Aus meinem Reisetagebuch (XVI)

Es müssen diese Momente in der Schwebe sein, weswegen man reist. Diese Momente ohne Zukunft oder Vergangenheit, ohne Plan, in denen die Erinnerung ganz dicht an die Vorahnung heranrückt, und zu so etwas wie Bewusstsein verschmilzt. So wie jetzt.

Jetzt sitze in im Rasthaus Fulda-Nord, auf einer Bank in der Ecke, vor mir einen Teller Salat und mein Handy, auf dem die Information, auf die ich seit einer Stunde warte, nämlich: wann ich hier abgeholt werde, mitgenommen nach Italien, nicht aufpoppt und mich in Ungewissheit darüber lässt, wann es mich aus diesem Moment herausreißen wird, wie viel Zeit mir überhaupt noch zum Schreiben bleibt. Neben mir das Fenster, aus dem ich zwischen zwei Bissen zuweilen sehnsüchtige Blicke werfe, als beschleunigte das die Ankunft des Busses. Hinten, vom Tresen her, an dem ein paar Trucker ihr Feierabendbier trinken (Bier ist es jedenfalls, ich hoffe, es ist auch ihr Feierabend), säuselt das Dudelradio seine Playlist herunter, deren einfältige Harmonik einiges zur Elegie der Situation beiträgt.

Außer mir sitzt niemand in der Gaststube, obwohl es Freitagabend ist, also beste Reisezeit, und halb neun Uhr abends, also beste Essenszeit. Beste Reise-Essenszeit, eigentlich. Ich frage mich, wovon die Betreiber dieses Rasthauses leben. Es wirkt, als habe man dem knorrig-verrucht-verrauchten Charme vergangener Tage bewusst abschwören wollen, habe es aber ein wenig zu bewusst getan. Genauso implantiert wie die riesige Obstschale vor dem Zapfhahn wirken die Vegetarierseiten voll „leichter Kost“ in der Speisekarte, inmitten der ganzen „gutbürgerlichen Küche“. Immerhin die voll ausstaffierte Bedienung unternimmt keinerlei Anstrengungen, sich irgendwie zu verstellen und nimmt meine Hipster-Bestellung (gemischter Salat – Tomatensuppe – Bionade) stoisch entgeistert entgegen, nicht anders wahrscheinlich als sie die Bestellung eines soeben vom Pluto eingeflogenen Aliens entgegennehmen würde; heimlich, aber nur heimlich wünschend, er kehre zurück, woher er gekommen ist und überlasse das Lokal wieder denen, für die es gemacht ist.

Erneut blicke ich aus dem Fenster. Draußen setzt sich die Einsamkeit perspektivisch fort. Im Hintergrund, wo meinem offenbar verwirrten Orientierungssinn zufolge eigentlich die Stadt Fulda liegen müsste, erhebt sich ein bewaldeter Hügel, davor wehen ein paar löchrige Pappeln hin und her. Davor Straße, davor Feld, davor Straße. Auf dem Parkplatz unter meinem Fenster parkt seit einer halben Stunde ein weißes Auto mit der Aufschrift „Eiliger Medikamententransport – Kurzparker“. Draußen geht ein Mann in hellbrauner Weste auf und ab, jetzt rauchend, beim nächsten Blick aus dem Fenster verträumt an der Heckklappe lehnend.

Auf dem Beifahrersitz des Autos sitzt eine ältere Dame im beigen Mantel und schaut. Wann immer ich aus dem Fenster gucke, sitzt sie da und starrt ins Leere. Die fragenden, faszinierten Blicke, die ich ihr zwischen Vorhang und Zimmerpälmchen aus meinem Fenster zuwerfe, spiegelt sie ungerührt aus ihrem Fenster hinaus, in die Ferne ihrer unbeweglichen Pupillen. Ganz reglos sitzt sie da – ich sehe sie oft an, da sehe ich, wie reglos sie sitzt – in ihrem „eiligen Medikamententransport – Kurzparker“. Ganz sicher wartet sie nicht, dazu sitzt sie zu still. Sie ist einfach.

Was sie wohl heute noch tut, frage ich mich, ob sie wohl Fußball schaut, ob der Mann da draußen ihr Ehemann ist, ob sie Freunde hat, Kinder vielleicht, aber das hastige Wissenwollen all dieser neugierigen Fragen zerbricht, kaum sind sie gedacht, an der Weisheit ihres ausdruckslosen Gesichts, das aus dem Autofenster ins Nichts blickt.

Ich beobachte sie lange, diese Frau, nur unterbrochen von den gelegentlichen Bissen, zu denen ich mich hier im Restaurant verpflichtet fühle, und habe das Gefühl, ihr immer ähnlicher zu werden. Die Zeit erstarrt. Starre ich nicht aus meinem Fenster ganz genau so, wie sie aus ihrem in die Leere? Besteht da nicht eine Gemeinsamkeit zwischen uns, ein inneres Band, das die Glasscheiben nicht zu brechen vermögen? Immerhin, wir beide starren, beide regungslos, beide t

Fulda, 17. Juni 2016

Aus meinem Reisetagebuch (XV)

Eine Bildungsreise

Tag Sieben

Zwei Anmerkungen zum Yasuní, die ich noch nicht aufgeschrieben habe:

Erstens. Im Urwald ist es erstaunlich hell, heller auf jeden Fall als ich zuvor dachte. Da man allerdings die Sonne nicht direkt sieht (über sich sieht man ja allermeistens nur Blätter), herrscht ein ganz allgemeines, schattenloses Licht, von dem jeder Innenarchitekt träumen würde, das aber auf Dauer sicherlich recht orientierungslos machen kann. Es ist dabei aber nicht unangenehm, wie mir überhaupt der Wald nicht bedrohlich vorkam (was auch an der hypertouristischen Situation gelegen haben könnte, in der ich mich befand) – hauptsächlich war er grün. Ich hatte darüber zuvor nicht nachgedacht, aber irgendwann am zweiten Tag, als wir im Motorboot zwischen den Baumreihen hindurchfuhren, wunderte ich mich, dass bei all der Nischensuche zumindest die Flora im Grunde einfarbig geblieben ist, abgesehen von einigen Blüten, die man dann auch gleich durch die Bäume hindurch wahrnimmt. Ich versäumte es leider, nachzufragen, ob es dafür eine leicht verständliche Erklärung gibt, vielleicht kann man es im Internet herausfinden.

Zweitens. Ein Grund, warum ich mich im Wald so merkwürdig zu Hause fühlte, war vielleicht, dass alle Gedanken, man dürfe dieses „unberührte“ Ökosystem „möglichst nicht stören“, um es so zu erhalten, wie es ist und immer war, sich sofort beim Eintreten als geradezu lächerlich herausstellen. Der Wald schafft ja aus der Permanenz von Störungen seine Ordnung; nicht die Erhaltung eines Zustandes, sondern das permanente Verarbeiten und Ausbalancieren systeminterner Störungen ist ja die Lebensweise des Ganzen. Das heißt: Die Ordnung, die wir mit dem Terminus „Ökosystem“ so bewundern, wäre eigentlich eine Art „Meta-Ordnung“, die in nichts anderem besteht als in der Koexistenz momentaner Ordnungen mit lokalen Störungen, die sich jeweils und in stetiger Interaktion reproduzieren.

Man könnte vielleicht den Begriff des Chaos verwenden, der ja im mathematischen Sinn auch nicht einfach Regellosigkeit meint, sondern vielmehr Strukturen von einer Komplexität, die theoretisch beschreibbar ist, aber die menschliche Verstehensfähigkeit letztlich übersteigt. Und so könnte man sagen: Wo das Chaos im Regenwald überhaupt erst die diesem eigene Ordnung schafft, da würde nur die künstliche Einführung von „Ordnung“ – wirkliches Chaos verursachen.

Aus meinem Reisetagebuch (XIV)

Eine Bildungsreise

Tag Sechs

Den ganzen Tag habe ich im Bus verbracht; jetzt sitze ich bei Lehrer Bolívar in Santo Domingo, denn als ich um viertel nach acht hier ankam, gab es keine Busse in Richtung Los Bancos mehr. Gestern und auch heute muss es ein großes Chaos gegeben haben auf den Strecken von Quito nach Santo Domingo; es hat offenbar stark geregnet in den letzten Tagen, und es gab diverse Erdrutsche, sodass die Straße Calacalí-La Independencia ganz gesperrt war und die Straße Aloag-Santo Domingo zeitweise auch. Davon wiederum merkte ich nichts, aber auch so ist es doch sehr weit vom Oriente bis hierher, das steht fest.

Aus meinem Reisetagebuch (XIII)

Eine Bildungsreise

Tag Fünf

Ich bin wieder in Coca; und obwohl ich ja vorgestern erst hier losgefahren bin, hat sich meiner jenes melancholische Gefühl bemächtigt, wie ich es von langen, ausgedehnten Bergtouren kenne, die doch unweigerlich wieder im Tal, zwischen hupenden Autos und lärmenden Fernsehern enden müssen, oder von Flugreisen, wenn das unbeschränkte Gefühl der Leichtigkeit über der Welt der Erkenntnis weicht, dass am Ende doch ein Flughafen steht mit all seiner Irdischkeit und Hässlichkeit.

Jetzt möchte ich noch den Sonnenuntergang sehen, ein wenig essen und schlafen. Morgen wird es sicher besser sein.

Auf der Tour gestern begleiteten uns ein Parkwächter (der offenbar so eine Art Parkwächter-Chef oder -Ausbilder war) mit seiner Freundin, die denselben Weg aufzeichnen wollten, den wir auch gingen, sodass sie sich bald vor uns, bald hinter uns befanden, stets um uns herum. Praktischerweise fuhren auch sie am Nachmittag nach Nuevo Rocafuerte zurück und nahmen mich mit, sodass ich mir die zwanzig bis vierzig Dollar, die Fernando mir als Preis für diese Fahrt angekündigt hatte, sparte. Auf der Fahrt unterhielten wir uns ein wenig, und sie boten mir an, mit ihnen im Schnellboot nach Coca zurückzufahren, wofür ich ebenfalls nichts bezahlen müsse. Dazu konnte ich selbstverständlich nicht nein sagen, und so kam es, dass ich heute Vormittag, ebenfalls zusammen mit ihnen, noch einmal in den Yasuní-Park fahren konnte.

Der Río Yasuní hatte auch beim zweiten Mal nichts von seiner Eindrücklichkeit und Magie eingebüßt, und jetzt sah ich auch, weshalb: Dadurch, dass er bei Weitem nicht so breit war wie der Río Napo (vierzig Meter vielleicht) wirkten die geradezu senkrecht aufragenden Baumwände an den Ufern links und rechts umso beeindruckender; es war, als führe man in eine Schlucht, in einen Canyon hinein.

Heute waren hier fischende Flussdelfine unterwegs, die wir gestern nicht gesehen hatten, und die in unregelmäßigen, stets ruhig abzuwartenden Abständen aus dem Wasser lugten, Luft schnappten und wieder untertauchten. Es war durchaus interessant, aber nicht sehr spannend, denn die Delfine schauten kaum zehn Zentimeter aus dem Wasser, und dies stets nur in blitzschnellen Auftauchern, sodass man einiges Glück haben musste, um sie überhaupt mitzubekommen, da dies nur möglich war, wenn man im richtigen Moment auch in die richtige Richtung schaute, die nie vollständig vorauszuberechnen war.

Doch es dauerte nicht lange, bis ich Gelegenheit hatte, die Anatomie dieser Tiere aus der Nähe zu studieren, denn einige hundert Meter flussaufwärts trieb ein toter Delfin im Wasser. Wir fuhren hin, um zu sehen, was geschehen war, und ich hatte Gelegenheit, aus allernächster Nähe die Haut, die Augen und die Zähne dieses beeindruckenden Tieres zu bestaunen. Es waren keine Spuren von Gewalteinwirkung zu erkennen, und so ließen wir den Kadaver, an dem sich schon die Fische und Vögel zu schaffen machten, flussabwärts treiben und fuhren weiter, zur Jatuncocha-Lagune zurück, um die Daten einer dort kampierenden Touristengruppe aufzunehmen.

Die Lagune – warum auch immer mir das gestern nicht aufgefallen war – ist vielleicht der schönste Ort, den ich in Ecuador gesehen habe. Jetzt, im Licht des Morgens, unter dem hellblauen Tropenhimmel, lag sie so ruhig da wie in einem Bilderbuch. Die Uferpflanzen, die mal am Rand des Wassers, mal einfach ganz im See wuchsen, spiegelten sich in der Wasseroberfläche, und es war, als entfaltete sich erst durch diese Verdopplung ihre volle Schönheit.

Man kann dieses Gefühl von Erhabenheit und Verlorenheit zugleich, von unendlicher Freude und Melancholie, zusammen mit tiefem inneren Frieden, das sich meiner bemächtigte, als ich über die still vor mir liegende Wasseroberfläche glitt, kaum in angemessene Worte fassen. Es hielt lange nach, bis jetzt.

Diesmal fuhren wir noch weiter hinauf als gestern, dorthin, wo sich der See zwischen Wasserpflanzen und kleinen Inselchen in ein verwirrendes Geflecht durchdringlicher und undurchdringlicher Wasserwege auflöste. Hier war es, wo ich mir endgültig schwor, das nächste Mal im (motorlosen) Kanu in den Regenwald zurückzukehren. Während mir zwischen den weit über das Wasser hinausgreifenden Urwaldriesen am Ufer, den Schilffeldern und ins Wasser gefallenen und zuweilen bizarr herausragenden Bäumen hindurchglitten, umflogen uns Schmetterlinge aller erdenklichen Farben, wilde Papageien, Vögel aller Farben, Formen und Größen, und ich hoffte inständig, nicht zurückkehren zu müssen zur Station und zum Ort, aber natürlich wendeten wir dann doch bald um und glitten über den See zum Río Yasuní zurück. Noch immer völlig verzaubert, nahm ich Abschied vom Nationalpark.

(Man muss der Vollständigkeit halber hinzufügen, dass dieser bezaubernde Ausflug von einem motorisierten und ohrenbetäubend neben uns herdröhnenden Einbaum vierer Einheimischer begleitet wurde, die zum Fischen ausgefahren waren – was tatsächlich erlaubt ist, wenn auch nur mit herkömmlichen Angelruten, wie mir der Parkwächter Gabriel erklärte. Jedes Traumbild braucht doch seine heilsamen Zerstörungen.)

Aus meinem Reisetagebuch (XII)

Eine Bildungsreise

Tag Vier, abends

Jetzt ist es Abend. Um fünf Uhr bin ich zurückgekehrt und habe den Abend in Nuevo Rocafuerte genossen. Zu diesen Orten, zu denen sich Touristen sonst nicht so oft verirren, muss man doch fahren, so abgedroschen sich es anhört. Hier, wo es noch nicht einmal Autos gibt (nur ein Wagen vom Gesundheitsministerium fuhr herum und versprühte aus rumpelnden, motorartigen Maschinen ein Insektizid, was Teil einer Aktion gegen Malaria sein soll, wie sie mir gestern erklärten), wo die Menschen nach getaner Arbeit an der Strandpromenade spazieren gehen und von Bänken auf den Fluss hinausschauen, wo die Kinder gemütlich auf Fahrrädern hin- und herfahren und Fußball spielen, und wo sich die Sonne gelbrötlich ins Baummeer versenkt, die gegenüberliegenden Ufer noch ein letztes Mal in ihr helles Licht tauchend, hier, wo man in der Großstadt schon für halb verrückt erklärt wird, wenn man überhaupt hinfährt, hier muss man sein.

Das Boot gen Yasuní legte um 8.30 ab, flussabwärts, in Richtung Peru. Nach drei Minuten kamen wir beim Militär vorbei, wo ein einsamer Soldat am Ufer unsere Daten aufnahm, und dann, nach fünf Minuten, bogen wir auf den Río Yasuní ein, den Grenzfluss. „Bienvenidos a la República del Ecuador“ stand auf einem Schild am gegenüberliegenden Ufer zu lesen, und nun kam es mir endgültig vor, als sei ich am Ende der Welt angelangt, auch wenn es ja nur eine beliebig durch den Urwald gezogene Linie ist.

Auf dem Yasuní, der mir im Vergleich zur inzwischen schon gewohnten Breite und Mächtigkeit des Río Napo geradezu winzig vorkam, obwohl auch er nicht gerade schmal ist, dauerte es noch zwei Minuten, und ich bemerkte, wie mein Gehirn nach und nach den ganzen Gedankenmüll, der sich bis eben noch dort angesammelt hatte, entfernte, um der uneingeschränkten Bewunderung der Natur Platz zu machen. Dass eine Landschaft „ein Gedicht“ sei, sagt sich ja leicht, aber was dies wirklich bedeutet, die Reinigung des Geistes bis hin zur vollen Hingabe an das Gegenüber, sei es Text, sei es Natur, dies wurde mir erst dort bewusst. Und wir waren ja noch nicht einmal im Nationalpark angekommen.

Diesen erreichten wir nach etwa fünfzehn Minuten Fahrt durch bereits herrlichste Landschaft, die mich nur eines wünschen ließ: Eines Tages noch einmal im Kanu zurückzukehren und die volle Schönheit dieser Welt aus dieser gluckernden und plätschernden Insel und nicht dem laut und rücksichtslos vorpreschenden Motorgefährt zu genießen. Am Beginn gab es zunächst ein Schild, das einen darauf hinwies, dass man ihn nun wirklich betreten würde, und dann eine Waldstation, an der wir unsere Daten auf ein Blatt Papier schreiben mussten und dann aus dem Boot ausstiegen, um zu Fuß weiterzugehen bis zur Jatuncocha-Lagune, wo die Argentinierinnen kampieren und ich immerhin zu Mittag essen würde. Wir zwängten uns in die vom Führer Fernando für uns mitgebrachten Gummistiefel – die mir eine ganze Reihe wunderbarer Blasen bescherten – und dann verschluckte uns der Wald.

In seiner Beschreibung der Kathedrale von Combray in der Suche nach der verlorenen Zeit schreibt Marcel Proust, dass ihm jener Ort immer als ein vierdimensionaler vorgekommen sei, in dem man nicht nur das Mittelschiff hinunter, seitlich ins Querschiff hinein, und zur Decke hinauf, sondern auch in die Zeit zurückschauen konnte, weil die Kirche, alt und verfallen wie sie war, auch ihre eigene Geschichte erzählte.

An diese Stelle – ich bin mir des erneuten pantheistischen Ausbruchs voll bewusst – musste ich viel denken, als wir durch den Dschungel streiften, weil mir auch dieser Wald um mich herum so vorkam: Man konnte nicht nur nach vorne schauen, wo der weitere Weg vor dichten Bäumen und Blättern mal unauffindlich schien, sich mal bis in weitere Ferne schon abzeichnete, zur Seite, wo das Holz schon auf Armlänge neben dem Weg so dicht war, dass ohne Machete gar kein Durchkommen gewesen wäre und man sich wohl nach zwei Minuten im dichten Grün verloren hätte, wäre man ohne Ortskundigen unterwegs gewesen, und nach oben, wo sich an manchen Stellen, wo ein Urwaldriese kürzlich umgestürzt war und eine Bresche geschlagen hatte, tatsächlich der Himmel, und sonst nur die senkrecht aufwärtsstrebenden Stämme und Lianen mit ihrem manchmal undurchdringlich erscheinenden Blätterdach sehen ließ; nicht nur diese drei Blickrichtungen standen mir offen, auch die Zeitlichkeit ließ sich an jeder Stelle beobachten, auch wenn die Zeitlichkeit eines Waldes ja eine ganz andere ist als die einer Kirche.

Mich faszinierte die grandiose Unterschiedlichkeit der Zeitskalen, die in diesem Ökosystem interagieren und für sein Funktionieren sorgen: Auf dem 200, 300 Jahre alten Ceibo- Riesenbaum mit 60 oder 80 Metern krabbeln Ameisen in langen Blattträgerstraßen herum, deren kognitiver Apparat vielleicht noch gerade für diese räumliche, aber sicher nicht für die zeitliche Dimension geschaffen ist, und doch – hat es sicher schon immer diese Ameisen auf diesem Baum gegeben, sodass er ihnen vielleicht gar nicht wie ein Lebewesen oder eine Pflanze vorkommt, sondern eher wie so etwas wie ein Planet, der einfach grundsätzlich da ist. (Wäre es nicht, dachte ich, im Falle, dass der Baum umfällt, für diese Ameisen so, wie wenn wir durch eine ungeahnte Kraft plötzlich von der Sonne getrennt frei im Weltraum herumschweben würden? Nur weil unser Wahrnehmungsapparat nicht dazu geschaffen ist, die anderen, auf einer uns völlig unzugänglichen Zeitskala ablaufenden Prozesse zu erfassen?)

Und es ist ja ohnehin ein Ökosystem, das sich nur aufgrund der Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen überhaupt erhalten kann, dem Nebeneinander von Leben und Tod, von Verwesung und Wachstum, von Räuber und Beute, von Parasit und Wirt, von Materie und ihrer Verarbeitung, von Alter und Jugend.

Dass hier „die Zeit stehen geblieben“ sei, ist ja einfach zu sagen, aber es stimmt überhaupt nicht. In Städten kann die Zeit vielleicht „stehen bleiben“, wo man massenweise totes Material zu Gebäuden und Straßen anhäuft; hier lässt sich die Zeit so gut beobachten wie sonst wohl nirgends auf der Welt.

Aus meinem Reisetagebuch (XI)

Eine Bildungsreise

Tag Vier, morgens

Morgen in Nuevo Rocafuerte. Ich sitze auf einer Treppe, die in den Fluss hineinführt, und schaue aufs Wasser. Man hört das Wasser glucksen und die Vögel über dem Fluss krächzen und kreischen. Aus dem Dorf hinter mir tönt nur ein entferntes Radio und ein Hahn, der ab und zu schreit. Der Fluss zieht vorbei, mit beeindruckend schneller Strömung, und weil man ihm nicht richtig folgen kann, so schnell wie er mit allem Dreck und Laub und Treibholz gen Osten zieht, schweift mein Blick immer wieder zum gegenüberliegenden Ufer, das vielleicht 500, vielleicht 1000 Meter entfernt sich aus den braungrauen Fluten und dem silbrigen Morgennebel erhebt, dunkel, grün, verheißungsvoll.

Aus diesem Ufer, Kilometer und hunderte von Kilometern lang, bestand die Attraktion des gestrigen Tages. Wann immer man sich auf seiner Bank auf dem Schiff zum Ufer umdrehte, wann immer man den Blick hinauslenkte, zog es dort vorbei, mal fast auf Armlänge, mal fern auf der anderen Seite, ruhig uns, den gemeinsam mit dem Wasser Vorbeirasenden zusehend, als wollte es auf die Vergeblichkeit unserer Flucht aufmerksam machen. Wenn es eine Erwartung gab, die ich ganz schnell aufgeben musste, dann war es die, auf dem Schiff oder auf dem Fluss die Entfernung und den Urwald besser, „echter“, mehr „am eigenen Leib“ zu erfahren als in einem Bus. Hier, wo es keine Straßen mehr gibt, wie man sie kennt, wo der Fluss die Straße ist und das Boot somit der Bus, hier kann auch eine Bootsfahrt (zumal eine solche, in einem großen, beinahe würde man sagen, Schiff, war ebenso auch das was man sah, der Wald oder besser gesagt, seine äußere Grenze, sein Antlitz, nicht mehr als, wie es bei Christian Kracht heißen würde, „Ecuador, fein portioniert in bootsfenstergroße Ausschnitte“.

Und obwohl diese Aussicht verheißungsvoll war und blieb, wann immer man sich umschaute, war und bleib es doch eben dies – eine Verheißung, eine unerfüllte. Ich fühlte mich wie jener, der keine Eintrittskarte zum Fußballspiel erhalten hat und nun 90 Minuten lang um das Stadion läuft, stets den Blick auf die Fassade gerichtet, die doch eigentlich nur nach innen einladen soll, oder wie jener, der fremd durch eine kalte Stadt läuft und aus den Häuser- und Menschenfronten das ahnen muss, was doch das volle Leben der Menschen sein sollte, oder wie jener Liebhaber, der eine wunderschöne Person betrachtet, aber durch eine Scheibe, ohne in sie eindringen zu können, geistig oder körperlich, ohne sie hören, riechen oder sich bewegen zu sehen, seine Liebe in sich selbst verzehrend.

Man darf das auf keinen Fall missverstehen: Die Leute, die hierher fahren, auf der Suche nach einer „authentischen Dschungelerfahrung“, auf der Suche nach irgendwelchen angeblich seltenen Tieren oder Pflanzen (deren Seltenheit sich ja am besten dadurch bewiese, dass man sie nicht fände) und die dann, wenn sie sie gefunden haben (oder, besser gesagt, wenn ihnen jemand gesagt hat, dass sie sie jetzt gefunden haben) begeistert Photos machen und dann in aller Welt sie herumzeigen und erzählen, welches Glück sie hatten, dass ausgerechnet diese seltene Art sich ausgerechnet ihnen gezeigt habe, wofür sie dann hunderte Dollar ausgegeben haben; diese Leute finde ich noch immer so albern wie zuvor.

Doch die stetige Einladung dieses dichten Ufers in eine Welt, deren Existenz sie schon andeutete, ohne den Hauch eines Einblicks (oder Einhörens?) zu geben, dies machte unmissverständlich klar, dass ich jemanden würde finden müssen, der mir mehr zeigte als nur jenen Leporello an neben(!)einandergereihten Baumstämmen, Blättern und Gräsern. Und was dies anging, hatte ich wirklich mehr Glück als Verstand.

Auf dem Boot saßen neben mir vier Argentinierinnen, die sich erstaunlich lange gar nicht, und dann umso freundlicher mit mir unterhielten. Sie hatten schon von zu Hause einen Naturführer gebucht, mit dem sie am Montag (also heute) und Dienstag für eine Nacht in den Yasuní-Nationalpark hinausfahren würden. Ich erzählte ihnen, dass ich jemanden finden wollte, der mir morgen etwas zeigen würde, und sie sagten, ich solle doch einfach mitkommen und ihren Führer fragen, mit dem sie sich treffen würden. Der wüsste schon eine Möglichkeit, wenn es denn eine gäbe, zu meiner Yasuní-Fahrt zu kommen. Und so schloss ich mich ihnen an, bezog das selbe Hotel und spazierte dann mit ihnen durch den Ort.

Fernando (glaube ich), der Führer, traf uns auf der Straße, erkannte die Argentinierinnen, und als ich ihn fragte, was in meiner Sache zu tun sei, sagte er, ich solle einfach mit den anderen zum Hotel zurückgehen, dort würde man alles Weitere sehen. Dort erzählte er dann vieles, was er den vieren zeigen wollte: medizinische Bäume und Pflanzen, irgendwelche Tiere, deren Namen ich vergessen habe, „pesca deportiva“ (was ich schon so oft gehört habe, dass ich es vielleicht lieber nicht machen möchte). Aber er war freundlich, und er war so ehrlich und reflektiert, anschließend zu sagen: „Ich kann euch nicht versprechen, dass wir auch nur irgendetwas zu sehen bekommen, das gebietet die Aufrichtigkeit. Es kann sein, dass sich wunderbare Tiere zeigen, dass wir diese Pflanzen finden, aber es kann auch sein, dass all dies nicht so ist. Aber selbst dann – bleibt uns die Landschaft!“ Dass diese Landschaft es war, die ich suchte, und auf die „besonderen“ Tiere und Pflanzen nicht so viel Wert legte, wagte ich nicht zu sagen.

Mir bot er an, mich mitzunehmen und jemanden zu bestellen, der mich gegen Abend abholen und nach Nuevo Rocafuerte zurückbringen würde. Ich willigte ein, und fragte nach dem Preis. 70 Dollar, sagte er, allerdings müsste ich noch das Boot bezahlen, das mich zurückbringen würde. Ich erschrak und rechnete, wie viel ich aus Coca mitgebracht hatte. In meinem Zimmer zählte ich nach, wie viel ich hatte: es waren genau 108 Dollar. Ich ging zurück und schilderte ihm die Lage, und dann rechneten wir gemeinsam ein wenig herum, wie ich es anstellen könnte. Erst sagte er, neune, das würde nicht reichen für sich und das Boot zur Rückkehr und alles, dann schlug ich vor, ich könnte ich die Rückfahrt auch erst in Coca bezahlen, und er sagte ja, das könnte wohl möglich sein, und rechnete noch einmal. Schließlich kamen wir überein, dass er mir zehn Dollar erließ und versprach, mir jemanden für die Rückfahrt zu organisieren, der es für nicht ganz so viel Geld machen würde, sodass ich, am Ende einer langen Rechnung, derzufolge ich wohl morgen mit ungefähr null Dollar nach Coca zurückkehren werde, doch fahren kann, nachdem ich meinen Traum schon zerplatzen sah.

Dies verdanke ich den Argentinierinnen (denn ohne sie wäre das Ganze für mich alleine erst recht unbezahlbar gewesen), der Freundlichkeit dieses Yasuní-Führers und meinem nicht enden wollenden, ja geradezu unverschämt zu nennenden Glück.

Aus meinem Reisetagebuch (X)

Eine Bildungsreise

Tag Drei

Die Reise hatte direkt begonnen mit einer Unvorhergesehenheit, wie ich sie eher irgendwo im Dschungel bei einer Bootskooperative als am mir gut organisiert erscheinenden Terminal in Santo Domingo erwartet hätte: Mein Bus um 20.30 Uhr fuhr nicht. Stattdessen bot mir der Herr vom Terminal ein Boleto für 23 Uhr an. Ich seufzte und akzeptierte dann.

Der Bus um elf war voll – und vor allem: eng. In dieser Hinsicht überraschte mich das ecuadorianische Transportsystem, mit dem ich mich doch schon halbwegs vertraut wähnte, doch noch einmal: dieses Gefährt war wirklich in keiner Weise verschieden von den klapprigen Dingern, die in San Marcos vorbeizufahren pflegen, wurde aber eingesetzt auf einer Übernacht-Direktfahrt auf die andere Seite der Anden; ich konnte meine Beine kaum in dem wenigen Platz zwischen meinem und dem vor mir befindlichen Sitz unterbringen. (Erst später stellte ich fest, dass es halbwegs auszuhalten war, wenn ich den Sitz ganz zurückklappte, auf die allerletzte, immerhin bemerkenswert waagerechte Stufe.) Und so zwängte ich mich mit Todesverachtung in den Sitz, der für die nächsten zehn Stunden mein Zuhause sein würde. Die Nacht verbrachte ich in jenem Zustand großer Müdigkeit, in dem sich kein richtiger Schlaf einstellen will und man das Vergehen der Zeit abwartet; erst spät, als schon das Dunkel der Nacht sich ein wenig aufzulösen begann, schlief ich ein wenig.

Mich empfing, mit den Strahlen der Sonne, die mich aus dem Schlaf endgültig weckten – das Oriente! Doch es waren noch die allerletzten (oder allerersten) Ausläufer des Oriente, eigentlich sah alles aus wie zu Hause, hätten mich nicht die kontinuierlich mal unter-, mal oberirdisch, mal links, mal rechts neben der Straße verlaufende Pipeline (d.h. das Rohr, von dem ich allerdings kaum glauben kann, dass es die ganze Pipeline sein soll, so unscheinbar wirkt dieses Röhrchen von weniger als einem Meter Durchmesser) zusammen mit den gelegentlichen aus dem Fenster zu sehenden riesigen Erdöl-(Wasauchimmer-)Stationen daran erinnert, dass ich soeben die Anden überquert hatte.

Die Straße führte am Hang entlang, und sie lag wunderschön in der Landschaft. Weit unten, des Morgens wegen in Nebel gehüllt, lag zuerst der Río Coca, dann später der Rìo Aguarico; die Landschaft war noch sehr hügelig, und wenn man zurückschauen konnte, dann sah man die mächtigen Auffaltungen der Anden sich erheben und einmal sogar einen schneebedeckten Riesen, von dem ich annehme, dass es der Cayambe war und den ich zunächst für eine Wolkenansammlung hielt.

Lago Agrio passierten wir etwas außerhalb, doch selbst hier sah ich schon, was mich auf der ganzen Orientereise bisher am meisten überraschen sollte: Der Reichtum jener Städte. Nicht nur in Lago Agrio, auch in den kleineren Orten, die wir im Folgenden passierten, sah man endlose gepflasterte Bürgersteige, Parks mit Beeten und Kinderspielplätzen, wie ich sie nach allem, was ich bisher in Ecuador gesehen hatte, hier nicht mehr vermutet hätte, vertrauenswürdige, geradezu elegante Brücken und also – insgesamt – ein Ambiente, wie es einladender kaum hätte sein können. (Man muss das ja über Orte schreiben, denn von „Natur“ im eigentlichen Sinne war zwischen Palmen- und Bananenplantagen noch immer wenig zu sehen.)

Coca war nach dieser Reise dann die Krönung. Diese Stadt ist natürlich nicht architektonisch oder historisch interessant, wie es die Sierra-Städte aufgrund ihrer Altstadt selbstverständlich sein können. Doch von all jenen Orten, die diesen Mangel nun einmal haben – und von denen es viele gibt in Ecuador – ist (unter jenen, die ich bisher gesehen habe) Coca die schönste, sauberste und im Ganzen angenehmste. Bis in die Außenbereiche, die weiter vom am Flusskai befindlichen Zentrum entfernt lagen, waren die Straßen sauber und einladend. Es gibt einen wunderbaren Park in der Innenstadt, der zwar auch kein Park im europäischen Sinne ist, aber mit Springbrunnen, einem Spielplatz und ausreichend Bänken zum Verweilen einlädt.

Und der Kai, der Hafenbereich, kann noch nicht lange fertiggestellt sein, so modern und einladend sieht alles aus. Alles atmet schon ein wenig den Hauch – vielleicht sogar einen zu starken Hauch – deutsch-kleinstädtischer Neubaugebietssterilität, doch dies wird vollständig wettgemacht durch den Río Coca und das gegenüberliegende, urwaldartig herüberwinkende Flussufer, ja vermag sogar einen interessanten Kontrast zu jenem zu bilden.

Mit Sicherheit ist dies keine Stadt, in der ich lange leben wollte. Und mit den Revolución-Ciudadana-Schildern, die überall darauf hinweisen, dass das Erdöl jetzt endlich den comunidades zugute kommt, bekommt das Ganze für mich den Beigeschmack des „Ruhigstellens durch Investitionen“. Doch besser als zu jener Zeit, als noch aller Reichtum bestenfalls nach Quito oder nach sonst irgendwo in der Welt exportiert wurde, ist es sicher.

Jetzt schreibe ich in Nuevo Rocafuerte, dem Ziel meiner Träume, und es ist weniger aufregend als ich es mir vorgestellt hatte, wie auch die Bootsfahrt „langweiliger“ und weniger spannend war, als ich zuvor gedacht hatte. Morgen werde ich hoffentlich Zeit haben, über all das zu schreiben, was sich heute zugetragen hat.

Morgen um 8.30 Uhr werden wir in den Yasuní aufbrechen, nach einer langen Verkettung von Zufällen, die mir dies ermöglichten. Ich bin gespannt darauf, nachdem ich etwa zehn Stunden vom Boot aus nur das Gesicht des Dschungels ansehen konnte, nun endlich einzutreten, ihn zu sehen, zu fühlen, zu hören, zu riechen. Welch aufregende Aussicht.