Hausrundgang

Mensch, jetzt wohne ich schon so lange hier in Ramaniyam Samarpann und komme erst jetzt dazu, Ihnen mein Haus zu zeigen. Entschuldigen Sie vielmals. Ich habe Sie nicht vergessen, es war nur … ach, reden wir nicht drüber. Ich freue mich, dass Sie es geschafft haben, hatten Sie eine gute Fahrt? Schön, das freut mich zu hören. Kommen Sie, ich zeige Ihnen alles.

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Ich zeige meinen Gästen immer zuerst unsere Dachterrasse. Der Ausblick von hier oben ist phänomenal, finden Sie nicht? Man sieht die Türme der Tempel, die großen Hotels und die kleinen Häuser, das Gewimmel der Straßen – aber von hier oben im Wäscheflattern so überzuckert, so ruhig, wie im Bilderbuch. Sobald ich hier hochkomme, fallen die Sorgen und Zwänge des Tages von mir ab. Oh, und sehen Sie dort unten das Eingangstor? Da passen die Wächter Tag und Nacht auf uns auf. Dank ihnen ist hier alles sicher, sie sind unsere guten Geister.

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Aber kommen Sie, wir gehen hinunter. Passen Sie auf, die Schwelle. Die schönsten Wohnungen sind natürlich ganz oben, im vierten Stock, da ist die Luft am besten, der Lärm und der Gestank weit weg, und man hat eine Terrasse unter freiem Himmel. Haben Sie sie von oben gesehen? Sie sind herrlich, nicht wahr? Ich wohne im dritten Stock, meine Wohnung ist auch schön. So geschmackvoll eingerichtet, im traditionellen indischen Stil, aber natürlich mit Klimaanlage, mit Fernseher, mit Internet. Ich nenne es meinen Kokon. Und einmal die Woche kommen unsere Putzfrauen und bringen alles auf Hochglanz. Sie sind hier wirklich die guten Geister.

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Gefällt es Ihnen? Ein Traum, nicht? Aber Sie haben ja noch gar nicht alles gesehen! Ja, es ist unglaublich! Ich zeige es Ihnen sofort. Ach kommen Sie, wir nehmen den Aufzug. Mir ist schon warm genug, diese Hitze hier macht einen doch wirklich verrückt. Na, wo bleibt denn dieser Fahrstuhl? Letztes Jahr gab es hier einen Zyklon, da hatten wir tagelang Stromausfall, können Sie sich das vorstellen? Kein Aufzug. Keine Klimaanlage. Kein Handyempfang. Kein Internet. Eine Extremsituation, wirklich krass. Aber irgendwann haben die Techniker dann doch alles in den Griff bekommen. Haha, was wäre unsereins nur ohne seine guten Geister?

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So, da sind wir, das ist die Eingangshalle. Hier sind Sie ja vorhin schon vorbeigekommen. Alles blitzt und leuchtet. Ein wahrhaft königlicher Empfang für jeden, der das Haus betritt. Aber das Beste haben Sie ja immer noch nicht gesehen, kommen Sie! Sehen Sie, dort? Ja, das ist ein Swimmingpool! Mitten in unserem Haus! Unter freiem Himmel! Ein paradiesischer Ort. Nichts entspannt mich so sehr wie hier am Abend meine Bahnen zu ziehen und zum Sternenhimmel aufzuschauen. Was? Ja, das sind Vögel. Süß, nicht? Ja, dreckig wird der Pool wirklich manchmal. Muss eine Heidenarbeit sein, den jedes Mal wieder in Schuss zu bringen. Was? Ja, unsere guten Geister.

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Ich sehe, Sie sind beeindruckt von unserem Domizil? Ja, wirklich … Was? Was darunter liegt? Ach … das … das wollen Sie gar nicht sehen, da gibt es nichts zu sehen. Doch? Na gut, kommen Sie, hier geht es runter. Sehen Sie? Eine Tiefgarage. Der Hintereingang. Grau und trist. Gehen wir wieder ins Helle. Was, nein? Na gut, ich komme mit. Achtung, stoßen Sie sich nicht den Kopf! Ach, kommen Sie, das erdrückt mich hier. Was? Das da? Was das ist?

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Das … ähm … das weiß ich gar nicht genau, das … ich glaube … ach, das sind … ich glaube … da wohnt auch jemand. Weiß ich nicht genau.

Kommen Sie, wir gehen wieder an die Luft.

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Käfer im Kosmos

Nun also Indien. Nur zehn überraschend kurze Flugstunden liegen zwischen der beklemmenden Fremdheit im eigenen Land und der behaglichen, befreienden Fremdheit der Fremde. Zehn Stunden in der Luft, und während sich unter einem die Welt umdreht, wird man wieder man selbst, alleine man selbst.

Also ein neues Land, ein neuer Kontinent, ein neues undurchschaubares Rätsel. Die Dinge sind aufs Neue ihrer Bedeutung bar, ich weiß nichts, hier drinnen sitze ich schreibend und draußen vor dem Fenster liegt nackt und hilflos die Wirklichkeit.

Es sind aber gar nicht die offensichtlich fremden Dinge – die tamilischen Zeichen, die unbekannten Gerichte, die Früchte auf dem Markt, die Düfte in der Luft, die Kleider auf der Straße –, die den Zusammenbruch der Bedeutung anzeigen, vielmehr sind es die Dinge, die man zu kennen glaubt und die sich einem dann mit einem Mal noch mehr entfremden.

Selten ist man ja seiner selbst mitsamt der menschlichen Verlorenheit so gewahr wie in jenen schmerzlich goldenen Momenten, da alles zusammenbricht, da plötzlich ein Vorhang fällt und die Trugspiegel der Erfahrung mit sich fortreißt. Was eben noch Bedeutung trug – eine Aufforderung, ein Affront, ein Zuneigungsbeweis, eine Einladung – steht dann unvermittelt vor Augen, ungeschützt – nichts als ein Lächeln, eine Geste, ein Geräusch, ein Wort.

In der Zeitung stehen Berichte über Familien, die täglich um ihren Hungerlohn von hundert Rupien kämpfen und deren Kinder von heilbaren Krankheiten hinweggerafft werden, neben Anzeigen für klimatisierte Luxusautos, und das lese ich so beim Frühstück zwischen Toast und Orangensaft und blättere um, aber dann trete ich hinaus und zwischen genau diesen Autos betteln mich genau diese Familien an, und es ist so herzzerreißend normal, so unverständlich selbstverständlich, dass ich als dumpfer, realitätsentwöhnter Europäer, der ich gelernt habe, mich über Ampelschaltungen und Mindestlöhne zu empören, vor Scham in tausend Teile zerspringen möchte.

Dann hasse ich alle, die dumm zu Hause in Europa sitzen und glauben, sie wüssten irgendetwas, und dann hasse ich alle, die dumm in Indien sitzen und glauben, sie wüssten irgendetwas, und dann hasse ich mich selber, am meisten von allen. Es ist gesunder Hass, ehrlicher, verdienter Hass. Nein, möchte ich hinausschreien, komm mir nicht mit Gewissheiten, nein, es ist nicht „schon gut“, hört auf zu reden, redet euch nichts ein, seht auf diese Menschen, seht auf diese Welt, sie ist nicht „gut“, sie ist nicht „schlecht“, nichts habt ihr begriffen, gar nichts, was können denn die dafür, die betteln, und was können die dafür, die einfach nur ein Auto kaufen wollen, und was können die dafür, die ihr Geld verdienen möchten, und was können die dafür, die die Zeitung lesen, was können sie alle dafür, nichts! Gar nichts! Ihr seid alle, wir sind alle nur kleine Käfer, kleine lächerliche Käfer im Kosmos.

Und abends, wenn der kleine Käfer heimkrabbelt, mit stierem Blick, mit entleerter Seele, hebt er das Glas zum Himmel, aus dem die tropische Nacht herabsinkt und diese Einsamkeit um ihn legt, die nur die Tropen bringen, und blickt vom Balkon auf die zerfallende Welt ringsum. Trügen nur seine Flügel, dann flöge er und schwebte über der Stadt. Nichts kann ich und muss doch alles tun. Es ist gut, es ist richtig, endlich in Asien angekommen zu sein.

Aus meinem Reisetagebuch (XVI)

Es müssen diese Momente in der Schwebe sein, weswegen man reist. Diese Momente ohne Zukunft oder Vergangenheit, ohne Plan, in denen die Erinnerung ganz dicht an die Vorahnung heranrückt, und zu so etwas wie Bewusstsein verschmilzt. So wie jetzt.

Jetzt sitze in im Rasthaus Fulda-Nord, auf einer Bank in der Ecke, vor mir einen Teller Salat und mein Handy, auf dem die Information, auf die ich seit einer Stunde warte, nämlich: wann ich hier abgeholt werde, mitgenommen nach Italien, nicht aufpoppt und mich in Ungewissheit darüber lässt, wann es mich aus diesem Moment herausreißen wird, wie viel Zeit mir überhaupt noch zum Schreiben bleibt. Neben mir das Fenster, aus dem ich zwischen zwei Bissen zuweilen sehnsüchtige Blicke werfe, als beschleunigte das die Ankunft des Busses. Hinten, vom Tresen her, an dem ein paar Trucker ihr Feierabendbier trinken (Bier ist es jedenfalls, ich hoffe, es ist auch ihr Feierabend), säuselt das Dudelradio seine Playlist herunter, deren einfältige Harmonik einiges zur Elegie der Situation beiträgt.

Außer mir sitzt niemand in der Gaststube, obwohl es Freitagabend ist, also beste Reisezeit, und halb neun Uhr abends, also beste Essenszeit. Beste Reise-Essenszeit, eigentlich. Ich frage mich, wovon die Betreiber dieses Rasthauses leben. Es wirkt, als habe man dem knorrig-verrucht-verrauchten Charme vergangener Tage bewusst abschwören wollen, habe es aber ein wenig zu bewusst getan. Genauso implantiert wie die riesige Obstschale vor dem Zapfhahn wirken die Vegetarierseiten voll „leichter Kost“ in der Speisekarte, inmitten der ganzen „gutbürgerlichen Küche“. Immerhin die voll ausstaffierte Bedienung unternimmt keinerlei Anstrengungen, sich irgendwie zu verstellen und nimmt meine Hipster-Bestellung (gemischter Salat – Tomatensuppe – Bionade) stoisch entgeistert entgegen, nicht anders wahrscheinlich als sie die Bestellung eines soeben vom Pluto eingeflogenen Aliens entgegennehmen würde; heimlich, aber nur heimlich wünschend, er kehre zurück, woher er gekommen ist und überlasse das Lokal wieder denen, für die es gemacht ist.

Erneut blicke ich aus dem Fenster. Draußen setzt sich die Einsamkeit perspektivisch fort. Im Hintergrund, wo meinem offenbar verwirrten Orientierungssinn zufolge eigentlich die Stadt Fulda liegen müsste, erhebt sich ein bewaldeter Hügel, davor wehen ein paar löchrige Pappeln hin und her. Davor Straße, davor Feld, davor Straße. Auf dem Parkplatz unter meinem Fenster parkt seit einer halben Stunde ein weißes Auto mit der Aufschrift „Eiliger Medikamententransport – Kurzparker“. Draußen geht ein Mann in hellbrauner Weste auf und ab, jetzt rauchend, beim nächsten Blick aus dem Fenster verträumt an der Heckklappe lehnend.

Auf dem Beifahrersitz des Autos sitzt eine ältere Dame im beigen Mantel und schaut. Wann immer ich aus dem Fenster gucke, sitzt sie da und starrt ins Leere. Die fragenden, faszinierten Blicke, die ich ihr zwischen Vorhang und Zimmerpälmchen aus meinem Fenster zuwerfe, spiegelt sie ungerührt aus ihrem Fenster hinaus, in die Ferne ihrer unbeweglichen Pupillen. Ganz reglos sitzt sie da – ich sehe sie oft an, da sehe ich, wie reglos sie sitzt – in ihrem „eiligen Medikamententransport – Kurzparker“. Ganz sicher wartet sie nicht, dazu sitzt sie zu still. Sie ist einfach.

Was sie wohl heute noch tut, frage ich mich, ob sie wohl Fußball schaut, ob der Mann da draußen ihr Ehemann ist, ob sie Freunde hat, Kinder vielleicht, aber das hastige Wissenwollen all dieser neugierigen Fragen zerbricht, kaum sind sie gedacht, an der Weisheit ihres ausdruckslosen Gesichts, das aus dem Autofenster ins Nichts blickt.

Ich beobachte sie lange, diese Frau, nur unterbrochen von den gelegentlichen Bissen, zu denen ich mich hier im Restaurant verpflichtet fühle, und habe das Gefühl, ihr immer ähnlicher zu werden. Die Zeit erstarrt. Starre ich nicht aus meinem Fenster ganz genau so, wie sie aus ihrem in die Leere? Besteht da nicht eine Gemeinsamkeit zwischen uns, ein inneres Band, das die Glasscheiben nicht zu brechen vermögen? Immerhin, wir beide starren, beide regungslos, beide t

Fulda, 17. Juni 2016