Charlie fährt Zug

Neulich sind wir mal Zug gefahren. Das kommt nicht so oft vor, muss ich sagen. Sonst fahren wir Auto. Papa sagt sonst immer ach, und die vielen Menschen und dann gibt es Verspätungen und überhaupt, und dann sagt Mama, na gut, wenn du fährst, in Ordnung. Dieses Mal war es anders. Mama hat gesagt, es sind immer so viele Autos unterwegs und wer weiß, vielleicht wird es glatt und ob er – also mein Papa – das neulich gehört hat, wie viele Leute jedes Jahr auf der Autobahn umkommen und so weiter. Gut, hat Papa da gesagt und den Staubsauger ausgestellt, morgen gehe ich los und hole Fahrkarten. Wenn‘s sein muss, hat er dann noch gesagt, aber da röhrte der Staubsauger schon wieder los und ich glaube, dann hört man über zwei Stockwerke hinweg nicht mehr ganz so gut, was jemand gesagt hat.

So kam es also, dass wir im Zug saßen, ich neben Mama auf der einen, Papa gegenüber auf der anderen Seite. Wir nehmen immer einen Vierersitzplatz, das heißt, natürlich drei Plätze davon, wenn wir mal fahren, und dann setzen wir uns jedes Mal so hin, Mama und Papa am Fenster, ich neben Mama, drüben neben Papa der Fremde. Einmal saß da ein dicker Mann mit ganz vielen Schinkenbroten, einmal eine Oma, die alle zehn Minuten irgendeine Tablette schluckte, einmal ein Boxer mit einer riesigen Sporttasche, einmal saß da auch niemand.

Diesmal aber nicht. Diesmal saß neben Papa saß eine Frau mit großen Kopfhörern und einem dicken roten Schal um den Hals und las in einer Zeitschrift. Diesmal saß überhaupt nirgendwo niemand, der ganze Zug war voll, außer ein Sitz auf der anderen Seite vom Gang.

Auf der anderen Seite saßen zwei Eisbären. Eine große Eisbärdame, deren Hintern so fett war, dass sie zwei Plätze brauchte, und ein kleiner Eisbär, ihr gegenüber, am Fenster. Die Eisbärdame strickte, das Eisbärjunge las in einem Buch, da war ein großer, grüner Fisch auf dem Umschlag. Warum sich niemand neben den kleinen Eisbären setzen wollte, verstand ich nicht, er sah eigentlich ganz sympathisch aus.

Nun ja, so rasten wir also durch die Landschaft, die Eisbären, die Kopfhörerfrau, Mama und Papa und ich. Ich aß nach und nach unsere Reisevorräte an Schokolade leer, Papa schaute die Kühe draußen beim Grasen an, die Kühe schauten zurück, Mama döste, wie immer im Zug, und ich machte mir Gedanken über die beiden Eisbären da drüben. Ich habe neulich im Fernsehen gesehen, wie eine Eisscholle abschmilzt am Nordpol oder Südpol, ich weiß es nicht mehr genau, und wie darauf ein Eisbär durchs Meer getrieben ist. Das Meer wird immer wärmer, haben sie gesagt, die Eisbären haben immer weniger Platz zum Leben. Dann habe ich mir vorgestellt, dass diese Eisbärin eines Tages zu ihrem Jungen gesagt hat, komm, nehmen wir uns eine Eisscholle, wir gehen auf Weltreise. Und dann sind sie über die Weltmeere gefahren und den Fluss hinaufgeschwommen und irgendwann bei uns angekommen, die Treppe hinaufgestiegen, die in der Nähe vom Bahnhof direkt zum Wasser führt, und dann waren sie plötzlich da und sind in den Zug eingestiegen. Einfach so.

In solchen Träumen schwamm die Zeit dahin. Gerade beobachtete ich, wie die Eisbärdame erst die Stricknadeln, dann den Kopf und schließlich ihre breiten, weißen Eisbärinnenschultern sinken ließ und mit leisem Schnarchen einschlief, da zuckte ich plötzlich zusammen, denn hinten, am fernen Ende des Ganges, kam der Schaffner durch die Waggontür.

„Fahrkarten, bitte,“ dröhnte es hart durch den Wagen, und mir stieg sofort der Schreck in die Kehle, aber die Eisbärdame ließ sich gar nichts anmerken und schnarchte weiter vor sich hin. Der Schaffner – ich sah ihm dabei zu, wie er sich langsam den Weg durch die ihm entgegenwedelnden Fahrscheine in unsere Richtung bahnte – warf schon von Ferne besorgt-verärgerte Blicke auf die beiden Eisbären und wiederholte sein „Fahrkarten bitte“ jedes Mal ein bisschen lauter, bis er plötzlich direkt vor uns stand, neben mir, groß und massig. Er atmete laut. Es roch nach Schweiß.

Die Frau mit dem Schal war als erste an der Reihe. Schüchtern lächelnd, ohne ihre Kopfhörer abzusetzen, kramte sie ein vergilbtes Blättchen hervor und hielt es ihm hin. Herzklopfen. Alles in Ordnung. Und Sie? Jetzt waren wir dran. Ich schaute zu Papa hinüber, Papa schaute Mama an, Mama schaute Papa an und sagte, du hast die bei dir, in der schwarzen Tasche. Ach so, richtig, sagte Papa. Entschuldigung. Er bückte sich unter den Tisch und suchte da irgendwo in der schwarzen Tasche herum. Der Schaffner trat ungeduldig von einem Fuß auf den anderen und wiegte seinen großen Tacker in der Hand wie eine Keule.

Bitte schön, sagte Papa schließlich, als er wieder auftauchte, drei Mal. Er streckte die drei Fahrkarten aus, der Schaffner schnappte nach ihnen und studierte sie eingehend. Er warf jedem von uns über den Rand der Karten einen kritischen Blick zu, so als gelte es eher uns zu prüfen als die Papiere, zog dann seine Tackerkeule hervor und lochte die Karten, langsam, nacheinander, eins, Pause, zwei, Pause, noch ein kritischer Blick, drei. Geschafft.

Dann drehte er sich schnell zu den beiden Eisbären um. So, sagte er laut, Fahrkarten bitte, tickets please. Die Eisbärdame rührte sich nicht, das Eisbärjunge schaute ganz erschrocken mit offenen Augen über sein Fischbuch hinweg. Tickets please, rief er nochmal, und als die Eisbärdame noch immer keine Reaktion zeigen wollte, fasste er sie unsanft am Vorderarm an und rüttelte sie wach. Tickets please, or do you have cash?, rief er. Die Eisbärdame schaute verdutzt, aber sagte nichts. Ticket, rief er, oder cash, sonst müssen sie am nächsten Halt raus, verstanden?

Die Eisbärdame runzelte leicht die Stirn, beugte sich zu ihrem Kind hinüber und sagte etwas auf Eisbärisch zu ihm, das Kind nickte und legte das Buch auf den Tisch. Sie tat ihr Strickzeug dazu, dann sah sie den Schaffner treuherzig an, der schon sehr nervös wirkte. Haben Sie Ihren Ausweis dabei, rief er jetzt schon sehr laut, passport, you understand? Sonst muss ich die Polizei rufen! Die Eisbärdame legte beide Pfoten auf den Tisch und stieß einen grunzenden Seufzer aus. Da floh der Schaffner entnervt aus dem Wagen, nicht ohne wutentbrannt allen zuzurufen, das gehe so nicht, er hole jetzt den Zugchef.

Die Frau neben Papa hatte ihre Kopfhörer abgelegt und lehnte sich über den Gang zu den beiden Eisbären. Entschuldigung, sagte sie freundlich, brauchen Sie Hilfe? Do you need translation? Parlez-vous français? Die Eisbärdame lächelte freundlich zurück, aber sagte nur etwas auf Eisbärisch, das die Kopfhörerfrau nicht verstand. Sie machte eine unbeholfene Geste mit der Hand und lächelte zurück, dann sagte sie noch, machen Sie sich keine Sorgen, und setzte wieder die Kopfhörer auf.

Zwei Minuten später kam der große, nervöse, nach Schweiß riechende Schaffner mit einem kleinen, gegelten, schlipstragenden zurück. Was ist hier das Problem, sagte der Kleine. Um Sie geht es also? Do you speak English? Die Eisbärdame hatte es aufgegeben, auf die Wörter zu reagieren, die auf sie einprasselten, sie schaute nur noch mit stiller Miene ins Ungefähre. Der kleine Eisbär sah aus dem Fenster.

Listen, sagte der Zugchef, you need a ticket. It‘s Deutschland here. Sonst muss ich die Polizei rufen. Haben Sie immerhin einen Pass dabei, passport? Wenn Sie aus dem Zoo geflohen sind, brauchen Sie einen Passierschein, sonst muss ich Sie wieder zurückschicken. Recht und Ordnung muss gelten, auch für Tiere, auch für geflohene Tiere. We have rules here in Germany, you understand?

Entschuldigung, sagte da schon wieder die Frau mit dem großen Schal und nahm ihre Kopfhörer ab, die beiden sprechen kein Englisch. Sie sind fremd hier. Lassen Sie sie doch in Ruhe.

Entschuldigung, gab da der Große zurück, das ist nicht Ihre Sache, es gibt hier einfach Regeln, und wer keinen Fahrschein hat, kann nicht weiterfahren, das müssen die doch verstehen. You need a ticket, sagte er im Umdrehen, aber die Eisbärin verstand leider nicht. Die Frau setzte die Kopfhörer wieder auf und verdrehte die Augen, aber das sah nur ich, sonst niemand. Ich musste kichern. Der kleine Schaffner sah mich böse an, Mama legte mir den Arm auf den Ellbogen.

Also, ich rufe jetzt die Polizei, dass die die beiden holen, sagte der Kleine zum Großen, das geht so nicht weiter. Wirklich. Der Große nickte, der Kleine nestelte hektisch und für alle sichtbar an seinem schwarzen Handy herum. Ja, sprach er dann, er stand immer noch mitten im Gang, Schulze hier vom ICE Richtung Frankfurt. Kommen Sie bitte zur Ankunft an Gleis 3, wir haben da zwei flüchtige Eisbären ohne Fahrschein, ohne Passierschein, ohne Ausweis, ohne Geld. Pause. Schweigen im ganzen Waggon. Ja, einfach in Gewahrsam. Pause. Wirklich, ich finde auch, das muss man sich eben vorher überlegen. Pause. Alles klar, bis gleich.

Er nahm das Handy herunter und grinste. Das wäre also erledigt, sagte er, aber es war nicht erledigt, denn von irgendwo war jetzt ein junger Mann mit Bart hergekommen und baute sich vor den beiden Schaffnern auf.

Entschuldigung, sagte der Mann, ist Ihnen bewusst, dass es eine Tierrechtscharta gibt, diese beiden haben Schreckliches erlebt, und daran sind wir alle schuld, überlegen Sie sich das mal. Dagegen sollten Sie was tun. Wir alle sollten dagegen was tun.

Plötzlich sahen alle im Waggon zu ihm herüber, sogar die Eisbären blickten auf.

Entschuldigung, gab wieder der Große zurück, das geht Sie gar nichts an. Ich bin nicht das Sozialamt, ich bin kein Tierschutzverein, ich bin Schaffner und diese beiden. Er zögerte. Fahrgäste haben keinen gültigen Fahrschein für diese Fahrt. Wo kämen wir denn da hin, wenn jeder ein- und aussteigt, wie er gerade will. Die beiden hier erschleichen sich gerade widerrechtlich eine Leistung der Deutschen Bahn, darunter haben wir alle zu leiden.

Ach, sagte der Bärtige, hier leidet doch niemand, außer den beiden Eisbären, haben Sie doch Mitleid mit diesen armen Kreaturen.

Er sah sich um, aber um das Mitleid war es nicht gut bestellt. Die Aufmerksamkeit war verflogen, die meisten Leute schauten wieder in ihre Handys oder hatten die Augen geschlossen.

Jetzt gehen Sie mal aus dem Weg, guter Mann, lassen Sie das unsere Sorge sein, sagte der Kleine und schob den Bärtigen beiseite, einen schönen Tag noch. Und dann zogen Sie ab, der Große und der Kleine, und ließen uns alle zurück. Ach Scheiße, sagte der Bärtige, verdammter deutscher Polizeistaat, schüttelte den Kopf, fuhr sich nachdenklich durch den Bart, trottete dann wieder zu seinem Platz weiter hinten im Gang und vertiefte sich in irgendeine Zeitschrift.

Es dauerte noch etwa zehn Minuten, dann hielt der Zug im nächsten Bahnhof. Die Türen gingen auf, ein paar schwarzgekleidete, bewaffnete Polizisten kamen in den Zug und nahmen die verdutzten Eisbären mit, durch das Spalier großer Augen hindurch, die Türen gingen zu, der Zug fuhr an.

Ein Knacken, ein Rauschen.

Guten Abend, meine sehr verehrten Damen und Herren, willkommen in unserem ICE auf der Fahrt nach Frankfurt am Main. Wir wünschen Ihnen eine angenehme Fahrt.

Good evening, ladies and gentlemen, welcome on board our ICE to Frankfurt am Main. We wish you a pleasant journey.

Alles wie anders, alles wie zuvor

Da nun wieder Trauerzüge durch westliche Metropolen ziehen, da einander unermessliche Solidarität zugesprochen wird, da es plötzlich Feinde und Freunde gibt, da die Rede vom Krieg wieder durch die Straßen raunt und einen im Dunkeln den Schritt ein wenig mehr beschleunigen lässt, da die Talkshows heißlaufen und Glaubensfundamente zu Asche zerbröseln, um sie fein über unser Denken zu legen, da auch leergewähnte Sprachhülsen wieder in die alten Gewehre geladen werden, da lohnt es, auch die alten Fernsehsendungen wieder hervorzusuchen, um zu sehen: Es ist alles wie zuvor.

(Wer wenig Zeit hat, der schaue mal bei Minute 08:11 hinein. Da wird es groß.)

Ein literarischer Kommentar zur politischen Lage

Ich würde ihnen von Deutschland erzählen, von dem großen Land im Norden, von der großen Maschine, die sich selbst baut, da unten im Flachland. Und von den Menschen würde ich erzählen, von den Auserwählten, die im Inneren der Maschine leben, die gute Autos fahren müssen und gute Drogen nehmen und guten Alkohol trinken und gute Musik hören müssen, während um sie herum alle dasselbe tun, nur eben ein ganz klein bißchen schlechter. Und daß die Auserwählten nur durch den Glauben weiterleben können, sie würden es ein bißchen besser tun, ein bißchen härter, ein bißchen stilvoller.
Von den Deutschen würde ich erzählen, von den Nationalsozialisten mit ihren sauber ausrasierten Nacken, von den Raketen-Konstrukteuren, die Füllfederhalter in der Brusttasche ihrer weißen Kittel stecken haben, fein aufgereiht. Ich würde erzählen von den Selektierern an der Rampe, von den Geschäftsleuten mit ihren schlechtsitzenden Anzügen, von den Gewerkschaftern, die immer SPD wählen, als ob wirklich etwas davon abhinge, und von den Autonomen, mit ihren Volxküchen und ihrer Abneigung gegen Trinkgeld.
Ich würde auch erzählen von den Männern, die nach Thailand fliegen, weil sie so gerne mächtig und geliebt wären, und von den Frauen, die nach Jamaica fliegen, weil sie ebenfalls mächtig und geliebt sein wollen. Von den Kellnern würde ich erzählen, von den Studenten, den Taxifahrern, den Nazis, den Rentnern, den Schwulen, den Bausparvertrags-Abschließern, von den Werbern, den DJs, den Ecstasy-Dealern, den Obdachlosen, den Fußballspielern und den Rechtsanwälten.
Das wäre aber alles eigentlich auch etwas, das der Vergangenheit angehören würde, dieses Erzählen da oben an dem Bergsee. Vielleicht brauchte ich das alles nicht zu erzählen, weil es die große Maschine ja nicht mehr geben würde. Sie wäre unwichtig, und da ich sie nicht mehr beachte, würde es sie nicht mehr geben, und die Kinder würden nie wissen, daß es Deutschland jemals gegeben hat, und sie wären frei, auf ihre Art.

– Christian Kracht, Faserland

#Afrika

Interessant an diesem Afrika-Diskurs ist ja, dass er nur in ganz bestimmten Zusammenhängen funktioniert. Sagt jemand: „Ich mache bald Urlaub in Afrika“, dann ist das viel zu ungenau; „Ja, wo denn genau?“, will man sofort nachfragen. Sagt hingegen jemand: „Ich bin als Flüchtling aus Afrika gekommen“, dann geht es so durch.

Wir wissen ja schon, was gemeint ist.

Fingerspiele

Liebe Leser, haben Sie diese Talkshow gesehen?

Sicher haben Sie das, sagen Sie nicht, es sei an Ihnen vorbeigegangen. Heute nun wurde diese Klarstellung veröffentlicht:

Natürlich kann man behaupten, das „undoctored“-Video sei gedoctort, und es gibt sogar gute Gründe für die Annahme. Doch Varoufakis selber schrieb:

und verwies damit auf das Video, das den Finger enthält. Damit wird die Sache unentscheidbar, denn alle, die man dazu befragen könnte, werden sich an die Videos erinnern und nicht an den Vortrag 2013. Gewissermaßen gab es den Vortrag gar nicht.

Das ist der Clou: Es spielt keine Rolle, ob der Finger je gezeigt wurde, es gibt keine Wahrheit hinter dem Schattentanz der Medien, der Stinkefinger ist als Bild, als Inszenierung irreal. Bilder erzählen keine Geschichten über die Welt, sie erzählen Geschichten über sich selbst, und es kommt nicht auf die Enthüllung einer sogenannten Wahrheit an, sondern auf die Entlarvung derjenigen, die Bilder mit der Wirklichkeit verwechseln.

Morgen wird es wohl losgehen mit dem Hin und Her, und das Debattenkarussel um Wahrheit und Lüge wird noch einmal angeworfen, es fährt sich ja so schön im ewigen Hintereinanderher des Mediengeschnatters. Wer hat recht, wer lügt, wo ist oben, wo ist unten, was ist wahr. Die Satire aber kennt keine Kategorien, sie weiß nicht wer recht hat, alles was sie lehrt, ist: Da draußen ist keine Wahrheit, da draußen ist Vorurteil, und Meinung, und Macht.

Mehr nicht.