Über Übersetzen (III)

3. Kapitel – Als Übersetzer, dünkt mir, ist man wohl nie fertig

Ungewohnte Töne wecken Peter aus dem Schlummer, in den ihn zum Ende des zweiten Kapitels die USIC-Krankenschwester gejagt hat:

‘Man, man, man.’ A deep, rueful, voice from the formless void. ‘That shit is one bad, bad motherfucker.’
‘Mind your language, BG. We got a religious person here with us.’
‘Well, ain’t that a lick on the dick. Gimme a hand outta this coffin, man.’

Die rauhen Gesellen, die ihn da aus der Umnachtung reißen, bestätigen seinen verwirrten, nach und nach erwachenden Sinnen (und Lesern), dass es geschafft ist: Er hat die Reise überlebt. Im Verlauf des Kapitels erfahren wir endlich, worauf er sich da eingelassen hat: Er war für einen ganzen Monat bewusstlos und wurde in der Zwischenzeit mittels hypermoderner Raumfahrttechnologie in einen weit entfernten Winkel des Universums katapultiert, in der Tat so weit, dass sie ihn mit Treibstoff und althergebrachter Navigationstechnik nie hätten erreichen können.

The ship had not yet begun the piloted phase of its journey; it had merely been catapulted through time and space by the physics-defying technology of the Jump. Now they were spinning aimlessly, somewhere in the general vicinity of where they needed to be, a ship in the shape of a swollen tick: big belly of fuel, tiny head.

Das Raumschiff war noch nicht in die gesteuerte Flugphase eingetreten; die Technik des Großen Sprungs hatte sie, allen Gesetzen der Physik trotzend, einfach durch Raum und Zeit katapultiert. Jetzt trudelten sie ziellos irgendwo in der ungefähren Zielgegend herum, ein Schiff wie eine geschwollene Zecke: großer Bauch voll Treibstoff, winziger Kopf.

Im Buch heißt diese Technik, wie gesehen „the Jump“, stets mit Großbuchstaben, was im Englischen ja schon ausreicht, um einen Fachterminus zu kennzeichnen. Für mich war dieser Begriff Anlass, eine gesonderte Datei anzulegen, in der ich seitdem zentrale Begriffe des Romans notiere, wenn ich nicht sicher bin, welche Übersetzung in Anbetracht aller ihrer Vorkommen die geeignetste sein wird.

Im Moment steht dort als Arbeitsübersetzung für „the Jump“: „der Große Sprung“. „Der Sprung“ schied für mich aus, da ja auch im Deutschen ersichtlich werden sollte, dass es nicht um irgendeinen Sprung, sondern um diese eine ganz besondere Zukunftstechnologie gehen soll. Zurzeit stehen in meiner Tabelle auch folgende weitere Möglichkeiten: „der Weite Sprung“, „der Hops“, „der HOPS“.

Ein anderes Beispiel in meiner Datei ist das Ziel, das Peter und seine drei Mitreisenden in ihrem Raumschiff ansteuern und das wir im dritten Kapitel endlich ein bisschen näher kennen lernen: Der Planet, den sie erreichen wollen, heißt „Oasis“ und USIC hat dort eine Art Raumstation aufgebaut. Peters Job, bisher so dunkel, weil es der personale Erzähler es nicht für nötig erachtete, uns mitzuteilen, was eigentlich los war, wird darin bestehen, die Außerirdischen, die auf diesem Planeten leben, zu missionieren. Deshalb die langatmige Verabschiedungsszene im ersten Kapitel, deshalb die aufwendigen, im zweiten Kapitel geschilderten Auswahlgespräche.

„Oasis“ also. Ein weiterer Name, ein weiteres Problem. Im Englischen ist „Oasis“ ja ganz einfach das Wort für „Oase“. Eine direkte Übersetzung auf rein deskriptiver Ebene wäre also sogar möglich. Mehrere Gründe sprechen allerdings gegen eine solche oberflächliche Lösung. Man nehme nur mal den folgenden Satz:

Once he got to Oasis, there would be facilities for sending a message to Beatrice.

Wie sollte eine sinnvolle Übersetzung dafür mit „Oase“ lauten? Etwa so:

Wenn er erstmal in Oase war, würde es möglich sein, Beatrice eine Nachricht zu schicken.

Oder gar so:

Wenn er erstmal in der Oase war, würde es möglich sein, Beatrice eine Nachricht zu schicken.

Beides klingt – anders als das englische Original – arg gekünstelt. Eine Alternative wäre also, das Wort als Namen „Oasis“ ganz unverändert zu lassen. Eine Freundin, die die ersten Kapitel lektorierte, favorisierte diese Version mit dem sehr validen Argument, in „Oasis“ klinge ja – doch sicher vom Autor intendiert!? – das mythische „Atlantis“ an.

Meine Arbeitsübersetzung war lange Zeit dennoch eine andere Variante, die zugegebenermaßen auf argumentativ wackligerer Grundlage errichtet war. In Anlehnung an unsere Benennung von Kontinenten machte ich aus dem englischen „Oasis“ zu Deutsch „Oasia“. Mir schien die Endung „-ia“ unserer Sprache zugänglicher – cave genitivum! – und weniger holprig als „-is“, zugleich aber auch phantastischer als das schnöde „-ien“. („Oasien“ klang mir dann doch zu sehr nach einem Land als nach einem Planeten bzw. einer Raumstation.)

Da meine zweite Lektorin „Oasia“ favorisiert (mit dem ebenfalls validen Argument, „Oasis“ klinge eben viel zu sehr nach einer Stadt und nicht nach einem Planeten), bin ich in dem Moment, in dem ich dies schreibe, hin- und hergerissen. Welche dieser Formulierung am Ende das Rennen macht, wird ohnehin erst zu entscheiden sein, wenn ich alle Vorkommen des Begriffs übersetzt habe. Denn wie immer ist hier der Kontext entscheidend, und bei derart vertrackten Entscheidungen empfiehlt es sich, möglichst viel Kontext aufzubauen, bevor man sich festlegt.

Das eigentliche Übersetzungsproblem bilden im dritten Kapitel ohnehin nicht die Namen und Orte, sondern die neuen Figuren der Geschichte, Peters testosterongetränkte Mitreisende. Was machen wir aus den eingangs zitierten Ausbrüchen des Afroamerikaners BG?

Flüche sind äußerst schwierig zu übersetzen, wie jeder weiß, der sich schon einmal gewundert hat, warum in synchronisierten Serien und Filmen aus Amerika immer plötzlich alles „verfickt“ ist. Das liegt wohl daran (ich erinnere an mein kleines sprachphilosophisches Modell aus der letzten Episode), dass sie gar nicht auf der deskriptiven Ebene funktionieren (das deutsche „Scheiße“ bezeichnet ja nur äußerst selten Exkremente), nur wenig auf expressiver Ebene, und dafür umso mehr auf der performativen Ebene. Wer flucht, sagt eigentlich nichts, sondern tut etwas.

Was folgt aus dieser Analyse für unsere Übersetzung der Eingangspassage? Es kann nicht darum gehen, die Sätze BGs Wort für Wort zu übersetzen, sonst käme folgende Lächerlichkeit dabei heraus:

„Mann, Mann, Mann.“ Eine tiefe, klägliche Stimme aus dem ungeformten Nichts. „Diese Scheiße ist ein schlimmer, schlimmer Mutterficker.“
„Pass auf, was du sagst, BG. Wir haben einen Prediger dabei.“
„Gut, ist das kein Gelutsche am Schwanz. Reich mir eine Hand aus diesem Sarg, Mann.“

Wer es besser machen will, also weniger lächerlich, kommt um einen kleinen Umweg nicht herum. Es geht darum, einen Deutsch sprechenden BG mit eigener Ausdrucksweise zu erfinden. Der deutsche BG muss nicht immer – deskriptiv – genau das gleiche sagen wie der englische, aber es muss – expressiv und vor allem performativ – genauso klingen, genau das gleiche tun.

Woher also käme ein deutschsprachiger BG? Diese Frage habe ich mir vor, während und nach dem Übersetzen immer wieder gestellt und glaube, ihm in der deutschen Rapszene näher gekommen zu sein. Das „expelling bravado“ („Schaumschlägerei“?) von Peters Mitreisenden kommt dem, was man zum Beispiel hier beobachten kann, recht nahe, denke ich:

Der (auch nur ausschnittsweise) Konsum derartiger Videos – dem Wortschatz übrigens bemerkenswert und überraschend zuträglich! – liefert keine direkten Antworten darauf, ob ein „Bro“ zu Deutsch jetzt ein „Bruder“, ein „Kumpel“ oder einfach ein „Bro“ ist, oder wie genau BGs antirassistisches Plädoyer („White pussy, black pussy, it’s all good.“) authentisch ins Deutsche zu bringen ist, aber Alter, wenn man sich genug solcher Videos reinzieht, adaptet man irgendwann einfach – dies, das – an den Slang und beginnt langsam, sich einen deutschen BG vorstellen zu können.

Nach intensivem linguistischem Selbststudium ist mein Vorschlag (Stand heute) also der Folgende:

„Mann, Mann, Mann.“ Eine tiefe, klägliche Stimme aus dem ungeformten Nichts. „Was für ein fetter, ab-ge-fuck-ter Scheißdreck.“
„Pass auf, was du sagst, BG. Wir haben einen Prediger dabei.“
„Alter, leck mich am Arsch. Hol mich aus dem Sarg hier raus, Mann.“

Kein Kapitel werde ich wohl noch so oft wieder und wieder lesen müssen wie das dritte, nach und nach von den Stelzen meines Übersetzungsbaumhäuschens herunter und auf die dreckige Straße der Realität bringen müssen. Es wird vielleicht – kleiner Spoiler: BG und Co. verschluckt nach der Landung in Oasis/Oasia nicht das Weltall, sie tauchen auch noch in weiteren Kapiteln auf – noch einige Stunden des Konsums von Hiphop.de bedürfen, bis sich auch alle Figuren des Romans wie echte Menschen anhören und nicht wie Wiedergänger aus einer anderen Sprache. Schon am heutigen Tag habe ich keines der bisher übersetzten Kapitel öfter redigiert als dieses und trotzdem steht es – BG sei Dank – auf der Liste der Kapitel, die ich „aber unbedingt nochmal anschauen muss, denn so kann man es ja wirklich noch nicht vorzeigen“ ganz oben.

Die Große Erkenntnis des dritten Kapitels war für mich, wie viel Arbeit die Übersetzung noch machen wird, wenn dereinst die letzte Seite niedergeschrieben ist. Sollten eines fernen Tages wirklich 600 übersetzte Seiten vor mir liegen, werden ebenso wie die Fachbegriffe des Buches auch die Figurenreden (und ebenso die Erzählerrede) vereinheitlicht und auf einen Stand gebracht werden müssen, der auch in meiner Version des Book of Strange New Things klar identifizierbare, glaubwürdige Figuren herausbildet. Der Lesedurchgang, der dann ansteht, könnte gut und gerne noch einmal genauso viel Zeit beanspruchen wie die Rohübersetzung selbst. Als Übersetzer, dünkt mir, ist man wohl nie fertig.

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Über Übersetzen (II)

2. Kapitel – Werde ich Texte und Wörter je wieder so sehen wie zuvor?

Mit dem zweiten Kapitel betreten wir schon amerikanischen Boden. Peter ist trotz einiger Turbulenzen über dem Atlantik unbeschadet angekommen und will sich als guter Ehemann umgehend bei seiner Frau melden, seinen eigenen blendenden Zustand durchgeben und sich nach dem ihren und dem des Katers Joshua erkundigen. Der Fahrer, den Peters Auftraggeber USIC hat kommen lassen, muss ihn rechtzeitig an seinem Ziel abliefern und wird schon ungeduldig – Peter jedoch greift unbeirrt zum Handy und ruft zu Hause an. Erst funktioniert es gar nicht, dann doch, aber dann ist der Empfang schlecht und es dringt nur Klangbrei aus dem Lautsprecher.

‘I’m in Florida,’ he said.
‘ … middle … night,’ she answered.
‘I’m sorry. Did I wake you?’
‘ … love you … how are … know what … ?’
‘I’m safe and sound,’ he said. […] ‘How’s Joshua?’
‘ … first few … he just … o … ink … side … ’
‘I’m sorry, you’re breaking up. And this guy wants me to stop talking. I have to go. I love you. I wish … I love you.’
‘ … you too … ’
And she was gone.

„Ich bin in Florida“, sagte er.
„ … mitten … Nacht“, antwortete sie.
„Entschuldige. Hab ich dich geweckt?“
„ … liebe dich … wie geht‘s … weißt du …?“
„Ich bin gesund und munter“, sagte er. […] „Was macht Joshua?“
„ … ersten paar … er nur … o … enke … Seite …“
„Sorry, ich kann dich nicht mehr hören. Und dieser Typ will, dass ich Schluss mache. Ich muss gehen. Ich liebe dich. Ich wünschte… Ich liebe dich.“
„ … dich auch …“
Und dann war sie fort.

Es gibt abgesehen von Nonsense-Texten  – einer ganz eigenen Disziplin – keine kniffligere Übersetzungsaufgabe als unvollständige Wortfetzen. Wenn der rudimentäre Sinn, den der Autor transportieren will, sich sowohl bei Peter als auch bei uns Lesern nur extrapolierend im Kopf einstellt, dann ist dies auch der erste Anspruch an die Übersetzung: Nicht unbedingt auf dem Papier, aber immerhin in den Köpfen der Leserschaft die gleichen Assoziationen hervorzurufen.

Interessant wird dies vor allem bei Beas dritter Äußerung. Was könnte sie über ihr Haustier Joshua gesagt haben? Vielleicht: „The first few hours he just slept but then he dropped my inkpot and now one side of the bed is stained blue.“ Oder: „He welcomed me with his first few mice this year, he just carried them to the door, I think I’ll have to put this room upside down to find the others!“ Und so weiter. Wir wissen nicht, was Bea gesagt hat, die englische Leserschaft des Buches weiß es nicht, Peter weiß es nicht, und wahrscheinlich hat noch nicht einmal der Autor eine klare Vorstellung davon, was „o“ und „ink“ und „side“ hier bedeuten sollen.

Bei meiner alltäglichen Übersetzungsarbeit habe ich festgestellt, dass jeder niedergeschriebene Satz und jedes Wort im Original wie in der Übersetzung drei Funktionen hat: eine deskriptive, eine expressive und eine performative. Die deskriptive Funktion bezeichnet Gegenstände und Sachverhalte (und funktioniert mittels der Denotation des Wortes), die expressive transportiert (mittels der Konnotation) Gefühle und Stimmungen und die performative funktioniert über die Äußerung selbst, erzeugt gewissermaßen eine Sprech-Situation im Kopf dessen, der sie liest.

Normalerweise kommt der deskriptiven Funktion die höchste Bedeutung zu: Vor allem im Erzähltext geht es zumeist darum, Inhalt zu transportieren. Gegenstände, Personen, Handlungen, Erinnerungen und so fort werden beschrieben und bei der Übersetzung gilt es, die Beschreibungen möglichst akkurat treffend in die eigene Sprache hinüberzuretten. Dies stelle ich bei der Arbeit in einer ersten Rohübersetzung des Textes sicher.

Die expressive Funktion schwingt allerdings auch jederzeit mit: Welche Stimmung beschwören die benutzten Adjektive herauf, was sagen die benutzten Verben über die Situation aus? Bestenfalls sollte natürlich der Eindruck, der sich beim Lesen der Übersetzung einstellt, dem entsprechen, den das Original seinen Leserinnen und Lesern vermittelt. In einem zweiten Korrekturgang ersetze ich oft einzelne Wörter oder manchmal ganze Halbsätze und Sätze, um auf dieser impliziten Ebene der Vorlage noch näher zu kommen.

Die performative Funktion steht demgegenüber oft im Hintergrund und kommt, wenn überhaupt, im dritten Korrekturlauf zum Tragen. Die Frage, wie flapsig oder ausführlich, in welchem Tonfall oder mit welcher Betonung etwas formuliert ist, welchen Sound die Erzählstimme hat, ist dem dritten Korrekturlauf vorbehalten, und zudem meistens die am schwierigsten zu beantwortende und ins Deutsche zu übertragende. Oft muss man hier auch Abstriche machen, Kompromisse eingehen und die bittere Einsicht ertragen, dass nicht alles, was dem Anglophonen ganz locker von den Lippen geht, im Deutschen so locker zu sagen ist.

Der Grund, warum ich hier dieses Modell so ausführlich vorstelle, ist, dass Beas Wortfetzen aus dem Telefonhörer einen ausgezeichneten Sonderfall darstellen. Hier ist das Verhältnis der drei Wortfunktionen nämlich umgekehrt. Es geht dem Autor – meiner Ansicht nach –  vor allem darum, eine Aussage auf der performativen Ebene zu machen: Beas unverständliches Gespotze steht in erster Linie für sich und für die abreißende Verbindung zwischen den beiden Eheleuten. Erst in zweiter Linie geht es um Konnotation und fast gar nicht um Denotation ihrer Wortfetzen.

Für die Übersetzung hat diese Interpretation der Passage zur Folge, dass es an dieser Stelle nicht so sehr um die Rekonstruktion irgendeines verborgenen Sinns geht, sondern eher um die Reproduktion der Sinnlosigkeit des Klangbreis. Viel eher als eine wörtliche („ink“ = „Tinte“???) geht es um eine performative Wiedergabe ihrer Äußerung.

Bei einem anderen Übersetzungsproblem erweist sich das soeben eingeführte kleine sprachphilosophische Hilfsmodell erneut als nützlich: An der Tankstelle, von der aus Peter mit seinem Anruf daheim scheitert, hat sich sein Chauffeur ein Getränk gekauft, genauer eine Flasche Tang

The USIC chauffeur emerged from the gas station with a bottle of Tang and a spotless, supernaturally yellow banana.

Tang, mir zuvor völlig unbekannt, war ausweislich des Internets ein Kultgetränk, vor allem in den 1960er Jahren, das vor allem dadurch Berühmtheit erlangte, dass es die NASA auf ihre bemannten Raumflüge mitnahm. Es ging sogar die Legende, dass es eigens für die Raumfahrt erfunden worden sei. Im deutschsprachigen Raum hat Tang meines Wissens als Produkt nie Fuß gefasst.

Als Übersetzer stehe ich mit diesem – zu meinem Glück für die Handlung nicht zentralen – Getränk also vor dem geradezu klassischen Problem: Wie bringe ich Marken- und Eigennamen, die im Sprachraum des Originals weithin bekannt sind (und möglicherweise, wie in diesem Fall, auch Konnotationen tragen: Raumfahrt-Nostalgie, spartanische Astronautennahrung usw.), in die Zielsprache hinüber, der diese womöglich ganz unbekannt sind? Was zählt hier mehr, Denotation oder Konnotation, Deskription oder Expression?

Eine direkte Lösung wäre, die Problematik zu ignorieren und den Markennamen einfach zu übernehmen. Damit überlasse ich das Verwirrtsein der Leserin und erzeuge (bzw. behaupte) maximale Nähe zum Original:

Der Fahrer von USIC trat aus dem Tankstellenshop, eine Flasche Tang und eine makellose, übernatürlich gelbe Banane in der Hand.

Die Problematik dieser Strategie wird hier wohl geradezu mustergültig deutlich: Man stolpert. „Eine Flasche Tang“ ist nicht nur ein Dorn im deutschen Auge, es werden auch allerlei ungewollte Assoziationen eines aus Sümpfen oder Meeresbrandungen emporsteigenden Chauffeurs hervorgerufen, die absolut nicht gewollt sind und große, den Lesefluss aufhaltende Verwirrung stiften, während die Originaltreue nur von mitgoogelnden Leserinnen wertgeschätzt werden würde.

Was also ist die Alternative? Man wird die Bilanz nur umkehren können, also Verwirrung um den Preis der Originaltreue vermeiden. Das sieht dann so aus:

Der Fahrer von USIC trat aus dem Tankstellenshop, eine Flasche Tang-Limonade und eine makellose, übernatürlich gelbe Banane in der Hand.

Oder gar:

Der Fahrer von USIC trat aus dem Tankstellenshop, eine Flasche Limonade und eine makellose, übernatürlich gelbe Banane in der Hand.

Aus dem zauberhaften, geheimnisvollen Tang eine schnöde Limonade zu machen, raubt der Situation (dies ist der Eröffnungssatz des Kapitels) selbstverständlich viel Appeal. Und dennoch, der Lesbarkeit und der zentralen Information – es ist heiß, der Fahrer kauft sich auf einer Pause ein Erfrischungsgetränk – zuliebe habe ich mich für die letztere Version entschieden, Widerspruch und spätere Revisionsläufe in Kauf nehmend.

Später, mit seinem Fahrer in ein Gespräch über die Vorgeschichte seines großen Abenteuers befragt, erinnert sich Peter an die Auswahlgespräche, in denen er sich dafür vor einem Auswahlgremium beweisen musste. Eine Frage der Interviewerin lautete:

‘What smell reminds you most of your childhood?’
‘I don’t know. Maybe custard.’
‘Do you like custard?’
‘It’s OK. These days I mainly have it on Christmas pudding.’

Die nächsten kulinarischen Fachbegriffe, das nächste Problem. Custard, eine englische Vanillesauce bzw. -creme, und Christmas Pudding dürften der deutschsprachigen Leserschaft möglicherweise näher sein als Tang. Und Peter ist nun mal ein Brite und kein Deutscher und isst zu Weihnachten statt ordentlichem Christstollen lieber einen ungestaltes, in einem Sack zubereitetes Etwas. Können wir das leugnen? Nein.

Diese Erkenntnis vermag aber nichts daran zu ändern, dass eine Beschränkung auf die deskriptive Ebene (engl. „custard“ = dt. „Custard“?) nicht alle Funktionen des Originals zu erfüllen vermag, nämlich den Vanillegeruch dieser dicken Sauce – und damit die kindliche Vorfreude auf den bevorstehenden Nachtisch am elterlichen Esstisch – hervorzurufen. Ich habe mich daher in dieser Szene für die „Vanillesauce“ als beste Alternative entschieden, den „Christmas Pudding“ aber als englisches Artefakt stehen lassen:

„Welcher Geruch erinnert Sie am meisten an Ihre Kindheit?“
„Ich weiß nicht. Vanillesauce vielleicht.“
„Mögen Sie Vanillesauce?“
„Gelegentlich. Ich esse sie eigentlich nur noch zu Christmas Pudding.“

Wie unser diesmal sehr lang geratener Blogeintrag geht auch Peters Fahrt mit seinem Chauffeur zu Ende, und ehe er sich versieht, noch halb in Gedanken an Custard und Pudding, liegt er in der Zentrale von USIC ausgezogen und aufgebahrt, vor ihm eine Frau im weißen Kittel mit einer Spritze. (Noch nicht einmal sein Chauffeur hat ihm erklären können, was diese vier Buchstaben bedeuten sollen, also habe ich sie einfach mal ins Deutsche übernommen, als kleines nicht zu lösendes Rätsel.) Die Spritze kommt, und Peter schwinden die Sinne, doch bevor wir ihn in seine Ohnmacht entlassen, müssen wir noch auf eine Besonderheit dieses Buches zu sprechen kommen.

Aufmerksamen Leserinnen oder Lesern meines ersten Beitrages über das Übersetzen ist wahrscheinlich aufgefallen, dass dessen Titel exakt dem letzten Satz meines Textes entspricht. Diese Masche ist eine kleine Hommage an das Buch, mit dem ich jetzt so viel Zeit verbringe, denn ebenso ist das Prinzip seiner Kapitel: der letze (Halb-)Satz bildet die Überschrift, und da man diese also von Anfang an kennt, legt sich über die Lektüre eine gewisse Spannung, so als habe man schon ein bisschen vorgeblättert und ahne im Voraus, wo das ganze ende.

Der Titel des zweiten Kapitels ist „He would never see other humans the same way again.“ Das ist natürlich ein großer Knaller: Was wird da nur mit unserem Peter passieren?, denkt man sich, und: Wie soll nur der Rest des Buches aussehen, wenn schon in Kapitel Zwei derartige Persönlichkeitsveränderungen an ihm zu beobachten sind? Große Aufregung. Liest man allerdings den letzten Satz, sieht man schnell Fabers Trick:

His greatest fear, as he dissolved into the dark, was that he would never see other humans the same way again.

Durchatmen. Er befürchtet die Wahrnehmungsstörungen nur, sie sind nur temporär infolge der Spritze eingetreten. Alles halb so schlimm.

Ermöglicht wird dieser Sprachtrick durch die grammatikalische Struktur des Englischen, in der ein Nebensatz wie ein Hauptsatz gebildet wird und somit das, was im Text nur eine vage Befürchtung im Konsekutivmodus ist, im Kapiteltitel plötzlich faktisch und indikativ daherkommen kann.

Leider ist das Deutsche etwas komplizierter. Die wörtliche Übersetzung verunmöglicht den Trick des Originals:

Seine größte Angst, als er ins Dunkel zerstob, war, dass er andere Menschen nie wieder so sehen würde wie zuvor.

Aus diesem Schlusssatz lässt sich beim besten Willen keine aussagekräftige Überschrift formulieren. Unmöglich ist andererseits auch, die Überschrift wörtlich zu nehmen und einen Schlusssatz um sie herumzuschrauben.

Er würde andere Menschen nie wieder so sehen wie zuvor.

Der Indikativ schließt im Deutschen jede Form der Einschränkung durch Voranstellungen wie „Seine Angst war“ oder „Ihn begleitete eine Furcht“ aus. (Bemerken Sie, liebe Leser_innen, dass wir hier erneut ausschließlich auf der performativen Sprachebene herumoperieren? Über Denotation und Konnotation herrscht Einigkeit, es ist ein rein formales Problem.) Nach längerer Überlegung fiel mir folgende – keineswegs perfekte, aber meiner Ansicht nach unter den Umständen akzeptabelste – Lösung ein:

Angst begleitete ihn, als er schließlich ins Dunkel zerstob, eine große Angst: Würde er andere Menschen je wieder so sehen wie zuvor?

Mich begleitet nach all diesem Sprachgebrüte und dieser Bedeutungshuberei auch eine Angst, eine große Angst: Werde ich Texte und Wörter je wieder so sehen wie zuvor?

Über Übersetzen (I)

Seit meiner Ankunft hier in Indien widme ich mich neben der Arbeit, für die ich gekommen bin, mit Feuereifer einem literarischen Übersetzungsprojekt. Bis zu meiner Rückkehr nach Deutschland im nächsten Jahr, so der (wahrscheinlich zu ambitionierte) Plan, will ich ein Buch vollständig übersetzt haben, das zu meinem Bedauern bisher noch nicht in deutscher Sprache vorliegt. Es geht um The Book of Strange New Things des britischen Autors Michel Faber (Canongate 2014). An dieser Stelle werde ich im Rhythmus der fertig übersetzten Kapitel über mein Übersetzerleben, die Arbeit und Erfahrungen mit ihr berichten; über die Probleme und Freuden des Übersetzens, über das Buch, das mich beim ersten Lesen vor etwa einem Jahr tief beeindruckt hat, und über die Welt da draußen. Wen die Berichte näher interessieren, der oder dem schicke ich auch gerne die fertig übersetzten Kapitel; auch über Anmerk- und -regungen per Mail freue ich mich stets.

1. Kapitel – Für solches Glück lohnt sich jede Übersetzungsmühe

Der Anfang des ersten Kapitels, die Ouvertüre des Romans schleudert uns auf eine nächtliche Autobahn irgendwo vor London, hinein in die beiläufig plätschernde Autofahrt-Unterhaltung eines Ehepaars. Peter, ein christlicher Pastor, so viel wird schnell klar, ist auf dem Weg zum Flughafen, um eine Reise anzutreten, seine Frau Beatrice wird ihn dort verabschieden und zu Hause bleiben. Sie reden über nichts und zugleich alles. Peter erklärt ins Leere hinein, warum künstliche Lichtquellen ein echter Gewinn für die Welt seien, sie unterhalten sich über einen Anhalter, der am Straßenrand wartet, und obwohl hier auch schon inhaltliche Verweise auf viel später im Buch aufgegriffene Themen gelegt werden, vermittelt sich zunächst einzig der Eindruck tiefer Vertrautheit zwischen diesen beiden Figuren, ohne dass man eine Ahnung hätte, worum es gehen wird.

Dann aber nimmt die Handlung rasch Fahrt auf. Zu Peters großer Verwunderung will sich Bea des Anhalters nicht erbarmen, sondern bittet ihn, weiterzufahren; kurz darauf äußert sie den Wunsch, ein letztes Mal mit ihm schlafen zu dürfen („to make love“, wie sie es so verdammt unübersetzbar ausdrückt), nein, nicht in irgendeinem billigen Hotel am Flughafen, jetzt und hier im Wagen, am besten so schnell und schmutzig wie möglich. Das bringt den bedächtigen Peter völlig aus der Fassung und veranlasst ihn zu einem spontanen Ausruf, der ein interessantes – und noch nicht zu meiner eigenen Zufriedenheit gelöstes – Übersetzungsproblem darstellt:

‘Crisis!’ he said, and they both laughed. ‘Crisis’ was the word he’d trained himself to say instead of ‘Christ’, when he’d first become a Christian. The two words were close enough in sound for him to be able to defuse a blasphemy when it was already half out of his mouth.

Was ist damit zu tun? Die ganz wörtliche Übersetzung diskreditiert sich von alleine:

„Krise“, sagte er, und sie mussten lachen. „Krise“ war das Wort, das er sich beigebracht hatte, um nicht „Christus“ zu sagen, als er zum Christentum konvertiert war. Die beiden Wörter klangen ähnlich genug, um eine Blasphemie zu umgehen, wenn sie schon halb aus seinem Mund war.

Das ist auf Deutsch natürlich so lächerlich, dass man es gar nicht in Erwägung ziehen muss: Nicht nur ist „Christus“ kein Fluchwort, das sich ein (deutscher) zum Christentum Konvertierter aktiv abgewöhnen müsste; niemand käme auf den Gedanken, dass „Krise“ und „Christus“ in irgendeiner Hinsicht „ähnlich genug“ klingen könnten.

Was also tun? Ich bin nur auf ein vergleichbar gebräuchliches religiös konnotiertes Fluchwort gekommen, nämlich „Oh Gott“ (wir müssen an dieser Stelle ausblenden, dass das Englische mit „oh my god“ dafür eine andere Entsprechung hätte, für die „Oh Gott“ eigentlich reserviert sein sollte; derartige Bedenken können jemanden, der ein Buch zu übersetzen hat, nicht aufhalten). Nimmt man dies an, müsste die Übersetzung von „Crisis“ in etwa „Oh [mein] Gockel“ oder „Oh du großer Gote“ lauten. Beide Lösungen klingen aber arg konstruiert: Ich zweifle also noch und warte auf die Erleuchtung.

Am Flughafen angekommen, von allen meinen Übersetzungskrisen unbeleckt, haben die beiden trotz der Unterbrechung noch immer Zeit und vertreiben sie sich mit der Beobachtung anderer Fluggäste. Unter anderem treffen sie eine Familie aus zwei ziemlich proletarischen Eltern und zwei zappeligen Kindern auf dem Weg in ihren lang ersehnten Jahresurlaub, deren Flug sich um acht Stunden verzögert hat. Bea begegnet der gestressten Mutter mit liebenswürdiger, zuvorkommender Freundlichkeit, aber diese vermag sie in ihrem Zustand halbverzweifelter Überforderung nur grummelig und kurz angebundenen zu erwidern:

Joanne nodded in greeting but was too bound up in her misfortune to make small talk. ‘It all looks dead cheap on the brochure,’ she remarked bitterly, ‘but you pay for it in grief.’
‘Oh, don’t be like that, Joanne,’ counselled Beatrice. ‘You’ll have a lovely time. Nothing bad has actually happened. […]’
‘These two should be in bed,’ grumbled the woman […].

Joanne nickte ihm [Peter] zu, aber zu Smalltalk war sie nicht aufgelegt, dazu beschäftigte sie ihr eigenes Schicksal zu sehr. „In der Broschüre sieht alles superbillig aus“, sagte sie bitter, „aber du zahlst es echt mit Frust.“
„Ach, reden Sie sich das bloß nicht ein, Joanne“, riet ihr Beatrice. „Sie werden es toll haben. Es ist doch nichts Schlimmes passiert. […]“
„Die beiden sollten längst im Bett sein“, murrte die Frau […].

Der Unterschied zwischen den beiden Frauen, was psychische Situation und Beredtheit betrifft, dürfte schon aus diesem zitierten Ausschnitt deutlich werden, das besondere Problem, das ich hier darstellen will, stellte bei der Übersetzung aber die Anrede dar. Das englische „you“ ist ja bekanntlich blind, das Deutsche ist es nie.

Zunächst ging ich davon aus, dass zwar die Anrede mit Vornamen im Englischen weiter verbreitet sei als im Deutschen, dass aber dennoch alle Fremden zunächst mal „Sie“ seien. Entsprechend übersetzte ich. Die Folge war allerdings eine den hingerotzten Sätzen von Joanne und ihrem Mann völlig unangemessene Förmlichkeit, die nicht vertretbar schien.

Dann transformierte ich die ganze Passage ins Du. Es gefiel mir gut, Joanne klang jetzt schon mal wie ein echter Mensch, aber andererseits gewann Beas Ton dadurch eine Nähe und Intimität, die sie einer ganz fremden Person trotz ihrer Einfühlsamkeit wohl doch nicht entgegengebracht hätte. Es klang plötzlich wie ein Freundinnengespräch überm Bier.

Also ließ ich, zweifelnd und zögernd erst, dann aber immer begeisterter, Joanne weiter duzen und Bea beim respektvoll-vertraulichen Sie bleiben. Das Ergebnis war ein flirrendes Aneinandervorbei, das ein wenig peinlich wirkt, aber womöglich – wie ich mir in einem Anflug von Selbstüberschätzung einredete – der leichten Befremdlichkeit und Unbeholfenheit des Originals noch eine weitere Ebene hinzuzufügen vermag.

Inmitten der frustierenden Kompromissemacherei, die das Übersetzen der Definition nach ist, inmitten der Abstriche, die zu machen und Limitierungen, die hinzunehmen sind, sind genau das die besonderen Freudenmomente, auf die man lauert; für diese zahlt sich alle Mühe aus. Der Moment, in dem man merkt, dass man mit der eigenen Sprache, dem Deutschen, ein klein wenig mehr zu sagen oder zu zeigen in der Lage ist, als der Autor es mit seiner konnte, leuchtet hell und überstrahlt das Dunkel fehlender Worte rundum.

Als abschließendes Beispiel zitiere ich folgenden Gedanken Peters beim Anblick der Menschenströme im Flughafen:

The crowds that queued for snacks and knick-knacks, the constant stream of passengers recorded by the closed-circuit TVs, were wondrous proof of the sheer variety of human specimens, except that they were presumed to be identically faithless inside, duty-free in every sense of that word.

Die Massen, die für Snacks und anderen Schnickschnack anstanden, die videoüberwachten Passagierströme, waren von außen der unglaublichste Beweis für die Vielfalt der menschlichen Rasse, aber zugleich wurde davon ausgegangen, dass sie von innen alle gleich ungläubig waren, in jeder Hinsicht duty-free.

Es geht mir nicht um den unschönen Anglizismus am Ende des Satzes, vor dem ich kapitulieren musste, und den ich als Wortspiel also einfach übernommen habe (man verzeihe mir). Erst als ich diesen Absatz hingeschrieben hatte und ihn ein zweites Mal las, sah ich ungläubig, welch hübsche ergänzende sprachliche Antithese da im Deutschen (völlig ungezwungen und zufällig) in die fabersche Gegenüberstellung geraten war. Für solche unglaublichen Momente, für solches Glück, lohnt sich jede Übersetzungsmühe.

 

Käfer im Kosmos

Nun also Indien. Nur zehn überraschend kurze Flugstunden liegen zwischen der beklemmenden Fremdheit im eigenen Land und der behaglichen, befreienden Fremdheit der Fremde. Zehn Stunden in der Luft, und während sich unter einem die Welt umdreht, wird man wieder man selbst, alleine man selbst.

Also ein neues Land, ein neuer Kontinent, ein neues undurchschaubares Rätsel. Die Dinge sind aufs Neue ihrer Bedeutung bar, ich weiß nichts, hier drinnen sitze ich schreibend und draußen vor dem Fenster liegt nackt und hilflos die Wirklichkeit.

Es sind aber gar nicht die offensichtlich fremden Dinge – die tamilischen Zeichen, die unbekannten Gerichte, die Früchte auf dem Markt, die Düfte in der Luft, die Kleider auf der Straße –, die den Zusammenbruch der Bedeutung anzeigen, vielmehr sind es die Dinge, die man zu kennen glaubt und die sich einem dann mit einem Mal noch mehr entfremden.

Selten ist man ja seiner selbst mitsamt der menschlichen Verlorenheit so gewahr wie in jenen schmerzlich goldenen Momenten, da alles zusammenbricht, da plötzlich ein Vorhang fällt und die Trugspiegel der Erfahrung mit sich fortreißt. Was eben noch Bedeutung trug – eine Aufforderung, ein Affront, ein Zuneigungsbeweis, eine Einladung – steht dann unvermittelt vor Augen, ungeschützt – nichts als ein Lächeln, eine Geste, ein Geräusch, ein Wort.

In der Zeitung stehen Berichte über Familien, die täglich um ihren Hungerlohn von hundert Rupien kämpfen und deren Kinder von heilbaren Krankheiten hinweggerafft werden, neben Anzeigen für klimatisierte Luxusautos, und das lese ich so beim Frühstück zwischen Toast und Orangensaft und blättere um, aber dann trete ich hinaus und zwischen genau diesen Autos betteln mich genau diese Familien an, und es ist so herzzerreißend normal, so unverständlich selbstverständlich, dass ich als dumpfer, realitätsentwöhnter Europäer, der ich gelernt habe, mich über Ampelschaltungen und Mindestlöhne zu empören, vor Scham in tausend Teile zerspringen möchte.

Dann hasse ich alle, die dumm zu Hause in Europa sitzen und glauben, sie wüssten irgendetwas, und dann hasse ich alle, die dumm in Indien sitzen und glauben, sie wüssten irgendetwas, und dann hasse ich mich selber, am meisten von allen. Es ist gesunder Hass, ehrlicher, verdienter Hass. Nein, möchte ich hinausschreien, komm mir nicht mit Gewissheiten, nein, es ist nicht „schon gut“, hört auf zu reden, redet euch nichts ein, seht auf diese Menschen, seht auf diese Welt, sie ist nicht „gut“, sie ist nicht „schlecht“, nichts habt ihr begriffen, gar nichts, was können denn die dafür, die betteln, und was können die dafür, die einfach nur ein Auto kaufen wollen, und was können die dafür, die ihr Geld verdienen möchten, und was können die dafür, die die Zeitung lesen, was können sie alle dafür, nichts! Gar nichts! Ihr seid alle, wir sind alle nur kleine Käfer, kleine lächerliche Käfer im Kosmos.

Und abends, wenn der kleine Käfer heimkrabbelt, mit stierem Blick, mit entleerter Seele, hebt er das Glas zum Himmel, aus dem die tropische Nacht herabsinkt und diese Einsamkeit um ihn legt, die nur die Tropen bringen, und blickt vom Balkon auf die zerfallende Welt ringsum. Trügen nur seine Flügel, dann flöge er und schwebte über der Stadt. Nichts kann ich und muss doch alles tun. Es ist gut, es ist richtig, endlich in Asien angekommen zu sein.

Aus meinem Reisetagebuch (XVI)

Es müssen diese Momente in der Schwebe sein, weswegen man reist. Diese Momente ohne Zukunft oder Vergangenheit, ohne Plan, in denen die Erinnerung ganz dicht an die Vorahnung heranrückt, und zu so etwas wie Bewusstsein verschmilzt. So wie jetzt.

Jetzt sitze in im Rasthaus Fulda-Nord, auf einer Bank in der Ecke, vor mir einen Teller Salat und mein Handy, auf dem die Information, auf die ich seit einer Stunde warte, nämlich: wann ich hier abgeholt werde, mitgenommen nach Italien, nicht aufpoppt und mich in Ungewissheit darüber lässt, wann es mich aus diesem Moment herausreißen wird, wie viel Zeit mir überhaupt noch zum Schreiben bleibt. Neben mir das Fenster, aus dem ich zwischen zwei Bissen zuweilen sehnsüchtige Blicke werfe, als beschleunigte das die Ankunft des Busses. Hinten, vom Tresen her, an dem ein paar Trucker ihr Feierabendbier trinken (Bier ist es jedenfalls, ich hoffe, es ist auch ihr Feierabend), säuselt das Dudelradio seine Playlist herunter, deren einfältige Harmonik einiges zur Elegie der Situation beiträgt.

Außer mir sitzt niemand in der Gaststube, obwohl es Freitagabend ist, also beste Reisezeit, und halb neun Uhr abends, also beste Essenszeit. Beste Reise-Essenszeit, eigentlich. Ich frage mich, wovon die Betreiber dieses Rasthauses leben. Es wirkt, als habe man dem knorrig-verrucht-verrauchten Charme vergangener Tage bewusst abschwören wollen, habe es aber ein wenig zu bewusst getan. Genauso implantiert wie die riesige Obstschale vor dem Zapfhahn wirken die Vegetarierseiten voll „leichter Kost“ in der Speisekarte, inmitten der ganzen „gutbürgerlichen Küche“. Immerhin die voll ausstaffierte Bedienung unternimmt keinerlei Anstrengungen, sich irgendwie zu verstellen und nimmt meine Hipster-Bestellung (gemischter Salat – Tomatensuppe – Bionade) stoisch entgeistert entgegen, nicht anders wahrscheinlich als sie die Bestellung eines soeben vom Pluto eingeflogenen Aliens entgegennehmen würde; heimlich, aber nur heimlich wünschend, er kehre zurück, woher er gekommen ist und überlasse das Lokal wieder denen, für die es gemacht ist.

Erneut blicke ich aus dem Fenster. Draußen setzt sich die Einsamkeit perspektivisch fort. Im Hintergrund, wo meinem offenbar verwirrten Orientierungssinn zufolge eigentlich die Stadt Fulda liegen müsste, erhebt sich ein bewaldeter Hügel, davor wehen ein paar löchrige Pappeln hin und her. Davor Straße, davor Feld, davor Straße. Auf dem Parkplatz unter meinem Fenster parkt seit einer halben Stunde ein weißes Auto mit der Aufschrift „Eiliger Medikamententransport – Kurzparker“. Draußen geht ein Mann in hellbrauner Weste auf und ab, jetzt rauchend, beim nächsten Blick aus dem Fenster verträumt an der Heckklappe lehnend.

Auf dem Beifahrersitz des Autos sitzt eine ältere Dame im beigen Mantel und schaut. Wann immer ich aus dem Fenster gucke, sitzt sie da und starrt ins Leere. Die fragenden, faszinierten Blicke, die ich ihr zwischen Vorhang und Zimmerpälmchen aus meinem Fenster zuwerfe, spiegelt sie ungerührt aus ihrem Fenster hinaus, in die Ferne ihrer unbeweglichen Pupillen. Ganz reglos sitzt sie da – ich sehe sie oft an, da sehe ich, wie reglos sie sitzt – in ihrem „eiligen Medikamententransport – Kurzparker“. Ganz sicher wartet sie nicht, dazu sitzt sie zu still. Sie ist einfach.

Was sie wohl heute noch tut, frage ich mich, ob sie wohl Fußball schaut, ob der Mann da draußen ihr Ehemann ist, ob sie Freunde hat, Kinder vielleicht, aber das hastige Wissenwollen all dieser neugierigen Fragen zerbricht, kaum sind sie gedacht, an der Weisheit ihres ausdruckslosen Gesichts, das aus dem Autofenster ins Nichts blickt.

Ich beobachte sie lange, diese Frau, nur unterbrochen von den gelegentlichen Bissen, zu denen ich mich hier im Restaurant verpflichtet fühle, und habe das Gefühl, ihr immer ähnlicher zu werden. Die Zeit erstarrt. Starre ich nicht aus meinem Fenster ganz genau so, wie sie aus ihrem in die Leere? Besteht da nicht eine Gemeinsamkeit zwischen uns, ein inneres Band, das die Glasscheiben nicht zu brechen vermögen? Immerhin, wir beide starren, beide regungslos, beide t

Fulda, 17. Juni 2016

23:23

So, irgendwer hat hier jetzt gewonnen. Wagner geht ins Reuemotiv über, da drehe ich Youtube hoch und den Fernseher leiser und beweine mein Schicksal.

Abspann Tschüss. Hat mich super happy gemacht, hier dabei zu sein. Ich hab so viel gelernt. Alle haben mich toll supportet. Jetzt wünsche ich allen meinen Fans da draußen noch eine super Zeit, folgt mir auf Instagram, ich hab euch alle lieb, und wenn ich jetzt in mein Bett kotzen gehe, ist der Periscope-Stream zum Glück zu Ende. Loooove y’all!

23:16

Belanglose Streichermusik, Tonika-Dominantseptakkord-Trugschluss-Subdominante-Dominante-Tonika, im Hintergrund. Ich halte es nicht mehr aus und höre Wagner. Macht das ganze schon melodramatischer als das Gedudel bei denen.