Die Überraschung der Woche (IV)

Gegenstand heute: Ein blauer Kreisel, der mit Wasser gefüllt werden kann und dann beim Kreiseln dieses in die Umgebung verspritzt.

 

Lieber Felix,

die kreiselnden, Bewegung simulierenden, aber stets statisch bleibenden Objekte verfolgen dich. Was ist das für ein Leben, heftig nach außen sprühend, alles, das nicht getroffen werden will, aus seiner Nähe vertreibend, Gefahr heischend, gefährlich tuend;  doch dann – nur wenig später – erlahmt und ohne Kraft mehr sich auch nur langsam weiter zu bewegen, zusammenzufallen und auf Hilfe wartend einsam herumzuliegen, angewiesen auf die Hilfe der großen Hand, von der allein es abhängt, ob du dein zielloses Spiel erneut spielen kannst.

Sicher, es muss Spaß machen, gerade in der Hitze, auch den anderen Kühlung verschaffen zu können, doch auch dafür bist du zu klein; du kannst bloß so tun als ob; in Wahrheit wirst du von überallher belächelt ob deiner aufgeregten Harmlosigkeit. Was also willst du? Siehst du bloß dich selbst, ist dein wildes Kreiseln der sinnlose Versuch, dir selbst in der Mitte deines Seins zu entkommen? Oder ist deiner armseligen Existenz schon dieses wenige bisschen Aufmerksamkeit genug, all dein Inneres in die Welt hinauszuschleudern und darin glücklich zu werden?

Ich jedenfalls werde aus diesem Orakel immer weniger schlau und bin gespannt auf die nächste Woche. Wenn du mir erklären kannst, was diese ganzen Räder, Kreisel und Autos zu bedeuten haben, dann melde dich doch mal bei mir, du hast mir das ganze hier schließlich eingebrockt.

Viele Grüße, du alte Samenschleuder!

Dein Klaus

 

Der lyrische Kommentar:

Das eilende Schiff, es kommt durch die Wogen
wie Sturmwind geflogen.
Mit Jubel verkünden der Stimmen gar viele:
Wir nahen dem Ziele!
Der Fährmann am Steuer nur stöhnet leise:
Wir segeln im Kreise!

– Marie Ebner-Eschenbach

Advertisements

Die Überraschung der Woche (III)

Gegenstand heute: Ein gelbes Rad mit fünf Speichen, das sich mithilfe einer Art Dockingstation mit Zahnrad und eines etwa fünf Zentimeter langen Stab, der durch die Station gezogen wird, beschleunigen lässt und das daraufhin geradeaus losrollt, bis es auf ein unüberwindliches Hindernis trifft.

Rad

Lieber Felix,

mir schwirrt der Kopf! Die Metaphern brechen ihre Eischale auf, kriechen heraus, machen sich selbstständig und übernehmen die Kontrolle!

Du erinnerst dich sicher noch an die vielen Rad-Schläge und Wünsche, die ich dir vor zwei Wochen mit diesem Präsent auf den Weg gegeben hatte. Doch jetzt erst, da mich geradezu das Rad selbst eigenmächtig auf sein Potenzial hingewiesen hat, merke ich, dass die wichtigste Eigenschaft nicht in meinem Brief aufgetaucht war.  Die Wiederkehr! Das Rad, gleich so wie es sich selbst um sich selbst dreht, bringt sich mir erneut in die Hände, als hätte es kraft seiner eigenen revolvierenden Kraft sich selbst mir entgegengerollt!

Was soll uns dieser unverkennbare Schicksalswink verraten? Das gute und wertvolle kehrt wieder, und zwar viel eher als man es sich erhofft. Beharre auf dem, wovon du weißt, dass es gut ist. Es wird dich ohnehin immer verfolgen, gleich dem fortgestoßenen Rad dir hinterherrollen, dort schon warten, wo du erst langsam dich hinbewegst.

Vergiss nie, dass, so weit du auch rollen magst, du doch stets nur um dich selbst kreist, mit immer den gleichen Sohlen den Boden berührst, mit immer den gleichen Augen in die Welt siehst und dass du letztendlich dich zurückwenden wirst dorthin, von wo du jetzt sehnsuchtsvoll aufrbrichst.

Eine weite Reise? Vielleicht.
Sicher aber: eine Rückkehr.

Dein Klaus

 

Der lyrische Kommentar:

Du kommst und gehst. Die Türen fallen
viel sanfter zu, fast ohne Wehn.
Du bist der Leiseste von Allen,
die durch die leisen Häuser gehn.

Man kann sich so an dich gewöhnen,
dass man nicht aus dem Buche schaut,
wenn seine Bilder sich verschönen,

von deinem Schatten überblaut;
weil dich die Dinge immer tönen,
nur einmal leis und einmal laut.

Oft wenn ich dich in Sinnen sehe,
verteilt sich deine Allgestalt:
du gehst wie lauter lichte Rehe
und ich bin dunkel und bin Wald.

Du bist ein Rad, an dem ich stehe:
von deinen vielen dunklen Achsen
wird immer wieder eine schwer
und dreht sich näher zu mir her,

und meine willigen Werke wachsen
von Wiederkehr zu Wiederkehr.

– Rainer Maria Rilke

 

 

Die Überraschung der Woche (II)

Gegenstand heute: Ein dreifarbiges Rennauto mit drei Rädern, das mithilfe eines Gummibandes stark beschleunigt werden kann.

Rennwagen

Lieber Felix,

du bist ja wohl ganz schön fix unterwegs, wenn mein Überraschungseiorakel sich nicht täuscht. Was soll uns dieser heiße Schlitten nur über deine Zukunft verraten?

Stromlinienförmig, wie du eben bist und wie du dich stets ohne jegliches möchtegernpubertäres Aufbegehren an den liebgewonnenen Mainstream angepasst hast, rast dieses Auto todesmutig auch in unbekannte Gefilde; unbarmerhzig losgestoßen von der Gummimechanik, rollt es voran und voran, bis der Impetus verbraucht ist. (Ein Motiv übrigens, das letzte Woche auch schon nicht zu übersehen war, an deiner Stelle würde ich mich vorsehen und ausreichend Burnout-Ratgeber einpacken .)

Und jetzt das mainstreamigste, stromlinienförmigste, das du überhaupt nur hättest planen können: Ein Jahr „im Ausland“! Du hast sicher gut die Berichte gelesen, die aller Welt diese angblich so „besondere“ Erfahrung als ultimative Krönung jedes Lebenslaufes anpreist. Du schwimmst schön im Strom der Gutmeinenden und Engagierten, ohne Angriffsfläche, ohne Reibungsverlust — aber wo bist du?

Genug der Invektive. Die symbolische Zahl diese Woche lautet: drei. Drei Farben am Auto, drei Räder, dreieckige Form… Folgende drei guten Wünsche gebe ich dir abschließend noch mit:

Erstens: Mach endlich mal deinen Führerschein! Am besten in Ecuador. Das wäre doch die perfekte Auflehnung gegen die Welt, die du dir heimlich erträumst: unversichert und gegen die weltwärts-Vorschriften in Ecuador Auto fahren zu lernen. Traurig, wer das schon Freiheit nennen muss. Aber ohne Fahrerlaubnis wirst du den Karren deines Lebens ebenso schnurstracks gegen die Wand steuern, wie auch dieses Auto fährt.

Zweitens: Im Cockpit ist nur Platz für einen. Du bist jetzt auf dich alleine gestellt. Mach das beste draus.

Drittens: Versprich niemandem drei gute Wünsche, wenn dir nur zwei einfallen. Viel Spaß!

Dein Klaus

 

Der lyrische Kommentar:

Feuriger Gott aus stählernem Geschlecht,
Automobil, das fernensüchtig
geängstigt stampft, in scharfen Zähnen das Gebiss!
Japanisch-fürchterliches Untier, schmiederfeueräugig, mit Flammen und mit Ölen aufgenährt, nach Horizonten gierig und nach Sternenbeute.
Ich lasse den metallenen Zügel los und du
Stürmst trunken in befreiende Unendlichkeit.

– Filippo Tommaso Marinetti

Die Überraschung der Woche (I)

Zu besonderen Anlässen; Geburtstagen, Jubiläen oder anderen langweiligen Feiern werden gerne belanglose Gegenstände überreicht, um die herum dann eine tiefgründige philosophische Rede gehalten wird, warum ausgerechnet dieser und kein anderer Gegenstand den Beschenkten besonders symbolisiere oder „zu ihm passe“. Weil ich so etwas auch unbedingt haben möchte und die schiefen Metaphern, flachen Sinnsprüchlein und schmalzigen Anwanzungen dieser Gelegenheiten so liebe, werde ich ab sofort jede Woche meinen imaginären Freund Klaus losschicken, mir den Inhalt eines zufällig ausgewählten Überraschungseis zu überreichen und auf dem angemessenen philosophischen Level zu interpretieren. Seine Reden dokumentiere ich hier ungekürzt.

Gegenstand heute: Ein gelbes Rad mit fünf Speichen, das sich mithilfe einer Art Dockingstation mit Zahnrad und eines etwa fünf Zentimeter langen Stab, der durch die Station gezogen wird, beschleunigen lässt und das daraufhin geradeaus losrollt, bis es auf ein unüberwindliches Hindernis trifft.

Rad

Lieber Felix,

was für eine runde Sache, dieses Geschenk!

Denn genau wie auch das Rad, das erwartungsvoll herumkippelnd an der Nabenbefestigung hängt, ungeduldig die heftige Beschleunigung erwartend, die es sogleich erfahren wird, wartest ja auch du, etwas unruhig kippelnd, in deinem Leben auf die erste ganz große Beschleunigung.

Bisher hast du deine Verankerung an heimischen Dockingstation nie wirklich gelöst, hast immer nur selbstgefällig um dich selbst rotiert wie dieses Rad, das in alle Richtungen sich umschauen, nie aber den eigenen Standpunkt verlassen kann; doch nun, wenn du dich bald ins Flugzeug setzt und wie das Rad dich überstürzend und kopfüber, kopfunter, vor lauter neuer Umgebung und Schwindel vielleicht in die Orientierungslosigkeit der Fremde stürzend, wird all das dir nur noch von Ferne winken.

Doch sieh dich vor: auch kleine Hindernisse können das so lustig losgerollte Rad aus der Bahn werfen. Du kannst leicht sehen, wie eine kleine Unebenheit, ein Loch oder ein Hügel den Weg, der ja auch deiner ist, behindern und dich auch ganz zu Fall bringen können. Drum mögest du genug Energie haben, genug Drehmoment, auch diese kleinen Hindernisse so leicht zu überwinden, wie du die Trägheit zu Beginn deiner Reise hattest.

Die fünf Speichen des Rades sollen für deine fünf Sinne stehen; mögen sie dich immer wach und aufmerksam durch deine neue Welt geleiten! In alle Richtungen gerichtet, mögen sie dir eine stete Stütze sein, damit du nie verzagst oder deine runde Oberfläche eiförmig werde.

Mit den besten Wünschen,
dein Klaus

Der lyrische Kommentar:

Ich sitze am Straßenhang.
Der Fahrer wechselt das Rad.
Ich bin nicht gern, wo ich herkomme.
Ich bin nicht gern, wo ich hinfahre.
Warum sehe ich den Radwechsel
mit Ungeduld?

– Bertolt Brecht