. Ich hatte sie noch nie zuvor gesehen.

Wie kommst du hier rein, sagte ich, und da antwortete sie: Ich bin der Weihnachtsmann.

Ich musste erst einmal lachen. Der Weihnachtsmann?, sagte ich. Dass ich nicht lache. Du bist doch nicht der Weihnachtsmann.

Doch, sagte sie. Warum soll ich nicht der Weihnachtsmann sein?

Der Weihnachtsmann ist ein Mann, sagte ich, und er ist viel älter als du. Und er steht hier nicht einfach so in meinem Zimmer herum.

Doch, sagte sie. Ich stehe hier herum. Einfach so. Du glaubst doch nicht wirklich, dass der Weihnachtsmann so aussieht wie in der Werbung. Ich hätte doch keine ruhige Minute mehr, wenn ich so eine Mütze und einen Mantel tragen müsste. Oder einen langen Bart. Dann könnte ich doch vor lauter Interviews und Autogrammen meine Geschenke gar nicht verteilen.

Ich dachte nach. Sie hatte schon recht, mit all dem, was sie sagte, aber so richtig glauben konnte ich es noch immer nicht. Den Weihnachtsmann musste es doch schon seit immer gegeben haben, aber sie war höchstens zehn oder so.

Natürlich werde ich nicht älter, sagte sie da, als hätte sie meine Gedanken gelesen. Das ginge ja gar nicht. In hundert Jahren und in tausend Jahren muss ich den Leuten ja immer noch Geschenke bringen, da kann ich es mir nicht leisten, immer älter zu werden. Wer älter wird, stirbt auch irgendwann, und das geht einfach nicht, wenn du der Weihnachtsmann bist, verstehst du?

Ich nickte. Aber andererseits wollte ich es noch immer nicht so recht glauben und sagte also: Wenn du also der Weihnachtsmann bist, dann musst du ja wissen, was ich letztes Jahr geschenkt bekommen hab, oder?

Nein, sagte sie, der Weihnachtsmann hat kein Gedächtnis. Das liegt daran, dass ich nach Weihnachten, wenn die ganze Arbeit vorbei ist, ein halbes Jahr lang schlafe. Hast du schonmal ein halbes Jahr lang nur geschlafen? Danach weißt du gar nichts mehr.

Hm. Ich dachte nach. Sie hatte wirklich recht. Wenn du also der Weihnachtsmann bist, sagte ich dann schließlich, was machst du dann hier in meinem Zimmer?

Ich habe dich beobachtet, sagte das Mädchen. Willst du nicht mit mir kommen und mir helfen, Geschenke verteilen?

Das wiederum ließ ich mir natürlich nicht zweimal sagen, zog meine Jacke an, so schnell ich irgend konnte und war eine Minute später mit dem Weihnachtsmann draußen auf der Straße. Er zog seine ganzen Geschenke in einem großen Bollerwagen hinter sich her, ich ging nebendrein.

Die Hauserstraße war ganz leer und still, ganz anders als sonst, ein bisschen wie verzaubert. Natürlich sah ich sofort zu Herrn West hinauf, aber ausnahmsweise stand er an diesem Abend mal nicht an seinem Fenster, um zu filmen. Wenn er wüsste, was ihm damals entgangen ist. Er hätte den Weihnachtsmann filmen können.

Der Weihnachtsmann klingelte an einer Tür weiter unten in der Straße. Familie Geyer stand auf dem Klingelschild und es öffnete eine ältere Frau, wahrscheinlich Frau Geyer, dachte ich.

Frohe Weihnacht, sagte der Weihnachtsmann, ich bin der Weihnachtsmann. Frau Geyer spähte in die Dunkelheit hinaus.

Was, sagte sie, der Weihnachtsmann? Ha. Kinderchen, es ist Heiligabend, da läuft man nicht durch die Straßen und spielt Streiche, schnell ab nach Hause mit euch! Und warf die Haustür wieder zu. Wir zwei blieben draußen stehen.

Und jetzt?, fragte ich.

Jetzt gehen wir weiter.

Kriegen die jetzt gar keine Geschenke?

Doch, sagte der Weihnachtsmann, die haben sich schon selbst welche gekauft. Die Zeiten, in denen ich das alles selber schleppen musste, sind zum Glück vorbei.

Aber warum sind wir dann überhaupt hingegangen?

Mensch, sagte der Weihnachtsmann, es ist doch Weihnachten! Als Weihnachtsmann muss ich doch herumgehen und frohe Weihnachten wünschen!

Ach so, sagte ich. Hm. Passiert so etwas denn oft?

Immer, sagte der Weihnachtsmann.

Immer?, fragte ich überrascht. Wie, immer?

Immer. Jedes Mal. Ich bin das gewöhnt. Es ist eben Weihnachten, und die Leute wollen ihre Ruhe haben.

Ich glaube das nicht. Du bist doch der Weihnachtsmann!

Ich bin der Weihnachtsmann, und die Leute wollen ihre Ruhe haben, sagte der Weihnachtsmann traurig. So ist es nun einmal. Sie haben so viel zu tun mit ihren Geschenken und den Plätzchen und den besinnlichen Liedern, da können sie nicht auch noch den Weihnachtsmann einlassen. Ich kann es nicht ändern. Er griff nach der Stange an seinem Bollerwagen und rieb mit seinem Ärmel den Schnee von ihr ab. Dann stapfte er wieder los.

Hey, rief ich und lief hinter ihr her, warte auf mich, ich komme mit dir. Du kannst doch nicht die ganze Zeit alleine sein.

Und so stapften wir beide von Haus zu Haus und versuchten weiter unser Glück. Aber der Weihnachtsmann hatte Recht, es gab keine andere Antwort als die, die wir schon bei Frau Geyer gehört hatten. Niemand wollte den Weihnachtsmann einlassen, alle hatten sich schon ihre Geschenke gekauft oder von irgendwoher bestellt, niemand erkannte ihn.

Ich habe mir deine Arbeit nicht so mühsam vorgestellt, sagte ich zum Weihnachtsmann. Ich dachte immer, Weihnachtsmann sein ist toll, den Weihnachtsmann mag doch jeder.

Ja, sagte der Weihnachtsmann und schloss das Gartentor, durch das wir gerade hinausgeschickt worden waren, den Weihnachtsmann, den sie sich vorstellen, den mögen sie. So ist das nun einmal. Dann griff er nach der Klinke des benachbarten Gartentores. Aber ich freue mich, sagte er und sah mir direkt in die Augen, dass du dabei bist, als mein Helfer. Ich nickte und drückte auf die Klingel. Klar helfe ich dir, sagte ich, ich hab dich gern, auch wenn all das vergebens ist, was wir hier machen.

Dann öffnete sich die Tür und eine alte Dame trat heraus.

Frohe Weihnachten, sagte der Weihnachtsmann.

Die Dame lächelte. Sie trug ein Tablett mit drei dampfenden Tassen Tee in der Hand und nickte uns freundlich zu. Wie schön, sagte sie, der Weihnachtsmann und sein kleiner Helfer. Kommt herein, ich habe euch erwartet.

Der Weihnachtsmann blickte entgeistert auf das Tablett und dann auf die Frau, die sich schon wieder umdrehte und in die Stube zurücktrat. Offenbar verstand er ebensowenig wie ich, was hier vor sich ging.

Aber der Duft des Tees hatte meinen Willen schon betäubt. An eine Flucht war nicht zu denken. Ich setzte meinen Fuß über die Schwelle.

Fortsetzung folgt.

Charlie kommt heim

Mein Großvater ist gestorben. Mein Großvater ist gestorben.

Diesmal ist es wirklich. Mein Großvater ist gestorben. Das hat er ja schon mal gemacht, vor zwei Jahren war das, aber damals war es nicht echt. Er hat dann doch noch gelebt. Jetzt lebt er aber echt nicht mehr. Opa ist nicht mehr da.

Ich muss das vielleicht ein bisschen mehr erklären. Ganz früher war ja noch Oma da, bei Mama hängen viele Fotos von ihr über dem Schreibtisch, auf manchen bin ich auch drauf. Damals war Mama noch ein Mädchen und ich war noch nicht Charlie und zu Opa gab es noch Oma dazu. Ziemlich lange ist das her. Das war auch das, was Mama immer gesagt hat, seitdem ich denken kann, das ist lange her.

Aber dann, vorletztes Jahr, zu Weihnachten, fing alles damit an, dass so ein Brief kam mit einem schicken schwarzen Rand drumherum. Als Mama den aufgemacht hat, saß sie keuchend am Küchentisch, mit weit aufgerissenen Augen. Als ich das zweite Mal schaute, lag sie in Tränen über die Stuhllehne gebeugt. Beim dritten Mal hatte Papa sie in den Arm genommen und wischte ihr ab und zu über das Gesicht. Als er mich bemerkte, versuchte er zu lächeln.

Ich setzte mich vorsichtig an den Tisch. Warum weint Mama, fragte ich. Was steht in dem Brief? Dein Großvater ist gestorben, sagte Papa.

Dieser Satz wanderte durch meine Ohren in meinen Kopf hinein und dröhnt dort bis heute nach. Dein Großvater ist gestorben. Dabei waren die Worte für mich ja damals ohne Bedeutung. Ich hatte keinen Großvater, ich hatte den kleinen alten Mann mit den weißen Haaren auf Mamas Schreibtisch, den ich nicht kannte, und ich hatte Willi von Erna und Willi, also Papas Papa, aber das war eben Willi, nicht Großvater. Und was sterben heißen soll, wusste ich erst recht nicht, ich war ja noch ganz und gar damit beschäftigt, leben zu lernen.

Aber ohne eigentlich zu verstehen, merkte ich sofort, dass diese Worte Macht hatten. Die Macht, Mama ohne Vorwarnung in etwas zu verwandeln, das mit ihr nur noch die braunen Haare gemeinsam hatte. Die Macht, mir einen tiefen Schrecken einzujagen.

Gleich am nächsten Morgen, Mama war immer noch ganz durcheinander, sind wir dann ins Auto gestiegen und ganz, ganz lange über die Autobahn gefahren, so lange wie noch nie vorher. Als wir schließlich gehalten haben und vor einem großen Eingangstor ausgestiegen sind, waren da schon ganz viele andere. Die sind gleich zu Mama hingelaufen, als wir aus dem Auto stiegen und haben sie umarmt, und da hat Mama schon wieder weinen müssen und die ganzen anderen auch.

Papa haben sie dann verlegen die Hand geschüttelt, der stand dabei, und mich haben sie so mitleidig angeschaut, wie Erwachsene mich immer anschauen, wie ich es hasse. Sie waren aber sehr ernst und sehr traurig, deshalb taten sie mir auch leid und fast hätte ich mitgeweint, auch wenn ich diesen Großvater ja gar nicht kannte.

Zum Glück kam es dazu dann aber nicht mehr. Drinnen in dem Haus stellte sich nämlich heraus, dass das gar nicht stimmte mit dem Dein Großvater ist gestorben. Er war ganz lebendig, ich habe ihn sofort erkannt, er sah genau so aus wie der alte Mann auf Mamas Schreibtisch. Mama und die anderen haben sich ganz verwirrt angesehen, so als stimme irgendwas nicht, aber dann sind ihre Augen ganz groß und weit geworden, noch ein Stück weiter als am Tag zuvor, und sie sind losgerannt und haben den alten Mann umarmt. Fast haben sie ihn erdrückt.

Es hat sich herausgestellt, dass er den Brief mit dem schicken schwarzen Rand als Einladung gemeint hat, damit wir alle zu ihm kommen. Nun, das hat ja auch geklappt. Und dann waren alle fröhlich und der alte Mann hat uns alle begrüßt und mir hat er ganz fest die Hand geschüttelt und gesagt, du musst die Lotte sein, und da mochte ich ihn sofort, obwohl er das gesagt hat, was alle immer sagen, dass ich ja schon ein großes Mädchen sei und so. Na ja. Ich habe ihm das verziehen.

Beim Essen später hat er dann ganz viel lustige Geschichten erzählt, und alle haben gelacht und waren fröhlich und auf der Rückfahrt hat Papa zu Mama gesagt, Mensch, so aufregende Weihnachten hatten wir ja lange nicht mehr, und da hat sie geseufzt und gar nichts gesagt. Und als er gesagt hat, Mensch, ist doch auch schön, dass wir deine Brüder mal wiedergesehen haben, da hat sie auch nichts gesagt, höchstens vielleicht gelächelt. Erst als ich gefragt habe, ob wir Opa bald wieder besuchen, da hat sie gesagt, ja bestimmt, mein Schatz. Bald.

Das war vor zwei Jahren. Danach sind wir noch zwei Mal den langen Weg zu seinem Haus gefahren, einmal im Sommer und einmal zu Weihnachten, letztes Jahr. Das erste Mal war es super, ich durfte draußen im Garten auf die Bäume klettern und es gab ganz viel zu essen und Opa war wieder genau so lustig wie zuvor.

Beim zweiten Mal war es Weihnachten und die ganzen anderen waren auch wieder da. Die haben wieder Mama umarmt, aber nicht mehr so lange wie das Jahr davor. Und Papa haben sie schnell die Hand gegeben, mich haben die meisten gar nicht angeschaut. Dann sind wir reingegangen und haben uns zum Essen hingesetzt und Opa hat wieder lustige Geschichten erzählt, aber diesmal war es nicht mehr so fröhlich wie vorher. Wenn er schwieg, war es unheimlich ruhig, deshalb war ich froh, wenn er wieder anfing, ins Leere zu erzählen, auch wenn ich vieles schon wusste, von dem, was er sagte. Mama und Papa guckten sich immer mit diesem Blick an, den ich von zu Hause kenne, wenn es irgendwas Wichtiges gibt, das ich nicht hören darf.

Es war dann auch schnell vorbei, wir sind am nächsten Morgen nach Hause gefahren. Kommt bald wieder, hat Opa uns hinterhergerufen, aber ich glaube, das hat Mama nicht mehr gehört.

Letzte Woche ist wieder ein Brief mit einem schwarzen Rand gekommen. Ich dachte ja erst, das ist wieder so eine Einladung, und Mama hat auch gleich den Telefonhörer in die Hand genommen, um anzurufen. Es gab lange keine Antwort, irgendwann ließ sie die Hand mit dem tutenden Hörer darin sinken und hat in die Ferne gestarrt. Dann hat sie wieder geweint, und Papa hat sie wieder in den Arm genommen, aber sie war dann irgendwie schnell fertig mit Weinen. Komm mal zu mir, mein Schatz, hat sie zu mir gesagt.

Dein Großvater ist gestorben. Da habe ich diesen Satz zum zweiten Mal gehört, aber wieder war ich gar nicht so erschüttert wie ich eigentlich sein sollte. Eigentlich war für mich ja mein Großvater schon die ganze Zeit gestorben, er stand da starr und stumm auf Mamas Schreibtisch. Dann hat er so getan, als ob er gestorben sei, und dadurch ist er für mich lebendig geworden. Irgendwie kompliziert. Jedenfalls hat dieser Satz jetzt plötzlich nicht mehr das gleiche bedeutet wie vorher, das habe ich sofort gespürt. Er hatte nicht mehr so viel Macht über Mama, und über mich auch nicht. Ist das nicht schön, dachte ich, vielleicht sollte man alle Sätze öfter sagen, dann nehmen wir ihnen die Bedeutung weg. Wäre das nicht besser?

Na ja, wir sind dann wieder den langen Weg gefahren, und die ganzen anderen waren wieder da, mit ihren Anzügen und Koffern. Sie haben wieder Mama umarmt, das hatten wir ja alles schon mal gehabt, sie haben Papa die Hand geschüttelt. Es war alles leer, niemand sagte irgendetwas. Niemand weinte. Niemand lachte. Als die Beerdigung vorbei war, sind alle wieder zu ihren Autos gegangen und sind nach Hause gefahren. Wir auch.

Erst abends, als wir heimkamen, ist Mama plötzlich zusammengebrochen. Sie hat die Tür aufgeschlossen, hat den Koffer in das leere Wohnzimmer gestellt, und dann lag sie plötzlich auf dem großen Teppich und hat geheult, wie ich noch nie irgendjemanden habe heulen sehen. Sie schrie geradezu. Sie wand sich da hinten auf dem Teppich wie ein großes Insekt, sie brüllte, sie wimmerte, sie schluchzte. Das machte mir Angst, richtig Angst, ich blieb erschrocken vorne im dunklen Flur, Papa nahm mich in den Arm. Vati, schrie Mama, immer wieder, nur dieses eine Wort, Vati, Vati!

Ich riss mich aus Papas Arm, rannte in mein Zimmer hinauf und presste mir mein Kissen gegen den Tränenstrom ins Gesicht. Es half nichts, das Kissen war bald durchnässt.

Mein Großvater ist gestorben.

 

Charlie und der Terrorist

Hab ich schon erwähnt, dass ich Fußball liebe? Nein? Also, ich liebe Fußball. Das liegt wahrscheinlich an meiner Mutter; seitdem ich ganz klein war, hat sie mich zu Spielen ins Stadion mitgenommen. Das sind immer Höhepunkte, diese Tage. Den ganzen Monat freue ich mich darauf, auf die Fahrt in der U-Bahn inmitten all der anderen Fans, auf die Menschenströme in die großen Tore hinein, in denen man nicht nachdenken muss, sondern nur mitfließen, auf die Bratwurst, die nirgends, scheint mir, so gut schmeckt wie dort, auf Sonnenstrahlen, Nebelschwaden oder Regenschleier, die man zwischen den steilen Tribünen so gut beobachten kann wie nirgendwo sonst. Auf den Lärm, den die Fanmassen machen können, wenn es drauf ankommt. Auf die Stille, die sie auch manchmal machen, und die stiller ist als alle anderen Stillen, ganz ruhig und tief.

Am Dienstag wollten wir mal wieder zum Stadion gehen; die ganze letzte Woche lang habe ich mich schon darauf gefreut, tapfer den Tag überstanden, den irgendjemand vor den Abend des Spiels geschraubt hatte, um mein Warten noch unerträglicher zu machen, tapfer den ganzen Nachmittag über den Uhrzeiger beobachtet.

Dann ging es los. Wir fuhren mit der Straßenbahn, wir gingen den altbekannten Weg, den wir immer gehen: durch den Park, über die Brücke, an dem großen Zaun vorbei, hinter dem man manchmal Menschen im Gras liegen sieht.

Doch als ich dann endlich mit Mama vor dem großen Stadiontor stand, erwarteten uns nicht Massen von aufgeregten Fans wie sonst, sondern Massen von Polizisten. Sie sahen aus wie dicke Walrösser vor lauter Sicherheitspanzern, die sie um den Bauch trugen und ungefähr so bewegten sie sich auch auf uns zu, als wir verwirrt stehen blieben und sie anschauten.

Das Spiel fällt aus, sagten sie. Was, sagte Mama, wieso das denn? Terroristen, sagten sie. Bleiben Sie bitte ruhig. Mama schluckte neben mir und fasste meine Hand. Was sind das, fragte ich, Terroristen. Gefährliche Männer, antwortete sie, komm, wir gehen nach Hause.

Pah, sagte ich. Gefährliche Männer? Ich habe keine Angst. Und da hatte ich mich schon losgerissen, war unter den Walross-Polizisten durchgeschlüpft und hatte mich durch den Zaun gezwängt, hinein ins Stadion. Wirklich, wer mir ein Fußballspiel wegnehmen will, auf das ich mich gefreut habe, seitdem endlich die 11 auf dem Kalender steht, dem erzähle ich aber was. Und vor Männern habe ich generell keine Angst. Ich muss oft lachen, wenn ich sie sehe.

Stille empfing mich in den Gängen hinter dem großen Stadiontor. Stille und Leere. Ich habe diesen Ort nie so menschenleer gesehen, denn sonst war es ja immer laut und voll gewesen, und ich hatte Mama an der Hand halten müssen wie ein Baby. Damit ich nicht verloren gehe, hatte sie gesagt, und mir war es immer nutzlos und peinlich erschienen. Jetzt aber wünschte ich mir Mamas Hand herbei, um nicht verloren zu gehen. Ich streckte die Hand neben mich, aber da war erst nur hohle Luft und dann die Betonwand. Die Wand war grau und kalt und erwiderte meine Berührung nicht, ich hielt sie trotzdem fest. Die andere schob ich in die Hosentasche, da war noch ein Bonbon, eine Notration, wie Mama das immer nannte. Das hielt ich auch fest.

Dann ging ich los, nach und nach, mit langsamen, tastenden Schritten, die lange in meinen Ohren nachhallten. Am Ende des Ganges erreichte ich einen Quergang: Links öffnete sich ein Durchgang ins Innere des Stadions, rechts stand plötzlich ein Mann und kam mit schnellen Schritten auf mich zu.

Hey, sagte ich, wer bist du?

Ich bin ein Terrorist, sagte der Mann.

Aha, dachte ich, das sind also Terroristen. Terroristen tragen blaue Masken, weite Umhänge wie sie Soldaten haben und weiße Turnschuhe. Terroristen haben lange Haare, kauen Kaugummi und riechen nach Zigaretten. Und sie tragen ein Gewehr auf dem Rücken.

Was macht ein Terrorist, fragte ich.

Ich mache Angst, sagte der Terrorist.

Ach. Ich sah mich erstaunt um. Hinter mir lag nur der leere, graue Gang, der in das noch leerere Stadion mündete. Irgendwo hatte jemand einen Fernseher eingeschaltet; bunte Lichtstreifen flackerten über die Wände weiter hinten. Sonst war alles still.

Hier ist doch niemand, sagte ich. Wem machst du denn Angst?

Dir, sagte der Terrorist, euch allen.

Uns allen, was soll das heißen, sagte ich. Also ich bin nicht wir. Ich bin ich. Und ich habe keine Angst.

So, sagte der Terrorist und sah zu Boden.

Also wem machst du Angst, fragte ich nochmal. Und warum muss deshalb das Spiel abgesagt werden.

Hör mal, sagte der Terrorist und blickte mir direkt in die Augen, ich habe ein Gewehr auf dem Rücken.

Hör mal, gab ich zurück, ich habe ein Bonbon in der Tasche, als Notration.

Ich könnte dich erschießen, dann bist du tot, sagte der Terrorist.

Oh, sagte ich und wendete das Bonbon in meiner Hosentasche hin und her. Ich wartete.

Hast du noch immer keine Angst, fragte der Terrorist.

Ich sah ihn an, jetzt fiel mir auf, dass er einen Ohrring trug, klein, aus Gold. Ich überlegte. Angst. Ich habe Angst vor der Dunkelheit, wenn man nicht mehr sieht, was draußen passiert. Ich habe Angst vor Hexen. Ich habe Angst vor Meerschweinchen. Vor dem Tod? Ich war noch nie tot.

Nein, sagte ich. Ich habe keine Angst.

Du bist ein Kind, sagte er, du verstehst das nicht. Die Erwachsenen haben Angst vor mir.

Ach, dachte ich, sonst, wenn ich Angst habe und weine, abends im Bett, dann kommt Mama oder Papa und sagt, es sei alles nicht so schlimm, meine Angst komme daher, dass ich die Dinge noch nicht verstehe. Und jetzt ist es andersrum? Vielleicht sollte ich rausgehen und Mama trösten? Ihr sagen, das ist alles nicht so schlimm, ihre Angst kommt nur daher, dass sie die Dinge versteht.

Aber warum bist du dann nicht bei den Erwachsenen, fragte ich, wenn du denen Angst machen willst, sondern redest hier mit mir?

Die Erwachsenen haben Angst, sagte der Terrorist, weil ich nicht da bin. Weil sie mich nicht sehen. Weil sie nicht wissen, was ich hier mache.

Also das ist doch verrückt, sagte ich. Erst sagst du, sie haben Angst, weil sie das besser verstehen als ich, jetzt sagst du, sie haben Angst, weil sie es nicht wissen.

So ist das, sagte der Terrorist. Es trat eine Pause ein, ich versuchte nachzudenken.

Warum tötest du, fragte ich. Die Toten haben doch keine Angst.

Nein, sagte er langsam, die nicht. Es kommt auf die anderen an, auf das Publikum. Angst hat man vor dem, das man nicht kennt, und niemand kennt den Tod. Deshalb haben sie Angst.

Ich musste an diese Gruppe Untoter denken, damals an Halloween, wie ihr Anführer verschwunden war und wie sie ihn sofort vergessen hatten. Sie hatten keine Angst, sie hatten einfach vergessen. War er also nicht gestorben? Hatte ich ihm noch mehr zugefügt, als nur den Tod, das Vergessen? War das nicht noch schlimmer? Oder vielleicht sogar besser?

Ich glaube, sagte ich nach langem Schweigen, ich verstehe.

Du kannst zu uns kommen, und auch ein Terrorist werden, sagte er, und streckte seine Hand aus.

Ich sah auf die Hand vor mir, sie war hart und faltig, unter den Nägeln saß dicker brauner Dreck. Um den Arm trug er ein schwarzes Armband. Meine Hand lag noch immer um das Bonbon in der Hosentasche, das nach und nach wärmer wurde.

Ich glaube, sagte ich, und musste plötzlich husten, ich möchte lieber keine Angst verbreiten.

Dann nahm ich die Hand aus der Tasche, sie zitterte leicht, und legte das Bonbon in seine große Hand, die noch immer vor mir in der Luft schwebte. Er blickte erstaunt auf und runzelte die Stirn.

In dem Moment, als das Bonbon seine Haut berührte, als er es verwirrt anblickte, da drehte ich mich um und rannte den Gang hinunter, so schnell es irgend ging.

Charlie glaubt

„Gott“, murmelte Charlie eines Abends in sein Kissen, „vielleicht bin ich ja Gott“ – doch noch ehe er ein Fragezeichen setzen konnte,  bemächtigte sich seiner tiefer Schlaf, der diesen Gedanken für immer verschluckte. Er erinnerte sich nie wieder an ihn, bis ans Ende seines kurzen Lebens.