Über Übersetzen (IV)

4. Kapitel – Die alle Vorstellungen sprengende Kraft der Literatur

Das Wort „übersetzen“ ist schön. Es ist im Grunde genommen eine Metapher, lädt zu allerlei Analogien ein und ruft vor dem inneren Auge Vorstellungen eines idyllischen, symmetrischen Flusses hervor, an dessen Ufer der Übersetzer seine Ladung aufnimmt, einen Kahn besteigt und gen Heimat übersetzt. Der Autor winkt noch hinterher, sieht den Übersetzer mehr oder weniger geschickt mit dem Gewicht, das er ihm mit auf den Weg gegeben hat, die Stromschnellen und Untiefen des – mehr oder weniger breiten – Flusses umfahren, und wenn der Kahn erfolgreich drüben ankommt, kann die hüben verpackte Ladung auf der neuen Seite des Flusses verteilt werden.

Eine solche Vorstellung hatte ich vor Beginn meiner Arbeit am Book of Strange New Things ebenfalls, aber das änderte sich mit dem vierten Kapitel. Der Übersetzer, so meine Lektion, ist kein Kahnführer. Eigentlich verlässt er sein Heimatufer überhaupt nicht, denn der Strom ist viel zu reißend, als dass man ihn überqueren könnte, aber wenn er dem anderen Ufer doch nahe kommt, dann nur um zu erkennen, dass es von schroffen Klippen gesäumt ist, die das Anlegen unmöglich machen. Also kehrt er wieder um und verlässt sich auf ungefähre Eindrücke, ferne Beobachtungen, vage Vermutungen.

Der Autor hat auf seiner Seite des Flusses ein Haus errichtet, vielleicht eine Holzhütte, vielleicht einen Palast, vielleicht ein Zelt, vielleicht ein Baumhaus. Und wir aus der Ferne sehen nun einzig das bezugsfertige Ergebnis, stehen aber vor der teuflischen Aufgabe, dieses Haus auf unserer Seite des Flusses nachzubauen. Irgendwelche Instruktionen des Baumeisters entgegenzunehmen ist unmöglich, dazu treiben wir zu weit vor dem Ufer. Wir wissen nichts über die Konstruktionsweise, wir sehen kein Fundament, uns ist nicht klar, wie sich die Materialien verhalten, die der Autor benutzt hat. (Vergleichbar vielleicht mit den Bemühungen jener, die eine mittelalterliche Ritterburg wieder aufbauen wollen, ohne über die Baupläne oder Materialien von früher en detail Bescheid zu wissen.)

Vielleicht hat der Autor – wie die alten Ägypter bei den Pyramiden – eine Hilfskonstruktion benutzt, die längst nicht mehr steht, die wir aber zuerst rekonstruieren müssen, weil es ohne sie statisch nicht geht. Vielleicht hat das Holz hier auf unserer Seite ganz andere Eigenschaften, und beim Versuch, das zweite Stockwerk aufzusetzen, bricht alles zusammen, obwohl wir glauben, alles so ähnlich bewerkstelligt zu haben wie auf den verwackelten Spionagephotos, die wir von unserem umtosten Kahn aus geschossen haben. Vielleicht herrscht drüben sogar ein anderes Klima oder eine andere Gravitation, und es ist ganz und gar nicht möglich, das Haus hier auf unserer Seite auf die gleiche Weise zu errichten wie dort.

Dann müssen wir eigene Wege finden, selber kreativ werden, uns von der Idee des exakten Abbilds verabschieden, abwägen, was wichtiger ist (Funktionalität oder äußere Erscheinung? Standfestigkeit oder Kosteneffizienz?) und uns – hoffentlich mit guten und gefestigten Gründen – gegen die Nörgler zur Wehr setzen, die sich sogleich um unseren Bauzaun scharen, aufgeregt zur anderen Flussseite hinüberweisen und hier das Fehlen eines Erkerchens, da die veränderte Form eines Fensters bekritteln. Vielleicht kommt sogar ein anderer daher, der bei anderem Wetter oder aus einem anderen Winkel das Gebäude drüben begutachtet hat, und beginnt ein Konkurrenzprojekt, das sich ganz anders anlässt als das unsere. Kurz, unsere Rolle ist von der des bloßen Handlungsreisenden weit entfernt.

Irgendwann steht dann das Haus, und wenn wir die eigenen Hilfskonstruktionen abbauen und die Detailpläne beiseite legen, stellen wir erstaunt fest, dass es sich vom Vorbild extrem weit entfernt hat. Dann belassen wir es vielleicht so, wie es ist (weil es uns trotzdem gefällt und wir uns vom Vorbild längst emanzipiert haben), oder wir nehmen noch ein paar kosmetische Änderungen vor, setzen hier einen Schornstein auf, arbeiten dort am Verputz. Idealerweise erkennen wir das Vorbild, an das wir uns noch dunkel erinnern, aber es ist doch eindeutig und unverkennbar unser Hände Werk. Stolz übergeben wir dem Auftraggeber die Schlüssel, stehen der Lokalpresse für ein Photo zur Verfügung und hoffen inständig, dass niemand jemals das Vorbild mit unser Fälschung vergleicht und unsere vielen Schludereien aufdeckt.

Verlassen wir die Welt der Metapher, bevor wir uns von ihr verschleppen lassen. Auf Folgendes will ich hinaus: Der Übersetzer ist in großem Maße selbst ein Autor, der seine eigenen Mittel so kunstvoll beherrschen muss wie der Autor, oder vielleicht besser gesagt wie ein Plagiator. Inzwischen käme mir der Gedanke, zur Übung einmal ein deutsches Buch ins Deutsche zu übersetzen, überhaupt nicht mehr so lächerlich vor, wie er vielleicht klingen mag. Die verschiedenen Sprachen sind nur eines – und oft nicht das größte – der Hindernisse, mit denen man beim Übersetzen zu tun hat.

Klar geworden ist mir all dies, als Peter – inzwischen heil und sicher auf Oasis/Oasia gelandet – nach einem Nickerchen und ein bisschen Selbstfindung in seiner Unterkunft die erste der existenziellen Fremdheitserfahrungen macht, die fortan die Handlung vorantreiben und das Buch im Inneren zusammenhalten. Es ist gewissermaßen ein Spiel mit dem künstlerischen Topos der Fremdheit und Sehnsucht, eine Hommage an die Kulturgeschichte: ein Blick aus dem Fenster, mit dem Rücken zu uns. Es regnet.

„The rain wasn’t falling in straight lines, it was … dancing! Could one say that about rainfall? Water had no intelligence. And yet, this rainfall swept from side to side, hundreds of thousands of silvery lines all describing the same elegant arcs. […] The air here seemed calm, and the rain’s motion was graceful, a leisurely sweeping from one side of the sky to the other.“

„Der Regen fiel nicht gerade herunter, er … tanzte! Konnte man das über Regen überhaupt sagen? Wasser hatte keine Intelligenz. Und doch waberte dieser Regen hin und her, in hunderttausenden silbrigen Linien, die alle zusammen elegante Bögen beschrieben. […] Die Luft schien ruhig zu sein, und die Bewegung des Regens war anmutig, ein gemächliches Wogen von einer Himmelsseite zur anderen.“

Vielleicht, liebe Leserinnen und Leser, erscheint Ihnen diese Passage gar nicht so vertrackt wie anderes, was wir an dieser Stelle schon auseinandergenommen und wieder zusammengesetzt haben. Der buchstäblich himmelweite Unterschied besteht aber für mich darin, dass wir – ebenso wie Peter („Could one say that about rainfall?“) – den Bereich der Erfahrung und im gewissen Sinne auch unserer vertrauten Sprache verlassen haben.

Bisher konnte ich, wenn ich mir eines Ausdrucks oder Begriffs nicht sicher war, googeln, nachrecherchieren und mir selber ein Bild machen. Dies ist durchaus wörtlich zu nehmen: Neben den üblichen Wörterbüchern und dem zuweilen sehr hilfreichen www.linguee.de ist die Google-Bildersuche mein liebstes Hilfsmittel. Wenn Peter zum Beispiel kurz darauf in einer Nachricht an seine Frau den soeben beschriebenen Regen mit „bead curtains“ vergleicht, dann kann ich bei Google flugs einige Bilder ansehen –

beadcurtains

– und weiß mit viel größerer Gewissheit als aus jedem Wörterbuch, dass er so etwas wie einen Faden- oder Schnurvorhang meint. Dann kann ich mich selbst auf die Suche nach einem deutschen Ausdruck dafür begeben.

Oder, wenn eine Figur wie BG, die im Mittelpunkt des letzten Beitrags stand, einen individuellen Slang spricht, dann kann ich ihn zwar vielleicht nicht direkt ins Deutsche übersetzen, aber mir doch mittels ein paar Interviews einen vergleichbaren Sound aneignen und dem deutschen BG verleihen.

Ein (für Peter) kleiner Schritt hinaus in die oasische Luft und Landschaft verändert jedoch alles. Nun befinden wir uns – ebenso wie alle Leser, ebenso wie Peter selber – ganz und gar im Kopf des Autors und können einzig und allein mit dem arbeiten, was er uns an Anhaltspunkten zur Verfügung stellt.

„The rain had stopped now, but the atmosphere still seemed substantially composed of water. If he closed his eyes, he could almost imagine he’d waded into a warm swimming pool. The air lapped against his cheeks, tickled his ears, flowed over his lips and hands. It penetrated his clothing, breathing into the collar of his shirt and down his backbone, making his shoulderblades and chest dewy, making his shirtcuffs adhere to his wrists. The warmth – it was extreme warmth rather than heat – caused his skin to prickle with sweat, making him intimately aware of his armpit hair, the clefts of his groin, the shapes of his toes inside their humid footwear.“

An dieser Stelle versagen nun alle unsere Hilfsmittel, wir sind so überfordert, wie ein Baumeister, der bisher Baumhäuser konstruierte und nun ein steinernes Denkmal errichten soll. „Schlug“ die Luft gegen seine Wangen, „umschmeichelte“ sie es, „brandete“ sie dagegen? Wir haben nur das englische Wort „to lap“, das all dies bedeuten könnte, und anders als in anderen Fällen haben wir keine Enzyklopädien, die uns das Verhalten dieser oasischen Luft beschreiben könnten, wir können nicht eben hinfahren, und es gibt auch keine Erfahrungsberichte auf Youtube, die uns ein genaueres Bild davon machen könnten. Wir haben nur die Sprache des Autors.

Was soll die Formulierung „[the air was] breathing into his collar“? „To breathe“ heißt „atmen“, aber Luft kann doch nicht „in einen Kragen hineinatmen“, oder etwa doch? Und so weiter. Hier ist mein Übersetzungsvorschlag:

„Der Regen hatte jetzt aufgehört, aber die Atmosphäre schien noch immer zum Großteil aus Wasser zu bestehen. Wenn er seine Augen schloss, kam es ihm fast vor, als wate er durch ein warmes Schwimmbecken. Die Luft schlug gegen seine Wangen, kitzelte seine Ohren, umspülte seine Lippen und Hände. Sie drang in seine Kleidung ein, suppte in seinen Hemdkragen ein und lief ihm den Rücken hinunter, sodass seine Schulterblätter und Brust feucht wurden und seine Hemdsärmel an den Handgelenken klebten. Die Wärme – es war extreme Wärme, keine Hitze – trieb ihm kribbelnd den Schweiß aus den Poren, was ihn seine Achselbehaarung, seinen Intimbereich, die Form seiner Zehen in den durchnässten Schuhen deutlich spüren ließ.“

Grundsätzlich habe ich auf die zu einhundert Prozent exakte Wiedergabe jedes Wortes verzichtet und vielmehr deutsche Vokabeln gesucht, die das – Achtung, absolut blödsinniger Angeberneologismus – Biaggregate (halb gasförmig, halb flüssig, mit anderen Worten schwül, diesig, triefend) dieser Atmosphäre zum Ausdruck bringen. Daher zum Beispiel „einsuppen“, was sicher nicht genau das trifft, was mit „to breathe“ an der gleichen Stelle gemeint ist, mir aber dennoch nah genug am beschriebenen Verhalten der Atmosphäre zu liegen schien und außerdem ein wunderbares deutsches Wort ist, das man meiner Ansicht nach verwenden sollte, wenn sich eine Gelegenheit wie diese schon bietet.

Die Science Fiction hat, ebenso wie die Science, der sie nacheifert, viele Töchter. Nach dem kurzen Intermezzo der Medicine Fiction (Betäubungsmittelinjektion) im zweiten und der recht klassischen und leicht übersetzbaren Teilen der Physics Fiction (Raketen, Antriebstechnik, Astronomie) im dritten Kapitel erweist sich nun im vierten Kapitel die Übersetzung der Meteorology Fiction (Regen, Atmosphäre) als ein deutlich schlüpfrigeres Unterfangen.

Einen seltsames Medikament hat sich wohl jeder schon vorgestellt, man hat ja sowieso keine Ahnung – und will sie wohl auch nicht genau haben – was einem die Ärztin bei der Grippeimpfung da so einspritzt. Und Raumschiffe voller Menschen oder Aliens sind unserer Vorstellung auch nicht fremd. Aber wer hat wirklich schon einmal darüber nachgedacht, ob der Regen auf einem fremden Planeten vielleicht ganz anders fallen könnte als bei uns? Dort, wo die Übersetzung an ihre Grenzen stößt, vielleicht zeigt sich genau dort die alle Vorstellungen sprengende Kraft der Literatur.

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Über Übersetzen (III)

3. Kapitel – Als Übersetzer, dünkt mir, ist man wohl nie fertig

Ungewohnte Töne wecken Peter aus dem Schlummer, in den ihn zum Ende des zweiten Kapitels die USIC-Krankenschwester gejagt hat:

‘Man, man, man.’ A deep, rueful, voice from the formless void. ‘That shit is one bad, bad motherfucker.’
‘Mind your language, BG. We got a religious person here with us.’
‘Well, ain’t that a lick on the dick. Gimme a hand outta this coffin, man.’

Die rauhen Gesellen, die ihn da aus der Umnachtung reißen, bestätigen seinen verwirrten, nach und nach erwachenden Sinnen (und Lesern), dass es geschafft ist: Er hat die Reise überlebt. Im Verlauf des Kapitels erfahren wir endlich, worauf er sich da eingelassen hat: Er war für einen ganzen Monat bewusstlos und wurde in der Zwischenzeit mittels hypermoderner Raumfahrttechnologie in einen weit entfernten Winkel des Universums katapultiert, in der Tat so weit, dass sie ihn mit Treibstoff und althergebrachter Navigationstechnik nie hätten erreichen können.

The ship had not yet begun the piloted phase of its journey; it had merely been catapulted through time and space by the physics-defying technology of the Jump. Now they were spinning aimlessly, somewhere in the general vicinity of where they needed to be, a ship in the shape of a swollen tick: big belly of fuel, tiny head.

Das Raumschiff war noch nicht in die gesteuerte Flugphase eingetreten; die Technik des Großen Sprungs hatte sie, allen Gesetzen der Physik trotzend, einfach durch Raum und Zeit katapultiert. Jetzt trudelten sie ziellos irgendwo in der ungefähren Zielgegend herum, ein Schiff wie eine geschwollene Zecke: großer Bauch voll Treibstoff, winziger Kopf.

Im Buch heißt diese Technik, wie gesehen „the Jump“, stets mit Großbuchstaben, was im Englischen ja schon ausreicht, um einen Fachterminus zu kennzeichnen. Für mich war dieser Begriff Anlass, eine gesonderte Datei anzulegen, in der ich seitdem zentrale Begriffe des Romans notiere, wenn ich nicht sicher bin, welche Übersetzung in Anbetracht aller ihrer Vorkommen die geeignetste sein wird.

Im Moment steht dort als Arbeitsübersetzung für „the Jump“: „der Große Sprung“. „Der Sprung“ schied für mich aus, da ja auch im Deutschen ersichtlich werden sollte, dass es nicht um irgendeinen Sprung, sondern um diese eine ganz besondere Zukunftstechnologie gehen soll. Zurzeit stehen in meiner Tabelle auch folgende weitere Möglichkeiten: „der Weite Sprung“, „der Hops“, „der HOPS“.

Ein anderes Beispiel in meiner Datei ist das Ziel, das Peter und seine drei Mitreisenden in ihrem Raumschiff ansteuern und das wir im dritten Kapitel endlich ein bisschen näher kennen lernen: Der Planet, den sie erreichen wollen, heißt „Oasis“ und USIC hat dort eine Art Raumstation aufgebaut. Peters Job, bisher so dunkel, weil es der personale Erzähler es nicht für nötig erachtete, uns mitzuteilen, was eigentlich los war, wird darin bestehen, die Außerirdischen, die auf diesem Planeten leben, zu missionieren. Deshalb die langatmige Verabschiedungsszene im ersten Kapitel, deshalb die aufwendigen, im zweiten Kapitel geschilderten Auswahlgespräche.

„Oasis“ also. Ein weiterer Name, ein weiteres Problem. Im Englischen ist „Oasis“ ja ganz einfach das Wort für „Oase“. Eine direkte Übersetzung auf rein deskriptiver Ebene wäre also sogar möglich. Mehrere Gründe sprechen allerdings gegen eine solche oberflächliche Lösung. Man nehme nur mal den folgenden Satz:

Once he got to Oasis, there would be facilities for sending a message to Beatrice.

Wie sollte eine sinnvolle Übersetzung dafür mit „Oase“ lauten? Etwa so:

Wenn er erstmal in Oase war, würde es möglich sein, Beatrice eine Nachricht zu schicken.

Oder gar so:

Wenn er erstmal in der Oase war, würde es möglich sein, Beatrice eine Nachricht zu schicken.

Beides klingt – anders als das englische Original – arg gekünstelt. Eine Alternative wäre also, das Wort als Namen „Oasis“ ganz unverändert zu lassen. Eine Freundin, die die ersten Kapitel lektorierte, favorisierte diese Version mit dem sehr validen Argument, in „Oasis“ klinge ja – doch sicher vom Autor intendiert!? – das mythische „Atlantis“ an.

Meine Arbeitsübersetzung war lange Zeit dennoch eine andere Variante, die zugegebenermaßen auf argumentativ wackligerer Grundlage errichtet war. In Anlehnung an unsere Benennung von Kontinenten machte ich aus dem englischen „Oasis“ zu Deutsch „Oasia“. Mir schien die Endung „-ia“ unserer Sprache zugänglicher – cave genitivum! – und weniger holprig als „-is“, zugleich aber auch phantastischer als das schnöde „-ien“. („Oasien“ klang mir dann doch zu sehr nach einem Land als nach einem Planeten bzw. einer Raumstation.)

Da meine zweite Lektorin „Oasia“ favorisiert (mit dem ebenfalls validen Argument, „Oasis“ klinge eben viel zu sehr nach einer Stadt und nicht nach einem Planeten), bin ich in dem Moment, in dem ich dies schreibe, hin- und hergerissen. Welche dieser Formulierung am Ende das Rennen macht, wird ohnehin erst zu entscheiden sein, wenn ich alle Vorkommen des Begriffs übersetzt habe. Denn wie immer ist hier der Kontext entscheidend, und bei derart vertrackten Entscheidungen empfiehlt es sich, möglichst viel Kontext aufzubauen, bevor man sich festlegt.

Das eigentliche Übersetzungsproblem bilden im dritten Kapitel ohnehin nicht die Namen und Orte, sondern die neuen Figuren der Geschichte, Peters testosterongetränkte Mitreisende. Was machen wir aus den eingangs zitierten Ausbrüchen des Afroamerikaners BG?

Flüche sind äußerst schwierig zu übersetzen, wie jeder weiß, der sich schon einmal gewundert hat, warum in synchronisierten Serien und Filmen aus Amerika immer plötzlich alles „verfickt“ ist. Das liegt wohl daran (ich erinnere an mein kleines sprachphilosophisches Modell aus der letzten Episode), dass sie gar nicht auf der deskriptiven Ebene funktionieren (das deutsche „Scheiße“ bezeichnet ja nur äußerst selten Exkremente), nur wenig auf expressiver Ebene, und dafür umso mehr auf der performativen Ebene. Wer flucht, sagt eigentlich nichts, sondern tut etwas.

Was folgt aus dieser Analyse für unsere Übersetzung der Eingangspassage? Es kann nicht darum gehen, die Sätze BGs Wort für Wort zu übersetzen, sonst käme folgende Lächerlichkeit dabei heraus:

„Mann, Mann, Mann.“ Eine tiefe, klägliche Stimme aus dem ungeformten Nichts. „Diese Scheiße ist ein schlimmer, schlimmer Mutterficker.“
„Pass auf, was du sagst, BG. Wir haben einen Prediger dabei.“
„Gut, ist das kein Gelutsche am Schwanz. Reich mir eine Hand aus diesem Sarg, Mann.“

Wer es besser machen will, also weniger lächerlich, kommt um einen kleinen Umweg nicht herum. Es geht darum, einen Deutsch sprechenden BG mit eigener Ausdrucksweise zu erfinden. Der deutsche BG muss nicht immer – deskriptiv – genau das gleiche sagen wie der englische, aber es muss – expressiv und vor allem performativ – genauso klingen, genau das gleiche tun.

Woher also käme ein deutschsprachiger BG? Diese Frage habe ich mir vor, während und nach dem Übersetzen immer wieder gestellt und glaube, ihm in der deutschen Rapszene näher gekommen zu sein. Das „expelling bravado“ („Schaumschlägerei“?) von Peters Mitreisenden kommt dem, was man zum Beispiel hier beobachten kann, recht nahe, denke ich:

Der (auch nur ausschnittsweise) Konsum derartiger Videos – dem Wortschatz übrigens bemerkenswert und überraschend zuträglich! – liefert keine direkten Antworten darauf, ob ein „Bro“ zu Deutsch jetzt ein „Bruder“, ein „Kumpel“ oder einfach ein „Bro“ ist, oder wie genau BGs antirassistisches Plädoyer („White pussy, black pussy, it’s all good.“) authentisch ins Deutsche zu bringen ist, aber Alter, wenn man sich genug solcher Videos reinzieht, adaptet man irgendwann einfach – dies, das – an den Slang und beginnt langsam, sich einen deutschen BG vorstellen zu können.

Nach intensivem linguistischem Selbststudium ist mein Vorschlag (Stand heute) also der Folgende:

„Mann, Mann, Mann.“ Eine tiefe, klägliche Stimme aus dem ungeformten Nichts. „Was für ein fetter, ab-ge-fuck-ter Scheißdreck.“
„Pass auf, was du sagst, BG. Wir haben einen Prediger dabei.“
„Alter, leck mich am Arsch. Hol mich aus dem Sarg hier raus, Mann.“

Kein Kapitel werde ich wohl noch so oft wieder und wieder lesen müssen wie das dritte, nach und nach von den Stelzen meines Übersetzungsbaumhäuschens herunter und auf die dreckige Straße der Realität bringen müssen. Es wird vielleicht – kleiner Spoiler: BG und Co. verschluckt nach der Landung in Oasis/Oasia nicht das Weltall, sie tauchen auch noch in weiteren Kapiteln auf – noch einige Stunden des Konsums von Hiphop.de bedürfen, bis sich auch alle Figuren des Romans wie echte Menschen anhören und nicht wie Wiedergänger aus einer anderen Sprache. Schon am heutigen Tag habe ich keines der bisher übersetzten Kapitel öfter redigiert als dieses und trotzdem steht es – BG sei Dank – auf der Liste der Kapitel, die ich „aber unbedingt nochmal anschauen muss, denn so kann man es ja wirklich noch nicht vorzeigen“ ganz oben.

Die Große Erkenntnis des dritten Kapitels war für mich, wie viel Arbeit die Übersetzung noch machen wird, wenn dereinst die letzte Seite niedergeschrieben ist. Sollten eines fernen Tages wirklich 600 übersetzte Seiten vor mir liegen, werden ebenso wie die Fachbegriffe des Buches auch die Figurenreden (und ebenso die Erzählerrede) vereinheitlicht und auf einen Stand gebracht werden müssen, der auch in meiner Version des Book of Strange New Things klar identifizierbare, glaubwürdige Figuren herausbildet. Der Lesedurchgang, der dann ansteht, könnte gut und gerne noch einmal genauso viel Zeit beanspruchen wie die Rohübersetzung selbst. Als Übersetzer, dünkt mir, ist man wohl nie fertig.

Bis zum Absturz

„Und, was hörst du so für Musik?“ Er war herübergekommen und stand ihr nun gegenüber, locker mit den Schultern vor- und zurückwippend.

„Barock“, antwortete sie.

„Ah“, sagte er. „die Rolling Stones find ich ja okay. Aber sonst ist das nichts für mich. Ich mags gern härter, verstehst du?“

„Nein, nein“, sagte sie schnell. „Nicht Rock. Barock.“

„Oh.“ Er schwieg eine Weile.

Dann fragte er: „Und wenn du mal richtig abtanzen willst, bis du nicht mehr kannst, bis zur Erschöpfung, bis zum Absturz, weißt du, bis dir dein Leben und das alles hier scheißegal wird?“

„Dann“, sagte sie und lächelte, „dann erst recht.“

Anybody Who Wasn’t Me

Liebe Leser_innen, heute empfehle ich Ihnen ein Buch. Ich empfehle es sogar nicht nur, ich lege es Ihnen ans Herz, so warm, so heiß, dass es Ihnen den Schweiß aus den Poren, Ihren Geldbeutel in die Hand und Ihren Hintern aus dem Sessel in die nächste Buchhandlung treiben wird. Ich verspreche es; vorab jedoch ein Eigentlich.

Eigentlich sollte man nämlich nicht. Eigentlich ist es tabu. Eigentlich sind Bücher, die ihre Verlage – wie dieses – als »Plädoyer für mehr Achtsamkeit« feilbieten, gar keine Literatur. Bücher, fiktionale noch dazu, die schon als »Plädoyer« daherkommen, überstülpen das fette, plumpe Megafon in ihrer Hand oft nur allzu notdürftig mit fadenscheinigem Handlungsgewebe. Getöse herrscht dann zu oft, wo lauschige Stille angebracht wäre. Nein, gute (um nicht zu sagen: große) Literatur hat ganz sicher kein Plädoyer zu sein; sie hat nicht irgendetwas zu fordern, dafür gibt es Flugschriften und Leitartikel. Ganz besondere Abscheu scheint geboten, wird ein Roman auch noch als »Plädoyer für mehr Achtsamkeit« gepriesen, als bräuchte es in Zeiten allgegenwärtigen Buddha-Feelgood-Mummenschanzes noch mehr »achtsamen« Ratgeber-Selbstbetrug. Nein, ein »Plädoyer für mehr Achtsamkeit« gehört definitiv nicht zu den Aufgaben guter Literatur. »Ein Plädoyer gegen Plädoyers«, das vielleicht. »Forderung nach dem Ende der Forderungen«. »Regelwerk zum Verbot der Regeln«.

So weit zu meinem privaten Regelkatalog.

Sehen wir jedoch, wie angekündigt, einmal von all dem ab, wenden wir einmal die letztere Regel auf sich selbst an und widmen uns einem Buch, das sich seinem deutschen Verlag zufolge als „Plädoyer für mehr Achtsamkeit“ verkaufen möchte, nämlich „Close Your Pretty Eyes“ von der britischen Schriftstellerin Sally Nicholls (dt. „Wünsche sind für Versager“, übersetzt von Beate Schäfer).

Die Handlung dieses Buches ist schnell zusammengefasst, ohne irgendetwas vorwegzunehmen: Olivia, elf Jahre alt, seit ihrem sechsten Lebensjahr in Pflegefamilien unterwegs, heimatlos, bindungslos, weltlos, ein Bündel Ich, das einsam über die Wasser der Welt treibt, strandet mal wieder im Schilf, wird aufgelesen, zieht bei Familie Ivey ein. Der sechzehnte Versuch für sie, das sechzehnte Pflegeheim, die letzte Chance. Hier soll sie endlich die Geborgenheit im Kreis einer Familie finden, die ihr das Schicksal seit jeher verwehrt. Da die Iveys jedoch ausgerechnet in einem Haus leben, in dem vor Jahrhunderten eine Kindsmörderin ihr Unwesen trieb, geschieht bald Schauerliches.

Die Figur der Olivia ist ein moderner Karl Moor, ein »Monster«, ein »Superheld«, eine radikale Egoistin, ein nietzscheanischer Übermensch, die sich alles und jeden untertan zu machen versucht. (Immer und immer wieder, geradezu obsessiv geht es im Roman um »Macht«/»power«, die zwischen Olivia und den diversen Erziehungspersonen um sie her ausgehandelt wird.) Sie stellt sich weit außerhalb aller gesellschaftlichen Konventionen (wie sollte sie sie auch kennen, wer sollte sie ihr auch anerzogen haben), empfindet Lust daran, andere zu beleidigen, zu schlagen, perfide zu quälen, um an der Stärke oder Schwäche der Gegenwehr ihrer Opfer ihre eigene Weltwirksamkeit, ihre eigene Realität zu messen. Sie hat keine Freunde, weil ihr Weltbild nur Über- und Unterordnung zulässt, aber keinen machtfreien Raum.

Olivia ist aber kein dummes Kind, sie kennt sich selbst und alle Menschen um sich sehr genau. Sie weiß um die Angst vor ihrer Gewalttätigkeit, und badet sich in ihr. Sie weiß, dass sie unfähig ist zu lieben und sich lieben zu lassen, obwohl sie sich zugleich nichts sehnlicher wünscht als genau das: geliebt zu werden.

Es sind zwei Gründe, warum Close Your Pretty Eyes zum Großartigsten zählt, was ich je lesen durfte: Erstens kommt mir Olivia wie eine Schlüsselfigur der modernen, radikal entgrenzten Welt vor. Jede Sicherheit erscheint ihr angesichts der allgegenwärtig lauernden Gefahr als Illusion, jede Unsicherheit andererseits als existenzielle Bedrohung. Dazwischen liegt nichts.

Der vollständige Liebes- und Geborgenheitsentzug, dem sie von Geburt an ausgesetzt war, hat bei ihr um achtzehn Jahre vorweggenommen, was jeder andere Mensch später erlebt, wenn er erwachsen wird. Bei all ihrer erschreckenden und zuweilen einschüchternden Jähzornigkeit und Irrationalität ist Olivia ein beeindruckend reifes, geradezu erwachsenes Kind, das die Lage der Dinge zuweilen besser durchschaut als alle anderen Beteiligten und das sich den

Ihre Urerfahrung – die wohl eigentlich die Urerfahrung des Erwachsenenwerdens ist – ist die Zufälligkeit der eigenen Existenz. Sie weiß intuitiv das, sie hat von klein auf gelernt, was andere erst schmerzvoll erfahren müssen: Dass ihr Dasein in der Welt weder von irgendjemandem gewollt noch für das Funktionieren der Dinge notwendig ist. Sie ist überzählig, sie steht außerhalb von allem und damit in der Position ultimativer innerer und äußerer Freiheit. In dieser Position entfalten selbstverständlich die zwei Grundkräfte der menschlichen Individualität (die vielleicht ein und dieselbe sind, wer weiß das schon?) maximale Wirkung: Die Zentripetalkraft, der Drang, so zu sein wie alle anderen, einerseits, und die Zentrifugalkraft, der Drang hinaus, gegen die Anpassung, in die Individualität.
Man kann Close Your Pretty Eyes als gesellschaftsphilosophisches Experiment lesen, das Möglichkeiten und Grenzen der Individuation im sozialen Zusammenhang austestet. Eine Frage, die ich mir nie zuvor zu stellen gewagt hatte, packte mich bei der Lektüre mit ungeheurer Wucht: Ist es nicht zutiefst tragisch, dass der oder die, die (wie Olivia) Lust am Verletzen anderer Menschen empfindet (und womöglich nur daran), diese Lust niemals ausleben kann? Sind die sozialen Regeln und Gesetze, die ihr dies verunmöglichen, überhaupt rechtfertigbar angesichts der Persönlichkeitskastration dieser armen Kreatur?

Man kann diese Fragen auch nicht mit dem Hinweis auf die allgemeine Sinnhaftigkeit von Regeln abtun, die Mord und Totschlag verhindern, man kann Hobbes oder Rousseau zitieren, ja, ja. Doch für das Individuum, für das die Regeln nichts als externe, willkürliche Beschränkungen sind, deren Logik nicht die seine ist, bleiben sie eine tiefe Kränkung, ein brutaler Machteingriff in die persönliche Freiheit; beengend, dramatisch, katastrophal.

Es ist dies nun wahrlich kein neuen literarischer Spielraum, das ist klar, und der Parallelen und Anspielungen auf die Sturm-und-Drang-Literatur gäbe es noch einige aufzuzählen, aber so kompromisslos und zugleich kristallklar habe ich selten einen Individuationsroman gelesen.

Zweitens handelt es sich hier – wieder eine Parallele zum Sturm und Drang – um einen großen Roman über die Möglichkeit von Sprache und Sprechen. Aus der Perspektive von Olivia, die uns als Ich-Erzählerin so eloquent ihr Innerstes darlegt, kann Sprache (als immer schon soziales Phänomen) kein Ausdrucksmittel sein, sondern nur Kaschierungsinstrument in den Händen der Normierungsinstanzen, die sich der Entfaltung ihrer Freiheit widersetzen. Ob es die Therapeutin ist, die sie zu ihren »Gefühlen« befragt (als ließen »Gefühle« sich benennen oder gar kom-munizieren!) und ihr alberne Selbstkontrolltechniken empfiehlt, ob es die Pflegeeltern sind, die ihr Tag für Tag sagen, wie »lieb« sie sie hätten, bis sie sie eines Tages ganz »lieb« vor die Tür und in die nächste »liebe« Pflegefamilie abschieben, ob es andere Kinder sind, die sie mit ihrem unausstehlichen Charakter konfrontieren: die Sprache der anderen steht in radikalem Widerspruch zum Innenleben der Protagonistin, und dazwischen verläuft keine Brücke. »I wanted to explain it properly«, sagt sie an einer Stelle, »so he’d understand and maybe not hate me. But I wasn’t sure it made sense to anybody who wasn’t me.«

Auf jegliche Diagnose, die die Gesellschaft von außen an sie heranträgt, stehen Olivia als radikaler Individualistin nur zwei Reaktionen zur Verfügung: Entweder Hohn, wenn die Diagnose ihre Selbstwahrnehmung nicht trifft. Oder, wenn sie trifft, verzweifelte Umdefinitionen des Selbst, um es dem Zugriff der mal aggressiven, mal fürsorglichen Außenwelt wieder zu entziehen.

Dahinter steht nichts als die verzweifelte Sehnsucht, geliebt zu werden, von innen her, sprach-los, bekenntnislos, bedingungslos, problemlos, wahrhaftig: letztendlich die Überwindung der Sprache. Natürlich ist dieser Wunsch zum Scheitern verdammt, natürlich wird Olivia in unserer Welt nicht geliebt werden können, natürlich steht ihr radikaler Freiheits-Gewalt-Trieb im Widerspruch zu allem, was einen Menschen in Gesellschaft liebens-würdig machen, und diese Erkenntnis kann einem als Leser_in die Seele zerreißen. Man verliebt sich in Olivia, man verfällt ihr, man hasst sie, man verspürt den Drang, sie – und mit ihr die ganze Welt und alles, was darinnen ist – zugleich zu umarmen und zu verprügeln. Was, wenn nicht in dem, der sich darauf einlässt, derlei Reaktionen hervorzurufen, sollte das Ziel hoher Literatur sein?

– Close Your Pretty Eyes, Marion Lloyd Books, 240 Seiten
– Wünsche sind für Versager, übersetzt von Beate Schäfer, Hanser, 224 Seiten

 

P.S.: Im englischsprachigen Original wartet das Buch im letzten Satz mit dem verzweifeltsten, hohnlachendsten, niederschmetterndsten, rührendsten Happy End auf, das ich je gelesen habe. Dies noch als Apettitanreger – sicher kein Spoiler – für alle, die sich nun in das Leseabenteuer stürzen.

Charlie kommt heim

Mein Großvater ist gestorben. Mein Großvater ist gestorben.

Diesmal ist es wirklich. Mein Großvater ist gestorben. Das hat er ja schon mal gemacht, vor zwei Jahren war das, aber damals war es nicht echt. Er hat dann doch noch gelebt. Jetzt lebt er aber echt nicht mehr. Opa ist nicht mehr da.

Ich muss das vielleicht ein bisschen mehr erklären. Ganz früher war ja noch Oma da, bei Mama hängen viele Fotos von ihr über dem Schreibtisch, auf manchen bin ich auch drauf. Damals war Mama noch ein Mädchen und ich war noch nicht Charlie und zu Opa gab es noch Oma dazu. Ziemlich lange ist das her. Das war auch das, was Mama immer gesagt hat, seitdem ich denken kann, das ist lange her.

Aber dann, vorletztes Jahr, zu Weihnachten, fing alles damit an, dass so ein Brief kam mit einem schicken schwarzen Rand drumherum. Als Mama den aufgemacht hat, saß sie keuchend am Küchentisch, mit weit aufgerissenen Augen. Als ich das zweite Mal schaute, lag sie in Tränen über die Stuhllehne gebeugt. Beim dritten Mal hatte Papa sie in den Arm genommen und wischte ihr ab und zu über das Gesicht. Als er mich bemerkte, versuchte er zu lächeln.

Ich setzte mich vorsichtig an den Tisch. Warum weint Mama, fragte ich. Was steht in dem Brief? Dein Großvater ist gestorben, sagte Papa.

Dieser Satz wanderte durch meine Ohren in meinen Kopf hinein und dröhnt dort bis heute nach. Dein Großvater ist gestorben. Dabei waren die Worte für mich ja damals ohne Bedeutung. Ich hatte keinen Großvater, ich hatte den kleinen alten Mann mit den weißen Haaren auf Mamas Schreibtisch, den ich nicht kannte, und ich hatte Willi von Erna und Willi, also Papas Papa, aber das war eben Willi, nicht Großvater. Und was sterben heißen soll, wusste ich erst recht nicht, ich war ja noch ganz und gar damit beschäftigt, leben zu lernen.

Aber ohne eigentlich zu verstehen, merkte ich sofort, dass diese Worte Macht hatten. Die Macht, Mama ohne Vorwarnung in etwas zu verwandeln, das mit ihr nur noch die braunen Haare gemeinsam hatte. Die Macht, mir einen tiefen Schrecken einzujagen.

Gleich am nächsten Morgen, Mama war immer noch ganz durcheinander, sind wir dann ins Auto gestiegen und ganz, ganz lange über die Autobahn gefahren, so lange wie noch nie vorher. Als wir schließlich gehalten haben und vor einem großen Eingangstor ausgestiegen sind, waren da schon ganz viele andere. Die sind gleich zu Mama hingelaufen, als wir aus dem Auto stiegen und haben sie umarmt, und da hat Mama schon wieder weinen müssen und die ganzen anderen auch.

Papa haben sie dann verlegen die Hand geschüttelt, der stand dabei, und mich haben sie so mitleidig angeschaut, wie Erwachsene mich immer anschauen, wie ich es hasse. Sie waren aber sehr ernst und sehr traurig, deshalb taten sie mir auch leid und fast hätte ich mitgeweint, auch wenn ich diesen Großvater ja gar nicht kannte.

Zum Glück kam es dazu dann aber nicht mehr. Drinnen in dem Haus stellte sich nämlich heraus, dass das gar nicht stimmte mit dem Dein Großvater ist gestorben. Er war ganz lebendig, ich habe ihn sofort erkannt, er sah genau so aus wie der alte Mann auf Mamas Schreibtisch. Mama und die anderen haben sich ganz verwirrt angesehen, so als stimme irgendwas nicht, aber dann sind ihre Augen ganz groß und weit geworden, noch ein Stück weiter als am Tag zuvor, und sie sind losgerannt und haben den alten Mann umarmt. Fast haben sie ihn erdrückt.

Es hat sich herausgestellt, dass er den Brief mit dem schicken schwarzen Rand als Einladung gemeint hat, damit wir alle zu ihm kommen. Nun, das hat ja auch geklappt. Und dann waren alle fröhlich und der alte Mann hat uns alle begrüßt und mir hat er ganz fest die Hand geschüttelt und gesagt, du musst die Lotte sein, und da mochte ich ihn sofort, obwohl er das gesagt hat, was alle immer sagen, dass ich ja schon ein großes Mädchen sei und so. Na ja. Ich habe ihm das verziehen.

Beim Essen später hat er dann ganz viel lustige Geschichten erzählt, und alle haben gelacht und waren fröhlich und auf der Rückfahrt hat Papa zu Mama gesagt, Mensch, so aufregende Weihnachten hatten wir ja lange nicht mehr, und da hat sie geseufzt und gar nichts gesagt. Und als er gesagt hat, Mensch, ist doch auch schön, dass wir deine Brüder mal wiedergesehen haben, da hat sie auch nichts gesagt, höchstens vielleicht gelächelt. Erst als ich gefragt habe, ob wir Opa bald wieder besuchen, da hat sie gesagt, ja bestimmt, mein Schatz. Bald.

Das war vor zwei Jahren. Danach sind wir noch zwei Mal den langen Weg zu seinem Haus gefahren, einmal im Sommer und einmal zu Weihnachten, letztes Jahr. Das erste Mal war es super, ich durfte draußen im Garten auf die Bäume klettern und es gab ganz viel zu essen und Opa war wieder genau so lustig wie zuvor.

Beim zweiten Mal war es Weihnachten und die ganzen anderen waren auch wieder da. Die haben wieder Mama umarmt, aber nicht mehr so lange wie das Jahr davor. Und Papa haben sie schnell die Hand gegeben, mich haben die meisten gar nicht angeschaut. Dann sind wir reingegangen und haben uns zum Essen hingesetzt und Opa hat wieder lustige Geschichten erzählt, aber diesmal war es nicht mehr so fröhlich wie vorher. Wenn er schwieg, war es unheimlich ruhig, deshalb war ich froh, wenn er wieder anfing, ins Leere zu erzählen, auch wenn ich vieles schon wusste, von dem, was er sagte. Mama und Papa guckten sich immer mit diesem Blick an, den ich von zu Hause kenne, wenn es irgendwas Wichtiges gibt, das ich nicht hören darf.

Es war dann auch schnell vorbei, wir sind am nächsten Morgen nach Hause gefahren. Kommt bald wieder, hat Opa uns hinterhergerufen, aber ich glaube, das hat Mama nicht mehr gehört.

Letzte Woche ist wieder ein Brief mit einem schwarzen Rand gekommen. Ich dachte ja erst, das ist wieder so eine Einladung, und Mama hat auch gleich den Telefonhörer in die Hand genommen, um anzurufen. Es gab lange keine Antwort, irgendwann ließ sie die Hand mit dem tutenden Hörer darin sinken und hat in die Ferne gestarrt. Dann hat sie wieder geweint, und Papa hat sie wieder in den Arm genommen, aber sie war dann irgendwie schnell fertig mit Weinen. Komm mal zu mir, mein Schatz, hat sie zu mir gesagt.

Dein Großvater ist gestorben. Da habe ich diesen Satz zum zweiten Mal gehört, aber wieder war ich gar nicht so erschüttert wie ich eigentlich sein sollte. Eigentlich war für mich ja mein Großvater schon die ganze Zeit gestorben, er stand da starr und stumm auf Mamas Schreibtisch. Dann hat er so getan, als ob er gestorben sei, und dadurch ist er für mich lebendig geworden. Irgendwie kompliziert. Jedenfalls hat dieser Satz jetzt plötzlich nicht mehr das gleiche bedeutet wie vorher, das habe ich sofort gespürt. Er hatte nicht mehr so viel Macht über Mama, und über mich auch nicht. Ist das nicht schön, dachte ich, vielleicht sollte man alle Sätze öfter sagen, dann nehmen wir ihnen die Bedeutung weg. Wäre das nicht besser?

Na ja, wir sind dann wieder den langen Weg gefahren, und die ganzen anderen waren wieder da, mit ihren Anzügen und Koffern. Sie haben wieder Mama umarmt, das hatten wir ja alles schon mal gehabt, sie haben Papa die Hand geschüttelt. Es war alles leer, niemand sagte irgendetwas. Niemand weinte. Niemand lachte. Als die Beerdigung vorbei war, sind alle wieder zu ihren Autos gegangen und sind nach Hause gefahren. Wir auch.

Erst abends, als wir heimkamen, ist Mama plötzlich zusammengebrochen. Sie hat die Tür aufgeschlossen, hat den Koffer in das leere Wohnzimmer gestellt, und dann lag sie plötzlich auf dem großen Teppich und hat geheult, wie ich noch nie irgendjemanden habe heulen sehen. Sie schrie geradezu. Sie wand sich da hinten auf dem Teppich wie ein großes Insekt, sie brüllte, sie wimmerte, sie schluchzte. Das machte mir Angst, richtig Angst, ich blieb erschrocken vorne im dunklen Flur, Papa nahm mich in den Arm. Vati, schrie Mama, immer wieder, nur dieses eine Wort, Vati, Vati!

Ich riss mich aus Papas Arm, rannte in mein Zimmer hinauf und presste mir mein Kissen gegen den Tränenstrom ins Gesicht. Es half nichts, das Kissen war bald durchnässt.

Mein Großvater ist gestorben.

 

Charlie fährt Zug

Neulich sind wir mal Zug gefahren. Das kommt nicht so oft vor, muss ich sagen. Sonst fahren wir Auto. Papa sagt sonst immer ach, und die vielen Menschen und dann gibt es Verspätungen und überhaupt, und dann sagt Mama, na gut, wenn du fährst, in Ordnung. Dieses Mal war es anders. Mama hat gesagt, es sind immer so viele Autos unterwegs und wer weiß, vielleicht wird es glatt und ob er – also mein Papa – das neulich gehört hat, wie viele Leute jedes Jahr auf der Autobahn umkommen und so weiter. Gut, hat Papa da gesagt und den Staubsauger ausgestellt, morgen gehe ich los und hole Fahrkarten. Wenn‘s sein muss, hat er dann noch gesagt, aber da röhrte der Staubsauger schon wieder los und ich glaube, dann hört man über zwei Stockwerke hinweg nicht mehr ganz so gut, was jemand gesagt hat.

So kam es also, dass wir im Zug saßen, ich neben Mama auf der einen, Papa gegenüber auf der anderen Seite. Wir nehmen immer einen Vierersitzplatz, das heißt, natürlich drei Plätze davon, wenn wir mal fahren, und dann setzen wir uns jedes Mal so hin, Mama und Papa am Fenster, ich neben Mama, drüben neben Papa der Fremde. Einmal saß da ein dicker Mann mit ganz vielen Schinkenbroten, einmal eine Oma, die alle zehn Minuten irgendeine Tablette schluckte, einmal ein Boxer mit einer riesigen Sporttasche, einmal saß da auch niemand.

Diesmal aber nicht. Diesmal saß neben Papa saß eine Frau mit großen Kopfhörern und einem dicken roten Schal um den Hals und las in einer Zeitschrift. Diesmal saß überhaupt nirgendwo niemand, der ganze Zug war voll, außer ein Sitz auf der anderen Seite vom Gang.

Auf der anderen Seite saßen zwei Eisbären. Eine große Eisbärdame, deren Hintern so fett war, dass sie zwei Plätze brauchte, und ein kleiner Eisbär, ihr gegenüber, am Fenster. Die Eisbärdame strickte, das Eisbärjunge las in einem Buch, da war ein großer, grüner Fisch auf dem Umschlag. Warum sich niemand neben den kleinen Eisbären setzen wollte, verstand ich nicht, er sah eigentlich ganz sympathisch aus.

Nun ja, so rasten wir also durch die Landschaft, die Eisbären, die Kopfhörerfrau, Mama und Papa und ich. Ich aß nach und nach unsere Reisevorräte an Schokolade leer, Papa schaute die Kühe draußen beim Grasen an, die Kühe schauten zurück, Mama döste, wie immer im Zug, und ich machte mir Gedanken über die beiden Eisbären da drüben. Ich habe neulich im Fernsehen gesehen, wie eine Eisscholle abschmilzt am Nordpol oder Südpol, ich weiß es nicht mehr genau, und wie darauf ein Eisbär durchs Meer getrieben ist. Das Meer wird immer wärmer, haben sie gesagt, die Eisbären haben immer weniger Platz zum Leben. Dann habe ich mir vorgestellt, dass diese Eisbärin eines Tages zu ihrem Jungen gesagt hat, komm, nehmen wir uns eine Eisscholle, wir gehen auf Weltreise. Und dann sind sie über die Weltmeere gefahren und den Fluss hinaufgeschwommen und irgendwann bei uns angekommen, die Treppe hinaufgestiegen, die in der Nähe vom Bahnhof direkt zum Wasser führt, und dann waren sie plötzlich da und sind in den Zug eingestiegen. Einfach so.

In solchen Träumen schwamm die Zeit dahin. Gerade beobachtete ich, wie die Eisbärdame erst die Stricknadeln, dann den Kopf und schließlich ihre breiten, weißen Eisbärinnenschultern sinken ließ und mit leisem Schnarchen einschlief, da zuckte ich plötzlich zusammen, denn hinten, am fernen Ende des Ganges, kam der Schaffner durch die Waggontür.

„Fahrkarten, bitte,“ dröhnte es hart durch den Wagen, und mir stieg sofort der Schreck in die Kehle, aber die Eisbärdame ließ sich gar nichts anmerken und schnarchte weiter vor sich hin. Der Schaffner – ich sah ihm dabei zu, wie er sich langsam den Weg durch die ihm entgegenwedelnden Fahrscheine in unsere Richtung bahnte – warf schon von Ferne besorgt-verärgerte Blicke auf die beiden Eisbären und wiederholte sein „Fahrkarten bitte“ jedes Mal ein bisschen lauter, bis er plötzlich direkt vor uns stand, neben mir, groß und massig. Er atmete laut. Es roch nach Schweiß.

Die Frau mit dem Schal war als erste an der Reihe. Schüchtern lächelnd, ohne ihre Kopfhörer abzusetzen, kramte sie ein vergilbtes Blättchen hervor und hielt es ihm hin. Herzklopfen. Alles in Ordnung. Und Sie? Jetzt waren wir dran. Ich schaute zu Papa hinüber, Papa schaute Mama an, Mama schaute Papa an und sagte, du hast die bei dir, in der schwarzen Tasche. Ach so, richtig, sagte Papa. Entschuldigung. Er bückte sich unter den Tisch und suchte da irgendwo in der schwarzen Tasche herum. Der Schaffner trat ungeduldig von einem Fuß auf den anderen und wiegte seinen großen Tacker in der Hand wie eine Keule.

Bitte schön, sagte Papa schließlich, als er wieder auftauchte, drei Mal. Er streckte die drei Fahrkarten aus, der Schaffner schnappte nach ihnen und studierte sie eingehend. Er warf jedem von uns über den Rand der Karten einen kritischen Blick zu, so als gelte es eher uns zu prüfen als die Papiere, zog dann seine Tackerkeule hervor und lochte die Karten, langsam, nacheinander, eins, Pause, zwei, Pause, noch ein kritischer Blick, drei. Geschafft.

Dann drehte er sich schnell zu den beiden Eisbären um. So, sagte er laut, Fahrkarten bitte, tickets please. Die Eisbärdame rührte sich nicht, das Eisbärjunge schaute ganz erschrocken mit offenen Augen über sein Fischbuch hinweg. Tickets please, rief er nochmal, und als die Eisbärdame noch immer keine Reaktion zeigen wollte, fasste er sie unsanft am Vorderarm an und rüttelte sie wach. Tickets please, or do you have cash?, rief er. Die Eisbärdame schaute verdutzt, aber sagte nichts. Ticket, rief er, oder cash, sonst müssen sie am nächsten Halt raus, verstanden?

Die Eisbärdame runzelte leicht die Stirn, beugte sich zu ihrem Kind hinüber und sagte etwas auf Eisbärisch zu ihm, das Kind nickte und legte das Buch auf den Tisch. Sie tat ihr Strickzeug dazu, dann sah sie den Schaffner treuherzig an, der schon sehr nervös wirkte. Haben Sie Ihren Ausweis dabei, rief er jetzt schon sehr laut, passport, you understand? Sonst muss ich die Polizei rufen! Die Eisbärdame legte beide Pfoten auf den Tisch und stieß einen grunzenden Seufzer aus. Da floh der Schaffner entnervt aus dem Wagen, nicht ohne wutentbrannt allen zuzurufen, das gehe so nicht, er hole jetzt den Zugchef.

Die Frau neben Papa hatte ihre Kopfhörer abgelegt und lehnte sich über den Gang zu den beiden Eisbären. Entschuldigung, sagte sie freundlich, brauchen Sie Hilfe? Do you need translation? Parlez-vous français? Die Eisbärdame lächelte freundlich zurück, aber sagte nur etwas auf Eisbärisch, das die Kopfhörerfrau nicht verstand. Sie machte eine unbeholfene Geste mit der Hand und lächelte zurück, dann sagte sie noch, machen Sie sich keine Sorgen, und setzte wieder die Kopfhörer auf.

Zwei Minuten später kam der große, nervöse, nach Schweiß riechende Schaffner mit einem kleinen, gegelten, schlipstragenden zurück. Was ist hier das Problem, sagte der Kleine. Um Sie geht es also? Do you speak English? Die Eisbärdame hatte es aufgegeben, auf die Wörter zu reagieren, die auf sie einprasselten, sie schaute nur noch mit stiller Miene ins Ungefähre. Der kleine Eisbär sah aus dem Fenster.

Listen, sagte der Zugchef, you need a ticket. It‘s Deutschland here. Sonst muss ich die Polizei rufen. Haben Sie immerhin einen Pass dabei, passport? Wenn Sie aus dem Zoo geflohen sind, brauchen Sie einen Passierschein, sonst muss ich Sie wieder zurückschicken. Recht und Ordnung muss gelten, auch für Tiere, auch für geflohene Tiere. We have rules here in Germany, you understand?

Entschuldigung, sagte da schon wieder die Frau mit dem großen Schal und nahm ihre Kopfhörer ab, die beiden sprechen kein Englisch. Sie sind fremd hier. Lassen Sie sie doch in Ruhe.

Entschuldigung, gab da der Große zurück, das ist nicht Ihre Sache, es gibt hier einfach Regeln, und wer keinen Fahrschein hat, kann nicht weiterfahren, das müssen die doch verstehen. You need a ticket, sagte er im Umdrehen, aber die Eisbärin verstand leider nicht. Die Frau setzte die Kopfhörer wieder auf und verdrehte die Augen, aber das sah nur ich, sonst niemand. Ich musste kichern. Der kleine Schaffner sah mich böse an, Mama legte mir den Arm auf den Ellbogen.

Also, ich rufe jetzt die Polizei, dass die die beiden holen, sagte der Kleine zum Großen, das geht so nicht weiter. Wirklich. Der Große nickte, der Kleine nestelte hektisch und für alle sichtbar an seinem schwarzen Handy herum. Ja, sprach er dann, er stand immer noch mitten im Gang, Schulze hier vom ICE Richtung Frankfurt. Kommen Sie bitte zur Ankunft an Gleis 3, wir haben da zwei flüchtige Eisbären ohne Fahrschein, ohne Passierschein, ohne Ausweis, ohne Geld. Pause. Schweigen im ganzen Waggon. Ja, einfach in Gewahrsam. Pause. Wirklich, ich finde auch, das muss man sich eben vorher überlegen. Pause. Alles klar, bis gleich.

Er nahm das Handy herunter und grinste. Das wäre also erledigt, sagte er, aber es war nicht erledigt, denn von irgendwo war jetzt ein junger Mann mit Bart hergekommen und baute sich vor den beiden Schaffnern auf.

Entschuldigung, sagte der Mann, ist Ihnen bewusst, dass es eine Tierrechtscharta gibt, diese beiden haben Schreckliches erlebt, und daran sind wir alle schuld, überlegen Sie sich das mal. Dagegen sollten Sie was tun. Wir alle sollten dagegen was tun.

Plötzlich sahen alle im Waggon zu ihm herüber, sogar die Eisbären blickten auf.

Entschuldigung, gab wieder der Große zurück, das geht Sie gar nichts an. Ich bin nicht das Sozialamt, ich bin kein Tierschutzverein, ich bin Schaffner und diese beiden. Er zögerte. Fahrgäste haben keinen gültigen Fahrschein für diese Fahrt. Wo kämen wir denn da hin, wenn jeder ein- und aussteigt, wie er gerade will. Die beiden hier erschleichen sich gerade widerrechtlich eine Leistung der Deutschen Bahn, darunter haben wir alle zu leiden.

Ach, sagte der Bärtige, hier leidet doch niemand, außer den beiden Eisbären, haben Sie doch Mitleid mit diesen armen Kreaturen.

Er sah sich um, aber um das Mitleid war es nicht gut bestellt. Die Aufmerksamkeit war verflogen, die meisten Leute schauten wieder in ihre Handys oder hatten die Augen geschlossen.

Jetzt gehen Sie mal aus dem Weg, guter Mann, lassen Sie das unsere Sorge sein, sagte der Kleine und schob den Bärtigen beiseite, einen schönen Tag noch. Und dann zogen Sie ab, der Große und der Kleine, und ließen uns alle zurück. Ach Scheiße, sagte der Bärtige, verdammter deutscher Polizeistaat, schüttelte den Kopf, fuhr sich nachdenklich durch den Bart, trottete dann wieder zu seinem Platz weiter hinten im Gang und vertiefte sich in irgendeine Zeitschrift.

Es dauerte noch etwa zehn Minuten, dann hielt der Zug im nächsten Bahnhof. Die Türen gingen auf, ein paar schwarzgekleidete, bewaffnete Polizisten kamen in den Zug und nahmen die verdutzten Eisbären mit, durch das Spalier großer Augen hindurch, die Türen gingen zu, der Zug fuhr an.

Ein Knacken, ein Rauschen.

Guten Abend, meine sehr verehrten Damen und Herren, willkommen in unserem ICE auf der Fahrt nach Frankfurt am Main. Wir wünschen Ihnen eine angenehme Fahrt.

Good evening, ladies and gentlemen, welcome on board our ICE to Frankfurt am Main. We wish you a pleasant journey.