Hausrundgang

Mensch, jetzt wohne ich schon so lange hier in Ramaniyam Samarpann und komme erst jetzt dazu, Ihnen mein Haus zu zeigen. Entschuldigen Sie vielmals. Ich habe Sie nicht vergessen, es war nur … ach, reden wir nicht drüber. Ich freue mich, dass Sie es geschafft haben, hatten Sie eine gute Fahrt? Schön, das freut mich zu hören. Kommen Sie, ich zeige Ihnen alles.

20170411_174235

Ich zeige meinen Gästen immer zuerst unsere Dachterrasse. Der Ausblick von hier oben ist phänomenal, finden Sie nicht? Man sieht die Türme der Tempel, die großen Hotels und die kleinen Häuser, das Gewimmel der Straßen – aber von hier oben im Wäscheflattern so überzuckert, so ruhig, wie im Bilderbuch. Sobald ich hier hochkomme, fallen die Sorgen und Zwänge des Tages von mir ab. Oh, und sehen Sie dort unten das Eingangstor? Da passen die Wächter Tag und Nacht auf uns auf. Dank ihnen ist hier alles sicher, sie sind unsere guten Geister.

20170411_174404

Aber kommen Sie, wir gehen hinunter. Passen Sie auf, die Schwelle. Die schönsten Wohnungen sind natürlich ganz oben, im vierten Stock, da ist die Luft am besten, der Lärm und der Gestank weit weg, und man hat eine Terrasse unter freiem Himmel. Haben Sie sie von oben gesehen? Sie sind herrlich, nicht wahr? Ich wohne im dritten Stock, meine Wohnung ist auch schön. So geschmackvoll eingerichtet, im traditionellen indischen Stil, aber natürlich mit Klimaanlage, mit Fernseher, mit Internet. Ich nenne es meinen Kokon. Und einmal die Woche kommen unsere Putzfrauen und bringen alles auf Hochglanz. Sie sind hier wirklich die guten Geister.

20170411_180902

Gefällt es Ihnen? Ein Traum, nicht? Aber Sie haben ja noch gar nicht alles gesehen! Ja, es ist unglaublich! Ich zeige es Ihnen sofort. Ach kommen Sie, wir nehmen den Aufzug. Mir ist schon warm genug, diese Hitze hier macht einen doch wirklich verrückt. Na, wo bleibt denn dieser Fahrstuhl? Letztes Jahr gab es hier einen Zyklon, da hatten wir tagelang Stromausfall, können Sie sich das vorstellen? Kein Aufzug. Keine Klimaanlage. Kein Handyempfang. Kein Internet. Eine Extremsituation, wirklich krass. Aber irgendwann haben die Techniker dann doch alles in den Griff bekommen. Haha, was wäre unsereins nur ohne seine guten Geister?

20170411_174631

So, da sind wir, das ist die Eingangshalle. Hier sind Sie ja vorhin schon vorbeigekommen. Alles blitzt und leuchtet. Ein wahrhaft königlicher Empfang für jeden, der das Haus betritt. Aber das Beste haben Sie ja immer noch nicht gesehen, kommen Sie! Sehen Sie, dort? Ja, das ist ein Swimmingpool! Mitten in unserem Haus! Unter freiem Himmel! Ein paradiesischer Ort. Nichts entspannt mich so sehr wie hier am Abend meine Bahnen zu ziehen und zum Sternenhimmel aufzuschauen. Was? Ja, das sind Vögel. Süß, nicht? Ja, dreckig wird der Pool wirklich manchmal. Muss eine Heidenarbeit sein, den jedes Mal wieder in Schuss zu bringen. Was? Ja, unsere guten Geister.

20170411_175503

Ich sehe, Sie sind beeindruckt von unserem Domizil? Ja, wirklich … Was? Was darunter liegt? Ach … das … das wollen Sie gar nicht sehen, da gibt es nichts zu sehen. Doch? Na gut, kommen Sie, hier geht es runter. Sehen Sie? Eine Tiefgarage. Der Hintereingang. Grau und trist. Gehen wir wieder ins Helle. Was, nein? Na gut, ich komme mit. Achtung, stoßen Sie sich nicht den Kopf! Ach, kommen Sie, das erdrückt mich hier. Was? Das da? Was das ist?

20170411_175937.jpg

Das … ähm … das weiß ich gar nicht genau, das … ich glaube … ach, das sind … ich glaube … da wohnt auch jemand. Weiß ich nicht genau.

Kommen Sie, wir gehen wieder an die Luft.

Advertisements

Käfer im Kosmos

Nun also Indien. Nur zehn überraschend kurze Flugstunden liegen zwischen der beklemmenden Fremdheit im eigenen Land und der behaglichen, befreienden Fremdheit der Fremde. Zehn Stunden in der Luft, und während sich unter einem die Welt umdreht, wird man wieder man selbst, alleine man selbst.

Also ein neues Land, ein neuer Kontinent, ein neues undurchschaubares Rätsel. Die Dinge sind aufs Neue ihrer Bedeutung bar, ich weiß nichts, hier drinnen sitze ich schreibend und draußen vor dem Fenster liegt nackt und hilflos die Wirklichkeit.

Es sind aber gar nicht die offensichtlich fremden Dinge – die tamilischen Zeichen, die unbekannten Gerichte, die Früchte auf dem Markt, die Düfte in der Luft, die Kleider auf der Straße –, die den Zusammenbruch der Bedeutung anzeigen, vielmehr sind es die Dinge, die man zu kennen glaubt und die sich einem dann mit einem Mal noch mehr entfremden.

Selten ist man ja seiner selbst mitsamt der menschlichen Verlorenheit so gewahr wie in jenen schmerzlich goldenen Momenten, da alles zusammenbricht, da plötzlich ein Vorhang fällt und die Trugspiegel der Erfahrung mit sich fortreißt. Was eben noch Bedeutung trug – eine Aufforderung, ein Affront, ein Zuneigungsbeweis, eine Einladung – steht dann unvermittelt vor Augen, ungeschützt – nichts als ein Lächeln, eine Geste, ein Geräusch, ein Wort.

In der Zeitung stehen Berichte über Familien, die täglich um ihren Hungerlohn von hundert Rupien kämpfen und deren Kinder von heilbaren Krankheiten hinweggerafft werden, neben Anzeigen für klimatisierte Luxusautos, und das lese ich so beim Frühstück zwischen Toast und Orangensaft und blättere um, aber dann trete ich hinaus und zwischen genau diesen Autos betteln mich genau diese Familien an, und es ist so herzzerreißend normal, so unverständlich selbstverständlich, dass ich als dumpfer, realitätsentwöhnter Europäer, der ich gelernt habe, mich über Ampelschaltungen und Mindestlöhne zu empören, vor Scham in tausend Teile zerspringen möchte.

Dann hasse ich alle, die dumm zu Hause in Europa sitzen und glauben, sie wüssten irgendetwas, und dann hasse ich alle, die dumm in Indien sitzen und glauben, sie wüssten irgendetwas, und dann hasse ich mich selber, am meisten von allen. Es ist gesunder Hass, ehrlicher, verdienter Hass. Nein, möchte ich hinausschreien, komm mir nicht mit Gewissheiten, nein, es ist nicht „schon gut“, hört auf zu reden, redet euch nichts ein, seht auf diese Menschen, seht auf diese Welt, sie ist nicht „gut“, sie ist nicht „schlecht“, nichts habt ihr begriffen, gar nichts, was können denn die dafür, die betteln, und was können die dafür, die einfach nur ein Auto kaufen wollen, und was können die dafür, die ihr Geld verdienen möchten, und was können die dafür, die die Zeitung lesen, was können sie alle dafür, nichts! Gar nichts! Ihr seid alle, wir sind alle nur kleine Käfer, kleine lächerliche Käfer im Kosmos.

Und abends, wenn der kleine Käfer heimkrabbelt, mit stierem Blick, mit entleerter Seele, hebt er das Glas zum Himmel, aus dem die tropische Nacht herabsinkt und diese Einsamkeit um ihn legt, die nur die Tropen bringen, und blickt vom Balkon auf die zerfallende Welt ringsum. Trügen nur seine Flügel, dann flöge er und schwebte über der Stadt. Nichts kann ich und muss doch alles tun. Es ist gut, es ist richtig, endlich in Asien angekommen zu sein.

Aus meinem Reisetagebuch (XVI)

Es müssen diese Momente in der Schwebe sein, weswegen man reist. Diese Momente ohne Zukunft oder Vergangenheit, ohne Plan, in denen die Erinnerung ganz dicht an die Vorahnung heranrückt, und zu so etwas wie Bewusstsein verschmilzt. So wie jetzt.

Jetzt sitze in im Rasthaus Fulda-Nord, auf einer Bank in der Ecke, vor mir einen Teller Salat und mein Handy, auf dem die Information, auf die ich seit einer Stunde warte, nämlich: wann ich hier abgeholt werde, mitgenommen nach Italien, nicht aufpoppt und mich in Ungewissheit darüber lässt, wann es mich aus diesem Moment herausreißen wird, wie viel Zeit mir überhaupt noch zum Schreiben bleibt. Neben mir das Fenster, aus dem ich zwischen zwei Bissen zuweilen sehnsüchtige Blicke werfe, als beschleunigte das die Ankunft des Busses. Hinten, vom Tresen her, an dem ein paar Trucker ihr Feierabendbier trinken (Bier ist es jedenfalls, ich hoffe, es ist auch ihr Feierabend), säuselt das Dudelradio seine Playlist herunter, deren einfältige Harmonik einiges zur Elegie der Situation beiträgt.

Außer mir sitzt niemand in der Gaststube, obwohl es Freitagabend ist, also beste Reisezeit, und halb neun Uhr abends, also beste Essenszeit. Beste Reise-Essenszeit, eigentlich. Ich frage mich, wovon die Betreiber dieses Rasthauses leben. Es wirkt, als habe man dem knorrig-verrucht-verrauchten Charme vergangener Tage bewusst abschwören wollen, habe es aber ein wenig zu bewusst getan. Genauso implantiert wie die riesige Obstschale vor dem Zapfhahn wirken die Vegetarierseiten voll „leichter Kost“ in der Speisekarte, inmitten der ganzen „gutbürgerlichen Küche“. Immerhin die voll ausstaffierte Bedienung unternimmt keinerlei Anstrengungen, sich irgendwie zu verstellen und nimmt meine Hipster-Bestellung (gemischter Salat – Tomatensuppe – Bionade) stoisch entgeistert entgegen, nicht anders wahrscheinlich als sie die Bestellung eines soeben vom Pluto eingeflogenen Aliens entgegennehmen würde; heimlich, aber nur heimlich wünschend, er kehre zurück, woher er gekommen ist und überlasse das Lokal wieder denen, für die es gemacht ist.

Erneut blicke ich aus dem Fenster. Draußen setzt sich die Einsamkeit perspektivisch fort. Im Hintergrund, wo meinem offenbar verwirrten Orientierungssinn zufolge eigentlich die Stadt Fulda liegen müsste, erhebt sich ein bewaldeter Hügel, davor wehen ein paar löchrige Pappeln hin und her. Davor Straße, davor Feld, davor Straße. Auf dem Parkplatz unter meinem Fenster parkt seit einer halben Stunde ein weißes Auto mit der Aufschrift „Eiliger Medikamententransport – Kurzparker“. Draußen geht ein Mann in hellbrauner Weste auf und ab, jetzt rauchend, beim nächsten Blick aus dem Fenster verträumt an der Heckklappe lehnend.

Auf dem Beifahrersitz des Autos sitzt eine ältere Dame im beigen Mantel und schaut. Wann immer ich aus dem Fenster gucke, sitzt sie da und starrt ins Leere. Die fragenden, faszinierten Blicke, die ich ihr zwischen Vorhang und Zimmerpälmchen aus meinem Fenster zuwerfe, spiegelt sie ungerührt aus ihrem Fenster hinaus, in die Ferne ihrer unbeweglichen Pupillen. Ganz reglos sitzt sie da – ich sehe sie oft an, da sehe ich, wie reglos sie sitzt – in ihrem „eiligen Medikamententransport – Kurzparker“. Ganz sicher wartet sie nicht, dazu sitzt sie zu still. Sie ist einfach.

Was sie wohl heute noch tut, frage ich mich, ob sie wohl Fußball schaut, ob der Mann da draußen ihr Ehemann ist, ob sie Freunde hat, Kinder vielleicht, aber das hastige Wissenwollen all dieser neugierigen Fragen zerbricht, kaum sind sie gedacht, an der Weisheit ihres ausdruckslosen Gesichts, das aus dem Autofenster ins Nichts blickt.

Ich beobachte sie lange, diese Frau, nur unterbrochen von den gelegentlichen Bissen, zu denen ich mich hier im Restaurant verpflichtet fühle, und habe das Gefühl, ihr immer ähnlicher zu werden. Die Zeit erstarrt. Starre ich nicht aus meinem Fenster ganz genau so, wie sie aus ihrem in die Leere? Besteht da nicht eine Gemeinsamkeit zwischen uns, ein inneres Band, das die Glasscheiben nicht zu brechen vermögen? Immerhin, wir beide starren, beide regungslos, beide t

Fulda, 17. Juni 2016

Charlie fährt Zug

Neulich sind wir mal Zug gefahren. Das kommt nicht so oft vor, muss ich sagen. Sonst fahren wir Auto. Papa sagt sonst immer ach, und die vielen Menschen und dann gibt es Verspätungen und überhaupt, und dann sagt Mama, na gut, wenn du fährst, in Ordnung. Dieses Mal war es anders. Mama hat gesagt, es sind immer so viele Autos unterwegs und wer weiß, vielleicht wird es glatt und ob er – also mein Papa – das neulich gehört hat, wie viele Leute jedes Jahr auf der Autobahn umkommen und so weiter. Gut, hat Papa da gesagt und den Staubsauger ausgestellt, morgen gehe ich los und hole Fahrkarten. Wenn‘s sein muss, hat er dann noch gesagt, aber da röhrte der Staubsauger schon wieder los und ich glaube, dann hört man über zwei Stockwerke hinweg nicht mehr ganz so gut, was jemand gesagt hat.

So kam es also, dass wir im Zug saßen, ich neben Mama auf der einen, Papa gegenüber auf der anderen Seite. Wir nehmen immer einen Vierersitzplatz, das heißt, natürlich drei Plätze davon, wenn wir mal fahren, und dann setzen wir uns jedes Mal so hin, Mama und Papa am Fenster, ich neben Mama, drüben neben Papa der Fremde. Einmal saß da ein dicker Mann mit ganz vielen Schinkenbroten, einmal eine Oma, die alle zehn Minuten irgendeine Tablette schluckte, einmal ein Boxer mit einer riesigen Sporttasche, einmal saß da auch niemand.

Diesmal aber nicht. Diesmal saß neben Papa saß eine Frau mit großen Kopfhörern und einem dicken roten Schal um den Hals und las in einer Zeitschrift. Diesmal saß überhaupt nirgendwo niemand, der ganze Zug war voll, außer ein Sitz auf der anderen Seite vom Gang.

Auf der anderen Seite saßen zwei Eisbären. Eine große Eisbärdame, deren Hintern so fett war, dass sie zwei Plätze brauchte, und ein kleiner Eisbär, ihr gegenüber, am Fenster. Die Eisbärdame strickte, das Eisbärjunge las in einem Buch, da war ein großer, grüner Fisch auf dem Umschlag. Warum sich niemand neben den kleinen Eisbären setzen wollte, verstand ich nicht, er sah eigentlich ganz sympathisch aus.

Nun ja, so rasten wir also durch die Landschaft, die Eisbären, die Kopfhörerfrau, Mama und Papa und ich. Ich aß nach und nach unsere Reisevorräte an Schokolade leer, Papa schaute die Kühe draußen beim Grasen an, die Kühe schauten zurück, Mama döste, wie immer im Zug, und ich machte mir Gedanken über die beiden Eisbären da drüben. Ich habe neulich im Fernsehen gesehen, wie eine Eisscholle abschmilzt am Nordpol oder Südpol, ich weiß es nicht mehr genau, und wie darauf ein Eisbär durchs Meer getrieben ist. Das Meer wird immer wärmer, haben sie gesagt, die Eisbären haben immer weniger Platz zum Leben. Dann habe ich mir vorgestellt, dass diese Eisbärin eines Tages zu ihrem Jungen gesagt hat, komm, nehmen wir uns eine Eisscholle, wir gehen auf Weltreise. Und dann sind sie über die Weltmeere gefahren und den Fluss hinaufgeschwommen und irgendwann bei uns angekommen, die Treppe hinaufgestiegen, die in der Nähe vom Bahnhof direkt zum Wasser führt, und dann waren sie plötzlich da und sind in den Zug eingestiegen. Einfach so.

In solchen Träumen schwamm die Zeit dahin. Gerade beobachtete ich, wie die Eisbärdame erst die Stricknadeln, dann den Kopf und schließlich ihre breiten, weißen Eisbärinnenschultern sinken ließ und mit leisem Schnarchen einschlief, da zuckte ich plötzlich zusammen, denn hinten, am fernen Ende des Ganges, kam der Schaffner durch die Waggontür.

„Fahrkarten, bitte,“ dröhnte es hart durch den Wagen, und mir stieg sofort der Schreck in die Kehle, aber die Eisbärdame ließ sich gar nichts anmerken und schnarchte weiter vor sich hin. Der Schaffner – ich sah ihm dabei zu, wie er sich langsam den Weg durch die ihm entgegenwedelnden Fahrscheine in unsere Richtung bahnte – warf schon von Ferne besorgt-verärgerte Blicke auf die beiden Eisbären und wiederholte sein „Fahrkarten bitte“ jedes Mal ein bisschen lauter, bis er plötzlich direkt vor uns stand, neben mir, groß und massig. Er atmete laut. Es roch nach Schweiß.

Die Frau mit dem Schal war als erste an der Reihe. Schüchtern lächelnd, ohne ihre Kopfhörer abzusetzen, kramte sie ein vergilbtes Blättchen hervor und hielt es ihm hin. Herzklopfen. Alles in Ordnung. Und Sie? Jetzt waren wir dran. Ich schaute zu Papa hinüber, Papa schaute Mama an, Mama schaute Papa an und sagte, du hast die bei dir, in der schwarzen Tasche. Ach so, richtig, sagte Papa. Entschuldigung. Er bückte sich unter den Tisch und suchte da irgendwo in der schwarzen Tasche herum. Der Schaffner trat ungeduldig von einem Fuß auf den anderen und wiegte seinen großen Tacker in der Hand wie eine Keule.

Bitte schön, sagte Papa schließlich, als er wieder auftauchte, drei Mal. Er streckte die drei Fahrkarten aus, der Schaffner schnappte nach ihnen und studierte sie eingehend. Er warf jedem von uns über den Rand der Karten einen kritischen Blick zu, so als gelte es eher uns zu prüfen als die Papiere, zog dann seine Tackerkeule hervor und lochte die Karten, langsam, nacheinander, eins, Pause, zwei, Pause, noch ein kritischer Blick, drei. Geschafft.

Dann drehte er sich schnell zu den beiden Eisbären um. So, sagte er laut, Fahrkarten bitte, tickets please. Die Eisbärdame rührte sich nicht, das Eisbärjunge schaute ganz erschrocken mit offenen Augen über sein Fischbuch hinweg. Tickets please, rief er nochmal, und als die Eisbärdame noch immer keine Reaktion zeigen wollte, fasste er sie unsanft am Vorderarm an und rüttelte sie wach. Tickets please, or do you have cash?, rief er. Die Eisbärdame schaute verdutzt, aber sagte nichts. Ticket, rief er, oder cash, sonst müssen sie am nächsten Halt raus, verstanden?

Die Eisbärdame runzelte leicht die Stirn, beugte sich zu ihrem Kind hinüber und sagte etwas auf Eisbärisch zu ihm, das Kind nickte und legte das Buch auf den Tisch. Sie tat ihr Strickzeug dazu, dann sah sie den Schaffner treuherzig an, der schon sehr nervös wirkte. Haben Sie Ihren Ausweis dabei, rief er jetzt schon sehr laut, passport, you understand? Sonst muss ich die Polizei rufen! Die Eisbärdame legte beide Pfoten auf den Tisch und stieß einen grunzenden Seufzer aus. Da floh der Schaffner entnervt aus dem Wagen, nicht ohne wutentbrannt allen zuzurufen, das gehe so nicht, er hole jetzt den Zugchef.

Die Frau neben Papa hatte ihre Kopfhörer abgelegt und lehnte sich über den Gang zu den beiden Eisbären. Entschuldigung, sagte sie freundlich, brauchen Sie Hilfe? Do you need translation? Parlez-vous français? Die Eisbärdame lächelte freundlich zurück, aber sagte nur etwas auf Eisbärisch, das die Kopfhörerfrau nicht verstand. Sie machte eine unbeholfene Geste mit der Hand und lächelte zurück, dann sagte sie noch, machen Sie sich keine Sorgen, und setzte wieder die Kopfhörer auf.

Zwei Minuten später kam der große, nervöse, nach Schweiß riechende Schaffner mit einem kleinen, gegelten, schlipstragenden zurück. Was ist hier das Problem, sagte der Kleine. Um Sie geht es also? Do you speak English? Die Eisbärdame hatte es aufgegeben, auf die Wörter zu reagieren, die auf sie einprasselten, sie schaute nur noch mit stiller Miene ins Ungefähre. Der kleine Eisbär sah aus dem Fenster.

Listen, sagte der Zugchef, you need a ticket. It‘s Deutschland here. Sonst muss ich die Polizei rufen. Haben Sie immerhin einen Pass dabei, passport? Wenn Sie aus dem Zoo geflohen sind, brauchen Sie einen Passierschein, sonst muss ich Sie wieder zurückschicken. Recht und Ordnung muss gelten, auch für Tiere, auch für geflohene Tiere. We have rules here in Germany, you understand?

Entschuldigung, sagte da schon wieder die Frau mit dem großen Schal und nahm ihre Kopfhörer ab, die beiden sprechen kein Englisch. Sie sind fremd hier. Lassen Sie sie doch in Ruhe.

Entschuldigung, gab da der Große zurück, das ist nicht Ihre Sache, es gibt hier einfach Regeln, und wer keinen Fahrschein hat, kann nicht weiterfahren, das müssen die doch verstehen. You need a ticket, sagte er im Umdrehen, aber die Eisbärin verstand leider nicht. Die Frau setzte die Kopfhörer wieder auf und verdrehte die Augen, aber das sah nur ich, sonst niemand. Ich musste kichern. Der kleine Schaffner sah mich böse an, Mama legte mir den Arm auf den Ellbogen.

Also, ich rufe jetzt die Polizei, dass die die beiden holen, sagte der Kleine zum Großen, das geht so nicht weiter. Wirklich. Der Große nickte, der Kleine nestelte hektisch und für alle sichtbar an seinem schwarzen Handy herum. Ja, sprach er dann, er stand immer noch mitten im Gang, Schulze hier vom ICE Richtung Frankfurt. Kommen Sie bitte zur Ankunft an Gleis 3, wir haben da zwei flüchtige Eisbären ohne Fahrschein, ohne Passierschein, ohne Ausweis, ohne Geld. Pause. Schweigen im ganzen Waggon. Ja, einfach in Gewahrsam. Pause. Wirklich, ich finde auch, das muss man sich eben vorher überlegen. Pause. Alles klar, bis gleich.

Er nahm das Handy herunter und grinste. Das wäre also erledigt, sagte er, aber es war nicht erledigt, denn von irgendwo war jetzt ein junger Mann mit Bart hergekommen und baute sich vor den beiden Schaffnern auf.

Entschuldigung, sagte der Mann, ist Ihnen bewusst, dass es eine Tierrechtscharta gibt, diese beiden haben Schreckliches erlebt, und daran sind wir alle schuld, überlegen Sie sich das mal. Dagegen sollten Sie was tun. Wir alle sollten dagegen was tun.

Plötzlich sahen alle im Waggon zu ihm herüber, sogar die Eisbären blickten auf.

Entschuldigung, gab wieder der Große zurück, das geht Sie gar nichts an. Ich bin nicht das Sozialamt, ich bin kein Tierschutzverein, ich bin Schaffner und diese beiden. Er zögerte. Fahrgäste haben keinen gültigen Fahrschein für diese Fahrt. Wo kämen wir denn da hin, wenn jeder ein- und aussteigt, wie er gerade will. Die beiden hier erschleichen sich gerade widerrechtlich eine Leistung der Deutschen Bahn, darunter haben wir alle zu leiden.

Ach, sagte der Bärtige, hier leidet doch niemand, außer den beiden Eisbären, haben Sie doch Mitleid mit diesen armen Kreaturen.

Er sah sich um, aber um das Mitleid war es nicht gut bestellt. Die Aufmerksamkeit war verflogen, die meisten Leute schauten wieder in ihre Handys oder hatten die Augen geschlossen.

Jetzt gehen Sie mal aus dem Weg, guter Mann, lassen Sie das unsere Sorge sein, sagte der Kleine und schob den Bärtigen beiseite, einen schönen Tag noch. Und dann zogen Sie ab, der Große und der Kleine, und ließen uns alle zurück. Ach Scheiße, sagte der Bärtige, verdammter deutscher Polizeistaat, schüttelte den Kopf, fuhr sich nachdenklich durch den Bart, trottete dann wieder zu seinem Platz weiter hinten im Gang und vertiefte sich in irgendeine Zeitschrift.

Es dauerte noch etwa zehn Minuten, dann hielt der Zug im nächsten Bahnhof. Die Türen gingen auf, ein paar schwarzgekleidete, bewaffnete Polizisten kamen in den Zug und nahmen die verdutzten Eisbären mit, durch das Spalier großer Augen hindurch, die Türen gingen zu, der Zug fuhr an.

Ein Knacken, ein Rauschen.

Guten Abend, meine sehr verehrten Damen und Herren, willkommen in unserem ICE auf der Fahrt nach Frankfurt am Main. Wir wünschen Ihnen eine angenehme Fahrt.

Good evening, ladies and gentlemen, welcome on board our ICE to Frankfurt am Main. We wish you a pleasant journey.

Von der Hoffnung

image3

– Ihr packt? Warum?
– Wir reisen ab.
– Wohin? Hier ist doch sonst nichts.
– Doch. Wir gründen eine neue Siedlung.
– Wo?
– Na dort, im Süden, an der Küste.
– Da wollt ihr hin? Da ist doch nur karges Land und salziges Wasser.
– Wir werden täglich früh aufstehen und aufs Meer hinausschauen. Eines Tages kommt ein Schiff und nimmt uns mit.
– Ein Schiff, pah. Es gibt doch sonst nichts außer unserer Insel. Wo soll das Schiff denn hinfahren?
– Weg, und uns nimmt es mit.
– Ach, ihr spinnt doch. Aber man muss Getreide anbauen, um sich zu ernähren, und man braucht Baumaterialien für seine Häuser, sonst kommt man um.
– Wer hat das gesagt, dass man das alles braucht?
– Ach, macht doch, was ihr wollt. Aber wenn wir euch nicht helfen, und wenn bei euren Häusern kein Korn wächst, und wenn kein Schiff kommt, wovon wollt ihr dann da leben?
– Von der Hoffnung.