Weihnacht

Emilia Pardo Bazán 1896, Ü Felix Pütter 2017

Dies ist eine Geschichte aus dem 16. Jahrhundert, aus einer jener italienischen Städte, die von einem Tyrannen beherrscht wurden. Nennen wir sie, wenn ihr einen Namen verlangt, Montenero, und den Tyrannen Orso Amadei.

Orso war ein Mann seiner Zeit: wild, herzlos, verlogen im Groll, unerbittlich in der Rache. Als mutiger Kämpfer, unübertroffener Gönner und feinsinniger Kunstfreund richtete er, ähnlich den Medicis, zu Ehren von Malern und Dichtern Palastfeste aus und empfing in seinem Privatgemach die zwielichtigen Alchemisten jener Zeit, die sich – versuchten sie nicht gerade, Gold herzustellen – vortrefflich auf die Destillation wirksamer Gifte verstanden.

Geriet ein Edelmann in Orsos Weg, dann ließ er ihn zu sich bringen, schwor ihm Freundschaft, teilte beim Abendmahl – ein schrecklicher Frevel! – seine Hostie mit ihm, ließ ihn an seinem Tisch sitzen … und noch während des Banketts erhob sich der Gast mit verdrehten Augen und Schaum vor dem Mund, nur um wieder und wieder vor Schmerzen zurück in den Stuhl zu fallen … und der Gastgeber ergriff mit geheuchelter Hilfsbereitschaft seine Hand, um sicherzugehen, dass ihm das Eis des Todes schon durch die Adern rann.

Einfache Leute kamen nicht in den Genuss derartiger Zeremonien: sie ließ er pfählen oder im Kerker verschmachten.

Orso war zweifacher Witwer: seine erste Frau hatte er erdolcht, aus Eifersucht; die zweite – die einzige, die er liebte – wurde von Landolfo dei Fiori, dem Bruder der ersten, aus Rache ermordet. Jene hatte keine Nachkommen hinterlassen, diese hingegen schon, ein Mädchen und zwei Jungen. Die Jungen kamen in einem nie aufgeklärten Scharmützel ums Leben, einem Hinterhalt, den womöglich ebenjener Landolfo gelegt hatte, und so war es an der kleinen Lucia, die verfluchte Familie der Amadei fortzuführen.

Der Vater war schon auf der Suche nach einer guten Partie für Lucia, als sie entschied, dass sie ins Kloster gehen wolle. Das brachte Orso zum Verzweifeln, denn auf seine eigentümliche Weise war er vernarrt in diesen letzten Spross seines Geschlechts; allein, es half nichts; der Wille Lucias setzte sich durch und das Mädchen trat in ein Dominikanerkloster ein, in dem schon jene Katharina, genannt Eufrosina, aufgeblüht war, der alle Welt heute als Heilige Katharina von Siena huldigt.

Das zarte Alter, die liebliche Schönheit und die erlauchte Abstammung der Tyrannentochter trugen ihr Übriges zum allgemeinen Erstaunen über ihre Sühne bei. In einer Zeit, die sich schon von der Kirche abwandte, kehrte sie zu den harten Sühnebräuchen frommerer Zeiten zurück.

Sie ernährte sich von einer Handvoll gekochter Kräuter; sie schlief auf zwei Säcken ohne Stroh; sie trug einen groben zilizianischen Überwurf, der die zarte Haut reizte; und wenn sie in einer Januarnacht zum Gebet aufstand, nach einer Stunde Ruhe auf feuchten Steinen, die ihr alle Knochen brachen, konnte sie vor Schwäche kaum stehen und verwechselte die Gebetsworte im Munde.

Denn Lucia, die nun einmal von den Amadeis abstammte, war nicht zu Buße und Leid geboren, sondern dazu, die Freuden des Lebens auszukosten, sich am lieblichen Klang der Mandoline zu erfreuen, am wohlklingenden Rhythmus der Stanzen der Dichter, am Zauber der Farben, an der geheimnisvoll-süßen Ruhe der Gärten, wo griechische Statuen in ewiger Schönheit erstrahlten. Nur die Schwere fremder Schuld und der Wunsch, dafür zu büßen, hatten sie, vor Angst und Schrecken zitternd, zu Füßen der Altäre gezerrt, wo ihr die Erinnerungen an die Welt und ihre Freuden unentwegt im Gedächtnis herumgingen.

Wie schon Katharina von Siena wurde sie mehr als einmal von unzüchtigen Versuchungen und höhnischen Trugbildern heimgesucht; aber fest ans Kreuz geklammert, widerstand sie heldenhaft; sie heulte, sie zerkratzte sich das Fleisch und endlich senkte sich siegreich Friede über ihren Geist­. Auf die Ohnmacht folgte unerklärliche Entzückung und Süße, und Lucia fühlte sich getröstet.

Bald war Weihnachten, der Jahrestag ihres Gelübdes. Der Heilige Abend kam, und mit ihm ein Schneegestöber; aber je schwerer das weiße Leichentuch auf dem Klostergarten lastete, desto wärmer wurde es Lucia in ihrer Einzelzelle; dank einer wunderbaren Illusion war es ihr, ­als rieselten draußen vor den Bleifenstern nicht Schneeflocken auf die Zweige der Bäume und den harten Erdboden, sondern Abertausende reine Lilienblüten, fein wie Federn aus Engelsflügeln.

Alles war mit Lilien bedeckt, und die Helligkeit, die der weiße Garten verströmte, erleuchtete die Zelle mit Mondenstrahlen, greller und strahlender noch als Silber. Plötzlich erblickte Lucia ein entzückendes Kind, eingehüllt in Wellen sanften Lichts; ein lächelndes Wesen mit ausgestreckten Ärmchen, die die Nonne in Entzückung versetzten, als sie es in Empfang nahm.

„Heute Nacht“, sagte das Kind mit liebevoller Stimme, „will ich dir eine Gunst erweisen, Lucia, und nicht in der Krippe, sondern in dieser Zelle zur Welt zu kommen, in der du mich so oft angerufen hast.“

Lucia blieb für ein paar Augenblicke ungläubig stehen; diese Gunst war außergewöhnlich, und in ihrer Bescheidenheit wähnte sie sich einer solchen nicht würdig. Als sie wieder zu sich gekommen war, faltete sie sogleich die Hände und warf sich flehend vor dem Christkind zu Boden.

„Willst du deine Dienerin glücklich machen, Kind, mein Herzenskind … so gewähre mir, was ich von dir erbitten werde. Ach! Es ist eine große und schwierige Sache, aber wenn du das Unmögliche nicht vollbringen kannst, wer dann? Gedenke all meiner Kämpfe, gedenke meiner Leiden … erbarme dich meiner und komme nicht hier auf die Welt, sondern an einem anderen dunklen, schrecklichen, verlassenen Ort … im Herzen meines Vaters, Orso Amadei.“

Das Christkind streichelte der Büßerin mit seinen kleinen Händchen übers Gesicht und sah sie voll Traurigkeit an.

„Weißt du, worum du da bittest, Lucia? Weißt du, dass dieses Herz, in dem ich nach deinem Willen das Licht der Welt erblicken soll, noch härter ist als Stein, noch blutiger als ein Schafott, noch übler als ein Grab? Weißt du, dass ich, um dort einzudringen, mit meinem nackten Körper Dornen, Kletten und giftige Pflanzen durchqueren muss, während sich Schlangen um meinen Hals winden und mir eisige Reptilien die Beine hochklettern? Ja, verloren habe ich mein Leben auf niederträchtigste Weise; aber für meine Geburt suchte ich einen warmen, weichen, liebevollen Ort; ins Leben kam ich unter einfachen Hirten, nicht unter blutrünstigen Wölfen! Doch ich will nicht viele Worte machen, Lucia, und dir, die du deinen Kampf für mich schon ausgefochten hast, deinen Wunsch nicht versagen … Heute Nacht wird mir das Herz jener Bestie, deines Vaters, zum Stall zu Bethlehem werden!“

Als Lucia das Versprechen des Kindes hörte, überwältigte sie ein plötzlicher Wonneschauer. Sie fiel reglos auf den Steinboden. Das Licht, die Erscheinung, der Lilienduft, alles verschwand, und vor den Bleifenstern sah man nur noch den Garten in seinem Totenhemd aus Schnee.

Zu derselben Stunde feierte Orso Amadei in seinem Palast ein Fest; nein, nicht „Fest“ sollte man sagen, sondern „Orgie“. Dies war keines jener Festmähler, bei denen Aphorismen und Anekdoten die Stunden verfliegen ließen, keines, bei dem die Anwesenheit von Damen zur Galanterie anhielt und die Rohheit der Männer im Zaum hielt. Solcher Festmähler hatte Orso viele gegeben; ihm sagten jedoch auch jene anderen, zügellosen Gelage zu, an denen nur seine zwielichtigen Hauptmänner, Strolche und Handlanger teilnahmen, unverschämtes und perverses Volk.

Wenn sich unter ihnen doch eine Frau fand, dann war es die arme Gauklerin, die sie auf dem Marktplatz überrascht hatten und die am nächsten Tag, nachdem sie sich von den Abendgästen hatte erniedrigen lassen müssen, in irgendeiner Gosse wieder auftauchte, am ganzen Körper blau, halb tot. In jener Nacht hatte Ridolfi, einer der Hauptmänner Orsos, eine noch bessere Beute angekündigt: ihm war soeben ein wunderschönes junges Mädchen in die Hände gefallen – wer so spät noch draußen herumstreunte, der dürfe sich nicht wundern! Diese Verlautbarung sorgte für einige Unruhe in der Gemeinde der Säufer; Orso befahl mit schallendem Gelächter, das Mädchen hereinzubringen. Gestoßen von den Soldaten kam sie herein, sie zitterte, ihr blondes Haar war zerzaust, und die Männer waren außer sich, als sie vor sie trat, denn sie war in der Tat von anmutigster Schönheit.

Orsos schamloser Blick durchbohrte sie; er streckte die Hand aus, strich ihr durch die goldenen Locken … und erstaunt fuhr er zurück; in diesem schutzlosen Mädchen, das ihm da gegenüberstand, wehrlos allen Misshandlungen ausgeliefert, erkannte er das Gesicht seiner Tochter Lucia, die gleichen Züge, die Wangen, die Stirn vor Scham errötet.

„Lasst diese Frau frei“, rief Orso. „Man gebe ihr Ehrengeleit bis zu ihrem Haus. Niemand füge ihr Schaden zu … Wehe dem, der ihr auch nur ein Haar krümmt! Man behandle sie wie mich selbst …“

Die Trunkenbolde, ganz verdutzt, gehorchten verständnislos. Das Fest wurde fortgesetzt; aber Orso rührte seinen Kelch nicht mehr an. Ridolfi wollte ihn aufheitern und gab ein Zeichen, das unverzüglich verstanden wurde und auf das hin man wenige Minuten später einen dem Verhungern nahen Gefangenen in den Festsaal brachte. Es war Brauch und Belustigung unter Orsos Mannen, einen solchen, dem man schon Tage zuvor die Nahrung versagt hatte, aus dem Kerker zu holen, ihn an den Tisch zu setzen, ihm feinste Speisen vorzusetzen und ihm diese dann, wenn er ansetzte, sie unter zufriedenem Heulen und Schluchzen hinunterzuschlingen, vor dem Mund wegzuziehen und dort stattdessen das brennend heiße Wachs jener Kerzen hineinzugießen, die die Orgie erleuchteten.

Der heutige Gefangene war jung, und Orso hielt ihm höhnisch eine dampfende Bratenplatte und ein Glas Lacrima entgegen; als er ihn aber von Nahem sah, stieß er eine Verwünschung aus. Die Augen im ausgemergelten Märtyrergesicht des Jünglings, die sich mit schmerzlichem Flehen an ihn hefteten, der Mund, der ihm dankte, waren der Mund und die Augen Lucias, ihr eigentümlicher Blick, den der Vater nicht verleugnen konnte, ein Blick von zärtlichem Glanz, Licht der Seele, auf der Suche nach seinesgleichen.

„Bindet ihn los“, befahl Orso. „Aber gebt ihm vorher zu essen, so viel er verlangt. Und schenkt ihm zwei Krüge voll Gold, und Wein, so viel er will … Man behandle ihn wie mich selbst … hört ihr? Wie mich selbst!“

Ridolfi, zähneknirschend, führte den Befehl aus. Fast genau zu dem Zeitpunkt, da der Gefangene den Festsaal verließ, erschien eine alte Frau mit einem Kindchen im Arm. „Hab Erbarmen, großer Herr“, rief sie aus, „hab Erbarmen mit dem Geschöpf vor deinen Augen. Dieser Kleine ist der Sohn deines Schwagers Landolfo dei Fiori, den du verabscheust, und einige Soldaten wollen ihn – angeblich auf deinen Befehl hin – an der Wand zerschmettern. Unmöglich warst du es, der solch grausamen Befehl gab, also stelle ich den Jungen unter deinen Schutz.“ Bei der Erwähnung des verhassten Landolfo erzitterte Orso vor Zorn, zückte seinen Dolch und schickte sich an, dem Kleinen die Kehle durchzuschneiden … aber dieser lächelte ihn ungerührt an, und sein Lächeln war das zauberhafte, unvergessliche Lächeln Lucias, aus jenen Kindertagen, wenn ihr Vater sie liebkoste. So übermannt, fiel Orso auf die Knie und begann unter Schlägen auf die Brust mit lauter Stimme seine Sünden zu bekennen; denn soeben hatte Jesus sein Versprechen eingelöst und war in jenem Herz, düsterer noch als der Höllenschlund, auf die Welt gekommen …

Am nächsten Morgen erreichte Orso die Nachricht, dass seine Tochter genau zur Mitternacht verschieden war.

Der Tyrann band sich einen Strick um den Hals und lief barfuß durch die Straßen der Stadt, um die Bewohner um Vergebung zu bitten, bis er, auf seinen Stock gestützt, langsam entschwand. Man hat nie wieder von ihm gehört. Selig sind die, in deren Herz der Heiland einkehrt!

  

Mit Dank an Susana Mogollón für wertvolle Hinweise.

Original: http://www.cervantesvirtual.com/obra-visor/cuentos-de-navidad-y-reyes–0/html/fee35e90-82b1-11df-acc7-002185ce6064_2.html#I_6_

Bis zum Absturz

„Und, was hörst du so für Musik?“ Er war herübergekommen und stand ihr nun gegenüber, locker mit den Schultern vor- und zurückwippend.

„Barock“, antwortete sie.

„Ah“, sagte er. „die Rolling Stones find ich ja okay. Aber sonst ist das nichts für mich. Ich mags gern härter, verstehst du?“

„Nein, nein“, sagte sie schnell. „Nicht Rock. Barock.“

„Oh.“ Er schwieg eine Weile.

Dann fragte er: „Und wenn du mal richtig abtanzen willst, bis du nicht mehr kannst, bis zur Erschöpfung, bis zum Absturz, weißt du, bis dir dein Leben und das alles hier scheißegal wird?“

„Dann“, sagte sie und lächelte, „dann erst recht.“

Charlie träumt

Heute träumte mir, ich sei ein Gefühl. Ich fand mich in einem Haus am Strand wieder, und als ich mich in meinem Traum orientiert hatte, sah ich, dass das Land zur Linken das Land des Lächelns war, das Meer zur Rechten aber das Meer der Tränen.  Da wusste ich, ich war die Rührung.

Schnell, noch vor Aufgang der Sonne, stieg ich zum Meer hinunter, um einen kleinen Eimer zu füllen, als Vorrat für den Tag. Dann machte ich mich auf den Weg.

Zuerst begegnete ich einer Mutter mit ihrem kleinen Kind. Ihr schenkte ich ein wenig aus meinem Eimerchen, und da lachte sie laut und dankte mir heftig. Bleib doch bei mir, bat sie, du tust mir gut. Aber ich schüttelte nur den Kopf. Ich kann nicht bleiben, sagte ich, hier ist es zu fröhlich für mich.

Danach kam ich zu einem Trauernden, der leerte fast meinen Eimer und hörte kaum auf das, was ich sagte. Als er sich ein wenig gefasst hatte, dankte er mir unter heftigem Schluchzen. Bleib doch bei mir, bat auch er, du tust mir gut. Und wieder schüttelte ich den Kopf. Ich kann nicht bleiben, sagte ich, hier ist es zu traurig für mich.

Bald traf ich ein Pärchen auf dem Weg, die hielten einander umschlungen und beachteten mich erst nicht. Ich träufelte ein wenig aus meinem Eimer über ihre Gesichter und wollte mich schon wieder leise zurückziehen, da bemerkten sie mich und sagten: Ach, bleib doch bei uns, du tust uns gut. Ich aber schüttelte den Kopf. Ich kann nicht bleiben, sagte ich, hier ist es zu zweit.

Am Abend kehrte ich wieder in meinem Haus ein, schenkte dem Meer die übrigen Tränen aus meinem Eimer zurück, setzte mich nieder und ließ das Glutlicht der Abendsonne in mich einsinken. Von oben, aus dem sich stetig verfärbenden Himmel, stieg eine leise Melodie herab und ertränkte mich in Schlaf.

Als ich erwachte, war die himmlische Melodie noch immer da, viel wirklicher als der Eindruck meines Zimmers, der sich erst nach und nach meinem Bewusstsein zusammensetzte. Irgendwann wurde sie noch leiser und schließlich, lange bevor es meinem Geist möglich war, festzustellen, ob sie von außen hereinkam oder in mir aus dem Traum herüberreichte, verklang sie.

Ich war erwacht. Seither aber wirkt die Melodie in mir weiter; und so zweifle ich, ob ich in meinem Traum wirklich die Rührung gewesen bin, wie ich damals gedacht hatte. Inzwischen glaube ich vielmehr, ich war die Musik.

Charlie in der Bäckerei

Von allen Geschäften sind mir Bäckereien die liebsten. Knackiges, duftendes Brot, warme Brötchen, leckere Kuchen, all das macht mir jeden Gang zum Bäcker zu einem inneren Fest.

Heute war ich in der Stadt, und zum ersten Mal in einem dieser Back-Shops. Bei uns gibt es dieses neumodische SB-Prinzip ja nicht, wir haben mehr Zeit und müssen nicht irgendwo rein- und rausschlüpfen, so schnell wir können. Ich verkehre auch lieber mit einer echten Bedienung, einem wahren Experten über einen echten Tresen hinweg. Heute aber war ich nun einmal in der Stadt und hatte auch noch einiges zu besorgen, und so schlüpfte ich schnellentschlossen durch den engen Spalt, den mir die schwere Glastür ließ, in den warmen Schoß der Backstube.

Drinnen empfing mich das typische, unentflechtbare Wirrwarr dieser modernen Dienstleistungszentren: enge Knäuel aus Kundinnen und Kunden schoben sich an mir vorbei, ohne einander oder mich dabei auch nur gelegentlicher Blicke zu würdigen. Nachdem ich einen peinlichen Moment lang einsam und allein herumgestanden war, machte ich schließlich hinten eine Schlange aus, die sich in so etwas wie einen Eingang hineinschob. Schnell hastete ich dort hinüber und stellte mich an ihrem Ende auf.

Von hier, als letztes Glied der Schlange, langsam nach und nach aufrückend, konnte ich das Treiben genauer beobachten: Überall schoben sich Menschen hin und her. Es war laut, alle ächzten und stöhnten unter irgendeiner nicht erkennbaren Last oder röhrten schamlos in ihre Handys hinein. Vor mir warteten sie ungeduldig darauf, endlich weiterzukommen und drangenommen zu werden, und drüben, auf der anderen Seite, suchten jene, deren Taschen sich schon gefüllt und deren Säckel sich entleert hatten, hastig ihre Sachen zusammen und verließen den Laden.

Dass plötzlich ich selber an die Reihe kam, riss mich aus derlei Beobachtungen und überforderte meine Tatkraft. Mir wurde heiß vor Aufregung. Es war ja, wie gesagt, mein erstes Mal in diesem Geschäft und aus diesem Grunde war ich noch gar nicht bereit, als ich mich plötzlich vor der enormen Auswahl wiederfand. Zu Hause ist das anders, da gibt es adrette Bäckereiangestellte, die mir freundlich Zeit lassen, mich bei ihnen zu orientieren, und dann meine wohlüberlegten Wünsche befriedigen; jetzt aber sah ich mich einer Menge Löcher gegenüber, aus denen, wenn man sie anfasste, ein weißliches Etwas quoll, das nur beim allerbesten Willen als Nahrungsmittel zu bezeichnen war. Ich schauderte.

Am liebsten hätte ich mich wieder unverrichteter Dinge zurückgezogen, doch der lange Menschenschwanz, der sich inzwischen hinter mir aufgebaut hatte, hätte mir wohl kein Entkommen gelassen. Ich ergab mich also meinem Schicksal und warf einen Blick auf das, was sich vor meiner Nase feilbot. Mein Herz hämmerte. Was auch immer ich hatte besorgen wollen, ich wusste es vor lauter Aufregung längst nicht mehr. Ich überlegte eine Zeit lang, drehte erst gedankenverloren an einem großen Brezelständer herum, entschied mich dann aber doch für eine süße Schnecke aus einem Fach weiter unten, auf der appetiterregend ein paar Rosinen prangte.

Das hätte ja schon gereicht, um die peinliche Blöße abzuwenden, die es bedeutet hätte, mit leeren Händen vor die Kassiererin zu treten, aber kurz bevor ich drankommen sollte, bekam ich noch Lust auf eine der goldbraunen Laugenstangen, die ich schon vor Längerem auf dem obersten Regalbrett erspäht hatte. Kurzentschlossen – die Blicke der in der Schlange Wartenden durchbohrten mich schon von hinten – holte ich mir eine runter und drapierte sie auf meinem Tablett.

Dann war ich auch schon ganz vorne angekommen. Mit der Kassiererin klappte alles reibungslos. Sie fummelte nur kurz gelangweilt an ihrem Apparat herum, dann klimperte schon das Geld in ihrer Hand und ich hatte bekommen, worauf man mich so lange hatte warten lassen. Von meinem Herz, das sich längst in meiner Hose befand, löste sich ein Stein und plumpste hinab.

Schnell stopfte ich die Laugenstange erst zum Schutz in eine Plastiktüte, dann in meine Handtasche, nahm die Rosinenschnecke zur Hand – sie hatte ich mir für den Heimweg vorgenommen – und verließ den Laden.

Meine Eile war verflogen, mein Herz schlug ganz ruhig in meiner Brust. Es war ein warmer, weiter Tag unter weißgesprenkeltem Himmel, die Rotkehlchen sangen wie aus einem Käfig befreit, in der Frühlingsluft lag Gelächter, und so vermochte meine Euphorie noch nicht einmal der wirklich fade Geschmack der Schnecke aus der Bäckerei zu trüben. Als ich sie zur Hälfte vernascht hatte, teilte ich sie säuberlich in Stücke, ging beschwingt meines Wegs und ließ die Reste im Park Vögeln.

Charlie und der Weihnachtsmann (2)

 – Fortsetzung des ersten Teils.

Der Schnee war geschmolzen, als wir durch den Vorgarten ins Dunkel hinaustaumelten. Nichts drang aus den Häusern auf die Straße, kein Mensch, kein Licht, kein Laut. Als hätte der liebe Gott das Ausatmen vergessen. Mir fehlte die Luft, schwindelnd umklammerte ich den Arm des Weihnachtsmanns, die meinen schon ergriffen hatte, und versuchte nachzudenken.

War die Zeit stehen geblieben? Ich konnte es nicht überprüfen, denn die Dunkelheit erstickte alle Reize. „Weihnachtsmann“, krächzte ich in die Nacht, aber der Ruf erreichte kaum meine eigenen Ohren. Keine Reaktion. Kein Laut in der luftleeren Stadt.

Vielleicht stimmte meine Vermutung, vielleicht stand die Zeit. Es fühlte sich so an. Wenn die Zeit steht, kann man dann noch denken? Ich spürte keine Luft auf meiner Haut und keinen Hauch in meinem Ohr, auch mein Atmen spürte ich nicht. War ich tot?

Ich tastete nach meiner Nase. Sie war kalt und hart, wie nach langer Wanderung, aber sie war da, ich fühlte sie, ich war lebendig. Meine Rechte wanderte blind den Arm des Weihnachtsmanns hinauf, der Wärme nach, bis zu ihrem Hals. Still pochend floss Blut in einer Ader auf und ab. Auch sie lebte noch. Wenn es nichts mehr gab, es gab noch ein Wir.

Mit dem warmen Puls unter meiner Fingerkuppe gewann ich Herrschaft über die Zeit zurück und versuchte, mich an das Geschehene zu erinnern. Wie lange wir in dem Haus der alten Hexe verbracht, oder was wir dort erlebt hatten, wusste ich nicht mehr. Dort hatte sich das Jetzt breitgemacht und das Davor und das Danach vertilgt. Vielleicht waren wir nur für ein paar Stunden in dem Haus gewesen, vielleicht eine Woche, die Monate dauerte. Vielleicht Jahre. Die Erinnerung daran lag irgendwo in mir, wohin das Denken nicht vordrang. Süßliche Düfte umnebelten meine Gedanken an das Innere des Hauses und eine Leichtigkeit, als flöge ich. Vielleicht hatten wir getanzt.

Die Hexe dort drinnen hatte uns in Glück getränkt, sie hatte uns aus dem Denken genommen, wir durften sein ohne uns zu erinnern. Aber dann war eine Katastrophe passiert, von der mir nun das sanfte Ein und Aus in der Blutbahn des Weihnachtsmanns der einzige Zeuge war. Ein, aus, ein, aus. Wir waren aus dem Paradies verstoßen worden. Ein, aus, Zeit verstrich wieder, ein, aus, davor, jetzt, danach, ein, aus, und jetzt standen wir hier, eingesetzt, ausgesetzt, bloß, ohne Mittel, wir wankten gemeinsam in das hohle Draußen, ein, aus, Schritt für Schritt.

Der Weihnachtsmann fand als erste sicheren Stand wieder, nahm ihre Hand von meiner Hüfte und schob sie langsam an ihrem Hals hinauf, zwischen meine Finger.

Wir sind frei, hauchte sie mir zu, was für ein Wunder.

Eine Pause trat ein, ich atmete. Dann erneut ihr Flüstern. Glaubst du an Wunder?

Woran denn sonst, Weihnachtsmann, antwortete ich und drückte leicht ihre Hand.

Sehen konnte ich ihr Lächeln natürlich nicht, aber es brauchte nur einen winzigen, in funkelnder Dunkelheit prangenden Moment, da drückte sie seine Wärme behutsam meinen zitternden Lippen auf.

Charlie und der Weihnachtsmann (1)

Bald kommt wieder der Weihnachtsmann, darauf freue ich mich schon. Mit dem Weihnachtsmann habe ich immer viel Spaß, der kommt jedes Jahr um die Weihnachtszeit mal hier vorbei und wir verstehen uns super.

Der Weihnachtsmann war zum ersten Mal vor ein paar Jahren hier. Damals klopfte es an meiner Zimmertür, und als ich aufmachte, stand da ein kleines Mädchen mit einer grünen Schirmmütze. Ich hatte sie noch nie zuvor gesehen.

Wie kommst du hier rein, sagte ich, und da antwortete sie: Ich bin der Weihnachtsmann.

Ich musste erst einmal lachen. Der Weihnachtsmann?, sagte ich. Dass ich nicht lache. Du bist doch nicht der Weihnachtsmann.

Doch, sagte sie. Warum soll ich nicht der Weihnachtsmann sein?

Der Weihnachtsmann ist ein Mann, sagte ich, und er ist viel älter als du. Und er steht hier nicht einfach so in meinem Zimmer herum.

Doch, sagte sie. Ich stehe hier herum. Einfach so. Du glaubst doch nicht wirklich, dass der Weihnachtsmann so aussieht wie in der Werbung. Ich hätte doch keine ruhige Minute mehr, wenn ich so eine Mütze und einen Mantel tragen müsste. Oder einen langen Bart. Dann könnte ich doch vor lauter Interviews und Autogrammen meine Geschenke gar nicht verteilen.

Ich dachte nach. Sie hatte schon recht, mit all dem, was sie sagte, aber so richtig glauben konnte ich es noch immer nicht. Den Weihnachtsmann musste es doch schon seit immer gegeben haben, aber sie war höchstens zehn oder so.

Natürlich werde ich nicht älter, sagte sie da, als hätte sie meine Gedanken gelesen. Das ginge ja gar nicht. In hundert Jahren und in tausend Jahren muss ich den Leuten ja immer noch Geschenke bringen, da kann ich es mir nicht leisten, immer älter zu werden. Wer älter wird, stirbt auch irgendwann, und das geht einfach nicht, wenn du der Weihnachtsmann bist, verstehst du?

Ich nickte. Aber andererseits wollte ich es noch immer nicht so recht glauben und sagte also: Wenn du also der Weihnachtsmann bist, dann musst du ja wissen, was ich letztes Jahr geschenkt bekommen hab, oder?

Nein, sagte sie, der Weihnachtsmann hat kein Gedächtnis. Das liegt daran, dass ich nach Weihnachten, wenn die ganze Arbeit vorbei ist, ein halbes Jahr lang schlafe. Hast du schonmal ein halbes Jahr lang nur geschlafen? Danach weißt du gar nichts mehr.

Hm. Ich dachte nach. Sie hatte wirklich recht. Wenn du also der Weihnachtsmann bist, sagte ich dann schließlich, was machst du dann hier in meinem Zimmer?

Ich habe dich beobachtet, sagte das Mädchen. Willst du nicht mit mir kommen und mir helfen, Geschenke verteilen?

Das wiederum ließ ich mir natürlich nicht zweimal sagen, zog meine Jacke an, so schnell ich irgend konnte und war eine Minute später mit dem Weihnachtsmann draußen auf der Straße. Er zog seine ganzen Geschenke in einem großen Bollerwagen hinter sich her, ich ging nebendrein.

Die Hauserstraße war ganz leer und still, ganz anders als sonst, ein bisschen wie verzaubert. Natürlich sah ich sofort zu Herrn West hinauf, aber ausnahmsweise stand er an diesem Abend mal nicht an seinem Fenster, um zu filmen. Wenn er wüsste, was ihm damals entgangen ist. Er hätte den Weihnachtsmann filmen können.

Der Weihnachtsmann klingelte an einer Tür weiter unten in der Straße. Familie Geyer stand auf dem Klingelschild und es öffnete eine ältere Frau, wahrscheinlich Frau Geyer, dachte ich.

Frohe Weihnacht, sagte der Weihnachtsmann, ich bin der Weihnachtsmann. Frau Geyer spähte in die Dunkelheit hinaus.

Was, sagte sie, der Weihnachtsmann? Ha. Kinderchen, es ist Heiligabend, da läuft man nicht durch die Straßen und spielt Streiche, schnell ab nach Hause mit euch! Und warf die Haustür wieder zu. Wir zwei blieben draußen stehen.

Und jetzt?, fragte ich.

Jetzt gehen wir weiter.

Kriegen die jetzt gar keine Geschenke?

Doch, sagte der Weihnachtsmann, die haben sich schon selbst welche gekauft. Die Zeiten, in denen ich das alles selber schleppen musste, sind zum Glück vorbei.

Aber warum sind wir dann überhaupt hingegangen?

Mensch, sagte der Weihnachtsmann, es ist doch Weihnachten! Als Weihnachtsmann muss ich doch herumgehen und frohe Weihnachten wünschen!

Ach so, sagte ich. Hm. Passiert so etwas denn oft?

Immer, sagte der Weihnachtsmann.

Immer?, fragte ich überrascht. Wie, immer?

Immer. Jedes Mal. Ich bin das gewöhnt. Es ist eben Weihnachten, und die Leute wollen ihre Ruhe haben.

Ich glaube das nicht. Du bist doch der Weihnachtsmann!

Ich bin der Weihnachtsmann, und die Leute wollen ihre Ruhe haben, sagte der Weihnachtsmann traurig. So ist es nun einmal. Sie haben so viel zu tun mit ihren Geschenken und den Plätzchen und den besinnlichen Liedern, da können sie nicht auch noch den Weihnachtsmann einlassen. Ich kann es nicht ändern. Er griff nach der Stange an seinem Bollerwagen und rieb mit seinem Ärmel den Schnee von ihr ab. Dann stapfte er wieder los.

Hey, rief ich und lief hinter ihr her, warte auf mich, ich komme mit dir. Du kannst doch nicht die ganze Zeit alleine sein.

Und so stapften wir beide von Haus zu Haus und versuchten weiter unser Glück. Aber der Weihnachtsmann hatte Recht, es gab keine andere Antwort als die, die wir schon bei Frau Geyer gehört hatten. Niemand wollte den Weihnachtsmann einlassen, alle hatten sich schon ihre Geschenke gekauft oder von irgendwoher bestellt, niemand erkannte ihn.

Ich habe mir deine Arbeit nicht so mühsam vorgestellt, sagte ich zum Weihnachtsmann. Ich dachte immer, Weihnachtsmann sein ist toll, den Weihnachtsmann mag doch jeder.

Ja, sagte der Weihnachtsmann und schloss das Gartentor, durch das wir gerade hinausgeschickt worden waren, den Weihnachtsmann, den sie sich vorstellen, den mögen sie. So ist das nun einmal. Dann griff er nach der Klinke des benachbarten Gartentores. Aber ich freue mich, sagte er und sah mir direkt in die Augen, dass du dabei bist, als mein Helfer. Ich nickte und drückte auf die Klingel. Klar helfe ich dir, sagte ich, ich hab dich gern, auch wenn all das vergebens ist, was wir hier machen.

Dann öffnete sich die Tür und eine alte Dame trat heraus.

Frohe Weihnachten, sagte der Weihnachtsmann.

Die Dame lächelte. Sie trug ein Tablett mit drei dampfenden Tassen Tee in der Hand und nickte uns freundlich zu. Wie schön, sagte sie, der Weihnachtsmann und sein kleiner Helfer. Kommt herein, ich habe euch erwartet.

Der Weihnachtsmann blickte entgeistert auf das Tablett und dann auf die Frau, die sich schon wieder umdrehte und in die Stube zurücktrat. Offenbar verstand er ebensowenig wie ich, was hier vor sich ging.

Aber der Duft des Tees hatte meinen Willen schon betäubt. An eine Flucht war nicht zu denken. Ich setzte meinen Fuß über die Schwelle.

Fortsetzung folgt.

Charlie kommt heim

Mein Großvater ist gestorben. Mein Großvater ist gestorben.

Diesmal ist es wirklich. Mein Großvater ist gestorben. Das hat er ja schon mal gemacht, vor zwei Jahren war das, aber damals war es nicht echt. Er hat dann doch noch gelebt. Jetzt lebt er aber echt nicht mehr. Opa ist nicht mehr da.

Ich muss das vielleicht ein bisschen mehr erklären. Ganz früher war ja noch Oma da, bei Mama hängen viele Fotos von ihr über dem Schreibtisch, auf manchen bin ich auch drauf. Damals war Mama noch ein Mädchen und ich war noch nicht Charlie und zu Opa gab es noch Oma dazu. Ziemlich lange ist das her. Das war auch das, was Mama immer gesagt hat, seitdem ich denken kann, das ist lange her.

Aber dann, vorletztes Jahr, zu Weihnachten, fing alles damit an, dass so ein Brief kam mit einem schicken schwarzen Rand drumherum. Als Mama den aufgemacht hat, saß sie keuchend am Küchentisch, mit weit aufgerissenen Augen. Als ich das zweite Mal schaute, lag sie in Tränen über die Stuhllehne gebeugt. Beim dritten Mal hatte Papa sie in den Arm genommen und wischte ihr ab und zu über das Gesicht. Als er mich bemerkte, versuchte er zu lächeln.

Ich setzte mich vorsichtig an den Tisch. Warum weint Mama, fragte ich. Was steht in dem Brief? Dein Großvater ist gestorben, sagte Papa.

Dieser Satz wanderte durch meine Ohren in meinen Kopf hinein und dröhnt dort bis heute nach. Dein Großvater ist gestorben. Dabei waren die Worte für mich ja damals ohne Bedeutung. Ich hatte keinen Großvater, ich hatte den kleinen alten Mann mit den weißen Haaren auf Mamas Schreibtisch, den ich nicht kannte, und ich hatte Willi von Erna und Willi, also Papas Papa, aber das war eben Willi, nicht Großvater. Und was sterben heißen soll, wusste ich erst recht nicht, ich war ja noch ganz und gar damit beschäftigt, leben zu lernen.

Aber ohne eigentlich zu verstehen, merkte ich sofort, dass diese Worte Macht hatten. Die Macht, Mama ohne Vorwarnung in etwas zu verwandeln, das mit ihr nur noch die braunen Haare gemeinsam hatte. Die Macht, mir einen tiefen Schrecken einzujagen.

Gleich am nächsten Morgen, Mama war immer noch ganz durcheinander, sind wir dann ins Auto gestiegen und ganz, ganz lange über die Autobahn gefahren, so lange wie noch nie vorher. Als wir schließlich gehalten haben und vor einem großen Eingangstor ausgestiegen sind, waren da schon ganz viele andere. Die sind gleich zu Mama hingelaufen, als wir aus dem Auto stiegen und haben sie umarmt, und da hat Mama schon wieder weinen müssen und die ganzen anderen auch.

Papa haben sie dann verlegen die Hand geschüttelt, der stand dabei, und mich haben sie so mitleidig angeschaut, wie Erwachsene mich immer anschauen, wie ich es hasse. Sie waren aber sehr ernst und sehr traurig, deshalb taten sie mir auch leid und fast hätte ich mitgeweint, auch wenn ich diesen Großvater ja gar nicht kannte.

Zum Glück kam es dazu dann aber nicht mehr. Drinnen in dem Haus stellte sich nämlich heraus, dass das gar nicht stimmte mit dem Dein Großvater ist gestorben. Er war ganz lebendig, ich habe ihn sofort erkannt, er sah genau so aus wie der alte Mann auf Mamas Schreibtisch. Mama und die anderen haben sich ganz verwirrt angesehen, so als stimme irgendwas nicht, aber dann sind ihre Augen ganz groß und weit geworden, noch ein Stück weiter als am Tag zuvor, und sie sind losgerannt und haben den alten Mann umarmt. Fast haben sie ihn erdrückt.

Es hat sich herausgestellt, dass er den Brief mit dem schicken schwarzen Rand als Einladung gemeint hat, damit wir alle zu ihm kommen. Nun, das hat ja auch geklappt. Und dann waren alle fröhlich und der alte Mann hat uns alle begrüßt und mir hat er ganz fest die Hand geschüttelt und gesagt, du musst die Lotte sein, und da mochte ich ihn sofort, obwohl er das gesagt hat, was alle immer sagen, dass ich ja schon ein großes Mädchen sei und so. Na ja. Ich habe ihm das verziehen.

Beim Essen später hat er dann ganz viel lustige Geschichten erzählt, und alle haben gelacht und waren fröhlich und auf der Rückfahrt hat Papa zu Mama gesagt, Mensch, so aufregende Weihnachten hatten wir ja lange nicht mehr, und da hat sie geseufzt und gar nichts gesagt. Und als er gesagt hat, Mensch, ist doch auch schön, dass wir deine Brüder mal wiedergesehen haben, da hat sie auch nichts gesagt, höchstens vielleicht gelächelt. Erst als ich gefragt habe, ob wir Opa bald wieder besuchen, da hat sie gesagt, ja bestimmt, mein Schatz. Bald.

Das war vor zwei Jahren. Danach sind wir noch zwei Mal den langen Weg zu seinem Haus gefahren, einmal im Sommer und einmal zu Weihnachten, letztes Jahr. Das erste Mal war es super, ich durfte draußen im Garten auf die Bäume klettern und es gab ganz viel zu essen und Opa war wieder genau so lustig wie zuvor.

Beim zweiten Mal war es Weihnachten und die ganzen anderen waren auch wieder da. Die haben wieder Mama umarmt, aber nicht mehr so lange wie das Jahr davor. Und Papa haben sie schnell die Hand gegeben, mich haben die meisten gar nicht angeschaut. Dann sind wir reingegangen und haben uns zum Essen hingesetzt und Opa hat wieder lustige Geschichten erzählt, aber diesmal war es nicht mehr so fröhlich wie vorher. Wenn er schwieg, war es unheimlich ruhig, deshalb war ich froh, wenn er wieder anfing, ins Leere zu erzählen, auch wenn ich vieles schon wusste, von dem, was er sagte. Mama und Papa guckten sich immer mit diesem Blick an, den ich von zu Hause kenne, wenn es irgendwas Wichtiges gibt, das ich nicht hören darf.

Es war dann auch schnell vorbei, wir sind am nächsten Morgen nach Hause gefahren. Kommt bald wieder, hat Opa uns hinterhergerufen, aber ich glaube, das hat Mama nicht mehr gehört.

Letzte Woche ist wieder ein Brief mit einem schwarzen Rand gekommen. Ich dachte ja erst, das ist wieder so eine Einladung, und Mama hat auch gleich den Telefonhörer in die Hand genommen, um anzurufen. Es gab lange keine Antwort, irgendwann ließ sie die Hand mit dem tutenden Hörer darin sinken und hat in die Ferne gestarrt. Dann hat sie wieder geweint, und Papa hat sie wieder in den Arm genommen, aber sie war dann irgendwie schnell fertig mit Weinen. Komm mal zu mir, mein Schatz, hat sie zu mir gesagt.

Dein Großvater ist gestorben. Da habe ich diesen Satz zum zweiten Mal gehört, aber wieder war ich gar nicht so erschüttert wie ich eigentlich sein sollte. Eigentlich war für mich ja mein Großvater schon die ganze Zeit gestorben, er stand da starr und stumm auf Mamas Schreibtisch. Dann hat er so getan, als ob er gestorben sei, und dadurch ist er für mich lebendig geworden. Irgendwie kompliziert. Jedenfalls hat dieser Satz jetzt plötzlich nicht mehr das gleiche bedeutet wie vorher, das habe ich sofort gespürt. Er hatte nicht mehr so viel Macht über Mama, und über mich auch nicht. Ist das nicht schön, dachte ich, vielleicht sollte man alle Sätze öfter sagen, dann nehmen wir ihnen die Bedeutung weg. Wäre das nicht besser?

Na ja, wir sind dann wieder den langen Weg gefahren, und die ganzen anderen waren wieder da, mit ihren Anzügen und Koffern. Sie haben wieder Mama umarmt, das hatten wir ja alles schon mal gehabt, sie haben Papa die Hand geschüttelt. Es war alles leer, niemand sagte irgendetwas. Niemand weinte. Niemand lachte. Als die Beerdigung vorbei war, sind alle wieder zu ihren Autos gegangen und sind nach Hause gefahren. Wir auch.

Erst abends, als wir heimkamen, ist Mama plötzlich zusammengebrochen. Sie hat die Tür aufgeschlossen, hat den Koffer in das leere Wohnzimmer gestellt, und dann lag sie plötzlich auf dem großen Teppich und hat geheult, wie ich noch nie irgendjemanden habe heulen sehen. Sie schrie geradezu. Sie wand sich da hinten auf dem Teppich wie ein großes Insekt, sie brüllte, sie wimmerte, sie schluchzte. Das machte mir Angst, richtig Angst, ich blieb erschrocken vorne im dunklen Flur, Papa nahm mich in den Arm. Vati, schrie Mama, immer wieder, nur dieses eine Wort, Vati, Vati!

Ich riss mich aus Papas Arm, rannte in mein Zimmer hinauf und presste mir mein Kissen gegen den Tränenstrom ins Gesicht. Es half nichts, das Kissen war bald durchnässt.

Mein Großvater ist gestorben.

 

Charlies Freund

Ich erinnere mich noch, wie ich mal einen Freund hatte, kurz. Tristan hieß er. Es war schrecklich. Ich weiß es alles noch ganz genau.

Lange Zeit habe ich Tristan bewundert. Heimlich, natürlich. Ich wusste damals nicht, wie er hieß, aber ich sah ihn in jeder Pause auf dem Schulhof. Er stand dort neben einem Baum, oder er saß irgendwo auf dem Boden, oder er ging umher. Alleine, immer. Das war es, was ich bewunderte, niemand konnte so alleine sein wie er. Er brauchte nicht (wie ich) ein Buch vor der Nase als Schutzwall gegen die anderen, als Eintrittskarte zur Einsamkeit. Er trug die Einsamkeit nicht wie andere in einer schwarzen Tasche, die sie hinter dem Rücken verstecken, er trug sie wie einen kostbaren Schal, der ihn einhüllte, ihn mit süßlichem Duft umwaberte.

Wenn er auf seiner Bahn über den Schulhof mit den anderen  zusammenstieß (was so gut wie nie geschah), dann prallten die immer weit von ihm ab und verschwanden in ihren Grüppchen. Er aber sah sich nicht einmal um, rückte kurz seinen Schal zurecht, reparierte den Riss in seiner Aura und schritt weiter, unverändert. Meistens jedoch war seine Bahn ungestört. Ob er den anderen auswich oder sie ihm, war nie zu erkennen; es war vielmehr, als durchschritten sie unterschiedliche Dimensionen des Raumes, deren Wege sich gar nicht kreuzen können.

Wochen und Monate verbrachte ich damit, wie ein Astronom seine Bahn zu beobachten, meine Schlüsse zu ziehen und mir einzubilden, auf diese Weise selbst zum Gestirn zu werden, das auch auf ihn Einfluss ausübte, auch wenn ich in Wirklichkeit unsichtbar war. Je mehr ich vom Glanz seiner Erscheinung abbekam, der den anderen so ganz und gar verborgen zu sein schien, desto mehr wähnte ich mich schon selbst als leuchtende Gestalt, und so kam es, dass ich es eines Tages wagte, von meiner dunklen Warte aufzustehen und eine Kollision einzuleiten; ich stellte ihm meinen Körper in den Weg.

Es war fatal. Es war grausam. Alles war kaputt. Die Aura war zerstört, sein Einsamkeitsschal saß unverrückbar schief, sein Gesichtsausdruck war entsetzt. Ein betretener Rückzug in meine eigene Sphäre wäre der einzige gangbare Weg gewesen. Ich aber, damals, in maßloser Überschätzung meiner selbst, blieb stehen.

Hallo, sagte ich. Hallo, sagte er. Alles, alles war vorbei.

Wie heißt du, fragte ich. Tristan, sagte er, und du?

Lotte, sagte ich.

Er sah mich an. Ich sah zu Boden. Dann sagte ich: Ich habe dich lange beobachtet.

Oh, sagte er. Wirklich?

Ja.

Ich bin doch gar nicht interessant.

Darauf sagte ich nichts. Ich wollte das nicht, ich wollte nicht mit ihm reden, ich wollte, dass er mich in seine Einsamkeit hineinumarmte, dass es wieder so war wie vorher, als ich ihn nur mit den Augen bewunderte und er, der helle Stern, dort drüben leuchtete. Jetzt stand ich hier, und er auch, wir waren zu zweit, und die Aura war kaputt.

Wollen wir Freunde sein, sagte ich dann leise.

Einverstanden, sagte Tristan, und eigentlich hätte er lächeln sollen.

Seit diesem Erlebnis waren wir Freunde, aber es war nie wieder wie zuvor. Man kann eben nicht alleine sein, wenn man befreundet ist, man kann einander nicht bewundern, man kann einander nicht hassen, es ist alles unecht. Wir sagten, wir sind Freunde, aber natürlich waren wir es nicht. Vor ein paar Monaten war Tristan plötzlich fort.

Ich vermisse ihn nicht, da ist nur ein schales, leeres Gefühl geblieben. Aber ich werde ihn trotzdem nicht vergessen, niemals für den Rest meines Lebens. Denn von Tristan habe ich gelernt, wie man glücklich ist.

Charlie fährt Zug

Neulich sind wir mal Zug gefahren. Das kommt nicht so oft vor, muss ich sagen. Sonst fahren wir Auto. Papa sagt sonst immer ach, und die vielen Menschen und dann gibt es Verspätungen und überhaupt, und dann sagt Mama, na gut, wenn du fährst, in Ordnung. Dieses Mal war es anders. Mama hat gesagt, es sind immer so viele Autos unterwegs und wer weiß, vielleicht wird es glatt und ob er – also mein Papa – das neulich gehört hat, wie viele Leute jedes Jahr auf der Autobahn umkommen und so weiter. Gut, hat Papa da gesagt und den Staubsauger ausgestellt, morgen gehe ich los und hole Fahrkarten. Wenn‘s sein muss, hat er dann noch gesagt, aber da röhrte der Staubsauger schon wieder los und ich glaube, dann hört man über zwei Stockwerke hinweg nicht mehr ganz so gut, was jemand gesagt hat.

So kam es also, dass wir im Zug saßen, ich neben Mama auf der einen, Papa gegenüber auf der anderen Seite. Wir nehmen immer einen Vierersitzplatz, das heißt, natürlich drei Plätze davon, wenn wir mal fahren, und dann setzen wir uns jedes Mal so hin, Mama und Papa am Fenster, ich neben Mama, drüben neben Papa der Fremde. Einmal saß da ein dicker Mann mit ganz vielen Schinkenbroten, einmal eine Oma, die alle zehn Minuten irgendeine Tablette schluckte, einmal ein Boxer mit einer riesigen Sporttasche, einmal saß da auch niemand.

Diesmal aber nicht. Diesmal saß neben Papa saß eine Frau mit großen Kopfhörern und einem dicken roten Schal um den Hals und las in einer Zeitschrift. Diesmal saß überhaupt nirgendwo niemand, der ganze Zug war voll, außer ein Sitz auf der anderen Seite vom Gang.

Auf der anderen Seite saßen zwei Eisbären. Eine große Eisbärdame, deren Hintern so fett war, dass sie zwei Plätze brauchte, und ein kleiner Eisbär, ihr gegenüber, am Fenster. Die Eisbärdame strickte, das Eisbärjunge las in einem Buch, da war ein großer, grüner Fisch auf dem Umschlag. Warum sich niemand neben den kleinen Eisbären setzen wollte, verstand ich nicht, er sah eigentlich ganz sympathisch aus.

Nun ja, so rasten wir also durch die Landschaft, die Eisbären, die Kopfhörerfrau, Mama und Papa und ich. Ich aß nach und nach unsere Reisevorräte an Schokolade leer, Papa schaute die Kühe draußen beim Grasen an, die Kühe schauten zurück, Mama döste, wie immer im Zug, und ich machte mir Gedanken über die beiden Eisbären da drüben. Ich habe neulich im Fernsehen gesehen, wie eine Eisscholle abschmilzt am Nordpol oder Südpol, ich weiß es nicht mehr genau, und wie darauf ein Eisbär durchs Meer getrieben ist. Das Meer wird immer wärmer, haben sie gesagt, die Eisbären haben immer weniger Platz zum Leben. Dann habe ich mir vorgestellt, dass diese Eisbärin eines Tages zu ihrem Jungen gesagt hat, komm, nehmen wir uns eine Eisscholle, wir gehen auf Weltreise. Und dann sind sie über die Weltmeere gefahren und den Fluss hinaufgeschwommen und irgendwann bei uns angekommen, die Treppe hinaufgestiegen, die in der Nähe vom Bahnhof direkt zum Wasser führt, und dann waren sie plötzlich da und sind in den Zug eingestiegen. Einfach so.

In solchen Träumen schwamm die Zeit dahin. Gerade beobachtete ich, wie die Eisbärdame erst die Stricknadeln, dann den Kopf und schließlich ihre breiten, weißen Eisbärinnenschultern sinken ließ und mit leisem Schnarchen einschlief, da zuckte ich plötzlich zusammen, denn hinten, am fernen Ende des Ganges, kam der Schaffner durch die Waggontür.

„Fahrkarten, bitte,“ dröhnte es hart durch den Wagen, und mir stieg sofort der Schreck in die Kehle, aber die Eisbärdame ließ sich gar nichts anmerken und schnarchte weiter vor sich hin. Der Schaffner – ich sah ihm dabei zu, wie er sich langsam den Weg durch die ihm entgegenwedelnden Fahrscheine in unsere Richtung bahnte – warf schon von Ferne besorgt-verärgerte Blicke auf die beiden Eisbären und wiederholte sein „Fahrkarten bitte“ jedes Mal ein bisschen lauter, bis er plötzlich direkt vor uns stand, neben mir, groß und massig. Er atmete laut. Es roch nach Schweiß.

Die Frau mit dem Schal war als erste an der Reihe. Schüchtern lächelnd, ohne ihre Kopfhörer abzusetzen, kramte sie ein vergilbtes Blättchen hervor und hielt es ihm hin. Herzklopfen. Alles in Ordnung. Und Sie? Jetzt waren wir dran. Ich schaute zu Papa hinüber, Papa schaute Mama an, Mama schaute Papa an und sagte, du hast die bei dir, in der schwarzen Tasche. Ach so, richtig, sagte Papa. Entschuldigung. Er bückte sich unter den Tisch und suchte da irgendwo in der schwarzen Tasche herum. Der Schaffner trat ungeduldig von einem Fuß auf den anderen und wiegte seinen großen Tacker in der Hand wie eine Keule.

Bitte schön, sagte Papa schließlich, als er wieder auftauchte, drei Mal. Er streckte die drei Fahrkarten aus, der Schaffner schnappte nach ihnen und studierte sie eingehend. Er warf jedem von uns über den Rand der Karten einen kritischen Blick zu, so als gelte es eher uns zu prüfen als die Papiere, zog dann seine Tackerkeule hervor und lochte die Karten, langsam, nacheinander, eins, Pause, zwei, Pause, noch ein kritischer Blick, drei. Geschafft.

Dann drehte er sich schnell zu den beiden Eisbären um. So, sagte er laut, Fahrkarten bitte, tickets please. Die Eisbärdame rührte sich nicht, das Eisbärjunge schaute ganz erschrocken mit offenen Augen über sein Fischbuch hinweg. Tickets please, rief er nochmal, und als die Eisbärdame noch immer keine Reaktion zeigen wollte, fasste er sie unsanft am Vorderarm an und rüttelte sie wach. Tickets please, or do you have cash?, rief er. Die Eisbärdame schaute verdutzt, aber sagte nichts. Ticket, rief er, oder cash, sonst müssen sie am nächsten Halt raus, verstanden?

Die Eisbärdame runzelte leicht die Stirn, beugte sich zu ihrem Kind hinüber und sagte etwas auf Eisbärisch zu ihm, das Kind nickte und legte das Buch auf den Tisch. Sie tat ihr Strickzeug dazu, dann sah sie den Schaffner treuherzig an, der schon sehr nervös wirkte. Haben Sie Ihren Ausweis dabei, rief er jetzt schon sehr laut, passport, you understand? Sonst muss ich die Polizei rufen! Die Eisbärdame legte beide Pfoten auf den Tisch und stieß einen grunzenden Seufzer aus. Da floh der Schaffner entnervt aus dem Wagen, nicht ohne wutentbrannt allen zuzurufen, das gehe so nicht, er hole jetzt den Zugchef.

Die Frau neben Papa hatte ihre Kopfhörer abgelegt und lehnte sich über den Gang zu den beiden Eisbären. Entschuldigung, sagte sie freundlich, brauchen Sie Hilfe? Do you need translation? Parlez-vous français? Die Eisbärdame lächelte freundlich zurück, aber sagte nur etwas auf Eisbärisch, das die Kopfhörerfrau nicht verstand. Sie machte eine unbeholfene Geste mit der Hand und lächelte zurück, dann sagte sie noch, machen Sie sich keine Sorgen, und setzte wieder die Kopfhörer auf.

Zwei Minuten später kam der große, nervöse, nach Schweiß riechende Schaffner mit einem kleinen, gegelten, schlipstragenden zurück. Was ist hier das Problem, sagte der Kleine. Um Sie geht es also? Do you speak English? Die Eisbärdame hatte es aufgegeben, auf die Wörter zu reagieren, die auf sie einprasselten, sie schaute nur noch mit stiller Miene ins Ungefähre. Der kleine Eisbär sah aus dem Fenster.

Listen, sagte der Zugchef, you need a ticket. It‘s Deutschland here. Sonst muss ich die Polizei rufen. Haben Sie immerhin einen Pass dabei, passport? Wenn Sie aus dem Zoo geflohen sind, brauchen Sie einen Passierschein, sonst muss ich Sie wieder zurückschicken. Recht und Ordnung muss gelten, auch für Tiere, auch für geflohene Tiere. We have rules here in Germany, you understand?

Entschuldigung, sagte da schon wieder die Frau mit dem großen Schal und nahm ihre Kopfhörer ab, die beiden sprechen kein Englisch. Sie sind fremd hier. Lassen Sie sie doch in Ruhe.

Entschuldigung, gab da der Große zurück, das ist nicht Ihre Sache, es gibt hier einfach Regeln, und wer keinen Fahrschein hat, kann nicht weiterfahren, das müssen die doch verstehen. You need a ticket, sagte er im Umdrehen, aber die Eisbärin verstand leider nicht. Die Frau setzte die Kopfhörer wieder auf und verdrehte die Augen, aber das sah nur ich, sonst niemand. Ich musste kichern. Der kleine Schaffner sah mich böse an, Mama legte mir den Arm auf den Ellbogen.

Also, ich rufe jetzt die Polizei, dass die die beiden holen, sagte der Kleine zum Großen, das geht so nicht weiter. Wirklich. Der Große nickte, der Kleine nestelte hektisch und für alle sichtbar an seinem schwarzen Handy herum. Ja, sprach er dann, er stand immer noch mitten im Gang, Schulze hier vom ICE Richtung Frankfurt. Kommen Sie bitte zur Ankunft an Gleis 3, wir haben da zwei flüchtige Eisbären ohne Fahrschein, ohne Passierschein, ohne Ausweis, ohne Geld. Pause. Schweigen im ganzen Waggon. Ja, einfach in Gewahrsam. Pause. Wirklich, ich finde auch, das muss man sich eben vorher überlegen. Pause. Alles klar, bis gleich.

Er nahm das Handy herunter und grinste. Das wäre also erledigt, sagte er, aber es war nicht erledigt, denn von irgendwo war jetzt ein junger Mann mit Bart hergekommen und baute sich vor den beiden Schaffnern auf.

Entschuldigung, sagte der Mann, ist Ihnen bewusst, dass es eine Tierrechtscharta gibt, diese beiden haben Schreckliches erlebt, und daran sind wir alle schuld, überlegen Sie sich das mal. Dagegen sollten Sie was tun. Wir alle sollten dagegen was tun.

Plötzlich sahen alle im Waggon zu ihm herüber, sogar die Eisbären blickten auf.

Entschuldigung, gab wieder der Große zurück, das geht Sie gar nichts an. Ich bin nicht das Sozialamt, ich bin kein Tierschutzverein, ich bin Schaffner und diese beiden. Er zögerte. Fahrgäste haben keinen gültigen Fahrschein für diese Fahrt. Wo kämen wir denn da hin, wenn jeder ein- und aussteigt, wie er gerade will. Die beiden hier erschleichen sich gerade widerrechtlich eine Leistung der Deutschen Bahn, darunter haben wir alle zu leiden.

Ach, sagte der Bärtige, hier leidet doch niemand, außer den beiden Eisbären, haben Sie doch Mitleid mit diesen armen Kreaturen.

Er sah sich um, aber um das Mitleid war es nicht gut bestellt. Die Aufmerksamkeit war verflogen, die meisten Leute schauten wieder in ihre Handys oder hatten die Augen geschlossen.

Jetzt gehen Sie mal aus dem Weg, guter Mann, lassen Sie das unsere Sorge sein, sagte der Kleine und schob den Bärtigen beiseite, einen schönen Tag noch. Und dann zogen Sie ab, der Große und der Kleine, und ließen uns alle zurück. Ach Scheiße, sagte der Bärtige, verdammter deutscher Polizeistaat, schüttelte den Kopf, fuhr sich nachdenklich durch den Bart, trottete dann wieder zu seinem Platz weiter hinten im Gang und vertiefte sich in irgendeine Zeitschrift.

Es dauerte noch etwa zehn Minuten, dann hielt der Zug im nächsten Bahnhof. Die Türen gingen auf, ein paar schwarzgekleidete, bewaffnete Polizisten kamen in den Zug und nahmen die verdutzten Eisbären mit, durch das Spalier großer Augen hindurch, die Türen gingen zu, der Zug fuhr an.

Ein Knacken, ein Rauschen.

Guten Abend, meine sehr verehrten Damen und Herren, willkommen in unserem ICE auf der Fahrt nach Frankfurt am Main. Wir wünschen Ihnen eine angenehme Fahrt.

Good evening, ladies and gentlemen, welcome on board our ICE to Frankfurt am Main. We wish you a pleasant journey.

Charlie und der Terrorist

Hab ich schon erwähnt, dass ich Fußball liebe? Nein? Also, ich liebe Fußball. Das liegt wahrscheinlich an meiner Mutter; seitdem ich ganz klein war, hat sie mich zu Spielen ins Stadion mitgenommen. Das sind immer Höhepunkte, diese Tage. Den ganzen Monat freue ich mich darauf, auf die Fahrt in der U-Bahn inmitten all der anderen Fans, auf die Menschenströme in die großen Tore hinein, in denen man nicht nachdenken muss, sondern nur mitfließen, auf die Bratwurst, die nirgends, scheint mir, so gut schmeckt wie dort, auf Sonnenstrahlen, Nebelschwaden oder Regenschleier, die man zwischen den steilen Tribünen so gut beobachten kann wie nirgendwo sonst. Auf den Lärm, den die Fanmassen machen können, wenn es drauf ankommt. Auf die Stille, die sie auch manchmal machen, und die stiller ist als alle anderen Stillen, ganz ruhig und tief.

Am Dienstag wollten wir mal wieder zum Stadion gehen; die ganze letzte Woche lang habe ich mich schon darauf gefreut, tapfer den Tag überstanden, den irgendjemand vor den Abend des Spiels geschraubt hatte, um mein Warten noch unerträglicher zu machen, tapfer den ganzen Nachmittag über den Uhrzeiger beobachtet.

Dann ging es los. Wir fuhren mit der Straßenbahn, wir gingen den altbekannten Weg, den wir immer gehen: durch den Park, über die Brücke, an dem großen Zaun vorbei, hinter dem man manchmal Menschen im Gras liegen sieht.

Doch als ich dann endlich mit Mama vor dem großen Stadiontor stand, erwarteten uns nicht Massen von aufgeregten Fans wie sonst, sondern Massen von Polizisten. Sie sahen aus wie dicke Walrösser vor lauter Sicherheitspanzern, die sie um den Bauch trugen und ungefähr so bewegten sie sich auch auf uns zu, als wir verwirrt stehen blieben und sie anschauten.

Das Spiel fällt aus, sagten sie. Was, sagte Mama, wieso das denn? Terroristen, sagten sie. Bleiben Sie bitte ruhig. Mama schluckte neben mir und fasste meine Hand. Was sind das, fragte ich, Terroristen. Gefährliche Männer, antwortete sie, komm, wir gehen nach Hause.

Pah, sagte ich. Gefährliche Männer? Ich habe keine Angst. Und da hatte ich mich schon losgerissen, war unter den Walross-Polizisten durchgeschlüpft und hatte mich durch den Zaun gezwängt, hinein ins Stadion. Wirklich, wer mir ein Fußballspiel wegnehmen will, auf das ich mich gefreut habe, seitdem endlich die 11 auf dem Kalender steht, dem erzähle ich aber was. Und vor Männern habe ich generell keine Angst. Ich muss oft lachen, wenn ich sie sehe.

Stille empfing mich in den Gängen hinter dem großen Stadiontor. Stille und Leere. Ich habe diesen Ort nie so menschenleer gesehen, denn sonst war es ja immer laut und voll gewesen, und ich hatte Mama an der Hand halten müssen wie ein Baby. Damit ich nicht verloren gehe, hatte sie gesagt, und mir war es immer nutzlos und peinlich erschienen. Jetzt aber wünschte ich mir Mamas Hand herbei, um nicht verloren zu gehen. Ich streckte die Hand neben mich, aber da war erst nur hohle Luft und dann die Betonwand. Die Wand war grau und kalt und erwiderte meine Berührung nicht, ich hielt sie trotzdem fest. Die andere schob ich in die Hosentasche, da war noch ein Bonbon, eine Notration, wie Mama das immer nannte. Das hielt ich auch fest.

Dann ging ich los, nach und nach, mit langsamen, tastenden Schritten, die lange in meinen Ohren nachhallten. Am Ende des Ganges erreichte ich einen Quergang: Links öffnete sich ein Durchgang ins Innere des Stadions, rechts stand plötzlich ein Mann und kam mit schnellen Schritten auf mich zu.

Hey, sagte ich, wer bist du?

Ich bin ein Terrorist, sagte der Mann.

Aha, dachte ich, das sind also Terroristen. Terroristen tragen blaue Masken, weite Umhänge wie sie Soldaten haben und weiße Turnschuhe. Terroristen haben lange Haare, kauen Kaugummi und riechen nach Zigaretten. Und sie tragen ein Gewehr auf dem Rücken.

Was macht ein Terrorist, fragte ich.

Ich mache Angst, sagte der Terrorist.

Ach. Ich sah mich erstaunt um. Hinter mir lag nur der leere, graue Gang, der in das noch leerere Stadion mündete. Irgendwo hatte jemand einen Fernseher eingeschaltet; bunte Lichtstreifen flackerten über die Wände weiter hinten. Sonst war alles still.

Hier ist doch niemand, sagte ich. Wem machst du denn Angst?

Dir, sagte der Terrorist, euch allen.

Uns allen, was soll das heißen, sagte ich. Also ich bin nicht wir. Ich bin ich. Und ich habe keine Angst.

So, sagte der Terrorist und sah zu Boden.

Also wem machst du Angst, fragte ich nochmal. Und warum muss deshalb das Spiel abgesagt werden.

Hör mal, sagte der Terrorist und blickte mir direkt in die Augen, ich habe ein Gewehr auf dem Rücken.

Hör mal, gab ich zurück, ich habe ein Bonbon in der Tasche, als Notration.

Ich könnte dich erschießen, dann bist du tot, sagte der Terrorist.

Oh, sagte ich und wendete das Bonbon in meiner Hosentasche hin und her. Ich wartete.

Hast du noch immer keine Angst, fragte der Terrorist.

Ich sah ihn an, jetzt fiel mir auf, dass er einen Ohrring trug, klein, aus Gold. Ich überlegte. Angst. Ich habe Angst vor der Dunkelheit, wenn man nicht mehr sieht, was draußen passiert. Ich habe Angst vor Hexen. Ich habe Angst vor Meerschweinchen. Vor dem Tod? Ich war noch nie tot.

Nein, sagte ich. Ich habe keine Angst.

Du bist ein Kind, sagte er, du verstehst das nicht. Die Erwachsenen haben Angst vor mir.

Ach, dachte ich, sonst, wenn ich Angst habe und weine, abends im Bett, dann kommt Mama oder Papa und sagt, es sei alles nicht so schlimm, meine Angst komme daher, dass ich die Dinge noch nicht verstehe. Und jetzt ist es andersrum? Vielleicht sollte ich rausgehen und Mama trösten? Ihr sagen, das ist alles nicht so schlimm, ihre Angst kommt nur daher, dass sie die Dinge versteht.

Aber warum bist du dann nicht bei den Erwachsenen, fragte ich, wenn du denen Angst machen willst, sondern redest hier mit mir?

Die Erwachsenen haben Angst, sagte der Terrorist, weil ich nicht da bin. Weil sie mich nicht sehen. Weil sie nicht wissen, was ich hier mache.

Also das ist doch verrückt, sagte ich. Erst sagst du, sie haben Angst, weil sie das besser verstehen als ich, jetzt sagst du, sie haben Angst, weil sie es nicht wissen.

So ist das, sagte der Terrorist. Es trat eine Pause ein, ich versuchte nachzudenken.

Warum tötest du, fragte ich. Die Toten haben doch keine Angst.

Nein, sagte er langsam, die nicht. Es kommt auf die anderen an, auf das Publikum. Angst hat man vor dem, das man nicht kennt, und niemand kennt den Tod. Deshalb haben sie Angst.

Ich musste an diese Gruppe Untoter denken, damals an Halloween, wie ihr Anführer verschwunden war und wie sie ihn sofort vergessen hatten. Sie hatten keine Angst, sie hatten einfach vergessen. War er also nicht gestorben? Hatte ich ihm noch mehr zugefügt, als nur den Tod, das Vergessen? War das nicht noch schlimmer? Oder vielleicht sogar besser?

Ich glaube, sagte ich nach langem Schweigen, ich verstehe.

Du kannst zu uns kommen, und auch ein Terrorist werden, sagte er, und streckte seine Hand aus.

Ich sah auf die Hand vor mir, sie war hart und faltig, unter den Nägeln saß dicker brauner Dreck. Um den Arm trug er ein schwarzes Armband. Meine Hand lag noch immer um das Bonbon in der Hosentasche, das nach und nach wärmer wurde.

Ich glaube, sagte ich, und musste plötzlich husten, ich möchte lieber keine Angst verbreiten.

Dann nahm ich die Hand aus der Tasche, sie zitterte leicht, und legte das Bonbon in seine große Hand, die noch immer vor mir in der Luft schwebte. Er blickte erstaunt auf und runzelte die Stirn.

In dem Moment, als das Bonbon seine Haut berührte, als er es verwirrt anblickte, da drehte ich mich um und rannte den Gang hinunter, so schnell es irgend ging.