Käfer im Kosmos

Nun also Indien. Nur zehn überraschend kurze Flugstunden liegen zwischen der beklemmenden Fremdheit im eigenen Land und der behaglichen, befreienden Fremdheit der Fremde. Zehn Stunden in der Luft, und während sich unter einem die Welt umdreht, wird man wieder man selbst, alleine man selbst.

Also ein neues Land, ein neuer Kontinent, ein neues undurchschaubares Rätsel. Die Dinge sind aufs Neue ihrer Bedeutung bar, ich weiß nichts, hier drinnen sitze ich schreibend und draußen vor dem Fenster liegt nackt und hilflos die Wirklichkeit.

Es sind aber gar nicht die offensichtlich fremden Dinge – die tamilischen Zeichen, die unbekannten Gerichte, die Früchte auf dem Markt, die Düfte in der Luft, die Kleider auf der Straße –, die den Zusammenbruch der Bedeutung anzeigen, vielmehr sind es die Dinge, die man zu kennen glaubt und die sich einem dann mit einem Mal noch mehr entfremden.

Selten ist man ja seiner selbst mitsamt der menschlichen Verlorenheit so gewahr wie in jenen schmerzlich goldenen Momenten, da alles zusammenbricht, da plötzlich ein Vorhang fällt und die Trugspiegel der Erfahrung mit sich fortreißt. Was eben noch Bedeutung trug – eine Aufforderung, ein Affront, ein Zuneigungsbeweis, eine Einladung – steht dann unvermittelt vor Augen, ungeschützt – nichts als ein Lächeln, eine Geste, ein Geräusch, ein Wort.

In der Zeitung stehen Berichte über Familien, die täglich um ihren Hungerlohn von hundert Rupien kämpfen und deren Kinder von heilbaren Krankheiten hinweggerafft werden, neben Anzeigen für klimatisierte Luxusautos, und das lese ich so beim Frühstück zwischen Toast und Orangensaft und blättere um, aber dann trete ich hinaus und zwischen genau diesen Autos betteln mich genau diese Familien an, und es ist so herzzerreißend normal, so unverständlich selbstverständlich, dass ich als dumpfer, realitätsentwöhnter Europäer, der ich gelernt habe, mich über Ampelschaltungen und Mindestlöhne zu empören, vor Scham in tausend Teile zerspringen möchte.

Dann hasse ich alle, die dumm zu Hause in Europa sitzen und glauben, sie wüssten irgendetwas, und dann hasse ich alle, die dumm in Indien sitzen und glauben, sie wüssten irgendetwas, und dann hasse ich mich selber, am meisten von allen. Es ist gesunder Hass, ehrlicher, verdienter Hass. Nein, möchte ich hinausschreien, komm mir nicht mit Gewissheiten, nein, es ist nicht „schon gut“, hört auf zu reden, redet euch nichts ein, seht auf diese Menschen, seht auf diese Welt, sie ist nicht „gut“, sie ist nicht „schlecht“, nichts habt ihr begriffen, gar nichts, was können denn die dafür, die betteln, und was können die dafür, die einfach nur ein Auto kaufen wollen, und was können die dafür, die ihr Geld verdienen möchten, und was können die dafür, die die Zeitung lesen, was können sie alle dafür, nichts! Gar nichts! Ihr seid alle, wir sind alle nur kleine Käfer, kleine lächerliche Käfer im Kosmos.

Und abends, wenn der kleine Käfer heimkrabbelt, mit stierem Blick, mit entleerter Seele, hebt er das Glas zum Himmel, aus dem die tropische Nacht herabsinkt und diese Einsamkeit um ihn legt, die nur die Tropen bringen, und blickt vom Balkon auf die zerfallende Welt ringsum. Trügen nur seine Flügel, dann flöge er und schwebte über der Stadt. Nichts kann ich und muss doch alles tun. Es ist gut, es ist richtig, endlich in Asien angekommen zu sein.

Aus meinem Reisetagebuch (XVI)

Es müssen diese Momente in der Schwebe sein, weswegen man reist. Diese Momente ohne Zukunft oder Vergangenheit, ohne Plan, in denen die Erinnerung ganz dicht an die Vorahnung heranrückt, und zu so etwas wie Bewusstsein verschmilzt. So wie jetzt.

Jetzt sitze in im Rasthaus Fulda-Nord, auf einer Bank in der Ecke, vor mir einen Teller Salat und mein Handy, auf dem die Information, auf die ich seit einer Stunde warte, nämlich: wann ich hier abgeholt werde, mitgenommen nach Italien, nicht aufpoppt und mich in Ungewissheit darüber lässt, wann es mich aus diesem Moment herausreißen wird, wie viel Zeit mir überhaupt noch zum Schreiben bleibt. Neben mir das Fenster, aus dem ich zwischen zwei Bissen zuweilen sehnsüchtige Blicke werfe, als beschleunigte das die Ankunft des Busses. Hinten, vom Tresen her, an dem ein paar Trucker ihr Feierabendbier trinken (Bier ist es jedenfalls, ich hoffe, es ist auch ihr Feierabend), säuselt das Dudelradio seine Playlist herunter, deren einfältige Harmonik einiges zur Elegie der Situation beiträgt.

Außer mir sitzt niemand in der Gaststube, obwohl es Freitagabend ist, also beste Reisezeit, und halb neun Uhr abends, also beste Essenszeit. Beste Reise-Essenszeit, eigentlich. Ich frage mich, wovon die Betreiber dieses Rasthauses leben. Es wirkt, als habe man dem knorrig-verrucht-verrauchten Charme vergangener Tage bewusst abschwören wollen, habe es aber ein wenig zu bewusst getan. Genauso implantiert wie die riesige Obstschale vor dem Zapfhahn wirken die Vegetarierseiten voll „leichter Kost“ in der Speisekarte, inmitten der ganzen „gutbürgerlichen Küche“. Immerhin die voll ausstaffierte Bedienung unternimmt keinerlei Anstrengungen, sich irgendwie zu verstellen und nimmt meine Hipster-Bestellung (gemischter Salat – Tomatensuppe – Bionade) stoisch entgeistert entgegen, nicht anders wahrscheinlich als sie die Bestellung eines soeben vom Pluto eingeflogenen Aliens entgegennehmen würde; heimlich, aber nur heimlich wünschend, er kehre zurück, woher er gekommen ist und überlasse das Lokal wieder denen, für die es gemacht ist.

Erneut blicke ich aus dem Fenster. Draußen setzt sich die Einsamkeit perspektivisch fort. Im Hintergrund, wo meinem offenbar verwirrten Orientierungssinn zufolge eigentlich die Stadt Fulda liegen müsste, erhebt sich ein bewaldeter Hügel, davor wehen ein paar löchrige Pappeln hin und her. Davor Straße, davor Feld, davor Straße. Auf dem Parkplatz unter meinem Fenster parkt seit einer halben Stunde ein weißes Auto mit der Aufschrift „Eiliger Medikamententransport – Kurzparker“. Draußen geht ein Mann in hellbrauner Weste auf und ab, jetzt rauchend, beim nächsten Blick aus dem Fenster verträumt an der Heckklappe lehnend.

Auf dem Beifahrersitz des Autos sitzt eine ältere Dame im beigen Mantel und schaut. Wann immer ich aus dem Fenster gucke, sitzt sie da und starrt ins Leere. Die fragenden, faszinierten Blicke, die ich ihr zwischen Vorhang und Zimmerpälmchen aus meinem Fenster zuwerfe, spiegelt sie ungerührt aus ihrem Fenster hinaus, in die Ferne ihrer unbeweglichen Pupillen. Ganz reglos sitzt sie da – ich sehe sie oft an, da sehe ich, wie reglos sie sitzt – in ihrem „eiligen Medikamententransport – Kurzparker“. Ganz sicher wartet sie nicht, dazu sitzt sie zu still. Sie ist einfach.

Was sie wohl heute noch tut, frage ich mich, ob sie wohl Fußball schaut, ob der Mann da draußen ihr Ehemann ist, ob sie Freunde hat, Kinder vielleicht, aber das hastige Wissenwollen all dieser neugierigen Fragen zerbricht, kaum sind sie gedacht, an der Weisheit ihres ausdruckslosen Gesichts, das aus dem Autofenster ins Nichts blickt.

Ich beobachte sie lange, diese Frau, nur unterbrochen von den gelegentlichen Bissen, zu denen ich mich hier im Restaurant verpflichtet fühle, und habe das Gefühl, ihr immer ähnlicher zu werden. Die Zeit erstarrt. Starre ich nicht aus meinem Fenster ganz genau so, wie sie aus ihrem in die Leere? Besteht da nicht eine Gemeinsamkeit zwischen uns, ein inneres Band, das die Glasscheiben nicht zu brechen vermögen? Immerhin, wir beide starren, beide regungslos, beide t

Fulda, 17. Juni 2016

Aus meinem Reisetagebuch (XV)

Eine Bildungsreise

Tag Sieben

Zwei Anmerkungen zum Yasuní, die ich noch nicht aufgeschrieben habe:

Erstens. Im Urwald ist es erstaunlich hell, heller auf jeden Fall als ich zuvor dachte. Da man allerdings die Sonne nicht direkt sieht (über sich sieht man ja allermeistens nur Blätter), herrscht ein ganz allgemeines, schattenloses Licht, von dem jeder Innenarchitekt träumen würde, das aber auf Dauer sicherlich recht orientierungslos machen kann. Es ist dabei aber nicht unangenehm, wie mir überhaupt der Wald nicht bedrohlich vorkam (was auch an der hypertouristischen Situation gelegen haben könnte, in der ich mich befand) – hauptsächlich war er grün. Ich hatte darüber zuvor nicht nachgedacht, aber irgendwann am zweiten Tag, als wir im Motorboot zwischen den Baumreihen hindurchfuhren, wunderte ich mich, dass bei all der Nischensuche zumindest die Flora im Grunde einfarbig geblieben ist, abgesehen von einigen Blüten, die man dann auch gleich durch die Bäume hindurch wahrnimmt. Ich versäumte es leider, nachzufragen, ob es dafür eine leicht verständliche Erklärung gibt, vielleicht kann man es im Internet herausfinden.

Zweitens. Ein Grund, warum ich mich im Wald so merkwürdig zu Hause fühlte, war vielleicht, dass alle Gedanken, man dürfe dieses „unberührte“ Ökosystem „möglichst nicht stören“, um es so zu erhalten, wie es ist und immer war, sich sofort beim Eintreten als geradezu lächerlich herausstellen. Der Wald schafft ja aus der Permanenz von Störungen seine Ordnung; nicht die Erhaltung eines Zustandes, sondern das permanente Verarbeiten und Ausbalancieren systeminterner Störungen ist ja die Lebensweise des Ganzen. Das heißt: Die Ordnung, die wir mit dem Terminus „Ökosystem“ so bewundern, wäre eigentlich eine Art „Meta-Ordnung“, die in nichts anderem besteht als in der Koexistenz momentaner Ordnungen mit lokalen Störungen, die sich jeweils und in stetiger Interaktion reproduzieren.

Man könnte vielleicht den Begriff des Chaos verwenden, der ja im mathematischen Sinn auch nicht einfach Regellosigkeit meint, sondern vielmehr Strukturen von einer Komplexität, die theoretisch beschreibbar ist, aber die menschliche Verstehensfähigkeit letztlich übersteigt. Und so könnte man sagen: Wo das Chaos im Regenwald überhaupt erst die diesem eigene Ordnung schafft, da würde nur die künstliche Einführung von „Ordnung“ – wirkliches Chaos verursachen.

Aus meinem Reisetagebuch (XIV)

Eine Bildungsreise

Tag Sechs

Den ganzen Tag habe ich im Bus verbracht; jetzt sitze ich bei Lehrer Bolívar in Santo Domingo, denn als ich um viertel nach acht hier ankam, gab es keine Busse in Richtung Los Bancos mehr. Gestern und auch heute muss es ein großes Chaos gegeben haben auf den Strecken von Quito nach Santo Domingo; es hat offenbar stark geregnet in den letzten Tagen, und es gab diverse Erdrutsche, sodass die Straße Calacalí-La Independencia ganz gesperrt war und die Straße Aloag-Santo Domingo zeitweise auch. Davon wiederum merkte ich nichts, aber auch so ist es doch sehr weit vom Oriente bis hierher, das steht fest.

Aus meinem Reisetagebuch (XIII)

Eine Bildungsreise

Tag Fünf

Ich bin wieder in Coca; und obwohl ich ja vorgestern erst hier losgefahren bin, hat sich meiner jenes melancholische Gefühl bemächtigt, wie ich es von langen, ausgedehnten Bergtouren kenne, die doch unweigerlich wieder im Tal, zwischen hupenden Autos und lärmenden Fernsehern enden müssen, oder von Flugreisen, wenn das unbeschränkte Gefühl der Leichtigkeit über der Welt der Erkenntnis weicht, dass am Ende doch ein Flughafen steht mit all seiner Irdischkeit und Hässlichkeit.

Jetzt möchte ich noch den Sonnenuntergang sehen, ein wenig essen und schlafen. Morgen wird es sicher besser sein.

Auf der Tour gestern begleiteten uns ein Parkwächter (der offenbar so eine Art Parkwächter-Chef oder -Ausbilder war) mit seiner Freundin, die denselben Weg aufzeichnen wollten, den wir auch gingen, sodass sie sich bald vor uns, bald hinter uns befanden, stets um uns herum. Praktischerweise fuhren auch sie am Nachmittag nach Nuevo Rocafuerte zurück und nahmen mich mit, sodass ich mir die zwanzig bis vierzig Dollar, die Fernando mir als Preis für diese Fahrt angekündigt hatte, sparte. Auf der Fahrt unterhielten wir uns ein wenig, und sie boten mir an, mit ihnen im Schnellboot nach Coca zurückzufahren, wofür ich ebenfalls nichts bezahlen müsse. Dazu konnte ich selbstverständlich nicht nein sagen, und so kam es, dass ich heute Vormittag, ebenfalls zusammen mit ihnen, noch einmal in den Yasuní-Park fahren konnte.

Der Río Yasuní hatte auch beim zweiten Mal nichts von seiner Eindrücklichkeit und Magie eingebüßt, und jetzt sah ich auch, weshalb: Dadurch, dass er bei Weitem nicht so breit war wie der Río Napo (vierzig Meter vielleicht) wirkten die geradezu senkrecht aufragenden Baumwände an den Ufern links und rechts umso beeindruckender; es war, als führe man in eine Schlucht, in einen Canyon hinein.

Heute waren hier fischende Flussdelfine unterwegs, die wir gestern nicht gesehen hatten, und die in unregelmäßigen, stets ruhig abzuwartenden Abständen aus dem Wasser lugten, Luft schnappten und wieder untertauchten. Es war durchaus interessant, aber nicht sehr spannend, denn die Delfine schauten kaum zehn Zentimeter aus dem Wasser, und dies stets nur in blitzschnellen Auftauchern, sodass man einiges Glück haben musste, um sie überhaupt mitzubekommen, da dies nur möglich war, wenn man im richtigen Moment auch in die richtige Richtung schaute, die nie vollständig vorauszuberechnen war.

Doch es dauerte nicht lange, bis ich Gelegenheit hatte, die Anatomie dieser Tiere aus der Nähe zu studieren, denn einige hundert Meter flussaufwärts trieb ein toter Delfin im Wasser. Wir fuhren hin, um zu sehen, was geschehen war, und ich hatte Gelegenheit, aus allernächster Nähe die Haut, die Augen und die Zähne dieses beeindruckenden Tieres zu bestaunen. Es waren keine Spuren von Gewalteinwirkung zu erkennen, und so ließen wir den Kadaver, an dem sich schon die Fische und Vögel zu schaffen machten, flussabwärts treiben und fuhren weiter, zur Jatuncocha-Lagune zurück, um die Daten einer dort kampierenden Touristengruppe aufzunehmen.

Die Lagune – warum auch immer mir das gestern nicht aufgefallen war – ist vielleicht der schönste Ort, den ich in Ecuador gesehen habe. Jetzt, im Licht des Morgens, unter dem hellblauen Tropenhimmel, lag sie so ruhig da wie in einem Bilderbuch. Die Uferpflanzen, die mal am Rand des Wassers, mal einfach ganz im See wuchsen, spiegelten sich in der Wasseroberfläche, und es war, als entfaltete sich erst durch diese Verdopplung ihre volle Schönheit.

Man kann dieses Gefühl von Erhabenheit und Verlorenheit zugleich, von unendlicher Freude und Melancholie, zusammen mit tiefem inneren Frieden, das sich meiner bemächtigte, als ich über die still vor mir liegende Wasseroberfläche glitt, kaum in angemessene Worte fassen. Es hielt lange nach, bis jetzt.

Diesmal fuhren wir noch weiter hinauf als gestern, dorthin, wo sich der See zwischen Wasserpflanzen und kleinen Inselchen in ein verwirrendes Geflecht durchdringlicher und undurchdringlicher Wasserwege auflöste. Hier war es, wo ich mir endgültig schwor, das nächste Mal im (motorlosen) Kanu in den Regenwald zurückzukehren. Während mir zwischen den weit über das Wasser hinausgreifenden Urwaldriesen am Ufer, den Schilffeldern und ins Wasser gefallenen und zuweilen bizarr herausragenden Bäumen hindurchglitten, umflogen uns Schmetterlinge aller erdenklichen Farben, wilde Papageien, Vögel aller Farben, Formen und Größen, und ich hoffte inständig, nicht zurückkehren zu müssen zur Station und zum Ort, aber natürlich wendeten wir dann doch bald um und glitten über den See zum Río Yasuní zurück. Noch immer völlig verzaubert, nahm ich Abschied vom Nationalpark.

(Man muss der Vollständigkeit halber hinzufügen, dass dieser bezaubernde Ausflug von einem motorisierten und ohrenbetäubend neben uns herdröhnenden Einbaum vierer Einheimischer begleitet wurde, die zum Fischen ausgefahren waren – was tatsächlich erlaubt ist, wenn auch nur mit herkömmlichen Angelruten, wie mir der Parkwächter Gabriel erklärte. Jedes Traumbild braucht doch seine heilsamen Zerstörungen.)

Aus meinem Reisetagebuch (XII)

Eine Bildungsreise

Tag Vier, abends

Jetzt ist es Abend. Um fünf Uhr bin ich zurückgekehrt und habe den Abend in Nuevo Rocafuerte genossen. Zu diesen Orten, zu denen sich Touristen sonst nicht so oft verirren, muss man doch fahren, so abgedroschen sich es anhört. Hier, wo es noch nicht einmal Autos gibt (nur ein Wagen vom Gesundheitsministerium fuhr herum und versprühte aus rumpelnden, motorartigen Maschinen ein Insektizid, was Teil einer Aktion gegen Malaria sein soll, wie sie mir gestern erklärten), wo die Menschen nach getaner Arbeit an der Strandpromenade spazieren gehen und von Bänken auf den Fluss hinausschauen, wo die Kinder gemütlich auf Fahrrädern hin- und herfahren und Fußball spielen, und wo sich die Sonne gelbrötlich ins Baummeer versenkt, die gegenüberliegenden Ufer noch ein letztes Mal in ihr helles Licht tauchend, hier, wo man in der Großstadt schon für halb verrückt erklärt wird, wenn man überhaupt hinfährt, hier muss man sein.

Das Boot gen Yasuní legte um 8.30 ab, flussabwärts, in Richtung Peru. Nach drei Minuten kamen wir beim Militär vorbei, wo ein einsamer Soldat am Ufer unsere Daten aufnahm, und dann, nach fünf Minuten, bogen wir auf den Río Yasuní ein, den Grenzfluss. „Bienvenidos a la República del Ecuador“ stand auf einem Schild am gegenüberliegenden Ufer zu lesen, und nun kam es mir endgültig vor, als sei ich am Ende der Welt angelangt, auch wenn es ja nur eine beliebig durch den Urwald gezogene Linie ist.

Auf dem Yasuní, der mir im Vergleich zur inzwischen schon gewohnten Breite und Mächtigkeit des Río Napo geradezu winzig vorkam, obwohl auch er nicht gerade schmal ist, dauerte es noch zwei Minuten, und ich bemerkte, wie mein Gehirn nach und nach den ganzen Gedankenmüll, der sich bis eben noch dort angesammelt hatte, entfernte, um der uneingeschränkten Bewunderung der Natur Platz zu machen. Dass eine Landschaft „ein Gedicht“ sei, sagt sich ja leicht, aber was dies wirklich bedeutet, die Reinigung des Geistes bis hin zur vollen Hingabe an das Gegenüber, sei es Text, sei es Natur, dies wurde mir erst dort bewusst. Und wir waren ja noch nicht einmal im Nationalpark angekommen.

Diesen erreichten wir nach etwa fünfzehn Minuten Fahrt durch bereits herrlichste Landschaft, die mich nur eines wünschen ließ: Eines Tages noch einmal im Kanu zurückzukehren und die volle Schönheit dieser Welt aus dieser gluckernden und plätschernden Insel und nicht dem laut und rücksichtslos vorpreschenden Motorgefährt zu genießen. Am Beginn gab es zunächst ein Schild, das einen darauf hinwies, dass man ihn nun wirklich betreten würde, und dann eine Waldstation, an der wir unsere Daten auf ein Blatt Papier schreiben mussten und dann aus dem Boot ausstiegen, um zu Fuß weiterzugehen bis zur Jatuncocha-Lagune, wo die Argentinierinnen kampieren und ich immerhin zu Mittag essen würde. Wir zwängten uns in die vom Führer Fernando für uns mitgebrachten Gummistiefel – die mir eine ganze Reihe wunderbarer Blasen bescherten – und dann verschluckte uns der Wald.

In seiner Beschreibung der Kathedrale von Combray in der Suche nach der verlorenen Zeit schreibt Marcel Proust, dass ihm jener Ort immer als ein vierdimensionaler vorgekommen sei, in dem man nicht nur das Mittelschiff hinunter, seitlich ins Querschiff hinein, und zur Decke hinauf, sondern auch in die Zeit zurückschauen konnte, weil die Kirche, alt und verfallen wie sie war, auch ihre eigene Geschichte erzählte.

An diese Stelle – ich bin mir des erneuten pantheistischen Ausbruchs voll bewusst – musste ich viel denken, als wir durch den Dschungel streiften, weil mir auch dieser Wald um mich herum so vorkam: Man konnte nicht nur nach vorne schauen, wo der weitere Weg vor dichten Bäumen und Blättern mal unauffindlich schien, sich mal bis in weitere Ferne schon abzeichnete, zur Seite, wo das Holz schon auf Armlänge neben dem Weg so dicht war, dass ohne Machete gar kein Durchkommen gewesen wäre und man sich wohl nach zwei Minuten im dichten Grün verloren hätte, wäre man ohne Ortskundigen unterwegs gewesen, und nach oben, wo sich an manchen Stellen, wo ein Urwaldriese kürzlich umgestürzt war und eine Bresche geschlagen hatte, tatsächlich der Himmel, und sonst nur die senkrecht aufwärtsstrebenden Stämme und Lianen mit ihrem manchmal undurchdringlich erscheinenden Blätterdach sehen ließ; nicht nur diese drei Blickrichtungen standen mir offen, auch die Zeitlichkeit ließ sich an jeder Stelle beobachten, auch wenn die Zeitlichkeit eines Waldes ja eine ganz andere ist als die einer Kirche.

Mich faszinierte die grandiose Unterschiedlichkeit der Zeitskalen, die in diesem Ökosystem interagieren und für sein Funktionieren sorgen: Auf dem 200, 300 Jahre alten Ceibo- Riesenbaum mit 60 oder 80 Metern krabbeln Ameisen in langen Blattträgerstraßen herum, deren kognitiver Apparat vielleicht noch gerade für diese räumliche, aber sicher nicht für die zeitliche Dimension geschaffen ist, und doch – hat es sicher schon immer diese Ameisen auf diesem Baum gegeben, sodass er ihnen vielleicht gar nicht wie ein Lebewesen oder eine Pflanze vorkommt, sondern eher wie so etwas wie ein Planet, der einfach grundsätzlich da ist. (Wäre es nicht, dachte ich, im Falle, dass der Baum umfällt, für diese Ameisen so, wie wenn wir durch eine ungeahnte Kraft plötzlich von der Sonne getrennt frei im Weltraum herumschweben würden? Nur weil unser Wahrnehmungsapparat nicht dazu geschaffen ist, die anderen, auf einer uns völlig unzugänglichen Zeitskala ablaufenden Prozesse zu erfassen?)

Und es ist ja ohnehin ein Ökosystem, das sich nur aufgrund der Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen überhaupt erhalten kann, dem Nebeneinander von Leben und Tod, von Verwesung und Wachstum, von Räuber und Beute, von Parasit und Wirt, von Materie und ihrer Verarbeitung, von Alter und Jugend.

Dass hier „die Zeit stehen geblieben“ sei, ist ja einfach zu sagen, aber es stimmt überhaupt nicht. In Städten kann die Zeit vielleicht „stehen bleiben“, wo man massenweise totes Material zu Gebäuden und Straßen anhäuft; hier lässt sich die Zeit so gut beobachten wie sonst wohl nirgends auf der Welt.