Proust über Musik

„Das Andante hatte eben mit einem von Süße überströmenden Thema geendet, einer Süße, der ich mich ganz und gar überlassen hatte; dann folgte vor dem nächsten Satz eine Pause, in der die Ausführenden ihre Instrumente ablegten und die Zuhörer einige Eindrücke austauschten. Um zu zeigen, dass er etwas davon verstand, erklärte ein anwesender Herzog: ‚Das ist sehr schwer richtig zu spielen!‘ Angenehmere Leute unterhielten sich einen Augenblick mit mir. Doch was bedeuteten ihre Worte, die wie jede nur am Äußerlichen haftende menschliche Rede mich so gleichgültig ließen, verglichen mit dem himmlischen musikalischen Thema, mit dem ich mich zuvor unterhalten hatte? Ich fühlte mich wahrlich wie ein aus dem Rausch des Paradieses gefallener Engel, der in der trivialsten Wirklichkeit landet. Und ich fragte mich, ob nicht die Musik, ebenso wie gewisse Wesen die letzten Zeugen einer Lebensform sind, die die Natur aufgegeben hat, das einzige Beispiel dessen ist, was – hätte es keine Erfindung der Sprache, Bildung von Wörtern, Analyse der Ideen gegeben – die Verständigung der Seelen hätte sein können…“

– Marcel Proust, Die Gefangene (Ü Eva Rechel-Mertens)

„Photography is not permitted“, stand überall auf dem Boden der Ausstellung von Sebastião Salgado. Wer auch immer das dort hinschrieb: ob sie wohl ahnte, dass es kaum einen weiseren Kommentar zu den ausgestellten Photographien hätte geben können?

Musik als aktiver Widerstand

„Der Probenanfang am Montag war höchst dramatisch. Die New York Times hatte in der Sonntagsausgabe am Tag zuvor ein ganzseitiges Interview mit Karlheinz veröffentlicht, in dem er sich nicht diplomatisch geäußert hatte: Statt zu sagen, dass er sich freuen würde, jetzt mit diesem Orchester zusammenzukommen und so weiter, sagte er fast das Gegenteil: endlich täte dieses Orchester mal was für die Neue Musik. Das war natürlich nicht die klügste Entscheidung, so ein Interview zu geben. Am ersten Probentag herrschte nun eine unglaubliche, ja unerträgliche Spannung zwischen dem Orchester und ihm. Das wirkte sich natürlich auf die Arbeit aus, alles war schwierig und zäh, viele Diskussionen, viele Erklärungen und großer Widerwille seitens der Musiker. Für Karlheinz muss das damals eine sehr schwere Situation gewesen sein. Denn es war auch seine erste Erfahrung mit dem, was er gemacht hat, also er hat zum ersten Mal das Notierte gehört. In der ersten Probe ist es immer sehr schwer auseinanderzuhalten, was der Fehler des Komponisten und was ist der Fehler der Musiker ist, wenn etwas nicht funktioniert.

[Das Verhalten der Musiker während der Uraufführung] war wirklich eine Überraschung. Sie haben sich im Konzert ausgetobt. Heute, nach so vielen Jahren Abstand, ist das nur noch eine Anekdote.
Aber damals war es für das Orchester die einzige Möglichkeit, sich abzureagieren, indem die Musiker beim Konzert allen möglichen Blödsinn machten: Cellisten, diesich das Instrument an den Kopf hielten, sich herumdrehten und zum Publikum hinlächelten, um zu zeigen, welchen großen Quatsch wir hier machen. Das war die Abreaktion von der ganzen Probenzeit, während derer sie sich korrekt verhalten mussten. In New York war die Ordnung des Orchesters so, dass ein Musiker während der Probe nichts sagen durfte. Er konnte nur den Stimmführer benachrichtigen, dass er irgendwelche Fragen hat. Wenn dann der Stimmführer, etwa der 1. Trompeter, dachte, dass er diese Frage an den Dirigenten weiterleiten sollte, dann fragte er: »Maestro, soll der 4. Trompeter an jener Stelle mit Dämpfer spielen oder nicht.« Sehr kompliziert. Während der Probenzeit befand sich das Orchester in einem Zustand passiver Resistenz, im Konzert wurde es nun ein aktiver Widerstand.“

-Peter Eötvös über die Uraufführung von Karlheinz Stockhausens Hymnen (Fassung mit Orchester) 1971

Musik zum Sonntag (XLVII)

Musique Parisienne (3)

Unten waren die Flügeltüren des Theaters aufgerissen worden, als das tanzende Frühlingsopfer hinaus ins Freie stürmte, hinter sich die aufgebracht tobende Menge der Zuschauer, vor sich die Stadt. Die Ströme aus dem Parkett ergossen sich auf die Straßen und waberten in die Stadt hinein, sie stolperten im Sog der Ekstase in ihre Wagen und preschten auf die Boulevards hinaus, sie blockierten den Verkehr, sie überschwemmten die Metrotunnel und sprangen in das schwarze Wasser der Brunnen, sie  kaperten Busse und überwanden die Zäune der längst abgesperrten Parks. Immer mehr Menschen schlossen sich der wild stampfenden und grölenden Menge an, einander beschimpfend, der Tänzerin folgend, die dort vorne – schon nicht mehr von dieser Welt – ihrem Schicksal entgegentanzte. Über Brücken und durch Tunnel walzte sich die unaufhaltsame Welle, durch die Tür in Häuser hinein und übers Dach wieder hinaus, und in den Fluss, der schon unter den Füßen der Horden zu einem schlammigen Graben geworden war. Über den grauen Dächern der Stadt stieg bald Rauch auf, dann erleuchteten erste Feuer das Dunkel der Nacht.

Oben, auf dem Balkon, saß der Komponist auf dem Balkon und erhob sein Glas. Für eine Nacht war die Stadt sein, ein großes Kunstwerk – sein Kunstwerk. Er leerte das Glas und sah in die leuchtende Nacht hinaus, dann sprang er.

Musik zum Sonntag (XLIV)

Dass unoriginellerweise Johann Sebastian Bach ein sehr hell leuchtender Stern am Firmament meines Musikgeschmacks ist, haben aufmerksame Leser dieser allwochenendlichen Bespaßung ja schon gelernt. Diese Woche allerdings stelle ich ein Mitglied seiner weitverzweigten Familie vor: den kaum bekannten Bachsohn P.D.Q. Bach (*1.4.1742).

Weder mit Talent noch mit außerordentlichem Fleiß begabt, wurde der Junge vom schon etwas greisen Vater zeitlebens vernachlässigt und schlug erst spät eine wenigversprechende Musikerkarriere ein, deren hervorstechendes Merkmal außerordentliche Begabungslosigkeit gewesen zu sein scheint. Dieser Mangel hielt P.D.Q. Bach aber nicht davon ab, ein beachtliches Œuvre zu hinterlassen, das weitestgehend aus zusammenkopierten Versatzstücken anderer Komponisten bestand. Hätten Zeitgenossen seine umfangreiche Produktion auch nur zur Kenntnis genommen, wären ihm schwere Plagiatsvorwürfe wohl nicht erspart geblieben, so aber konnte er, zum Unglück der Musikgeschichte, weiter komponieren und innovative, wenngleich von nachfolgenden Generationen gänzlich unbeachtet gelassene Genres in die Welt setzen wie Pervertimento, Schleptett oder Serenackte.

Diese Aufzeichnung der Sonate für vierhändige Bratsche und Cembalo kann wahrscheinlich nur einen unzureichenden Eindruck vom Dilettantismus P.D.Q. Bachs eigener Aufführungen vermitteln:

Noch erfolgloser als im Komponistenberuf war der letzte Bachsohn nur als Instrumentenerfinder. Seine Kreationen wie Fasaune (die das Schlechteste von Posaune und Fagott vereint), Doppelrohrblattzug-Notenständer oder Lasso d’Amore sind berechtigterweise allesamt vergessen und von anderen Komponisten nie verwendete Kuriosa der Musikgeschichte geblieben.

Einen Eindruck von der beachtlich geistlosen Kompositionstechnik P.D.Q. Bachs können Sie sich im folgenden Werk machen, das offenbar ausschließlich aus zusammengefügten Phrasen anderer Komponisten besteht. Man wird wohl dem Musikhistoriker Peter Schickele zustimmen müssen, der diese umstrittene Figur überhaupt erst in die Musikgeschichtsschreibung eingefügt hat, wenn er schreibt:

„P.D.Q. Bach war ein Mann, der den Gang der Musik nicht um ein Jota veränderte, ein Mann, der die Lehre von der Originalität durch Unfähigkeit endgültig definierte, ein Mann, der über das gewaltigste Hindernis triumphierte, vor dem je ein Komponist gestanden hat: das absolute und völlige Fehlen von Begabung.“

 

Musik zum Sonntag (XLIII)

Verdaustig war’s, und glaße Wieben
rotterten gorkicht im Gemank.
Gar elump war der Pluckerwank,
und die gabben Schweisel frieben.

„Hab acht vorm Zipferlak, mein Kind!
Sein Maul ist beiß, sein Griff ist bohr.
Vorm Fliegelflagel sieh dich vor,
dem mampfen Schnatterrind.“

Er zückt‘ sein scharfgebifftes Schwert,
den Feind zu futzen ohne Saum,
und lehnt‘ sich an den Dudelbaum
und stand da lang in sich gekehrt.

In sich gekeimt, so stand er hier,
da kam verschnoff der Zipferlak
mit Flammenlefze angewackt
und gurgt‘ in seiner Gier.

Mit Eins! und Zwei! und bis auf’s Bein!
Die biffe Klinge ritscheropf!
Trennt‘ er vom Hals den toten Kopf,
und wichernd sprengt‘ er heim.

„Vom Zipferlak hast uns befreit?
Komm an mein Herz, aromer Sohn!
Oh, blumer Tag! Oh, schlusse Fron!“
So kröpfte er vor Freud‘.

Verdaustig war’s, und glaße Wieben
rotterten gorkicht im Gemank.
Gar elump war der Pluckerwank,
und die gabben Schweisel frieben.

– Lewis Carroll, Übersetzung Christian Enzensberger

 

Spiegel der versagenden Gegenwart

Ich höre den Mädchen zu, wie sie sich über ihre AStA-Bewerbung unterhalten und über die Demonstrationen in Dresden, und dass man da doch was machen müsste. Ich verstecke mein Gesicht in den Händen, bin gerührt darüber, dass es Leute gibt, die sich über solche Dinge noch Gedanken machen und nicht den ganzen Tag Geschäftstermine oder Komplexe haben. Diese Mädchen sind Engel. Sie sind hinreißend. Sie sind gute Menschen, solche, die nicht wissen, dass man auf Fotos nur schräg nach unten gucken muss, um schön auszusehen, Mädchen, die Zeitungen lesen, und nicht nur im Bordbistro vor ihr Smartphone halten. Diese Mädchen sind zu beneiden, sie sind zu vergöttern, und nie, niemals sollte
man ihr Bier umstoßen. Sie sind die Rädchen im System, die sich für den Sand halten und sie ahnen nicht, wie wichtig sie sind. Sie sind es, die die Illusion aufrecht erhalten, dass es Dinge wirklich gibt, Schuldenschnitte, Bildungssysteme, sie können Probleme benennen, sie wissen das, und ich weiß wenig, sehr wenig, ich weiß, dass man die Spracheinstellung von Facebook auf Pirate umstellen kann.

Endlich, endlich, es gibt wieder gute Texte, die von irgendetwas triefen. Bitte lesen Sie alles von Ronja von Rönne. Danke schön.

http://files2.orf.at/vietnam2/files/bachmannpreis/201525/ronja_von_rnne_welt_am_sonntag_365295.pdf

www.sudelheft.de